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Plakatmotiv: Metropolis (1927)
Ein frühes Beispiel für einen
gelungenen naiven Eskapismus
Titel Metropolis
Drehbuch Thea von Harbou
nach ihrem gleichnamigen Roman
Regie Fritz Lang, Deutschland 1927
Darsteller Brigitte Helm, Heinrich George, Alfred Abel, Gustav Fröhlich, Rudolf Klein-Rogge, Fritz Rasp, Theodor Loos, Erwin Biswanger, Fritz Alberti, Grete Berger, Olly Boeheim, Max Dietze, Ellen Frey, Beatrice Garga, Heinrich Gotho, Dolly Grey, Anny Hintze u.a.
Genre Science Fiction, Drama
Filmlänge 153 Minuten
Deutschlandstart
10. Januar 1927
Inhalt

Joh Fredersen, ein Großindustrieller, herrschtüber die stadt Metropolis. Dort leben, gespalten in einer Zweiklassengesellschaft, die feinen Herren hoch oben in Hochhäusern; ihre Söhne ertüchtigen sich in einem gigantischen Stadion und vergnügen sich, umschwärmt von reizvollen Gesellschafterinnen, in den „Ewigen Gärten“. Die Arbeiter hingegen hausen tief unter der Erde. Zu ihnen gehört Maria, die Hoffnungsträgerin der Arbeiter, die ihnen die Ankunft eines Mittlers verspricht, der den Arbeitern Freiheit und Sonne bringen werde.

Als Maria mit Kindern aus der Arbeiterstadt unverhofft in die paradiesische Welt der Reichen und Schönen kommt, verliebt sich Freder in die sanftmütige Schöne. Freder ist der einzige Sohn Johs, des Herrschers. Freder möchte Marias Welt kennenlernen und erlebt die unterirdische Maschinerie als Höllenpfuhl, als einen „Moloch“. Bestürzt wirkt Freder auf seinen Vater ein, vergeblich. Joh lässt seinen Sohn fortan von einem skrupellosen Handlanger, dem Schmalen, beschatten.

Angesichts einer sich anbahnenden Arbeiterrevolte konsultiert Herrscher Fredersen den Erfinder Rotwang, seinen einstigen Rivalen. Dieser zeigt ihm seine geheime Schöpfung: einen Roboter, der ihm Hel, die Mutter Freders, wiedergeben soll. Vor vielen Jahren hatten Rotwang und der mächtige Joh um die Gunst der schönen Hel konkurriert. Joh gewann, Hel gebar ihm Freder und starb dabei. Rotwang hat Joh das nie verzeihen können.

Joh schmiedet nun einen Plan: Die Maschinenfrau soll an die Stelle Marias treten, um die Arbeiter zu manipulieren. Zum Schein willigt Rotwang ein, um sich zu rächen: Die falsche Maria soll die Stadt und Fredersens Sohn vernichten.

Rotwang entführt Maria und überträgt ihre Gestalt auf den Maschinenmenschen, eine rücksichtslose Agitatorin und laszive Verführerin zugleich. Die falsche Maria erschüttert Freders Liebe und setzt die zerstörerische Arbeiterrevolte in Gang …

Was zu sagen wäre

Wir wollen sehen, wie die Welt zugrunde geht!“, ruft die Maschinenfrau der tanzenden Schar im mondänen Nachtclub zu, während die Arbeiter um ihr nacktes Überleben kämpfen. Es ist der tanz auf dem Vulkan, der jeden Moment exoplodiert, was die Reichen und Schönen aber nicht weiter interessiert, solange ihr Champagnerkelch voll und die Frauen fröhlich sind. Das Elend der Arbeiter weit unter ihren füßen? darüm müssen sich andere kümmern.

Fritz Langs Parabel auf die Wohlstandsgesellschaft der satten 20er Jahre im heimischen Berlin, dem damaligen Nabel der Welt, ist ein schonungsloser Blick auf die Mechanismen des Wohlstands, der auf dem krummen Rücken Geknechteter gezüchtet wird. Lang schwelgt in hemmungslosem Eskapismus, seinem schonungslosen blick kann man ohne weiteres Naivität unterstellen. Aber es ist das Recht des Künstlers, ja seine Pflicht zu übertreiben, Zustände auf die Spitze zu treiben – zwei Jahre nach Produktion dieses Films, 1929, brach die Weltwirtschaft husammen, die große Depression brach aus und verheerte die Welt. Die Nationalsozialisten bekamen Oberwasser, die Folgen sind bekannt. Lang konnte diese Entwicklung nicht kennen, aber er hat sie vorausgesehen. Mit Maria, dem kalten Maschinenengel.

Wo sich die Reichen jund Schönen um nichts schren, sich der Wollust hingeben, träumen die Arbeiter in ihrer Welt unter der Erdoberfläche, in der sie mit schweißtreibender Arbeit in Zehn-Stunden-Schichten gigantische Maschinen am Laufen halten müssen, von Freiheit und Sonnenlicht. Da sind sie leicht verführbar. Sie folgen jedem, der ihnen die Erfüllung ihrer Wünsche verspricht. Sie folgen erst Maria, die die Ankunft des Mittlers predigt. Und dann folgen sie von einem Moment zum anderen der Maschinen-Maria, die Hass und Missgunst predigt. Die Verführbarkeit der Massen war schon 1927 ein Leichtes. Und das Böse kommt in Gestalt einer verführerischen Frau.

Lang bedient sich großzügig aus dem Fundus der Kirche, um seinem Dämon Fleisch zu geben. Die wahre Maria predigt den Arbeitern vom Scheitern des Turmbaus zu Babel als Gleichnis für ihre Situation: Die Arbeiter hätten die Bedeutung des Projekts nicht verstanden, die Bauherren andererseits die Bedürfnisse der Arbeiter nicht erkannt, weil zwischen ihnen ein „Mittler“ gefehlt habe. Die baldige Ankunft eines solchen Mittlers, der Hirn (die Führungsschicht) und Hände (die Arbeiterschaft) verbinde, stellt sie in Aussicht. Marias „Mittler“ ist natürlich Jesus, der zwischen Mensch und Gott vermitteln wird (und sitzet zur Rechten des Vaters). Die Maschinen-Maria kommt im mondänen Nachtclub als große Hure Babylon daher, die die Männer im Club bis zum Wahnsinn betört: „Alle sieben Todsünden“ wäre dies Weib jedem von ihnen wert und so gehen sie sich gegenseitig an die Gurgel und zücken Messer. Auf die Erbsünde der Frau Eva möchte auch Lang für sein Drama nicht verzichten.

Die Männer sind eher Getriebene. Joh will die Stadt am laufen halten, zerstört Karrieren, als wäre er Gott (sic!), Freder treibt die Liebe zur Frau voran. 20 Jahre hat er seinen Luxus genossen. Und als er zum ersten mal nicht gleich bekommt, was er will, stellt er seine gewohnte Welt auf den Kopf. Die Arbeiter, alles Männer während die Frauen wahrscheinlich den jeweils kargen Haushalt aufrecht erhalten, machen ihren Job in ständiger Furcht vor dem grobschlächtigen Grot, dem Wächter der Herz-Maschine (ein großer Auftritt für Heinrich George, Vater des Schauspielers Götz „Schimanski“ George) und davor, dass die Maschine heiß laufen und sie töten könnte. Stoppt die Maschine, geht die Unterwelt der Arbeiter in den Fluten des Grundwassers unter. Es ist ein perfides System, das Joh Fredersen da ersonnen hat, ohne die Konsequenzen zu bedenken.

Die lernt er am Ende auf dramatische Weise, wenn gleichzeitig die Unterwelt einbricht, die Arbeiter zu Klängen der französischen Marseillaise revoltieren, während ihre Kinder zu ertrinken drohen – denn längst, und das kann man nach knapp drei Stunden Länge dem Film als dramaturgische Schwäche vorwerfen, ist klar, wie das Drama ausgeht.

<Nachtrag 1999>Schaue ich nur mal so drüber, über das Inhaltsskelett mit Oben (Reiche) und Unten (Arbeiter) und Blonde Eva, die Maria heißt, ist die Geschichte von großer Naivität umwölkt. Geschrieben hat sie Langs Frau Thea von Harbou als Roman. Den Roman kennt heute keiner mehr. Langs Verfilmung ist in den Jahrzehnten nach seiner Entstehung zum Meisterwerk mutiert. Dabei mochte das Feuilleton den Film damals gar nicht.

Die schärfste Kritik hatte H. G. Wells im Köcher, der britische Science-Fiction-Autor. In der „New York Times“ schrieb er: „Ich habe neulich den törichsten Film gesehen. (...…) Er verabreicht in ungewöhnlicher Konzentration nahezu jede überhaupt mögliche Dummheit, Klischee, Plattheit und Kuddelmuddel über technischen Fortschritt überhaupt, serviert mit einer Sauce von Sentimentalität, die in ihrer Art einzigartig ist.

Der Film war 1927 die bis dahin teuerste Ufa-Produktion. Solche Bilder waren im Kino nie zu sehen gewesen: eine Stadt mit in den Himmel ragenden Riesentürmen. Ein Roboterwesen, das sich in eine Frau verwandelt. Hunderte Menschen, die von Wassermassen überflutet werden, alles daran war überdimensioniert: der Dreh, Langs Bilder - wie auch das Trümmerwerk, das er Generationen von Filmhistorikern und Restauratoren hinterließ (s.u.). Das Design des Ausstatters Erich Kettelhut ist nicht einfach irgendwie futuristisch. Kettelhut verbindet Art-Deco-Elemente mit Monumentalarchitektur und phantastischen Spinnereien.

Heute gilt „Metropolis“ als verblüffende Science Fiction und früher Prototyp eines Blockbusters. Es ist einer der meistzitierten Filme in der Geschichte des Kinos. Spuren dieser Kulissen und Kostüme tauchen immer wieder auf der Leinwand auf - von Blade Runner bis Das fünfte Element. 2001 wurde die damals vollständigste restaurierte Fassung ins Unesco-Weltdokumentenerbe aufgenommen.

Ursprünglich wollte die finanziell angeschlagenen Ufa mit „Metropolis“ den US-Markt erobern. Doch die immensen Kosten brachen der Filmgesellschaft fast das Genick: Das Team um Filmarchitekt Erich Kettelhut erstellte ein Miniaturmodell der Zukunftsstadt, für die vielen Massenszenen baute man trotzdem aufwändige Kulissen. Kameramann Eugen Schüfftan perfektionierte eine Spezialeffekttechnik, das Schüfftan-Verfahren.

Fast anderthalb Jahre dauerte der Dreh und verschlang die damals ungeheure Summe von vier bis sechs Millionen Reichsmark - die Hälfte des Ufa-Produktionsbudgets für die Saison 1925/1926, so viel wie die übrigen 22 Filme zusammen kosteten.</Nachtrag 1999>

Wertung: 6 von 6 D-Mark
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