Biografische Kurzgeschichten über einen Mann, der die Bundesrepublik, ihre Gesellschaft, die Sprache und dadurch die Denkweise, verändert hat – durch seine Musik, vor allem aber durch sein gnadenlos unprätentiöses Menschsein.
Aus großer Nähe erzählt Benjamin von Stuckrad-Barre von einem, der zum Ereignis wurde und zur bundesdeutschen Institution. Es geht natürlich auch um Aufstieg, Absturz, Wiederauferstehung – schließlich ist Lindenbergs Leben eine sagenhafte Heldenreise. „Udo mag, wie jeder denkende Mensch, ein Problem haben mit dem Alter. Allerdings muss man auch feststellen: Das Alter hat ein Problem mit Udo. Irgendwie kriegt es ihn nicht zu fassen. Ob der Gutschein für die Reise zum Mond noch gilt? Udo wäre dann jetzt so weit.“ (Aus dem Kapitel "Geburtstag") …
(aus dem Klappentext)
In der Raucherlounge des Hotel Atlantic, Hamburg: „Auftritt Udo – er bleibt kurz stehen, alle schauen auf, er ist schließlich der Pate dieses Raumes, Udo verschafft sich einen groben Überblick, grüßt zugleich huldvoll und dödelig in den Raum, der genau jetzt abhebt, ab sofort fliegt die Raucherlounge, mit Udo kommen Leichtigkeit und Leichtsinn zur Tür herein. Praktisch jeder Rauchende spricht irgendwann im Rauchverlauf Udo an, vielleicht ein Foto, ein Autogramm, war beim Konzert und bin schon seit meiner Kindheit und meine Frau ist und unsere Kinder singen immer und glaubt mir doch kein Mensch und so weiter. »Joah, joah, klar, easy, ne?«, sagt Udo. Und vor 18 Uhr sagt er auch immer, dass es ja noch früh am Morgen sei. Stimmung jetzt herrlich.“
Am 17. Mai 2026 wird Udo Lindenberg 80 Jahre alt. Grund genug, diese Würdigung seines Verehrers Benjamin von Stuckrad-Barre zu lesen, dessen Buch Panikherz, in dem sich Stuckrad-Barre unter anderem mit seiner wachsenden Freundschaft zu Lindenberg beschäftigt, ich vor zehn Jahren, 2016, ebenfalls bei einem Urlaub auf der Kanareninsel La Gomera gelesen habe. Da schließt sich ein Kreis.
"Udo Fröhliche" ist im weiteste Sinne eine Biografie des Sängers Udo Lindenberg. Keine, die Lindenberg selber schreiben würde, kennt ihn doch eh jeder „ne?“: „Wo immer Udo ist, herrscht der in Bernsteinlicht getauchte Raucherloungeegalitarismus. Ausschalten kann man diesen Betriebsmodus nicht, aber mitmachen darf jeder.“ Es schreibt also der Formulierungskünstler und Sprechschreiber Stuckrad-Barre, Bewunderer, Freund, Dankbarer, dessen Stil bisweilen ins Stakkato des Hip-Hop kippt, wenn er sachliche Information in amtliche Udo-Schluffigkeit transferieren will: „erste Telefonate, die ersten Zigarren werden in leergegessene Eierschalen abgeascht oder auch einfach auf den Teppich, denn »letzte Woche oder so war da ja noch ’n Aschenbecher, ne?«“. Es ist die Hagiographie eines deutschen Künstlers, der die Gesellschaft der Bundesrepublik wahrscheinlich stärker beeinflusst hat, als der ein oder die andere Bundeskanzler*in und dessen Auftritte nicht mehr kritisch zu bewerten sind: „In diesem Stil vor einem Stadionpublikum von 60.000 Menschen zu sprechen ist groß – fertig, aus.“
Stuckrad-Barres Buch ist nicht ganz neu. Er hat das schon mal vor zehn Jahren, zu Lindenbergs 70. Geburtstag rausgebracht, damals noch als reich bebildertes Magazin für die Axel Springer Verlagsgruppe. Jetzt, zehn Jahre später, hat er die Stichpunkte, unter denen er das Phänomen "Udo" erfasst, neu sortiert und aktualisiert. Die spezielle Dramaturgie durch Stichwortkapitel bringt es mit sich, dass wir keinen langweiligen Lindenberg wurde 1946 im westfälischen Gronau geboren und eroberte später die Welt-Text bekommen, sondern eine lebendige Beschreibung immer nah am beschriebenen Subjekt, bei dessen Kleidungswahl „das Wetter eine untergeordnete Rolle [spielt], aktuelle Modeströmungen sowieso, er entscheidet rein nach Laune“ – sowas erfahren wir unter "S", wie "Style". Unter "N" finden wir auch ein Kapitel, das mit „ne?“ überschrieben ist: „An praktisch jedes Satzende hängt Udo ein dem schweizerischen »odr?« verwandtes »ne?«. Das ist höflich und zeugt von großem Weltverständnis. Dieses angehängte »ne?« Udos ist die Kürzestform für:“ … und dann folgen elf Gesprächseröffnungen oder Einladungen, Lindenbergs Weltsicht einzuordnen, zu teilen, zu kritisieren oder auch zu erweitern.
In diesem Udo-Universum gibt es nichts Falsches. Alles im Leben des Udo Lindenberg folgt einem Ziel. Schwerste Alkoholabstürze, schlechte Alben spricht Stuckrad-Barre umschweiflos an, erhebt aber nie den moralischen Zeigefinger. Maximal achselzuckend nimmt er zur Kenntnis, dass da einer ist, der gegen die Norm erfolgreich und, heute, gesund lebt: „Fürs Erste wollte er ein immer betrunkener Rockstar werden, der im Hotel lebt und dem die Mädchen hinterherlaufen. Abgehakt. Was noch? Och, immer so weiter. Schubidu, eigene Sprache, weltweite Action, kilometerweit erkennbarer Gang und ikonische Gestalt. Irgendwann hatte er die Figur »Udo Lindenberg« so ausdifferenziert, dass er eine der am leichtesten zu parodierenden deutschen Berühmtheiten geworden war, wirklich jeder konnte Udo nachmachen.“ Und abschließend stellt er dann zu Lindenbergs frühem Erfolg fest: „Er sprach und textete, wie Miles Davis Trompete spielte.“
Lindenberg ist seit den 60er Jahren im Geschäft, rund 60 Jahre also. Es versteht sich von selbst, dass da so allerlei an Anekdotischem zusammenkommt. Aber da kommt man im eigenen Alltag natürlich nicht drauf, wann auch, man denkt ja nicht den lieben langen Tag an Udo Lindenberg. Dabei tut es mal ganz gut, die eigene Denke hin und wieder mit diesem hamburgisch eingenordeten Sohn eines westfälischen Klempners, der schon in seiner Gronauer Kindheit die gesellschaftlich verordnete Ableistung von Freizeit am Sonntag ablehnte und später mit seiner Trommelei für Klaus Doldingers Tatort-Hymne dafür sorgte, dass der Sonntag wenigstens mit ein bisschen Action zu Ende geht, abzugleichen. Unter "E", wie „Entenhausen“ summiert Stuckrad-Barre über mehrere Seiten all die Namen, die Lindenbergs Songs bevölkern – „Bodo Ballermann“, „Carl Brutal“, „Rudi Ratlos“, „Elli Pirelli“, „Lola aus St. Paul, die sich immer auszieht“ – und wir haben sofort die Melodien zu den Songs im Ohr und summen mit – miterlebte Geschichte, beurkundet von einem, der augenscheinlich häufig dabei ist: „Bezahlt Udo aber etwas bar, hat das immer die schlampige Generosität alter Cowboyfilme, in denen zum Begleichen egalwelchen Betrags ein Sack Münzen auf den Tresen geworfen wird; in Udos Falle also, weil ja sein Portemonnaie kein Münzfach hat und weil er gern aufrundet, paar Scheinchen, ne?, und: stimmt so.“
Das Buch unterschlägt bei aller Freude an dessen Schluffigkeit nicht Lindenbergs Realitätssinn. Mag der Sänger auch an die Rezeption seines Hotels gehen, „Haste mal ’n Tausi?“, und einen von den 20 ausgezahlten 50-Euro-Scheinen als „Aufwandsentschädigung“ beim Mann an der Rezeption belassen, mag er immer noch von „Maaaaaak“ reden, wo doch längst alles in Euro bezahlt wird, so sieht man ihn in diesem Buch früh morgens nach dem Aufstehen „gegen 15 Uhr“ umringt von Tageszeitungen, niemand sei so gut über das Tagesgeschehen informiert, wie Lindenberg, schreibt Stuckrad-Barre und erwähnt, dass Lindenberg im Fernsehen nichts anderes laufen lässt, als Nachrichtensender. „Udo ist ein guter Geschäftsmann, hinter Sonnenbrille und Schubidu schaut er genauer hin, als man denken mag. Seit seinem Comeback kommt zweifellos wieder gut was rein bei Udo, und er haut das Geld auch weiterhin mit Freuden raus, eine der mannigfaltigen Parallelen zu Karl Lagerfeld, dem wir diesen Anlagetipp verdanken: »Man muss das Geld zum Fenster rauswerfen, damit es zur Tür wieder reinkommt.«“
Dass der Künstler nebenbei die deutsche Musikszene nicht nur durch das Verwenden der deutschen Sprache, sondern durch das Verwenden der speziellen Udo-Sprache verändert hat, machen Passagen mit den jüngeren Popgrößen wie Max Herre oder Jan Delay deutlich, die sich durch Lindenberg beeinflusst erklären und diesem Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre nach einem weiteren körperlichen, aber vor allem künstlerischen Absturz wieder auf die Beine halfen: „Und jetzt brachten ihm seine Schüler wieder bei, was er selbst unterdessen vergessen hatte. Udos Beziehung zur deutschen Sprache ist ein aberwitziger Bildungsroman.“
Geschrieben hat dieses wunderbar anekdotenreiche Buch einer, der selber allzu gern im Mittelpunkt steht, es hier aber versteht, sich wie die sprichwörtliche Fliege an der Wand zurückzunehmen. Statt pompöser Ich-Formulierungen wie Udo bestätigt mir oder Im Gespräch lässt Udo anklingen, beobachtet er, hört zu und schaut, wie andere sich zu Lindenberg verhalten. So bleibt eine angenehme Restdistanz zu diesem hier offen und schamlos verehrten Großkünstler, der sich selber nie so nennen würde, auch wenn er gerne erkannt wird, und sei es in fernen Ländern nur an seiner erarbeiteten Star-Aura – „Wozu denn dann der ganze Aufwand?“ – und für Selfies auch zweimal posiert, wenn das erste in seinen Augen nichts geworden ist: „Das andere kannste ja löschen, ne?“
Am Ende wissen wir alles und nichts über Lindenberg. Das Klischee und die Karikatur kommen in diesen Alltagsbeobachtungen, die selten wirken, als seien sie wirklich ein Alltag, vor und manchmal schimmert auch der möglicherweise reale Mensch Udo Lindenberg durch, über den Stuckrad-Barre bilanziert, dass bei ihm alles eins geworden sei – Mensch, Klischee und Karikatur: „Alles andere ist Einer-von-euch-Kitsch und gepostetes Mittagessen.“
Ich habe "Udo Fröhliche" zwischen dem 12. und 13. Mai 2026 gelesen. #Urlaubslektüre2026 #LaGomera
Der Autor:
Benjamin von Stuckrad-Barre, 1975 in Bremen geboren, ist Autor von "Soloalbum", 1998, "Livealbum", 1999, "Remix", 1999, "Blackbox", 2000, "Transkript", 2001, "Deutsches Theater", 2001, "Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft – Remix 2", 2004, "was.wir.wissen", 2005, "Auch Deutsche unter den Opfern", 2010, Panikherz, 2016, "Nüchtern am Weltnichtrauchertag", 2016, "Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen – Remix 3", 2018, "Alle sind so ernst geworden" (mit Martin Suter), 2020, und Noch wach? (2023).
