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Plakatmotiv: Herr der Gezeiten (1991)

Die doppelte streisand und
das ganz große Emo-Besteck

Titel Herr der Gezeiten
(The Prince of Tides)
Drehbuch Pat Conroy + Becky Johnston
nach dem Roman „Herren der Insel“ („The Prince of Tides“) von Pat Conroy
Regie Barbra Streisand, USA 1991
Darsteller Nick Nolte, Barbra Streisand, Blythe Danner, Kate Nelligan, Jeroen Krabbé, Melinda Dillon, George Carlin, Jason Gould, Brad Sullivan, Maggie Collier, Lindsay Wray, Brandlyn Whitaker, Justen Woods, Bobby Fain, Trey Yearwood u.a.
Genre Drama, Romanze
Filmlänge 132 Minuten
Deutschlandstart
27. Februar 1992
Inhalt

Trotz schwelenden Familienstreits eilt der arbeitslose Lehrer Tom Wingo von den Südstaaten in das ihm verhaßte New York, um seiner Schwester Savannah nach ihrem neuen Selbstmordversuch zur Seite zu stehen.

In langen Sitzungen erzählt Tom Savannahs Psychiaterin Dr. Lowenstein die Geschichte seiner Familie, vom Tod seines Bruders und dem dunklen Geheimnis der Wingos. Dabei deckt der seelisch selbst aus dem Gleichgewicht geratene Tom nicht nur die Leiden seiner Schwester auf, sondern offenbart auch seine Wunden.

Zwischen ihm und Dr. Lowenstein, die unter der Herrschsucht ihres Mannes leidet, entwickelt sich eine zärtliche Liebe. Mit neuem Mut stellt sich Tom dem Leben und kehrt zu seiner Familie zurück …

Was zu sagen wäre

Barbra Streisand holt das ganz große Besteck der Emotionen raus. James Newton Howard packt für seinem Score die Violinen aus, jeder der Protagonisten hat ein Päckchen – manche auch einen Packen – zu tragen, das gelöst werden muss, New York erstrahlt in allen Farben des Indian Summer, die Weiten des Südens leuchten, Barbra Streisand trägt strenge Glatthaarfrisur, wen  sie als Ärztin auftritt und fröhliche Lockenpracht, wenn sie als Freizeitgirlie ihren charmanten Augenaufschlag zeigt – die doppelte Streisand für den Preis von einer („Nuts … Durchgedreht“ – 1987; „Yentl“ – 1983; Was, du willst nicht? – 1979; A Star Is Born – 1976; „Funny Lady“ – 1975; „Is' was, Doc?“ – 1972; „Die Eule und das Kätzchen“ – 1970; „Hello, Dolly!“ – 1969; „Funny Girl“ – 1968).

Und Nick Nolte erweist sich als großartiger Schauspieler (Kap der Angst – 1991; „Tödliche Fragen“ – 1990; „Zoff in Beverly Hills“ – 1986; „Unter Feuer“ – 1983; Nur 48 Stunden – 1982; „Die Bullen von Dallas“ – 1979; „Dreckige Hunde“ – 1978; „Die Tiefe“ – 1977). Das ist die Überraschung dieses Films. Der Hühne, den wir vor allem als sympathischen Haudrauf mit Flasche in der Hand kennen, kommt auch hier zunächst als derjenige, der keine Sekund still sitzen kann. Immer springt er auf, geht im Zimmer auf ubnd ab, gestikuliert und wehrt sich mit allem, was seine großen Hände hergeben, gegen ein ernsthaftes Gesräch mit der Psychaterin, geht vorher schon flachsend jedem Gespräch mit seiner Frau aus dem Weg und ist in Nullkommanichts an der Decke, wenn seine Mutter den Raum betritt. Noltes Spiel ändert sich im Laufe der über zwei Stunden total. Er wird weich, sanft, verspielt. Er spielt die Menschwerdung eines Mannes, dem Übles widerfahren ist.

Noltes Leistung ist auch Barbra Streisands Verdienst, die auch Regie führt – also auch die Schauspieler führt. Sie findet einen eleganten Rythmus für ihre Geschichte, die meist in den Räumen der Oberen Zehntausend New Yorks spielen. Das noble Ambiente steht dem Film, dessen Geschichte mit so vielen menschlichen Abgründen dealen muss. Streisand, die gerne die totale Kontrolle über ihre Außenwirkung, also auch über ihre Projekte auübt, hat sich akribisch vorbereitet; das sieht man dem Film in jeder Einstellung an, ohne dass diese Akribie unangenehm auffiele.

„Prince of Tides“ ist die erste Überraschung im noch frühen Kinojahr 1992.

Wertung: 8 von 10 D-Mark
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