Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab.
Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der „süßen Krankheit Gestern“ der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze – oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen?
Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der „roten Aristokratie“ im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk "Ostrom", wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird …
aus dem Klappentext
Eine Familiengeschichte in den letzten Jahren der DDR. Väter, Söhne, Onkel, Großväter, Schulfreunde, Nachbarn und die andauernde Bedrohung, vielleicht vom besten Freund bespitzelt zu werden. Ein Buch, das vielfach ausgezeichnet worden ist, unter anderem mit dem Deutschen Buchpreis (s.u.). Das versprach eine mindestens interessante Lektüre. Mit knapp 1.000 Seiten.
Als ich das Buch zuklappe, steht längst fest: Es ist eine große Enttäuschung! Freunde raten mir immer wieder, ein Buch aus der Hand zu legen, wenn es mir nicht gefalle, spätestens nach zweihundert Seiten. Beim "Turm" wuchs der Verdacht schon nach einhundert Seiten, dass das mit uns wohl nichts werden wird. Uwe Tellkamp erzählt keine Familiengeschichte. Er transportiert Gedanken, Geruchsbeschreibungen, seitenlange Metaphern, über Seiten zwei Gedankengänge, die sich Zeile für Zeile abwechseln, bei denen man also die Zeilen 1,3,5,7,9 usw. lesen muss, um einen zusammenhängenden Gedanken zu verstehen und dann die Zeilen 2,4,6,8 usw. für den anderen Gedanken; nur ist in beiden Fällen nicht ersichtlich, wer wann warum diese Gedanken hat.
Was Tellkamp nicht leistet: Eine Handlung liefern. Christians Vater Richard hat ein außereheliches Verhältnis und eine daraus resultierende Tochter. Viele hundert Seiten später wird seine Ehefrau Anna mal sagen, dass sie das ja schon zu dem und dem Zeitpunkt geahnt und ihr das nicht gefallen habe. Nochmal später erfahren wir, dass die beiden – kurz vor dem Fall der Mauer – nur noch nebeneinander her leben. Mit der Schulfreundin seines Sohnes war Richard auch im Bett. Punkt. Kein hinleitende Geschichte. Keine Reaktionsgeschichte. Nichts. Ist halt so. Warum ist das für den Roman wichtig? Es ist nicht wichtig, Christians Vater ist längst als feiger Depp entlarvt. Richard gerät in die Fänge der Stasi, soll als Spitzel arbeiten. Das wird im Freundeskreis ein paar Buchzeilen lang diskutiert und taucht dann als Handlungsfaden nicht mehr auf. Christians Schwager Meno, ein Verlagslektor – über ihn erhalten wir Einblick in das sonderbare Verlagswesen der DDR, welche Manuskripte mit welchen vorgeschobenen Begründungen abgelehnt werden und auch, wie Autoren jede Korrektur (anderes Wort für Zensur) des Lektors begeistert aufnehmen und in ihren Text einarbeiten.
Weil Meno Zugang zur Nomenklatur der DDR hat, also den Mächtigen und Halbmächtigen, erfahren wir auch ein bisschen was über deren Lebensstil, der gar nichts mit dem der nur Arrivierten – Ärzte, Anwälte, Verleger – und schon gar nichts mit dem der einfachen Leute zu tun hat. Hier bleiben einige starke Eindrücke aus dem Buch zurück, die ein unsägliches Leben auch ohne Stasi-Methoden beschreiben; die Armut, das absolut runtergerockte Ambiente, Kohleöfen mit schlecht brennender Kohle, Villen, in denen sich vier Parteien ein bad und eine Küche teilen, das ständige Dealen auf grauen Märkten, um mal einen Handwerker zu bekommen, Stromausfälle im Winter, die in Dresden Wasserrohre bersten lassen, der Zynismus der ängstlich Schweigenden, ein Militärdienst, der das nackte Grauen ist. In dieser DDR sagen die Mächtigen, das Freiheit nicht viel Wert habe. Was hätten Könige mit ihrer grenzenlosen Freiheit denn schon angefangen? Jagen wären sie gegangen. Und die kleinen Leute nehmen die Miniversion davon, sie gehen Angeln. Was hätte also die Menschheit, wenn die Konterrevolutionäre sich durchsetzten? Ein Volk von Anglern!
Diese bemerkenswerten Eindrücke „über ein verschwundenes Land“ werden bleiben. Aber sie sind nur ein Bruchteil dieses ziegelsteindicken Langweilers. Die hätten weidlich auf zweihundert Seiten Platz gefunden. Sie werden erschlagen von einer nicht endenden Formulierungswut. Uwe Tellkamp ergeht sich in einer Sprache, die schwer lesbar und zu entziffern ist. Die hauseigene Verlagsprosa schwärmt von epischer Sprache.
Plump ausgedrückt: Bis Tellkamp mal zu Potte kommt, sind vierhundert Seiten rum. Lange in umständlichem Satzbau verborgene Handlungsbruchstücke verfestigen sich zähflüssig zu Fragmenten verschiedener Schicksale und Geschichten. Eine wirkliche Handlung bleibt aus. Tellkamps roter Faden liegt nicht aus, verzweigt sich nicht und kommt auch am Ende nicht wieder zusammen. Sein roter Faden sind Figuren, die abwechselnd für ein Kapitel in den Mittelpunkt geraten. Die angepriesene "epische Sprache" ist der Klotz am Bein des Lesers.
In weiten Teilen seines Romans ergeht sich der Träger des deutschen Buchpreises in Mikro-Beschreibungen einer Welt, die sich eher erschlösse, würde er sie einfach beschreiben, statt episch, durchsetzt mit rätselhaften Begriffen und Namen, darzureichen: „Dresden hockte als arthritischer Einsiedlerkrebs am Flussufer, Verpuppungsfäden liefen um die aufgerauten Kanten der Neubauquader, deren Pudergrau unter die beinahe stillstehenden Schritte der Passanten wehte und sie aufblendend wie in überzüchteten Fotos löschte. Das Gehäuse knackte und ächzte. Meno blieb stehen, aber kein Riß durchzog die Luft. Das gab ihm seine Furcht als etwas Heiter-Elegantes zurück, die Tropfenform eines Flugzeugflügelquerschnitts hatte das schwere Mahlen der Betonmischmaschinen im Stadtzentrum angehoben, wippend, wie die Beinchen eines Insekts beim Abstoßen in die Strömungsmatrizen, von denen die Luft, obwohl so schneckenträge, augenblicksweise durchzeichnet war. Er sah eine zerrüttete Schiffskanzel, die Vipernzeiger des Mutterkompasses waren in einer Sonnenanbetergeste erstarrt. Die monströsen, hermetischen Lippen der Navigatoren erbrachen in den Wellen der Hitzebrandung Seerosen über Altmarkt und Zwinger, die sirupdicke Helligkeit der Thälmannstraße (und Märchen als Almanach, eine junge Fee in Kleidern aus dem VEB Damenmoder streute Gladiolen über die Plattenbauten am Pirnäischen Platz), die Seerosen quollen mit weichgekochten Blüten den Menschen zu, so daß er den Meeresgrund am kalkigen Himmel suchte und nicht unten, wo Autos in Trauben an Kreuzungen dümpelten und nach Sauerstoff japsenden Flundern glichen. Die Elbe hatte ihre kielzerkratzten, windhechelgerauhten Kleider abgelegt und sonnte ihren Metalleib, den er so glatt und nackt noch nie gesehen hatte. Die Sonne aber, durchzittert von Saaten elektrisch hin- und hermagnetisierter Vögel, stand im Zenit; Mikroimpulse klopften unablässig an der quecksilbrigen, zugleich angespannten Haut des Flusses, auf dem, fein wie von Zirkeln gerissen, Kreisringe mit der abrupten Noblesse sichtbar wurden, mit der die gelben Blüten der Nachtkerze in einer bestimmten Dämmersekunde aufbrechen, oder der Bathyscaph des Falters, in dem die geheimnisvolle, unerklärlich gewaltige Metamorphose erfolgt. Während er sich erinnerte, daß man das Öffnen der Nachtkerzenblüten beschleunigen konnte, indem man die an der Spitze einer dem Bersten nahen Knospe noch geschlossenen Kelchzipfel löste, so daß die gestauchten, unter Spannung eingerollten Blütenblätter aufschnellten und die langen Kelchblätter sich in die Sprengung ergaben, hinfällig wurden, zu einer Starre erschlafften, welche diejenigen aufgeschnappter Mausefallen war, – während er sich erinnerte, sah er die Strömungskreisel auf Berührungen zulaufen, Kontakt gewinnen, die Parabeln, sichtbare Echowellen, splitterten in genauer Transparenz ineinander wie Gebäudeschnitte, Theatersektoren auf Architekturzeichnungen.“
Als ich in den 1970er Jahren das Gymnasium Kreuzgasse in Köln besuchte, waren solche Texte, die keiner versteht, Angsträume im Deutschunterricht, wenn erläutert werden sollte, was uns der Autor mit seinen Worten sagen möchte. Also nicht: Worum geht's? Mögliche Antworten Um einen Bankraub, einen Weltrekordversuch, die erste Liebe, einen Aufziehenden Sturm. Nein. Sondern: Was drückt seine spezifische Wortwahl an genau dieser Stelle aus, was bedeutet die Personenkonstellation auf den Seiten 33ff? Da gab es dann die eifrigen Fingerschnipperinnen, die willens waren, wilde Interpretationen zu liefern, auf der einen Seite und die Jungs, die gerne über die Geschichte geredet hätten, die in dem Buch doch sicher auch erzählt wird, auf der anderen Seite. Dazwischen der feixende Deutschlehrer, der den wilden Interpretationen zuneigte. Es waren furchtbare Zeiten, die mir das Lesen deutscher Autoren auf Jahrzehnte verdorben haben. Uwe Tellkamps "Der Turm" macht es mir leicht, diese Ablehnung deutscher Literatur aufzufrischen. Das Buch beschreibt Anschauungen, Gedanken, die im Kopfe eines Protagonisten, oder in dem des Autors kreisen und wilde Synapsensprünge vollführen. Wäre der Roman ein Museum, hingen da großformatige Impressionisten neben einigen stilistisch nicht passenden fotorealistischen Gemälden von Festbanketten, Kammermusik und verschwiegenen Zusammenkünften. Wenn mal Personen in Handlungen verstrickt werden, wird es gleich interessant, dieser Alltag aus einer ihrem Ende entgegen taumelnden DDR. Aber dann geht Meno, der Lektor, an einem Musikaliengeschäft vorbei und der Text versinkt in seitenlangen Beobachtungen eines Musikliebhabers, der eine Nadel vorsichtig auf eine Schallplatte setzt mit einer weiß behandschuhten Hand und verfolgt dann das Auf und Abschieben der Nadel und dem kratzenden Geräusch, das ihn an ein Geräusch im Wald erinnert. Zur Entwicklung einer Handlung tragen sie nichts bei. Tellkamp beschreibt die Augen einer Frau, die „erschrocken groß und den verletzlich wirkenden Glanz von frisch aus ihrer Stachelschale geschlüpften Kastanien besaßen“ oder jene eines Trinkers, „die glanzlose Diesseitigkeit hartgekochter Eier angenommen hatten“. Kastanien? Glanzlose Diesseitigkeit hartgekochter Eier? Das ist eitles Wortklingel.
Zwischendurch zerspringt die lahme Erzählung plötzlich in ein Kaleidoskop. Erzählt werden jetzt lauter kleine Geschichten rund um die eingeführten Figuren – pubertierendes Pennälertum aus Christians EOS (Erweiterte Oberschule), Stress rund um die Frage, welche Krankenhausabteilung den schönsten Weihnachtsbaum hat, ein Ehemann geht fremd und verheimlicht eine Tochter oder ganz allgemein eine lockere Beschreibung, wie man im DDR-Alltag an Dinge kommt, an die eigentlich kein Rankommen ist, und daraus ein mittelgroßer Warenwirtschaftsverkehr unter dem Radar der Obersten Parteiführung erwächst: „Im Planetenweg aß man an diesem Abend den besten Stollen der Welt.“.
Spät dringt durch das aufgeblasene Wortwerk ein bisschen Leben. Als Christian mit den großen Ambitionen auf ein Medizinstudium beim Wehrdienst in der NVA die falschen Sätze im Beisein der falschen Leute ausspricht und dafür ein Jahr in verschärfte Haft kommt, ist Tellkamps Schreibe plötzlich sehr nah am Geschehen, spießt präzise und ohne Ausschweifungen den Irrsinn des militärischen Alltags zwischen Mobbing, Alkoholismus und leerer DDR-Moral auf und nimmt den Leser an der Hand mit in die Hölle des ostdeutschen Strafvollzugs. Auch an dieser Stelle bleibt er dem fragmentarischen Stil seiner Erzählung treu, liefert dennoch ein dreidimensionales Bild der Geschehnisse – als wären es diese Kapitel, auf die es dem Autor tatsächlich ankommt und die er mit allegorischen Bildern und singulären Erinnerungen aus der DDR zu diesem 1.000-Seiten-Machwerk steigert.
Mir ist "Der Turm" verschlossen geblieben. Aber natürlich bin ich weder in Ostdeutschland aufgewachsen, noch habe ich Philosophie, Literatur und Geschichte studiert, was vielleicht Voraussetzung wäre für Bücher, in denen spezielle Personenkonstellationen oder die eingehende Betrachtung verschiedener Grautöne, die sich zu nichts fügt, wichtiger sind als Handlung.
Ich habe das Buch im Regal meines Vaters Mitte 2015 entdeckt und "Der Turm" vom 21. Juli bis 7. August 2025 gelesen.
Der Autor:
Uwe Tellkamp, geboren 1968 in Dresden, arbeitete nach dem Studium in Leipzig, New York und Dresden als Arzt und lebt nun als Schriftsteller in Freiburg. 2004 gewann er den Ingeborg-Bachmann-Preis, 2005 erschien sein Roman "Der Eisvogel".
Der Nordkurier in Neubrandenburg verlieh Uwe Tellkamp gemeinsam mit der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft den Uwe-Johnson-Preis 2008 mit der Begründung, der Roman entfalte ein „facettenreiches, in den Lebensläufen zahlreicher Figuren gebrochenes Panorama der letzten sieben Jahre der DDR“.
Im Oktober 2008 wurde der Roman mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. In der Begründung hieß es: „Uwe Tellkamps großer Vorwenderoman ,Der Turm’ entwirft in einer Fülle von Szenen, Bildern und Sprachformen das Panorama einer Gesellschaft, die ihrem Ende entgegentaumelt. Am Beispiel einer bürgerlichen Dresdner Familie erzählt er von Anpassung und Widerstand in einem ausgelaugten System. Der Roman spielt in den verschiedensten Milieus, unter Schülern, Ärzten, Literaten und Politkadern. Uwe Tellkamp schickt seinen rebellischen Helden Christian Hoffmann auf eine Höllenfahrt, aus seiner Enklave in den Militärdienst bis zum Strafvollzug der NVA. Den Lesern erschließen sich wie nie zuvor Aromen, Redeweisen und Mentalitäten der späten DDR. Unaufhaltsam treibt das Geschehen auf den 9. November zu“.
2009 wurde Uwe Tellkamp mit dem Deutschen Nationalpreis ausgezeichnet.
Am 6. Dezember 2009 wurde Tellkamp für den Roman mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet.
