Die Zeiten sind sensibel. Das muss Familienvater Heinz Hellmich schmerzhaft feststellen, als ihm nach einigen ungeschickten Fehltritten in der Firma der Jobverlust droht.
Um zu beweisen, dass er kein alter weißer Mann ist, lädt er seinen Chef und weitere Gäste (oder heißt es Gäst*innen?!) zu einem Dinner zu sich nach Hause ein. Mitsamt seiner Familie will er sich von seiner besten und politisch korrektesten Seite präsentieren!
Doch schon in der Anbahnung des Abends tappt Heinz von einem Festnäpfchen ins nächste und stellt dabei fest, dass seine Frau Carla, seine Kinder und auch Opa Georg nicht gerade pure Harmonie ausstrahlen.
Als nach vielen Turbulenzen endlich alle an einem Tisch sitzen, beginnt die Fassade der Familie schnell zu bröckeln …
An diesem Film ist alles drüber. Und damit macht er genau genommen das, was er mit seinem Topos aufzeigen will: Das Drehbuch pauschalisiert hemmungslos und quer durch den Geschlechter- und Ethniengarten.
Die Alternative dazu wäre natürlich, die Produktion dieses Films gar nicht erst anzudenken, über die vorhandene Verunsicherung mal beim einen, mal bei der anderen, auch mal beim Diversen gar nicht, und vor allem nicht miteinander zu sprechen. Das miteinander Reden machen die Leute im letzten Viertel des Films und da sagen die um den Tisch sitzenden Personen auch Sätze, die nach Entwurf für einen Leitartikel klingen.
Wir leben im Kinozeitalter der Superhelden. Diese Figuren reisen mittlerweile nicht mehr durch unsere eine Galaxis, sondern auch durch die Dimensionen. Plötzlich ist man auf Erde 828, die dann eine Erde ist, auf der Charaktere leben, die auf unserer Erde längst gestorben sind. Oder sie sind unsterblich, was sie bei uns nicht sind. Oder haben ein anderes Geschlecht. Simon Verhoevens Film "Alter weißer Mann" spielt in einem Paralleluniversum, wo alle Erdenbürger, wie wir sie kennen, ein bisschen hysterischer, oder nein, sagen wir freundlicher: exaltierter sind, kurz: drüber! Das gilt selbstredend auch für das Happy End.
Familienvater Heinz ist ohne es zu merken alt geworden. Er hat drei Kinder groß gezogen, zwei wohnen noch zuhause, die Älteste ist vor zwei Jahren nach Berlin gegangen. Seine Frau will sich nach den Jahren des Kinder und Haushalt managen jetzt mit einem Fremdsprachencafé selbständig machen. Heinz fährt eine Familienkutsche mit Elektroantrieb und ein Kumpel baut ihm gerade mit ein paar Cousins Solarpanels aufs Dach. Gut, das geht dann schief, weil die Cousins gar keine Ahnung von der Materie haben und dann das Dach brennt. Aber Heinz hat ein anderes Problem.
Der Mann arbeitet im mittleren Management der "Fernfunk". Das ist ein Telefonanbieter, der gerade expandieren und sich „für die Zukunft aufstellen“, sprich: alte Mitarbeiter loswerden will. Also möchte Heinz unbedingt nicht als alt wahrgenommen werden. Und weil so ein Telekommunikationsunternehmen, um zu wachsen, unbedingt alle Menschen als Kunden ansprechen muss – Frauen, Männer, Diverse, dunkle und helle und andere Hautfarbe, homo- und hetero- und anders sexuell, Migrationshinter- und vordergrund und anders gelesene – spielt das vor allem für SAM, die konzerneigene KI nun eine ganz wichtige Rolle. Und schon beim Kick-off-Meeting, bei dem die Mitarbeiter mit ganz viel Abteilungsleitermotivationssprech und einer alerten Unternehmensberaterin auf die neuen Zeiten eingeschworen werden sollen, tapst Heinz ins erste Fettnäpfchen. Zu dem Zeitpunkt ist der Zuschauer noch ganz bei Heinz, das Fettnäpfchen ist tatsächlich sehr lebensnah. Außerdem füllt Jan Josef Liefers seinen Heinz mit einer stolpernden Alltäglichkeit, die so viel lebensnäher als seine Tatort-Figur ist ("Das Pubertier" – 2017; "Vier gegen die Bank“ – 2016; Honig im Kopf – 2014; Knockin' on Heaven's Door – 1997; Rossini, oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief – 1997). Aber Heinz bohrt nach und macht aus dem Näpfchen unnötigerweise einen Buttertopf.
Es gibt einige solcher Momente, in denen man eigentlich sehr bei Heinz ist, der plötzlich Rücksicht nehmen soll auf Dinge, die er inhaltlich zwar versteht, aber im schnellen Alltag nicht immer zu aller Zufriedenheit korrekt umsetzt; Tassen mit dem falschen Bürospruch werden plötzlich zu Karrierefallen: „Ich Boss. Du nix!“ etwa. Da ist viel sehr Menschliches in diesem alten weißen Mann.
Dazu hat er zuhause eine Tochter sitzen, die ihm schon rassistische Untertöne unterstellt, wenn er über „Schwarzarbeiter“ spricht, und da nützt es ihm auch nichts, wenn er den Begriff etymologisch korrekt herleiten und belegen kann, dass das nichts mit Hautfarbe und Herkunft zu tun hat. Anstatt es dabei bewenden zu lassen, innerlich die Augen zu verdrehen und weiterzumachen, lässt er sich – Heinz steht wegen der Umstrukturierungsmaßnahmen in der Firma unter erhöhtem Stress – ein ums andere Mal auf Diskussionen ein oder rechtfertigt sich oder benimmt sich sonst wie peinlich.
Das Schöne ist: Falsch machen alle Seiten mal was. Kocht die Mutter vietnamesisch, wähnt der Sohn eine kulturelle Aneignung. Setzt die Teenagertochter ihren Wunsch gegen ihren dunkelhäutigen Freund durch, bezichtigt der sie, „ganz schön bossy“ zu sein. Und mit dieser Erkenntnis könnte der Film eigentlich den Abspann ausrollen. Wobei dann das Problem bliebe, dass das so noch keinen Film ergibt.
Also fährt Vater Heinz drei Tage, bevor er zu dem sehr, sehr wichtigen Abendessen bei sich zuhause mit wichtigen Leuten aus seiner Firma, mit der Unternehmensberaterin und ein paar „na ja, nicht so Weißbrote halt“ eingeladen hat, nach Berlin, weil er plötzlich Sehnsucht nach seiner ältesten Tochter hat, zu der das Verhältnis gerade sehr schwierig ist. In Berlin versackt er dann mit Freunden seiner Tochter zwei Tage, wacht auf einer Verkehrsinsel irgendwo in der Stadt mit zerrissenen Klamotten wieder, fährt heim nach Bayern und kommt gerade noch pünktlich zum Abendessen, zu dem sich schon alle Fettnapfgefahren versammelt haben. Die größte stellt Großvater Georg dar, den Friedrich von Thun mit der aufrechten Verständnislosigkeit des Alters spielt – Ich verstehe überhaupt nicht…; Früher ging das doch auch …; Müssen wir jetzt öffentliche Katzenklos anbieten, wenn einer sich als Katze sieht? Gegen die Tatsache allerdings, in diesem Drehbuch nur als Aussprecher von Reizworten zu fungieren, denen man dann jedes mal politisch höchst korrekt zu Leibe rückt, kann der große alte Mime nicht anspielen. In seinem wichtigsten Moment, dem Höhepunkt beim Gesellschaftsdinner, verflacht der Film.
Aber vom Haken gelassen hat er mich schon vorher während der Reise durch die Berliner Nacht, in der der alte weiße Titelheld mit jungen Szenetypen trinkt, tanzt und Zeug raucht, aber zum Thema des Films nichts beiträgt, außer einem derangierten Äußeren. Das ist die Crux an deutschen Komödien: Die Hauptfigur muss deutlich sichtbar durch die Gosse gezogen werden, um die geforderten Lernfortschritte zu erzielen. Immer etwas drüber eben.
