Was kann passieren, wenn sich zwei todkranke Männer im Sterbezimmer kennenlernen, sich erst nicht recht vertragen wollen, aber dann, nach reichlich Tequila, beschließen, wenigstens einmal noch das Meer und den Sonnenuntergang zu sehen?
Der Reihe nach: Martin Brest hat einen Tumor im Kopf und Rudi Wurlitzer Knochenkrebs. Diagnose: „So gut wie tot!“ Aber noch bleibt ihnen ein Fetzen Zeit, um zu leben – so intensiv, so verrückt, so leidenschaftlich wie niemals zuvor. Und da Rudi einmal in seinem Leben das Meer sehen möchte, ist es für Martin eine Ehrensache, es ihm zu zeigen.
Zuerst einmal wird ein Auto „genommen“ (Mercedes-Coupé, babyblau). Und dann fahren sie hinaus. Der Autobesitzer aber ist hinter dem Wagen sowie dem Inhalt im Kofferraum her, bei dem es sich um einen Aluminiumkoffer mit einer Million D-Mark Drogengeld drin handelt.
Um also nicht vom internationalen Mafiaboss mit Gewichten an den Füßen im See versenkt zu werden, schickt er also seine besten Männer, um das Auto wieder aufzutreiben: Henk, der Belgier und Abdul, der Araber – die nicht mit der Entschlossenheit der beiden Todgeweihten gerechnet haben …
„Todkranker entführt Todkranken!“, titelt eine Zeitung im Film, und das könnte auch der Pitch für diesen Film gewesen sein – also Inhalt jener paar Sekunden, die Filmautoren der Legende nach in Fahrstühlen oder auf Autorücksitzen bekommen, um Produzenten von ihrem Stoff zu überzeugen. Im vorliegenden Fall haben ein paar Filmverrückte mit den Regeln des Buddy Movies das große Los gezogen. „Todkranker entführt Todkranken!“
Wir haben es mit einem Film zu tun, der sich angenehm leicht so gar nicht an deutsche Kinoregeln hält. Weder gibt es hier eine kuriose Liebesgeschichte noch müssen depressive Engel durch ein schwarz-weißes Berlin stolpern. Im vorliegenden Film geraten unter Thomas Jahns Regie und Til Schweigers Einfluss zwei Phantasie-Figuren in ein Fantasy-Abenteuer. Auf die denkbar simpelste Weise. „Du brauchst nur ein Mädchen und eine Waffe, um einen Film zu machen.“ Diese Regel hat Jean Luc Godard einst aufgestellt (Elf Uhr nachts – 1965; Außer Atem – 1960). Okay, das Mädchen spielt im vorliegenden Film keine herausgehobene Rolle. Die im Abspann unter Starring auftauchenden Frauen verkörpern Cameos, Gast- oder Kleinstrollen. Aber der Tod – also die Waffe aus Godards Spruch – ist sehr präsent, eine art MacGuffin, der die Hauptfiguren in Bewegung setzt.
Wenn Du im ersten Akt ein Gewehr zeigst, dann muss nach Tschechows Erzählprinzip dieses Gewehr im zweiten oder dritten Akt abgefeuert werden. Im vorliegenden Film ist das Gewehr ein voluminöser Sonnenuntergang am Meer. Nur um den geht es. „Du stehst am Strand und schmeckst den salzigen Geruch des Windes, der über das Meer kommt.“ Dabei lutscht Martin an seinem Salz ummantelten Zeigefinger. „Im Bauch das warme Gefühl grenzenloser Freiheit.“ Er nimmt einen tiefen Schluck aus der Tequilaflasche. „Auf Deinen Lippen den bitteren, tränendurchtränkten Kuss Deiner Geliebten.“ Er beißt in eine Zitronenscheibe! Das klingt so wild sturmumtost romantisch, dass diese Wort-Bild-Folge keine Träume offen lässt. Aber Rudi Wurlitzer bringt dieses Traumhaus mit wenigen Worten zum Einsturz: „Ich war noch nie am Meer!“ Damit ist der Ton des Films gesetzt. Denn jetzt wird es ernst: „Das ist doch jetzt nicht wahr. Du warst noch niemals einmal am Meer?“ „Noch niemals einmal.“ „Da klopfen wir beide an die Himmelstür, saufen unseren Tequila; ich meine, wir sind … Abnippelexperten. Und Du warst noch niemals einmal am Meer..!“
„Noch niemals einmal.“ „Weißte denn nicht, wie das ist, wenn Du in den Himmel kommst? Im Himmel, da reden die über nix anderes, als über das Meer. Darüber, wie wunder-, wunderschön es ist. Sie reden über den Sonnenuntergang, den sie gesehen haben. Sie reden darüber, wie die Sonne blutrot wurde, bevor sie ins Meer eintauchte. Und sie reden darüber, wie sie spüren konnten, wie die Sonne ihre Kraft verlor. Und die Kühle vom Meer heraufzog. Und das Feuer nur noch in ihrem Inneren glühte.
Und Du? Du kannst nicht mitreden. Weil Du warst ja noch nie da gewesen.“
Die beiden Helden sind todsterbenskrank. Dieser Sonnenuntergang ist ihr Unbedingt-noch-erleben-Moment in der Dramaturgie. und niemand verrät zu viel, wenn er sagt, Meer und Sonne werden sie sehen. Jahn und Schweiger jonglieren in "Knockin' on Heaven's Door" mit den Regeln des aus Hollywood gelernten Drei-Akt-Kinos. Sie haben nicht annähernd so viel Geld, aber ähnlich wenig Sendungsbewusstsein wie die Amerikaner. Ihnen ist weniger wichtig, was ihr Film aussagt, ob alles realistisch ist. Hauptsache, die Action funktioniert.
Wenn sie schon kein originelles Kino à la Hollywood machen können, weil ihnen das Geld fehlt, können sie doch immerhin sehr originell mit dem Einfluss des Hollywood-Kinos spielen. Seit Quentin Tarantino in Pulp Fiction (1994) mit der Verwurstung von Hollywood-Klischees einen Jahrzehnt-Erfolg gelandet hat, ist der Weg für Filmemacher weltweit frei, eigene Klischees in Filmbilder zu packen. Thomas Jahn hat sich mit "Knockin' on Heaven's Door" die Unterstützung eines deutschen Fast-Hollywoodianers gesichert. Til Schweiger kennt zwar in Hollywood auch kaum jemand (Männerpension – 1996; Der bewegte Mann – 1994; "Manta, Manta" – 1991). In Deutschland aber genießt er einen gewissen Ruf, der wiederum mit seinen Hollywood-Kontakten zusammen hängt.
"Knockin'…" ist eine unterhaltsam melancholische Komödie, die im Hollywood-Kino wildert. Til Schweigers Filmrolle lautet Martin Brest? Martin Brest ist im richtigen Leben US-amerikanischer Regisseur (Midnight Run – 1988; Beverly Hills Cop – 1984). Auch der Name von Martins Schicksalsgenosse, Rudi Wurlitzer, erinnert an großes Hollywood. Rudy Wurlitzer war Drehbuchautor beim Film Pat Garrett jagt Billy the Kid von Sam Peckinpah aus dem Jahr 1973. Zu diesem Film schrieb Bob Dylan den Soundtrack, darunter auch "Knockin’ on Heaven’s Door". Auch jenseits der Vorbilder verleugnet Jahn das amerikanische Kino nicht, das geht so weit, dass die Sirenen der grünen deutschen Polizeiautos nicht deutsch jaulen – zu hören ist das WiijuWhiiejuh der US-Polizeiautos.
„Wissen Sie, es ist nur die Tatsache, dass der Tod eine sehr unangenehme Form von Leben ist!“, sagt Rudi Wurlitzer, als sein Arzt ihm die endgültige Diagnose irgendwie schmackhaft machen will: „Wir sind heute in der Medizin wesentlich weiter, als noch vor 20 Jahren.“ Jan-Josef Liefers (Rossini, oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief – 1997) spielt den Rudi als großen Naiven, der das erste Mal in die Welt blickt, dessen größter Traum es ist, mal mit zwei Frauen gleichzeitig zu schlafen. Ein angenehmer Randaspekt, wenn man nur noch wenige Tage zu leben hat, ist die Tatsache, dass man vollkommen furchtlos wird. Mit welcher Nonchalance die beiden Autos klauen, Banken ausrauben, bewaffneten Killern und/oder schießwütigen Polizisten im Feinripp-Unterhemd ausweichen und Boutiquen-Besitzerinnen umgarnen, während sie sich kostenfrei neu einkleiden, ist wunderbar leicht gespielt. Dem Film geht jede Larmoyanz, die beim Thema Tod im deutschen Film immer droht, ab.
Die beiden Gangster, die Martin und Rudi auf den Fersen sind, sind mit ihren schwarzen Anzügen angelehnt an das von John Travolta und Samuel L. Jackson gespielte Killerpaar aus Pulp Fiction, weniger tödlich als dieses, dafür ungleich blöder. Moritz Bleibtreu, der bislang Nebenfiguren in Katja Riemann-Komödien und Rollen in Fernsehkrimis gespielt hat, verewigt sich hier als Abdul, der Araber, ein kleiner Kerl mit Machoallüren, der selten die Sonnenbrille lupft, alles besser weiß, aber schlechter kann, im Automatikwagen mit dem ersten Gang kämpft, wahnsinnig gerne mal seine Automatik abfeuern würde und gut sitzende Anzüge schätzt. Sein trotziges „Isch weiß!“, das er jeder Belehrung in schönstem Kanak-Sprech folgen lässt – „Allah, rutsch' rüber oder soll isch erst Dein Gehirn pusten oder was?“ –, ist umstandslos in den deutschen Sprachgebrauch übergegangen.
Die Kamera ist dauernd in Bewegung. Die Helden keine Gewinner mit Botschaft, die Polizei keine heroischen Kriminalhauptkommissare, die Story nicht durch lauter bedenkenvolle TV-Redakteursfinger gezerrt, die Story einfach, gerade und absolut nachvollziehbar. Realistisch ist sie nicht – warum auch, wenn die Unterhaltung funktioniert. Die Machart ist modern, populär, bis in Kleinstrollen mit bekannten deutschen Schauspielerinnen und Schauspielern besetzt und – kommerziell, also ausgerichtet am Zuschauer-Geschmack. Ein Glücksfall für das deutsche Kino.
Regisseur Thomas Jahn klopfte mit "Knockin …" tatsächlich an die Himmelspforte – jene Pforte, hinter der Himmel nicht Tod bedeutet, sondern Ruhm. In einer Bücherei – so geht die Legende – traf der filmbegeisterte Taxifahrer Jahn auf Til Schweiger, erzählte dem deutschen Kinohelden von einem „tollen Drehbuch“, das er geschrieben habe und welches er gerne verfilmen würde. Schweiger las also das Buch, bearbeitete es zusammen mit Jahn und sah seine Chance gekommen, erstmals einen Film selbst zu produzieren. Und so geschah es.
Und "Knockin' on Heaven's Door" wurde mit über drei Millionen Kinobesuchern zum erfolgreichsten deutschen Film 1997. Bei Produktionskosten von rund 3,5 Millionen D-Mark spielte er weltweit um die 24 Millionen Dollar ein. Fast scheint es, als habe auf Schweiger und Jahn etwas abgefärbt vom Selbstbewusstsein jener jungen Generation Amerikanier um Quentin Tarantino, die sich ihre wilden Phantasien von coolen und meist schwarzgekleideten Gangstern vergolden lässt. Der Film ist eine hemmungslose Zitatensammlung aus allem, was Kinofans lieb und teuer ist.
Dass Moritz Bleibtreu den "Ernst Lubitsch Preis" für seine Darstellung des tumben Gangsters Abdul erhielt, ist mehr als gerechtfertigt. Bleibtreu ist der heimliche Star des Films.
