Buchcover: Sandrone Dazieri – Das Gesetz der Elite (2025)

Ein einfach gestricktes
Eat the Rich-Menü

Titel Das Gesetz der Elite
(Uccidi i ricchi)
Autor Sandrone Dazieri, Itaslien 2025
Aus dem Italienischen von Thomas Stauder
Verlag Verlagsgruppe HarperCollins
Ausgabe E-Book, 400 Seiten
Genre Krimi
Website harpercollins.de
Inhalt

Colomba Caselli ist ehemalige Polizistin mit einer traumatischen Vergangenheit und arbeitet als Privatdetektivin. In einem gläsernen Wolkenkratzer Mailands wird der Ex-Fußballstar Jesús Martínez tot in einer Kryosauna aufgefunden – ein technischer Defekt? Unwahrscheinlich, denn Martínez war einer der reichsten Männer der Welt. Colomba ermittelt gemeinsam mit ihrem Partner Dante Torre. Bald wird klar: Martínez war nicht das einzige Opfer unter den Superreichen.

Zeitgleich kursiert im Netz ein gefährlicher Slogan: „Tötet die Reichen“. Steckt ein einsamer Rächer dahinter – oder eine geheime Verschwörung? Die Spur führt in die Welt der Mächtigen, wo Überwachung Alltag ist, aber Wahrheit Luxus. Dante und Colomba müssen all ihre Instinkte schärfen, um dem Mörder zuvorzukommen 

(aus dem Klappentext)

Was zu sagen wäre
Das Gesetz der Elite

Todesfälle in der Welt der Schönen, Reichen und Unsterblichen – was in diesem Falle wörtlich zu verstehen ist. Zu Lebzeiten strebten die Milliardäre nach Tiefkühlschlaf, aus dem sie dereinst, wenn die Medizin soweit ist, gesund wieder erwachen und ewig leben wollen. Nun sind sie tot, durch tragische Unfälle oder körperliche Gebrechen aufgrund ihres Alters. Sagen jedenfalls die Ermittlungsergebnisse. Der Bruder des ehemaligen Fußballers, der sich im Kryotank die Haut in Fetzen gerissen hat und erfroren ist, glaubt nicht an Unfall, schaltet eine europaweit agierende Privatdetektei ein und will, dass durchgegriffen wird. Und siehe, die eingeschaltete Detektivin liefert schnell Hinweise auf einen möglichen Mordfall.

Es ist klar, dass für Todesfälle in diesem wirtschaftlichen Hochadel keine einfachen Handtaschenräuber in Frage kommen, die man eben mal einer 24-stündigen Dauerbefragung unterzieht, bis sie erschöpft gestehen, was Beamte hören wollen. Fingerspitzengefühl und Raffinesse sind gefragt und das bringt das Ermittlerpaar mit, eine ehemalige Polizistin mit Traumavergangenheit und ein hochsensibler, cleverer Seelenleser mit noch traumatischerer Vergangenheit – die schon auf mehrere Kriminalfälle in der Literatur zurückschauen können, wie sich bald herausstellt; oder auch schnell, wenn man alle Klappentexte vollständig gelesen hätte: „Colomba Caselli und Dante Torre sind wieder da!“ steht zu lesen und dies scheint ihr insgesamt vierter Fall zu sein. Ich habe es also mit einem Duo zu tun, dessen Miteinander nicht mehr entwickelt und erklärt wird, die groben Bande werden als bekannt vorausgesetzt, oder in Nebensätzen angerissen. Die Chemie des Duos entwickelt in der Dramaturgie des Romans die entscheidende Rolle, nachdem der deutlich Verdächtige nach der Hälfte des Buches in Fleischfetzen an der Wand klebt und der tatsächlich Verantwortliche für die Todesfälle sich bald herauskristallisiert und hundert Seiten vor dem Ende ausgerechnet nach einem Besuch beim Papst entlarvt hat.

In so einem Fall schlägt die Stunde der Experten unter den Thrillerschreibern, die Situationen erschaffen und/oder ihre Hauptfiguren in ausweglose Irrtümer treiben, aus denen sie nur ihre Erfahrung befreien kann, ihr Vertrauen darauf, dass der andere schon das Richtige machen wird. Sandrone Dazieri verzichtet darauf. Dante Torre gerät einmal in Ausweglosigkeit, aus der er aber buchstäblich auf der nächsten Seite schon wieder befreit ist: „Eine Stunde später findet man ihn, ein unerwartetes Glück, fast ein Wunder.“ Während Colomba, die Ermittlerin, zwischen Mailand, Paris und Rom herumreist, ein leidenschaftliches Verhältnis mit einem Verdächtigen eingeht – was als solches aber nicht vertieft und verfolgt wird, sondern lediglich für romantische Szenen in teurer, also schöner Umgebung und nebenher für manch ermittlungstechnische Abkürzung sorgt – und sich mit anderen, konkurrierenden Ermittlern kabbelt, braucht Partner Dante mit der ausgeprägten Klaustrophobie nicht mal seine Wohnung zu verlassen, um die ganze Lebensgeschichte von Verdächtigen „im Internet“ zu recherchieren. Dazu trinkt er mit dem Kennergaumen des leidenschaftlichen Gourmets ausgesuchte Kaffeesorten und ist von einem seinem Genie angemessen verschrobenen Charakter. Und werden beide auch von den Behörden – Geheimdienste und verschiedene, gerne übereinander lästernde Polizeieinheiten – leidenschaftlich misstrauisch beäugt, sind doch alle sofort und bedingungslos zur Stelle, als es der Dramaturgie im Finale angemessen erscheint.

Weil Sandrone Dazieri kein Anfänger ist, seine Vita weist ihn als unter anderem Drehbuchautor aus, beschreibt er das Ermittlerpaar vor allem über die Dialoge, die es miteinander führt; die sind schnell, sarkastisch, witzig, das Paar wächst dem Leser also schnell ans Herz. Dazu kommt die vermeintliche Schlüssellochperspektive in die verruchte Welt der sehr Reichen, die unsere neidvoll gestalteten Vorurteile aufs Schönste bestätigen. Ein stinkreicher Bauunternehmer, apostrophiert als „ein paar Prozentpunkte des BIP des eigenen Landes wert“ haust überflutet und kaum noch einer Bewegung fähig im luxuriösen Halbdunkel eines unübersichtlichen Villengeländes, weiß aber immer geheimste Ermittlungsergebnisse und kann der Ermittlerin hier und da noch Tipps geben.

So richtig nah kommt mir nichts. In die reale Welt, wenn ich das Buch mal wegen alltäglicher Verrichtungen zur Seite lege, folgen mir weder die Figuren noch die Handlung. Aber wenn ich das Buch wieder aufschlage, bin ich gleich wieder drin. „Ihr Reichtum ist ihr Untergang“ heißt es reißerisch unter dem eigentlichen Buchtitel. Das sind die Marketingmätzchen einer überhitzten Buchbranche, die für ihre Autoren verzweifelt nach Absatzmärkten sucht, im heimischen Alltag eher eine Warnung, das Buch beiseite zu lassen. Aber ich habe Urlaub und also Zeit. Warum also nicht einen Krimi wegschmökern, während nebenan die Wellen rauschen und der Wein in der Sonne schmeckt?

Ich habe "Das Gesetz der Elite" vom 8. bis 11. Mai 2026 gelesen. #Urlaubslektüre2026 #LaGomera