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Plakatmotiv: Nobody (2021)

Ein origineller Actioner, der seinen
Zuschauern eigenes Denken zutraut

Titel Nobody
(Nobody)
Drehbuch Derek Kolstad
Regie Ilya Naishuller, USA, Japan 2021
Darsteller

Bob Odenkirk, Aleksey Serebryakov, Connie Nielsen, Christopher Lloyd, Michael Ironside, Colin Salmon, RZA, Billy MacLellan, Araya Mengesha, Gage Munroe, Paisley Cadorath, Aleksandr Pal, Humberly González, Edsson Morales, J.P. Manoux, Adrian McLean, Ilya Naishuller, Sergey Shnurov, Joanne Rodriguez, Stephanie Sy, Daniel Rizzuto, Ruslan Rusin u.a.

Genre Action, Crime
Filmlänge 92 Minuten
Deutschlandstart
1. Juli 2021
Inhalt

Familienvater Hutch ist ein Niemand. Der Vorstadt-Familienvater wird von den meisten Leuten einfach ignoriert und zieht auch niemals die Aufmerksamkeit auf sich. Als zwei Verbrecher Nachts in sein Haus einsteigen, sieht er sich außerstande, sich oder seine Familie zu verteidigen. Schließlich will er Gewalt um jeden Preis verhindern.

Sein Sohn Brady wendet sich daraufhin enttäuscht von seinem Vater ab. Seine Frau Becca tut es ihm gleich und zieht sich noch mehr zurück. Doch der Einbruch löst bei Hutch etwas aus. Er sieht plötzlich rot und enthüllt eine dunkle Seite, die ihn auf einen Pfad der Gewalt schickt: Einst arbeitete der vermeintliche Versager nämlich als Revisor für das FBI. Revisoren sollen in speziellen Fällen dafür sorgen, dass niemand verhaftet werden kann; Hutch sorgte dann dafür, dass niemand übrig blieb, den man noch hätte verhaften können.

Von nun an stellt er mit allen Mitteln sicher, dass seiner Familie nie wieder etwas geschehen wird. Allerdings hat er sich damit die russische Mafia zum Feind gemacht, die es mit Gefangennahme auch nicht so hat …

Was zu sagen wäre

Vielleicht hätte der Polizist vor dem Haus der Mansells nach dem Überfall auf die Familie nicht so vorlaut sein sollen. Hutch Mansell, der Familienvater, hätte die Angreifer mit einem Golfschläger außer Gefecht setzen können, es dann aber gelassen. Jetzt sagt der eine Polizist, Hutch habe richtig gehandelt, der andere aber ergänzt „Wenn das meine Familie gewesen wäre …“. Vielleicht wäre dann allen viel Blutvergießen erspart geblieben. Aber der Polizist, und Hutchs Nachbar haut in dieselbe Kerbe, hat halt gesagt Wenn das meine Familie gewesen wäre …, und so kommt eine lange unterdrückte Testosteron-Bombe wieder an die Oberfläche und Nina Simone singt dazu eine wunderbare Coverversionen von "Don't lebt me be missunderstood“.

Aber unabhängig davon ärgert den Mann schon auch sehr, dass die Einbrecher neben dem bisschen Bargeld im Haus – „Ich zahle meistens mit Karte!“ – auch das KittyCat-Armband seiner kleinen Tochter mitgenommen haben.

Die Geschichte der Nobodys in den Erzählungen der Welt ist nicht ohne. Als der geblendete Zyklop Polyphem von seinem Peiniger dessen Namen erfahren wollte, rief der ihm zu, er heiße Niemand. Terence Hill verschafft dem Revolverhelden Beauregard, gespielt von Henry Fonda, mit einem fingierten Duell einen eleganten Abgang, indem auf dessen (vermeintlichen) Grabstein steht „Nobody was faster on the draw“ (Niemand zog schneller). Man ist also vorgewarnt, als der recht verprügelt wirkende Mann in Handschellen beim Verhör auf die Frage „Wer sind Sie?“ mit „Ich bin nur Nobody“ antwortet.

Und tatsächlich: Die Bildmontagen nach dieser Eingangsszenen lassen auf einen langweiligen Mann in einem langweilen Leben mit einem langweiligen Job schließen, dessen Ehefrau im gemeinsamen Ehebett eine Mauer aus Kissen zwischen sich und ihm errichtet hat und der immer vergisst, dass in der Dienstag in der Frühe die Müllmänner kommen und man also am Vorabend die Tonne hätte rausstellen müssen. Ilya Naishuller zeigt dieses traurige Lebenspanorama in schneller Bildfolge aus den immer gleichen Alltagsszenen dieses langweiligen Mannes. Später, als sein Widersacher für diesen Film eingeführt wird, passiert das in einer langen Plansequenz, bei der Yulian vorgefahren wird, aussteigt, die verkehrsreiche Straße ohne links und rechts zu gucken überquert, einen Nachtclub betritt, dort bullige Typen begrüßt, auf eine Bühne springt, der Sängerin das Mikrofon wegnimmt und selbst zu singen beginnt. Nach dieser Einstellung ist klar: Dieser Mann ist das genaue Gegenteil des langweiligen Familienvaters Hutch Mansell.

Dass Hutch eine Vergangenheit hat, die mit seiner Gegenwart nichts gemein hat, macht eine Szene nach 15 Minuten klar. Da verbindet sich Hutch via CB-Funk mit einem Mann, der von sich behauptet, „wenn man offiziell tot ist, hat man jede Menge Zeit“, dem Hutch dann beeindruckend detailliert die Einbrecher beschreibt, die in sein Haus eingedrungen sind und gegen die er sich nicht zur Wehr gesetzt hat – inklusive der Beobachtung, dass der Trommelrevolver, den die maskierte Einbrecherin in der Hand hielt, gar nicht geladen ist. Wir im Kinosessel wissen wahrscheinlich längst, dass dieser Hutch nicht einfach ein Familienvater auf Abwegen ist, weil wir den Trailer gesehen, die Werbung gehört, eine Filmkritik gelesen haben, oder auf dem Plakat den Hinweis gelesen haben „Vom Autor von John Wick“ (John Wick war jener trauernde Witwer, der nur noch seinen Hund hatte und der dann sehr bleihaltig ausflippte, als Einbrecher dann auch diesen noch töteten), aber natürlich muss der Film, nimmt er seine Zuschauer ernst, bei Kenntnis Null anfangen, also dem langweiligen Familienvater, der sich als ehemaliges Aufräumkommando der „Behörde mit den drei Buchstaben“ entpuppt. Näher benannt wird die Behörde nicht, aber weil Hutch in einer Szene einen alten FBI-Ausweis vorzeigt, war er wohl Killer für die CIA oder das FBI – jedenfalls im Staatsdienst; so eine Figur wie der Cleaner, die seit Quentin Tarantinos Pulp Fiction immer wieder in Hollywoods Actionfilmen auftaucht.

Ilya Naishuller nimmt seins Zuschauer sehr ernst, respektiert deren Fähigkeit zu abstrahieren, mutet ihnen nichts zu, was sie nicht ohnehin schon wissen. Zuallererst traut er ihnen zu, dass sie schon wissen, dass es in diesem Film nicht um die psychologische Betrachtung toxischer Männlichkeit geht, die sich beim unterdrückten, von alten weißen Frauen zermürbten Vorstadt-Männchen blutig Bahn bricht. Sondern dass es um fröhliche Actionchoreographie geht, bei der man auch mal lachen können muss. Ja, der Film hat brutale, schmerzhafte Szenen. Ja, der Film feiert die blutige Rache an allen Arschlöchern der Stadt. Nein, der Film verherrlicht nicht die Gewalt. Der Film ist erkennbar ein Comic. Hier ist alles Inszenierung. Kracht ein Auto mit 80 Sachen frontal gegen eine Ampel, sehen wir nicht die ganze (schon so oft ähnlich gesehene) Szene, sondern nach einem Bildschnitt ein von links in Zeitlupe sich ins Bild überschlagendes Auto, aus dem Hutch kriecht. Punkt. Naishuller schätzt sein Publikum hoch genug ein, dass er auch die üblichen Shit-Talks zwischen Held und Schurke weg lässt, die aus üblen Bedrohungen bestehen und von denen alle im Zuschauerraum wissen, dass sie zur Filmzeit kosten, denn natürlich fallen beide schließlich im großen Showdown übereinander her. Warum sonst sollte man den Film drehen? Also hat Hutch schon alles erledigt, also die russische Mafia mittellos gemacht, als er den Schurken fragt, ob es noch eines Showdowns benötigt, oder ob Yulian es gut sein lassen möchte. Möchte der natürlich nicht – auf in den langen, explosionsreichen, fantasievolle Todesarten zelebrierenden Schlussakt.

Bob Odenkirk spielt den Hutch. Odenkirk hat sich vor allem im Fernsehen – und da vor allem als Anwaltswiesel Saul Goodman in "Breaking Bad" (2009 – 2013) – einen Namen gemacht und im Kino prominente Kleinrollen ausgefüllt (Little Women – 2019; Die Verlegerin – 2017; The Spectacular Now: Perfekt ist jetzt – 2013; Cable Guy – Die Nervensäge – 1996; Lügen haben lange Beine – 1996). Als "Nobody" beweist Odenkirk nun letztgültig, dass er in der Lage ist, Genrestücke als Hauptdarsteller auf seinen Schulter balancieren zu können. Er hat prominente Begleiter in kleinen Nebenrollen an seiner Seite. Michael Ironside, in den 80er und 90er Jahren auf die Rolle der schurkischen Hackfresse abonniert (X-Men: Erste Entscheidung – 2011; Terminator: Die Erlösung – 2009; Starship Troopers – 1997; "Free Willy – Ruf der Freiheit" – 1993; Total Recall – Die totale Erinnerung – 1990; Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel – 1986; "Scanners – Ihre Gedanken können töten" – 1981), als sein rührender, dicker Schwiegervater und Christopher Lloyd, ewig kultiger Doc Brown aus den Zurück in die Zukunft-Filmen (1985, 1989, 1990), als sein mit allen Waffen gewaschener Vater, der froh ist, aus dem Ruhestand zurück kehren zu können.

Im Abspann deutet der Film eine Fortsetzung an und die wird uns – immerhin stammt "Nobody" aus der Feder von Derek Kolstad, dem Autor von John Wick – wohl auch nicht erspart bleiben, sollte der Film hinreichend viel Geld einspielen. Fortsetzungen werden diesen originellen Solitär naturgemäß verwässern. Aber das muss uns ja heute noch nicht kümmern.

Wertung: 5 von 8 €uro
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