Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter Theatermacher, der sie für sein neuestes Vorhaben zu gewinnen versucht – ein in den Tropen angesiedeltes Stück, die Rekonstruktion eines Falls.
Wenige Wochen später bricht sie auf, um sich der Theatergruppe auf ihrem Gang ins tiefe Innere des Urwalds anzuschließen. Dorothee Elmiger erzählt eine beunruhigende Geschichte von Menschen und Monstren, von Furcht und Gewalt, von der Verlorenheit im Universum und vom Versagen der Erzählungen …
aus dem Klappentext …
Dorothee Elmiger erzählt im Konjunktiv, erzählt von einer Autorin, die einen Preis erhält und eine Rede hält. Diese Rede dreht sich um eine Expedition in den südamerikanischen Regenwald. Wir hören einer Frau zu, die von einer Expedition berichtet, in deren Verlauf verschiedene Expeditionsmitglieder wiederum Biografisches erzählen – Konjunktiv im Konjunktiv – und sich dabei immer wieder auf Philosophen und Schriftsteller berufen. Das liefert jede Menge Geschichten, ist aber anstrengend zu lesen.
Die Ausgangssituation, die Expedition in den Regenwald, soll auf einer wahren Geschichte beruhen: 2014 verschwinden die beiden niederländischen Studentinnen Kris Kremers und Lisanne Froon während einer Wanderung in Panama. Monate später wurden Teile ihrer Leichen gefunden. Elmiger erfindet nun einen „Theatermacher“, der ebenso namenlos bleibt, wie die erzählende Protagonistin, die die Tour als Protokollantin begleitet. Der Theatermacher macht sich mit einem künstlerischen Team auf den Weg, die Reise der beiden Studentinnen nachzuempfinden, um daraus wohl später ein True-Crime-Theaterstück zu schmieden – zwei blonde junge Frauen auf dem Weg ins Herz der Finsternis.
Das Letztere im vorherigen Satz, das Herz der Finsternis ist der Titel einer Erzählung von Joseph Conrad, die 1899 erschien. Filmregisseur Francis Ford Coppola hat daraus seinen Vietnam-Film Apocalypse Now destilliert. Auch der deutsche Filmemacher Werner Herzog berief sich auf Erfahrungen aus dieser Erzählung, als er für seinen Film "Fitzcarraldo" einen riesiges Schiff über einen Bergkamm im Urwald ziehen ließ und darüber später ein Tagebuch veröffentlichte. Beide Namen, Coppola und Herzog, tauchen als Referenz in den Gesprächen der Expeditionsteilnehmer auf. Das "Herz der Finsternis" gilt ihnen als eine psychologische Metapher. Das Dunkle liege nicht in einem finsteren, noch unerforschten Dschungel, dem die Europäer die Segnungen der Aufklärungen bringen. Sondern in ihren eigenen Seelen, die ihnen unbekannt bleiben, weil sie sich davon mit immer blutigeren Eroberungen ablenken.
Und weil wir schon bei Aufklärung sind. Die Expeditionsteilnehmer lesen sich auch aus Adornos und Horkheimers "Dialektik der Aufklärung" vor: „Was ihn im Zusammenhang mit den Holländerinnen, was ihn auch im Zusammenhang mit einer Form von Horror interessiere, habe Tepper, der Amerikaner, gesagt, seien Sätze wie jener im ersten Kapitel, der besage, es dürfe »überhaupt nichts mehr draußen sein, weil die bloße Vorstellung des Draußen die eigentliche Quelle der Angst« sei, oder jener spätere über die Furcht, »dass das Selbst in jene bloße Natur zurückverwandelt werde, der es sich mit unsäglicher Anstrengung entfremdet hatte, und die ihm eben darum unsägliches Grauen einflößte«.“ Und also geht das Team in die Dunkelheit des unendlichen Waldes: „Der Pfad sei immer schlammiger, immer schwärzer geworden“. Und ein bisschen wird dann die Erzählerin mit Ängsten konfrontiert. Aber es geschieht nichts Grauen Einflößenderes, als dass den Leuten beim nächtlichen Fußmarsch pladdernder Regen in den Kragen rinnt. Der Horror, den Das Herz der Finsternis entblättert, findet nicht statt.
Man darf aber nicht erwarten, dass da noch was kommt. Für dieses Buch ist es ratsam, Germanistik und Literaturgeschichte studiert und sich eingehend mit Werk und Interviews von Dorothee Elmiger befasst zu haben. Ich habe das versäumt und so berufe nun auch ich mich auf eine Autorin. Marie Schmidt schreibt in der Süddeutschen Zeitung Ende August 2025: „Dorothee Elmiger ist eine Schriftstellerin, die nichts erfindet, ihre Bücher entstehen explizit aus der Beschäftigung mit dem, was vor ihr geschrieben worden ist.“ Dafür ist Dorothee Elmiger gerade mit dem Deutschen Buchpreis 2025 ausgezeichnet worden.
Das im deutschen Feuilleton hoch gelobte Buch entfaltet einen Kosmos von Geschichten und befasst sich gleichzeitig mit der Frage, was Autoren erzählen dürfen – nur selbst Erlebtes, oder auch Übernommenes, was dann einer kulturellen Aneignung nahe käme? Elmiger versucht, diesen Umstand zu berücksichtigen, indem sie als Autorin ihrer semifiktionalen Erzählung einen Schritt zurücktritt. Da ist diese Schriftstellerin, die ein bisschen auch Dorothee Elmiger sein könnte, die gerade in einer Schaffenskrise ist und also mag sie bei der oben erwähnten Preisverleihung nicht über ihr schriftstellerisches Wirken sprechen und erzählt statt dessen diese Expeditionsgeschichte, an der sie teilgenommen hat. Als hätte sie selber damit gar nichts zu tun, zitiert Elmiger diese Schriftstellerin durchweg in der indirekten Rede und gleitet in dieser dann nahtlos von einer Geschichte in die andere. Die Expeditionsteilnehmer erzählen sich nämlich, während sie den Weg der Holländerinnen nachvollziehen wollen, Erlebnisse und Geschichten aus ihrem Alltag – natürlich auch alles im Konjunktiv geschrieben – die mit der Haupthandlung aber nichts zu tun haben; manchmal sind es Assoziationen auf im Urwald gesehenes, manchmal nicht; vielleicht sind es Metaphern und dahinter verbergen sich Zitate früherer Autoren, die mir aber verschlossen bleiben.
Ja, trotz der schwierigen Sprache gleite ich beim Lesen flüssig durch verschiedene Welten, so als würde ich eine seltsam zusammengestellte Geschichtensammlung vor mir haben. Ich bekomme sie aber nicht zu einem Ganzen verflochten und erkenne auch den Sinn dahinter nicht. Auf die so grauenvolle Frage des Deutschlehrers Was möchte uns die Autorin mit ihrem Buch sagen?, müsste ich entweder literarisch fantasieren, wie oben, oder ehrlicherweise sagen Keine Ahnung! So endet "Die Holländerinnen" als unbefriedigende, leere Leseerfahrung.
Ich habe "Die Holländerinnen" zwischen dem 2. und 4. November 2025 gelesen.
Die Autorin:
Dorothee Elmiger, geboren 1985 in der Schweiz, lebt als freie Autorin und Übersetzerin in New York. Ihre Bücher "Einladung an die Waghalsigen" (2010), "Schlafgänger" (2014) und "Aus der Zuckerfabrik" (2020) wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, für die Bühne adaptiert und vielfach ausgezeichnet.
