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Plakatmotiv: Der General (1926)

Buster Keatons Bürgerkriegsdrama
gerät zum visionären Filmereignis

Titel Der General
(The General)
Drehbuch Clyde Bruckman & Al Boasberg & Charles Smith
nach der literarischen Vorlage "Daring and Suffering: a History of the Great Railroad Adventure" von William Pittenger
Regie Buster Keaton + Clyde Bruckman, USA 1926
Darsteller

 u.a.

Genre Action
Filmlänge 78 Minuten
Deutschlandstart
4. April 2027
Inhalt

1862, Südstaaten der USA: Johnnie Gray hat zwei Leidenschaften – seine Lokomotive, die "General", und seine Freundin, Annabelle Lee. Als der Bürgerkrieg ausbricht, wird es Johnnie zunächst verweigert, an die Front zu gehen. Bei der Armee befindet man, er könne als Lokführer nützlicher sein. Von Annabelle und ihrer Familie wird dies als Feigheit interpretiert – sie brechen den Kontakt ab.

Ein Jahr später sitzt Annabelle mit ihrem Vater in Johnnies Eisenbahn, als bei einem Zwischenstopp Nordstaatler den Zug entführen. Doch sie haben die Rechnung ohne den Lokführer gemacht: Plakatmotiv: Der General (1926) kein anderer als Johnnie höchstpersönlich. Bei dem Versuch, seine Lok und Annabelle zurückzuerobern, gerät er immer tiefer in Feindesland. Dabei stößt er auf die Angriffspläne des feindlichen Lagers. Diese Spionageleistung ermöglicht es ihm nicht nur, Annabelle und die "General" zu retten, sondern auch, einen Yankee-General gefangen zu nehmen. Bei seiner Rückkehr wird er als Held gefeiert und mit Liebe belohnt …

Was zu sagen wäre

Das Leben miteinander kann so einfach sein. Er liebt sie. Sie liebt ihn. Die Konföderierten wollen ihn, den wertvollen Lokführer, nicht im Kampf gegen die Unionsstaaten an der Front verheizen und lehnen seine Einberufung ab. er könnte also heimgehen, seine Liebste ehelichen und weiter seinem ebenso geliebten Beruf auf der Lokomotive nachgehen.

Wenn sie nur miteinander gesprochen hätten. "Der General" ist ein herausragender Vertreter aus der Stummfilmära, aber daran hat's nicht gelegen. Die großen Dramen sind meist deshalb groß, weil die Menschen schweigen statt sprechen, egal ob im Stumm- oder im Tonfilm. Lokführer Johnnie schämt sich, dass die Armee ihn nicht will und lässt – in jener Zeit männlicher Vorherrschaft ein grober Fehler – über die wahren, ja sehr ehrbaren, erhabenen Gründe auch die potenziellen Schwiegervater und Schwager im Unklaren. Und während die Braut sich von ihm abwendet, sich die Männer der kleinen Stadt kriegsbesoffen in den Armen liegen, geht für den einsamen Johnnie ein Jahr ins Land, klauen die Nordstaatler seine Lokomotive und wollen auf dem Weg in den Norden alle Brücken hinter sich sprengen. Der Zugraub fällt nur Johnnie auf, der sich einsam und alleine in den Kampf wirft, seinen Zug zurückzuerobern.

Die einfachen Geschichten sind im Kino die besten

Das ist im wesentlichen die Geschichte dieses 1926 entstandenen, sehr modernen Films – einem Medium, das zuerst von der Kinetik seiner Objekte lebt: Mann jagt Zug, rettet das Mädchen und sichert den Sieg in der Schlacht. Dass die Konföderierten aus dem Süden diesen Bürgerkrieg im Ganzen (1861 bis 1865) später nicht gewonnen haben, ist kein Ausblenden der Geschichte durch stockkonservative Filmproduzenten. Der Film beruft sich auf wahre Begebenheiten und basiert auf dem historisch verbürgten Andrews-Überfall vom 12. April 1862 – drei Jahre vor Ende jenes Krieges. Buster Keaton hat allerdings die Perspektive der historischen Vorlage, Williams Pittengers Buch The Great Locomotive Chase, geändert. Dem geschilderten Ablauf der Verfolgungsjagd blieb er treu. Aber nicht mehr die nordstaatlichen Spione waren in seiner Geschichte die Helden, sondern der südstaatliche Lokomotivführer, der die Verfolgung seiner entführten Lok aufnimmt: „Man kann aus den Südstaatlern keine Gegenspieler machen. Das Publikum lehnt das ab. Die haben den Krieg ohnehin verloren.“ Zudem verwarf Keaton die tatsächliche Auflösung des historischen Vorfalls. Die damaligen Spione gaben die entführte Lokomotive schließlich auf, wurden von südstaatlichen Soldaten aufgespürt und erschossen beziehungsweise erhängt. Statt dessen setzte er eine Liebesgeschichte und die dramatische Rückentführung der Lokomotive hinzu.

Buster Keaton interessiert neben diesen politischen Fragen sehr die Macht der Kinetik. Was passiert, wenn etwas passiert? Was löst was aus? Erst löst das erwähnte Schweigen ein Drama aus. Das Drama sorgt dafür, dass der Zugraub nicht unentdeckt bleibt. Das wiederum setzt unseren Helden Johnnie in Bewegung, auf eine zweite Lokomotive, um die gestohlene zurückzuholen. Plakatmotiv (US): The General (1926) Da jagen sich als zwei Lokomotiven durch kurvige Waldlandschaften, jeweils mit angehängtem Tender und Waggon, der erste wirft dem verfolgenden Baumstämme in den Weg, also auf die Gleise, die Johnnie erfindungsreich wieder entfernt und gleichzeitig eine angehängte Kanone scharf macht, die aber starr geradeaus, also auf den eigenen Zug, gerichtet ist; wie gesagt, die Strecke ist kurvig, da verändert sich die Bedeutung von starr geradeaus dauernd.

"Der General" als Blaupause für das Kino der 1970er ff Jahre

Das muss der Film sein, der ungefähr den einen meiner Kinohelden inspiriert hat! Buster Keaton packt in "The General" alles, was das moderne Kino meiner Generation (*1961) als innovativ empfand. Der Film von 1926 wird gerade 100 Jahre alt und wäre er nicht in diesem etwas kontrastschwachen Schwarz-Weiß und hätte dieses altmodische 4:3-Format, könnte mann irrigerweise behaupten, der ist vielleicht 40 Jahre alt.

Starr vor Staunen sitze ich vor meinem Monitor, auf dem "Der General" läuft und erkenne Steven Spielbergs Champagnerkübel-Eiswürfel-Szene aus dem Opening aus Indiana Jones and the Temple of Doom. Und Keaton schafft diese Verwirrung von Echt und Falsch mit ein paar alten Schuhen, die noch nicht so dramatisch ist, wie 38 Jahre später die hektische Jagd nach dem Gegengift in einer Phiole zwischen lauter Eiswürfeln und flüchtenden Füßen – aber inhaltlich eben doch wegweisend; auch auf so eine – aus unserer heutigen Sicht innovativen Idee – muss erst einmal jemand kommen. Johnnie verliert mit seiner (aus Gründen) in einen Sack verschnürten Geliebten auf der Schulter auf hektischer Flucht einen Schuh, findet in einem zweiten von vielen weiteren Säcken einen ganzen Haufen von Schuhen, aber erst einmal keinen, der ihm passt. Während die Unionisten näher kommen.

Ein Ballett aus fliegenden Baumstämmen

Oder die Sache mit dem Kohletender und den Holzscheiten: In höchster Bedrängnis wirft Keaton große Holzstämme auf den Tender seines langsam rollenden Zuges, um in kürzester Zeit möglichst viel Holz für den Ofen seines Lokomotivantriebs zu bekommen. Dabei schafft er es in unnachahmlichem Ballett, diese Holzstämme einfach über den Tender drüber, also ins Nichts, zu werfen, oder aber mit einem Holzstamm einen vorherigen Holzstamm wieder vom Tender zu kegeln oder schließlich ins Leere zu werfen, weil die Lokomotive hinter ihm längst Fahrt nach rechts aus dem Bild aufgenommen hat.

Natürlich müsste ich Spielberg, den Promoter des zeitgenössischen Kinos meiner Generation, fragen – oder ich hätte Filmwissenschaften studieren müssen: Dann wüsste ich, wie weit Buster Keatons "Der General" Spielbergs Timing beeinflusst – oder besser: entwickelt – hat. Dieses In-höchster-Gefahr-immer-noch-einen-Draufsetzen erinnert mich an Jurassic Park, wenn der T-Rex seinen ersten Auftritt hat und kurze Zeit später der Jeep mit den Kindern hinter der Absperrung zum Gehege abrutscht und durch immer noch einen krachenden Ast tiefer in die Hölle kracht, sie sich aus dem Jeep befreien können und tiefer Kletter, während nun der nachrutschende Jeep wieder zur Gefahr wird. Buster Keaton hat diese Art Dramaturgie schon 1926 in "The General" ausprobiert.

Aus der Komödie wird eine Geschichtsstunde

Keaton erzählt 78 Filmminuten lang eine straighte Geschichte, der man im Stummfilm mit Texttafeln gut folgen kann. Er erzählt aber nicht auf kurzfristige Pointen hin. Eigentlich ist der Film gar nicht lustig. Die Lacher, die er hat, provoziert er durch die damalige Limitierung auf Bild, Mimik, Handkurbelkamera, die normale menschliche Aktionen in diese hibbeligen Slapstick-Bewegungen verwandelt, und Musik. Da entstehen beinahe zwangsläufig Szenen, die lustig sind. Aber im Kern ist "The General" von Buster Keaton ein Actionfilm, sogar ein Actiondrama. Wohl deswegen fiel er beim Publikum damals auch durch. Plakatmotiv: Der General (1926) Das Publikum war kurze Slapstick-Inszenierungen gewohnt, die Laurel und Hardy im Jahrzehnt nach "Der General" zur Perfektion getrieben haben.

Das Werk entstand am Höhepunkt von Keatons Ruhm und gilt als eine der teuersten Komödien der Stummfilmära. Der Misserfolg der Produktion bei Publikum und Kritikern brachte das Ende von Keatons künstlerischer Unabhängigkeit. Als Ende der 1950er Jahre seine mittlerweile vergessenen Stummfilme wiederentdeckt wurden, stand "The General" im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Heute möchte ich sagen: Keatons Inszenierung dieses Eisenbahndramas ist visionär; ist auf Jahrzehnte hinaus stilbildend für die Genre-Branche in Hollywood. Arthur PennMartin Scorsese, Steven Spielberg, Francis Ford Coppola, George Lucas haben aufmerksam hingesehen und für ihre ganz unterschiedlichen Dramen ihre inszenatorischen Schlüsse gezogen.

Beeindruckendes Film-Handwerk mit schwerem Gerät

Dabei bringt uns Buster Keaton zu den Ursprüngen des Kinos zurück: eine Aktion, eine Kamera und ein Mensch, der beides miteinander zu einem Kunstwerk verbindet. Keaton hat gigantisch schwere Kameras in Bewegung gebracht, um filigrane Menschen auf schwerfälligen, rasenden Transportmaschinen zu inszenieren. Er ist ein Architekt jener Kultur, dem schwerfälligen Filmdreh erst die lebendige Bewegung beizubringen.

Keaton sagte am Ende seines Lebens, dieser Film erfülle ihn mit mehr Stolz als jeder andere, weil er sich um größtmögliche historische Glaubwürdigkeit bemüht hatte. "Ein komischer Film muss genauso sorgfältig und genau zusammengesetzt werden wie die Zahnräder einer Uhr." Die Uhr für diesem Film ähnelt Schweizer Präzision.

Wertung: 6 von 6 D-Mark
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