Lenny Bruce geht nicht den einfachen Weg: Er steht in den 50er und 60er Jahren auf den kleinen Bühnen kleiner Nachtclubs und erzählt Witze, über die keiner lacht. Dann lernt er Honey kennen, eine Striptänzerin. Die beiden verlieben sich und heiraten und Lenny lernt Sex sells. Als er anfängt, auf der Bühne obszöne Gesten zu machen und kein Blatt mehr vor den Mund nimmt, wird er berühmt. Gemeinsam mit Honey zieht er durch das Land – gefeiert von den einen, gehasst von den anderen.
Seine Tabubrüche bringen ihm am laufenden Band Ärger mit dem Gesetz. Doch was ihn aus der Bahn wirft, sind nicht die Aufenthalte im Gefängnis, sondern die Drogen, von denen vor allem Honey nicht die Finger lassen kann, das Wohl der gemeinsamen Tochter gefährdet, bis Lenny die Scheidung beantragt …
Lenny Bruce ist ein realer Charakter im Sinne von es hat ihn wirklich gegeben. Er wurde 1966 tot aufgefunden. Ich kannte Lenny bis zu Bob Fosses Film von 1974 nicht, also persönlich sowieso nicht aber auch sonst nicht, als der Film im Mai 1975 in unsere Kinos kam, war ich gerade mal 14 geworden. Ich hätte außer „Titten“, „Ärsche“, „Schwanzlutscher“ und ähnlich gelagerten Kraftausdrücken, die Lenny Bruce im Film unablässig benutzt, nichts Aufregendes an dem Typen finden können. Witziges schon gar nicht. Tatsächlich sehe ich "Lenny" 1984, also zehn Jahre später, da sind einerseits die Happy-Go-Lucky-70er Jahre vorbei, der gesellschaftliche Konsens ein entspannterer, also einer, der sich über solche Begriffe nicht mehr aufregt, und ich noch weiter davon entfernt, Lenny Bruce und seine Zeit nachvollziehen zu können. Aber den Film als Film, als visuelles Kunstwerk mag ich.
Der Film siedelt in den 1950er und 60er Jahren in einer bigotten Gesellschaft. Männer, Frauen, Priester und Staatsanwälte vergnügen sich in Stripclubs, säfteln den blank ziehenden Tänzerinnen nach und regen sich über einen Mann auf, der im Club nebenan das Sexleben des amerikanischen Durchschnittspaares satirisch seziert, über die Gier der Männer und die Lust der Frauen, die sich nach der Eheschließung in die Migräne der Frauen und die Gier der Männer auf andere Frauen verwandelt.
Tatsächlich sind die ersten Lenny-Auftritte im Film gar nicht komisch. Da kommen auch noch keine Kraftausdrücke vor, dafür fragt man sich, wer überhaupt diesen ganz und gar unkomischen, eher peinlich vor sich hin brabbelnden Menschen in seinem Club auf die Bühne lässt.
Als der Film, der betont, dass „Namen, Schauplätze und Gerichtsprotokolle alle authentisch“ seien, damals ins Kino kam, verursachte er im Feuilleton einiges Blätterrauschen; es ging um Meinungsfreiheit, den Vietnamkrieg und die verlogene westliche Gesellschaft. Und Biografen erklärten, dass der im Film dargestellte Lenny Bruce mit dem historischen Lenny Bruce wenig gemein habe. Ich kann nur über den im Film gezeigten Lenny sprechen. Und der ist nicht lustig. Nachdem er seine spätere Frau, eine Stripperin kennengelernt hat, die Valerie Perrine (Schlachthof 5 – 1972) als lebenslustigen Profi, der in die Drogen abstürzt, spielt, und seine Sprüche über die gelebten Sexpraktiken der Amerikaner ausprobiert, wird deutlich, dass die verklemmte Gesellschaft darauf noch nicht vorbereitet ist.
Bob Fosse leitet seinen Film extra mit der Bemerkung ein, dass es heute „grotesk“ erscheine, dass man, „einen Mann, der als das Gewissen Amerikas bekannt wurde, verfolgte und vor Gericht stellte, nur, weil er Formulierungen gebrauchte, die heute völlig selbstverständlich erscheinen, damals immer wieder vor Gericht gestellt“ habe. Das ist richtig und dennoch erschließt sich Lennys Motivation auf der Bühne im Film nicht. Der echte Lenny war eine Zeit lang sehr erfolgreich, brachte sogar Schallplatten mit seinem Programm heraus. Wie die Gesellschaft in der gezeigten Zeit wirklich drauf war, zeigt Fosse nicht. Zwar zeigt er Polizisten, Staatsanwälte und Richter, die den Bühnenmann verhaften und verurteilen, aber wie eigentlich das einfache Volk reagierte bleibt bis auf ein paar eingeschnittene Lacher außen vor. Im Film, und nach dem Film, kann ich nur mutmaßen, dass die reichlich in die Shows kommenden und zahlenden Zuschauer Lennys offene Sprache in verklemmter Zeit mochten, dass sie aufregend fanden, dass da einer aussprach, was sie höchsten leise zu denken wagten? Was aber wollten die Staatsorgane mit Lennys Verhaftung verhindern, zum Schweigen bringen, zensieren?
Da bleibt eine Leerstelle im Film, der die ganze Zeit sehr nahe bei dem keineswegs immer sympathischen Lenny Bruce bleibt. Dustin Hoffman zeigt einen bemerkenswert ambivalenten Auftritt (Papillon – 1973; Wer Gewalt sät – 1971; Little Big Man – 1970; "Asphalt Cowboy" – 1969; Die Reifeprüfung – 1967). Fosse dreht in Schwarz-Weiß mit Licht und Schatten in harten Kontrasten, die Titelfigur ist häufig von Dunkelheit umgeben. Das engt die Welt des Lenny Bruce auch optisch ein; er lebt sichtbar in einer klein(geistig)en Welt. Womöglich bin ich zehn Jahre zu spät geboren, um die zeitgeschichtliche Brisanz des Films ohne Studium korrekt einordnen zu können – als der Film rauskam entblätterte sich der Vietnamkrieg gerade als herbei gebombte Katastrophe durch die US-Regierung, der Nixon-Watergate-Skandal blühte und hier zeigte ein Film offen die bigotte Doppelzüngigkeit einer verklemmten, religiös unterwanderten US-Justiz gegen einen Mann, der in amerikanische Schlafzimmer blickte, dabei wirkte wie ein gesprochener Porno und deutlich machte, dass Bilder von getöteten Soldaten, von der vor den Kugeln des Attentäters flüchtenden Jacqueline Kennedy aus dem offenen Cabriolet in Dallas überall gezeigt werden können, während Pornofilme, in denen Menschen 90 Minuten nichts anderes austauschen, als mehr oder weniger heftige Zärtlichkeiten, streng verboten sind.
