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Plakatmotiv: Tully (2018)

Ein wunderbares Märchen
aus dem Alltag einer Mutter

Titel Tully
(Tully)
Drehbuch Diablo Cody
Regie Jason Reitman, USA 2018
Darsteller

Charlize Theron, Mackenzie Davis, Ron Livingston, Asher Miles Fallica, Lia Frankland, Diane Lane, Mark Duplass, Elaine Tan, Gameela Wright, Tattiawna Jones, Stormy Ent, Maddie Dixon-Poirier, Bella Star Choy, Dominic Good, Joshua Pak, Emily Haine u.a.

Genre Komödie, Drama
Filmlänge 95 Minuten
Deutschlandstart
31. Mai 2018
Inhalt

Marlo, die mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern in einem New Yorker Vorort lebt, hat Familienstress: Zwar ist ihre achtjährige Tochter Sarah pflegeleicht, Sohn Jonah aber zeigt Anzeichen von Autismus; und das jüngste Kind im Trio ist die gerade geborene Mia, die entsprechend viel Aufmerksamkeit benötigt. Marlo braucht dringend Ruhe!

Den Vorschlag ihres Bruders Craig, eine Night Danny anzuheuern, schießt sie zunächst in den Wind – bis die Verzweiflung dermaßen gewachsen ist, dass sie doch eine Hilfe engagiert: Tully. Von nun an kommt die junge Frau immer spätabends, übernimmt die Baby-Schicht und lässt die Mutter schlafen, solange sie nicht stillen muss.

Marlo kann endlich wieder Energie schöpfen. Und nicht nur das. Zwischen der schlauen, witzigen, ebenso jungen wie lebenserfahrenen Nanny und Marlo entwickelt sich rasch eine einzigartige Freundschaft …

Was zu sagen wäre

Schwer zu sagen, was das eigentliche Wunder dieses Films ist: Dass ein Mann diesen Film über eine Frau gemacht hat, die in Nöten steckt, die Männer gerne nicht erkennen wollen? Dass Charlize Theron diese dreifache Mutter mit (wieder mal) Mut zur Fettleibigkeit spielt und dabei auch noch so schön ist, wie in ihren Amazonenrollen? Oder einfach Mackenzie Davis, die eine sehr lebendige Night Nanny spielt? Wahrscheinlich bilden alle drei das Wunder dieses Films.

Jason Reitman hat die Gabe, schwierige Stoffe einfach aussehen zu lassen (#Zeitgeist – 2014; Labor Day – 2013; Young Adult – 2011; Up in the Air – 2009; „Juno“ – 2007; „Thank You for Smoking“ – 2005). Easy Going, ohne die Probleme dabei zu kaschieren. Junges Mutterglück ist scheiße. Also … nicht wirklich scheiße. Aber eben auch nicht dieses erhabene Sie-geben-doch-auch-so-viel-Glück, in dessen Strudel Hollywood gerne taucht. Reitman zeigt den dauernden Druck einer Frau mit Kindern ungeschminkt: zu wenig Zeit, als Cupcake-Mutter an der Schule ein Totalausfall, ein Ehemann, sympathisch und liebenswert, den man zum Vatersein aber tragen muss – ohne Weichzeichner. Aber eben auch ohne den eine achtlose, aber fordernde Gesellschaft anklagenden Zeigefinger.

Er hat Charlize Theron an seiner Seite, die wiederum in Reitman offenbar die perfekte Fluchtperspektive einer vielseitigen Schauspielerin gefunden hat. Sie hat ihre sprichwörtliche Kalenderschönheit schon oft für ambitionierte Filmprojekte in der Maske gelassen (“Kaltes Land“ – 2005; “Monster“ – 2003). Sie hat zuletzt die drahtige Kämpferin gegeben, die sich mit sehnigem Körper in die Schlacht wirft (Fast & Furious 8 – 2017; Atomic Blonde – 2017; Mad Max: Fury Road – 2015; A Million Ways to Die in the West – 2014; Prometheus - Dunkle Zeichen – 2012). 2011 hat sie für Reitman schon sowas wie die Marlo-Rolle in “Tully“ auf negativ gewendet schon gespielt. In Young Adult spielte sie eine Autorin Ende 30, die sich immer noch als Teenage-Wildfang begreift. Jetzt spielt sie die ihrer Kraft beraubte Mutter, der ein ebensolcher Wildfang – aber in strahlender Laune – auf die Sprünge zurück ins Leben hilft. Theron schiebt souverän einen massigen Mutterkörper durch die Kulisse, fällt ungerührt aus ihrem Hautcreme-Image. Das von ihr aufgeführte Dasein als Mutter dreier Kleinkinder wirkt realistisch, ungeschönt, aber nie ablehnend. Es ist halt fordernd. Das will sie zeigen. Reitman ist da der Regisseur ihres Vertrauens.

Mackenzie Davis spielt Reitmans neue „Young Adult“. Die Kanadierin spielt hier die 26-jährige, lebenskluge Night Nanny, die Marlo zurück ins Leben hilft. Tully erscheint im bauchfreien Top, was wirkt, als käme da eine überdrehte Überforderte; sie entfaltet dann aber eine tiefenentspannte, leicht hippieske Seele, in deren Armen das Baby sofort tief einschläft. Abgesehen von einer Trinkpause schläft Marlo zum ersten mal seit Wochen durch; am Morgen ist nicht nur die Wohnung aufgeräumt, sondern auch noch Muffins gebacken.

Vor 20 Jahren wäre Mackenzie Davis im Kino wahrscheinlich als Meg-Ryan-Lookalike verheizt worden. Die Zeit für solche Filme ist aber soweit man weiß vorbei. Davis ist ein Gesicht für morgen. Die 31-Jährige arbeitet sich nachhaltig mit bleibenden Nebenrollen nach vorne (Blade Runner 2049 – 2017; Der Marsianer – Rettet Mark Watney – 2015; “Für immer Single?“ – 2014; The F-Word – 2013). Jetzt sollte bald mal ein Regisseur, eine Regisseurin kommen, der/die diese starke Ausstrahlung in die erste Besetzungsreihe schiebt. Als Tully ist Davis ein zauberhafter, selbstloser Engel, der alles hat, was Marlo an sich seit Jahren vermisst. Sie und die erfahrenere Theron spielen, als würden sie sich schon lange kennen oder, als hätten sie sich am Set auf Anhieb sehr gut verstanden. Deren Chemie funktioniert miteinander.

Unweigerlich warte ich auf das Geheimnis, das Tully verbirgt, verbergen muss. Manche Erzählfäden bleiben unauffällig einfach liegen und werden nicht mehr weitergesponnen. Seltsam gesetzte Bildschnitte werfen Fragen auf. Auf eine Killer-Nanny im Gewand des zuckersüßen Mädels brauchen wir nicht warten. Das wäre kein Jason-Reitman-Film. Und die beiden Frauen werden ja auch immer entspannter, erzählen sich intime Details, Marlo denkt wieder oft an ihre eigene Jugend, ein Abenteuergeist erwacht. Und natürlich hat Tully ein verblüffendes Geheimnis. Es reicht zu sagen, dass es mir die Tränen in die Augen treibt. Eine Midlife Crisis kennen eben nicht nur Männer gut. Frauen auch – weiß die Drehbuchautorin.

Geschrieben hat das Buch die Schriftstellerin und Drehbuchautorin Diablo Cody, dreifache Mutter, um genau zu sein. Mit „Tully“ ist sie in ihrem Element. Begonnen hat sie als feministische Stripperin, über deren Leben in der Rotlichtwelt sie regelmäßig bloggte und, als genug Stoff zusammen war, ein Buch daraus formte. Die Hollywood-Industry überzeugte sie mit dem Script zu “Juno“, einem ungewöhnlich klaren Blick auf eine Teenager-Schwangerschaft. Damit fand sie auch ihren Bruder im Geiste, Jason Reitman, der bei “Juno“ Regie führte. Das Buch wurde mit einem Oscar ausgezeichnet. In Young Adult, Codys nächster Streich, stieß Theron zu den beiden, und 2015 schließlich, Cody war gerade zum dritten Mal Mutter geworden, das Neugeborene plärrte nebenan, schrieb sie “Tully“.

Nun bin ich natürlich weder eine Frau noch habe ich Kinder. Ich kann also überhaupt nicht mitreden. Aber ich verstehe nach diesem Film einige Freundinnen besser, verstehe, was sie umtreibt. Jason Reitman hat in diesem Genre „Frauen brechen aus den Konventionen aus und erklären Männern was“ ein Alleinstellungsmerkmal.

Wertung: 8 von 8 €uro
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