Plakatmotiv: Aus dem Nichts
Kino gewordene Leidenschaft
eines wütenden Filmemachers
Titel Aus dem Nichts
Drehbuch Fatih Akin + Hark Bohm
Regie Fatih Akin, Deutschland, Frankreich 2017
Darsteller Diane Kruger, Denis Moschitto, Johannes Krisch, Ulrich Tukur, Samia Muriel Chancrin, Numan Acar, Rafael Santana, Hanna Hilsdorf, Ulrich Brandhoff, Uwe Rohde, Karin Neuhäuser, Christa Krings, Siir Eloglu, Jessica McIntyre, Henning Peker u.a.
Genre Drama, Crime
Filmlänge 106 Minuten
Deutschlandstart
23. November 2017
Website inthefadefilm.com
Inhalt

Katja ist mit dem Kurden Nuri Sekerci verheiratet, mit dem sie gemeinsam einen 5-jährigen Sohn, Rocco, hat. Sie leben in Hamburg. Seit Rocco auf der Welt ist, arbeitet Nuri nicht mehr als Drogenhändler. Im Gefängnis hat er BWL studiert und betreibt nun in Hamburg ein Übersetzungs- und Steuerbüro.

Katja hatte Rocco am Nachmittag ins Büro ihres Mannes gebracht und als sie abends zurückkommt und ihn und Nuri abholen will, ist die Straße abgesperrt. Ein Polizist sagt ihr, dass bei einem Anschlag mit einer Nagelbombe ein Mann und ein Kind getötet worden seien. Kurz vor dem Anschlag hatte Katja am Tatort noch eine blonde junge Frau gesehen, die ihr Fahrrad nicht abschließen wollte, obwohl es nagelneu war, und in ihrem Fahrradkorb lag ein schwarzer Behälter. Trotz dieses Hinweises ermittelt die Polizei erst einmal in eine andere Richtung. Sie geht von einem Racheakt unter Drogenhändlern aus, und der zuständige Kommissar fragt Katja zuerst, ob Nuri Moslem gewesen sei. Nach einer DNA-Analyse, mittels Zahnbürsten, bestätigt sich, dass es ihr Mann und ihr Sohn waren, die bei dem Anschlag ihr Leben verloren.

Die Polizei beginnt ihre Ermittlungen mit der Durchsuchung von Katjas Wohnung und leuchtet Nuris Kontakte aus, weil sie den Verdacht hat, sein kurdischer Hintergrund könnte etwas mit der Tat zu tun haben. Man geht von einer Auseinandersetzung verfeindeter ausländischer Organisationen oder von einer persönlichen Rachegeschichte aus. Nachdem sich dieser Ermittlungsansatz als falsch erweist, fasst die Polizei zwei Verdächtige, André und Edda Möller, ein junges Neo-Nazi-Paar mit internationalen Verbindungen. Die Staatsanwaltschaft erhebt gegen beide Anklage wegen heimtückischen Mordes.

Je länger der Prozess dauert, desto unsicherer wird eine Verurteilung, obwohl die Beweise doch so erdückend scheinen. Katja verliert den Boden unter den Füßen …

Was zu sagen wäre
Fatih Akins Film zeigt, wie der Staat Wutbürger produziert. Und er bietet keinen Ausweg. Der Mensch und die irrationale Wärme seiner engsten Umgebung stehen immer im Widerspruch zu den kühl zu kalkulierten Interessen eines objektiven Staates, der sich gleichzeitig um 82 Millionen Menschen und deren jeweils wärmendes Umfeld kümmern muss. Ein Widerspruch, den Lischen Müller und Otto Normalverbraucher erleben, sobald sie Kontakt zu Behörden aufnehmen – da werden Fristen gesetzt, Zwangsgelder angeordnet, die kaum Rücksicht auf das Individuum nehmen. So weit, so Binse. Soll man darüber einen Film machen?

Unbedingt. Wenn die Regie die Gewichte nur richtig verschiebt, möchte man im Kinosessel irgendwann vor hilfloser Wut platzen und hat am Ende was verstanden. Schief geht so etwas, wenn man alle Seiten gleichmäßig ausleuchtet, um das Verständnis des Zuschauers auf die komplexen Zusammenhänge des Großen Ganzen zu lenken, also das zu machen, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen gerne am Freitag- und Sonntagabend macht, wenn es seine Zuschauer nicht verstören möchte. Die bleiben dann allein zurück auf ihrem Sofa, aufgeklärt und müde – das kennen sie aus den jüngsten Wahlsendungen, wenn die Kanzlerkandidatinnen einem unterbezahlten Sozialarbeiter mit 60-Stunden-Woche mitfühlend erklären, dass die komplexen Zusammenhänge der Globalisierung bedauerlicherweise verhindern usw. …

Aufrütteln aus der Degeto-Seligkeit

Fatih Akins „Aus dem Nichts“ ist kein Degeto-Fernsehabend, er erzählt auch nicht von Kanzlerwahlkämpfen und komplexen Zusammenhängen. Die lange Vorrede gerade eben war nötig, um die Gefahr zu verdeutlichen, die in diesem Film steckt, wenn ihn der Zuschauer einfach so auf seinem Sofa an sich vorbei ziehen ließe; der Film würde ihn tatsächlich verstören. Er erzählt konsequent subjektiv die Geschichte einer Selbstjustiz; und weil der Regisseur türkische Wurzeln hat, liegt die Vermutung nahe, dass er seinen Film auch mit einer gehörigen Portion NSU-Wut im Bauch gedreht hat – da ähnelt „Aus dem Nichts“ Oliver Stones JFK – Tatort Dallas (1991); auf die NSU-Morde zwischen 2000 und 2006 und deren bis heute nicht abgeschlossene Aufklärung nimmt Akin im Abspann extra Bezug, ohne dass das Nazi-Kürzel im Film selbst auch nur einmal aufgetaucht wäre.

Als zu Beginn des Films Katja ICH-WILL-ZU-MEINER-FAMILIE-schreiend sich zu ihrer ausgebombten Familie durchkämpft, wird sie von drei Polizeibeamten am Boden fixiert, die beruhigend – man könnte aber auch sagen, gefühllos – auf sie einreden, Bleiben Sie ruhig. Die Beamten können keine Rücksicht nehmen auf das verzweifelte Bündel Mensch, das wenigstens den Tatort verwüsten, durchaus aber auch Schlimmeres, gänzlich Unbedachtes machen könnte – so, wie sie schreit. Man kann den Beamten da gar nichts nachsagen. Aber im Kinosessel möchte ich sie wegen ihrer augenscheinlichen Kälte verprügeln. Akin zeigt in dieser Szene im Kleinen, was sich nun im Großen wiederholen wird: die Verzweifelung eines Bürgers, dem Unrecht widerfährt (in diesem Fall grauenvolles Unrecht), im Angesicht eines Staates, der sich objektiv an Recht und Gesetz halten – und dabei die Gefühle des Einzelnen ignorieren – muss. Im täglichen Allerlei mit Behörden, Knöllchen, Finanzamt hat der Durchschnittsbürger seinen Frust im Griff, ballt vielleicht mal die Faust in der Tasche; bis eine Grenze überschritten wird, die jeder individuell für sich zieht – dann wird er zum Wutbürger, hat die Schnauze voll, packt die Pumpgun aus, tritt aufs Gaspedal, was auch immer. Die öffentliche Meinung hat für solche Ausfälle wohlfeile Etiketten parat: „Amokläufer“ oder „Spinner“. Bei Fatih Akin ist es eine Hausfrau, Witwe und Mutter einer weggebombten Liebe. Bleiben Sie ruhig.

Dem Zuschauer seine Vorurteile um die Ohren hauen

Die Täter, die zu Beginn die Bombe legen, die Ehemann und Sohn tötet, sind Neo-Nazis oder nur Nazis, Mörder, auf jeden Fall böse; Akin interessiert sich nicht besonders für sie – im Gerichtssaal zeigt er sie hämisch lächelnd oder mit drohendem Blick, später lässt er sie über die „Türkenf***e“ herziehen, ihr Anwalt ist ein charismatisches Arschloch, dass die Paragraphen und juristischen Kniffe beherrscht und sich für zerfetzte Ehemänner und Jungs nur interessiert, weil für ihn ein Mandat herausspringt. Das ist nicht Akins Sicht auf die Angeklagten, die für sich die Unschuldsvermutung reklamieren dürfen. Akin interessiert sich deshalb nicht für sie (und auch nicht für das Kleinklein juristischer Prozesse, die sich bis zum Obersten Gerichtshof ziehen können), weil er sich ganz auf die Seite seiner Hauptfigur schlägt, die ihre Familie in Fleischfetzen verloren hat, wie sehr eindrücklich eine stoische Pathologin in einer langen Einstellung im Gerichtssaal erzählt.

Und das ist keine einfache Familie, die Fatih Akin uns da vorsetzt. Der Ehemann, ein Kurde – Kurden kennen die Deutschen vornehmlich als Befreiungskämpfer oder als Terroristen – , war im Knast wegen Drogendelikten. Die großflächig tätowierte Katja, eine abgebrochene Kunststudentin, war eine seiner Kundinnen, bis er ins Gefängnis kam, wo die beiden dann geheiratet haben. Da muss der deutsche Durchschnittszuschauer schon erstmal freiwillig über ein paar Vorurteile hüpfen, um beim konzentrierten Zuschauen dann eine liebevolle Familie kennenzulernen. Die drei haben eine schöne – ihre einzige gemeinsame – Szene in Nuris Steuerberatungs–, Übersetzungs– und Reisebüro-Laden, die den Durchschnittszuschauer mit der in Deutschland gar nicht so ungewöhnlichen Misch-Familie vertraut macht – wir erleben liebevolles Herumgealbere, Frotzeleien, ein Familiengespräch wie improvisiert, als hätte die Regie nur gelautet: Katja liefert Rocco ab, braucht den Wagen und es soll liebevoll aussehen; und Nuri denkt noch an ihre Brille.

Dysfunktional sind die anderen, nicht die Opfer

So normal diese dreiköpfige Familie tatsächlich ist, so dysfunktional ist der Rest: Katjas kurdische Schwiegermutter attestiert der Ungeliebten über dem Sarg der Toten, wenn sie sich besser gekümmert hätte, müsse sie nun nicht um ihren Enkel trauern und im Übrigen wolle sie die Leichname mit in die Türkei nehmen, in die sie nun zurückzureisen gedächte. Katjas Mutter wiederum hat die Ehe ihrer blonden Tochter mit einem Kurden offensichtlich nie akzeptiert, und ihre beste Freundin geht Kaja verloren, als die ein eigenes Kind zur Welt bringt, dessen Schreien dann im verwaisten Witwenheim grässlich falsch klingt. Dass die ermittelnden Polizeibeamten unmittelbar nach dem Anschlag sich erst einmal erkundigen, ob der tote Gatte „gläubig“ oder „Moslem“ war, ob der noch im Drogenhandel aktiv war – also andere, deutsche Täter erstmal außer Acht lassen –, erscheint da noch am menschlich normalsten; dass die echten NSU-Morde bis etwa 2012 unter dem Begriff „Döner-Morde“ in den Medien liefen, weil deutsche Behörden nur in Richtung nicht-deutscher Täter ermittelten, belegt die Richtigkeit von Akins Erzählung, ist für das Verständnis dieses Films aber tatsächlich eher nur ein Nice to Know.

Und so verliert Katja, das Opfer des Terrors, also nach und nach jeden Halt in ihrer Welt, obwohl – objektiv gesehen – in dieser weiterhin alles nach Recht und Gesetz und Ordnung zugeht – nur: Katja passt nicht mehr hinein in diese Ordnung. Sie ist jetzt Opfer. Die Medienöffentlichkeit aber interessiert sich für Täter, kennt die Namen des LKW-Fahrers vom Berliner Weihnachtsmarkt 2016, den Namen des Amokläufers von München im Sommer 2016, den des WTC-Piloten am 11. September 2001. Die Namen der Opfer, die Geschichte der Angehörigen? Bestenfalls wieder vergessen – im allgemeinen aber ohnehin nicht bekannt. So tickt der Mensch in der eng getakteten Gesellschaft: Täter, Motiv, okay, das habe ich verstanden. Für das zeitraubende Leiden der Opfer ist im Alltag einfach kein Raum.

Hollywood-Model Diane Kruger emanzipiert sich auf dem Hamburger Kiez

Fatih Akin nimmt sich diesen Raum und macht damit seinen besten Film seit Gegen die Wand (2004). Weil er sich nicht an die TV-Gewohnheiten der Zuschauer hält, die es dieser Tage schon überhaupt nicht goutieren, wenn der ARD-Tatort mal mit Gespenstern experimentiert. Sein Film ist wertvoll allein schon deshalb, weil er 2017 ein Aufschrei ist, weil er mit dem Fuß aufstampft UND GEHÖR VERLANGT!!! Weil er etwas erklären möchte: die Leiden und die irrationalen Gedankengänge eines Menschen, der alles verloren hat; dass es egal ist, ob dieser Mensch Geschäftsführer, Lehrerin, Junkie oder Knastbruder ist, ja, dass es auch egal ist, ob es sich um den Verlust eines Lebens, des Häuschens oder nur des Jobs handelt.

Aber … ist „Aus dem Nichts“, wenn sich der gesellschaftspolitische Staub des Augenblicks gelegt hat, auch ein guter Film? Handwerklich und so? Diane Kruger, die man als gut ausgeleuchtete, glatt geschminkte Hollywood-Actrice kennt („The Infiltrator“ – 2016; Leb wohl, meine Königin! – 2012; Unknown Identity – 2011; „Barfuß auf Nacktschnecken“ – 2010; Inglourious Basterds – 2009; „Merry Christmas“ – 2005; Troja – 2004), performt sich als Katja ihre Seele aus dem Leib. Akin zeigt sie als ungelernte Ex-Mutter und Witwe im neonkalten Licht des Hamurger Kiez, durch das hindurch Kruger die Empathie der Zuschauer mit dem Gespür für die kleine Geste anheizt. Numan Acar als kurdischer Ehemann Nuri ist nicht lange zu sehen, aber dass er die ganze Zeit präsent bleibt – als Knastbruder, ehemaliger Drogendealer, aber eben vor allem als liebevoller Ehemann und stolzer Vater – und also Katjas Verlust unterstreicht, zeigt, dass Fatih Akin ein Händchen für die Besetzung hat, und dass Numan Acar mehr ist, als einfach ein Araber-Darsteller.

Souveränes Storytelling

Akins Storytelling ist souverän. Ähnlich wie in Gegen die Wand teilt er seine Geschichte in drei Kapitel – „Familie“, „Gerechtigkeit“, „Am Meer“ – die er formal unterschiedlich gestaltet. Schnelle Schnitte, häufige Szenenwechsel im ersten Kapitel, ruhige Kamera, Talking Heads im zweiten. Nervös wackelnde Kamera im letzten Kapitel, das zwar im sonnigen Griechenland spielt, wo aber fahles Licht und blasse Farbgebung herrschen und die innere Leere der Protagonistin spiegeln. Der Soundtrack unterstützt punktuell, legt keinen breiigen Klangteppich unter alles, der Zuschauer nur bei Laune halten soll. Passend zur Story sind die Kompositionen des Kaliforniers Josh Homme auch keine musikalischen Gefühlshappen sondern schwer verdauliche Klangfolgen.

Unverständlich bleibt in der durchgängigen Subjektivität der Erzählung ein einzelner Ausbruch daraus in einer Szene, in der eine Hotelrezeptionistin zum Telefon greift, nachdem Katja, die Hauptfigur, schon wieder weg ist. Das wirkt sofort wie ein Fehler im Film, reißt aus der Konzentration, weil das das einzige Mal ist, dass die Perspektive wechselt – und im Fluß der weiteren Szenen auch gar nicht nötig ist.

Fatih Akin ist ein leidenschafftlicher Filmemacher (tschick – 2016; „The Cut“ – 2014; Soul Kitchen – 2009; Gegen die Wand – 2004; „Solino“ – 2002; Im Juli – 2000; Kurz und schmerzlos – 1998), deshalb sind seine Filme auch – je nach Standpunkt – jeweils mal besser, mal schlechter, und mal Meisterwerke. „Aus dem Nichts“ mit all seiner Widersprüchlichkeit, seiner nicht zu leugnenden Abhängigkeit zu seiner Zeit, weckt auf, zwingt zur Stellungnahme, lässt jedenfalls nicht kalt – und das mit einfachsten filmischen Mittteln und klarer Haltung – zählt also zu den Meisterwerken.

Wertung: 8 von 8 €uro