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Plakatmotiv: September 5 (2024)

Ein hochdramatisches Kammerspiel
im Schein bunter Kontrolllämpchen

Titel September 5
(September 5)
Drehbuch Tim Fehlbaum & Moritz Binder & Alex David
Regie Tim Fehlbaum, USA 2024
Darsteller

John Magaro, Ben Chaplin, Leonie Benesch, Rony Herman, Peter Sarsgaard, Corey Johnson, Georgina Rich, Robert Porter Templeton, Solomon Mousley, Jeff Book, Zinedine Soualem, Marcus Rutherford, Daniel Adeosun, Benjamin Walker, Ferdinand Dörfler, Caroline Ebner, Daniel Betts, Leif Eisenberg, Sebastian Jehkul u.a.

Genre Drama
Filmlänge 95 Minuten
Deutschlandstart
9. Januar 2025
Inhalt

München, 5. September 1972, zehnter Wettkampftag der Olympischen Sommerspiele. Erstmals seit 1936 wieder in Deutschland, sollten es die heiteren Spiele werden und der Welt das Bild eines neuen, liberalen Deutschlands vermitteln. Doch um 4.40 Uhr hört die Frühschicht des amerikanischen Senders ABC Schüsse aus dem nahe gelegenen Olympischen Dorf. Acht Mitglieder einer palästinensischen Terrororganisation sind über den Zaun geklettert und haben israelische Athleten und Trainer als Geiseln genommen, zwei davon haben sie erschossen.

Von jetzt auf gleich müssen die Sportreporter des US-Fernsehsenders ABC völlig unvorbereitet von Sport- auf Nachrichtenberichterstattung umschalten. Im nahegelegenen Olympischen Dorf sind Schüsse gefallen. 

Der junge, ehrgeizige Produzent Geoffrey Mason will sich in dieser Situation gegenüber seinem Chef, dem legendären Fernsehmanager Roone Arledge, beweisen und übernimmt das Ruder bei der Live-Berichterstattung. Mit Hilfe der deutschen Dolmetscherin Marianne übernimmt Geoff unerwartet die Leitung der Live-Sendung. Während die Zeit drängt, widersprüchliche Gerüchte die Runde machen und das Leben der Geiseln auf dem Spiel steht, muss Geoff schwierige Entscheidungen treffen und sich mit seinem eigenen moralischen Kompass auseinandersetzen. Wie soll man über eine solche Situation berichten, wenn die Täter die mediale Aufmerksamkeit für ihre Zwecke nutzen …

Was zu sagen wäre

Dieser Film erzählt die wahre Geschichte eines 24-stündigen Gewissenskonflikts einer Gruppe von Fernsehmachern im Jahr 1972. Der Schweizer Autor und Regisseur Tim Fehlbaum hat sich dramaturgisch ein paar Freiheiten genommen, um uns Identifikationsfiguren im Kinosessel nahbar zu machen. Aber den dem Film zugrundeliegenden Terroranschlag, die Geiselnahme bei den Olympischen Spielen von München 1972 ist historisch korrekt, wie auch die Tatsache, dass der US-Fernsehsender ABC während der Terroraktion live dabei war.

Während man den Film guckt, wirkt er, wie extra für diese Zeit entworfen. Es geht um die Glaubwürdigkeit von Bildern, um die Verantwortung der Bilderschaffenden sowie die derjenigen, die die Bilder senden. Fehlbaum hält sich fern von spektakulären Schießereien, inszeniert die abschließende Katastrophe am Flughafen München Fürstenfeldbruck, bei der alle israelischen Geiseln, ein deutscher Polizist sowie palästinensische Geiselnehmer getötet werden, als Hörensagen durchs Wählscheiben-Telefon.

Fehlbaum bleibt auf den Gesichtern derer, die im abgedunkelten Regieraum gegen die Zeit ethische Entscheidungen treffen, in Sekunden Richtig und Falsch erkennen, Fakt von Gerücht trennen müssen – also all das, was professionelle Berichterstatter von Influencern und politisch beeinflussten Newsportalen im Internet unterscheidet. Letztere gab es 1972 noch nicht, das berufliche Ethos der TV-Reporter der großen US-Networks, der öffentlich-rechtlichen Sender in Europa hat sich seit damals allerdings nicht verändert.

Im Film beginnt diese professionelle Arbeit mit einer typischen Binnensicht. Am frühen Morgen ist das ABC-Studio am Rande des Olympischen Dorfes nur dünn besetzt, das Team erwartet einen Tag „für die B-Schicht“: „Los geht's mit Volleyball, 9.30 Uhr, Gruppe B, gefolgt von Team C. Und ihr bereitet das Fußball-Vorrundenspiel um 10.30 Uhr vor.“ In München ist es sechs Uhr morgens, an der heimischen US-Ostküste kurz vor Mitternacht, als das eintritt, was Nachrichtenleute eine Lage nennen. Zuallererst entbrennt eine Debatte zwischen der Sportredaktion vor Ort und der gut aufgestellten, mit solchen Situationen vertrauten Nachrichtenredaktion im fernen New York, wer den Hut auf hat, gefolgt von der pingeligen Frage, wie man denn die Geiselnehmer eigentlich bezeichne – „Guerillakämpfer“? „Terroristen“? Weil hier Palästinenser Israelis überfallen, rät Peter Jennings, ein erfahrener Reporter, der lange aus dem Nahen Osten berichtet hat, zu großer Vorsicht. Eine falsche Bezeichnung könne in diesem sensiblen Umfeld schnell zu großem Ärger führen. Bis schließlich TV-Manager Roone Arledge, der oberste Entscheider vor Ort an die grundlegende Arbeit von Fernsehjournalisten erinnert und den Streit kurzerhand beendet: „Ist es etwa sinnvoller, wenn das jetzt ein Nachrichtensprecher übernimmt? Aus einer ganz anderen Ecke der Welt? Unser Job ist eigentlich ziemlich einfach: Wir bauen die Kamera am richtigen Ort auf und wir folgen der Story, so, wie sie passiert. In Echtzeit.“ Außerdem, stellt er fest, gehe es „nicht um Politik. Es geht um Emotionen“.

Das Drehbuch holt eine Menge Spannung aus der Technik der damaligen Zeit, in der das Erd-Orbit nicht von tausenden von Satelliten verstopft war, Live-Schaltungen umständlich über solche Satelliten angemeldet und mit anderen Sendern abwechselnd gebucht werden müssen. Es gibt keine Smartphones, die TV-taugliche Bilder aufnehmen und senden können. Alles, was im Olympischen Dorf gefilmt wird, muss auf 16-Millimeter Filmmaterial im Laufschritt ins Studio gebracht, dort entwickelt und am Schneidetisch mit Schere geschnitten und neu zusammengeklebt werden, bevor es auf Sendung gehen kann. Plakatmotiv: September 5 (2024) Die Studiocrew behilft sich mit einer der Live-fähigen Studiokameras, die sie aufs eigene Dach bugsiert, um einen Blick auf das Olympische Dorf zu haben; eine zweite Livekamera steht ganz oben im Fernsehturm auf dem Olympiagelände, mit der aber keine Nahaufnahmen möglich sind. Peter Jennings im Olympischen Dorf berichtet über Festnetztelefon, das ein ABC-Techniker fingerfertig mit der Mikrofontechnik im Live-Studio verkabelt. Hindernisse dieser Art erschweren die Live-Berichterstattung und unterbrechen ethische Diskussionen, setzen die Redakteure  zusätzlich unter Zeitdruck: Kann man live zeigen, wie eine Geisel erschossen wird? Bietet das Live-Fernsehen den Geiselnehmern nicht eine öffentliche Plattform für ihre Propaganda? Behindert man die Arbeit der polizeilichen Einsatzkräfte vor Ort, gefährdet man gar das Leben der Geiseln, wenn man live in alle Welt zeigt, wo sich Einsatzkräfte gerade für einen Sturm des Gebäudes in Stellung bringen? Diese Geschichte aus dem Jahr 1972 behandelt all die Dilemmata, die heute, 50 Jahre später, brisanter denn je sind.

"September 5" ist dabei nie belehrendes Dokudrama. Tim Fehlbaum breitet ein nailbiting Drama mit Thrillerelementen aus und passt dafür die personale Realität seinen Bedürfnissen als Dramaturg an. Neben den Redakteuren und Reportern, die tatsächiche damals vor Ort waren, erfindet Fehlbaum die Rolle der Dolmetscherin Marianne Gebhardt, die dem Team nicht nur deutsche Radionachrichten und Pressestatements synchron übersetzt, sondern auch als Adresse für Vorbehalte gegen Deutschland 72 fungiert. Im gestressten Studioteam brechen immer wieder nationalistische, gar rassistische Konflikte auf, die der Studioleiter mühsam abräumt: „Das ist nicht unser Thema„, sagt er und zeigt dann auf die Monitore mit den Bildern vom Olympischen Dorf. „Das ist unser Thema!“ Im Mittelpunkt steht sogar die klassische Heldenreise.

Geoffrey Mason, der an diesem olympischen – eigentlich – B-Tag als Producer eingesetzt ist, muss schon gegen das Misstrauen seines obersten Chefs antreten, als noch gar nichts passiert ist. Mason „hat Golfturniere gemacht und Minor League Baseball“ (ins deutsche übersetzt: also Kinderkram), aber im Studio noch nie die Verantwortung für ein Großereignis wie Olympia gehabt. Weil aber die alten Hasen im Geschäft just an diesem vermeintlichen B-Tag nicht zu greifen sind, hat er das Ruder in der Hand und wir können ihm zusehen, wie er sich mühsam gegen unausgesprochene Vorbehalte auch im eigenen Team seine Autorität erkämpft. Mit Dolmetscherin Marianne an seiner Seite, die Leonie Benesch ("Der Schwarm" – 2023; Das Lehrerzimmer – 2023; "Babylon Berlin" – 2017; "The Crown" – 2016; "Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte" – 2009) als coole Erklärerin der deutschen Seele und Übersetzerin des Chaos' vor der Tür gibt, arbeitet sich Mason von Sendeminute zu Sendeminute in die Unmöglichkeit seiner Aufgabe. Sein angespanntes Gesicht schimmert im Schein der gelben und roten Kontrolllämpchen am Regiepult.

Mit dieser auf die Sorgen und Nöte einiger Menschen heruntergebrochenen Erzählung einer internationalen Ausnahmesituation entspinnt sich im dunklen Regieraum ein hochdramatisches Kammerspiel, wie ich das im Kino sehr lange vermisst habe.

Wertung: 8 von 8 €uro
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