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Plakatmotiv: Der Graf von Monte Christo (1954)

Große Rachegeschichte,
grandios aufbereitet

Titel Der Graf von Monte Christo
(Le comte de Monte-Cristo)
Drehbuch Georges Neveux & Robert Vernay
nach dem gleichnamigen Roman von Alexandre Dumas
Regie Robert Vernay, Frankreich, italien 1954
Darsteller

Jean Marais, Lia Amanda, Daniel Ivernel, Folco Lulli, Louis Seigner, Claude Génia, Jean Témerson, France Asselin, Julien Bertheau, Lucien Blondeau, André Brunot, Gualtiero Tumiati, Jacques Castelot, Noël Roquevert, Roger Pigaut, José Casa, Marcel Delaître, Guy Favières u.a.

Genre Drama, Abenteuer
Filmlänge 185 Minuten
Deutschlandstart
8. Oktober 1954
Inhalt

Februar 1815. Edmond Dantès, seit wenigen Tagen der neue Kapitän der Pharao, einem Segelschiff des Reeders Morel, ist auf dem Rückweg nach Marseille. Um noch einen letzten Wunsch seines verstorbenen Vorgängers zu erfüllen, macht Edmond unterwegs einen Abstecher auf die Insel Elba zu Napoleon. In Marseille angekommen, wo er sich mit seiner geliebten Mercédès verloben will, wird er von Caderousse, seinem neidischen 2. Offizier, und von Fernand Mondego, der Mercédès unbedingt heiraten will, als bonapartistischer Agent denunziert. Staatsanwalt Gérard de Villefort lässt Dantès ohne Urteil lebenslänglich im berüchtigten Gefängnis Château d'If auf der Felseninsel vor Marseille einkerkern und ein Jahr später verkünden, Edmond sei gestorben. Nun willigt Mercédès in eine Heirat mit Mondego ein.

In dem düsteren Kerker verrät Dantès' Mitgefangener und Freund, Abbé Faria, diesem das Geheimnis eines riesigen, 200 Jahre alten römischen Schatzes, den er auf der unbewohnten Insel Monte Christo entdeckt hat. Tatsächlich gelingt Dantès die Flucht von der Gefängnisinsel. Er findet den Schatz, der ihm unermesslichen Reichtum bietet, und schwört, ihn nur zu benutzen, um die drei Menschen zu vernichten, die ihn um seine Braut, sein Schiff und seine Freiheit brachten.

Mit einem geschickten Plan bringt er Caderousse ins Gefängnis und eilt nach Paris, um die beiden anderen Männer zu vernichten: Fernand Mondego, der sich jetzt Graf von Moncerf nennt, und Gérard de Villefort, der jetzt königlicher Staatsanwalt ist. Dantès tritt als Graf von Monte Christo auf und verunsichert mit seinem Reichtum die feine Pariser Gesellschaft.

Als es ihm gelingt, Villeforts skandalöse Machenschaften von einst aufzudecken, verfällt der Staatsanwalt dem Wahnsinn. Auch in Fernand de Morcerfs Karriere hat er üble Verbrechen entdeckt und spielt sie der Pariser Presse zu. Fernand wird daraufhin von Mercédès und seinem Sohn verlassen und begeht Selbstmord. Doch seine große Liebe Mercédès kann der Graf von Monte Christo nicht zurückerobern …

Was zu sagen wäre

Ein einfacher, allen zugewandter Mann gerät in die Fänge von Neidern. Der eine neidet ihm sein berufliches Glück, der zweite seine Liebe und der dritte will verbergen, dass der eigene Vater ein Bonapartist ist. Diese drei lassen den einfachen Mann auf immer in einen nasskalten Kerker werfen, wo er verschimmeln soll. Sie erklären ihn für tot und nehmen ihm alles – sein Vater stirbt, seine Verlobte ehelicht gezwungenermaßen einen der Neider und er wird der kalten Kerkerhaft in Chateau d'If überlassen.

Ein Horrorszenario, das Alexandre Dumas ersonnen hat und von Robert Vernay in prachtvollen Farben verfilmt worden ist. Vernay hatte den Roman schon 1942/43 einmal unter dem Titel "Le Comte de Monte-Christo" in Schwarzweiß als Zweiteiler verfilmt. Auch dieses Remake war zunächst als Zweiteiler konzipiert und kam in Frankreich am 14. Januar (Teil 1, "La trahison") und am 7. Juni 1954 (Teil 2, "La vengeance") in die Kinos. Premiere des Zweiteilers in Westdeutschland war am 8. und 12. Oktober 1954. Später wurden beide Teile zu einem knapp dreistündigen großen Abenteuerfilm montiert. Ich sehe und befasse mich mit dem Film erst 1993.

Jean Marais verkörpert die Titelfigur anfangs als freundlichen, hilfsbereiten Mann mit einfachen Träumen. Eigentlich will er nur seine Mercédès heiraten und als Kapitän zur See sein Brot verdienen. Plakatmotiv: Der Graf von Monte Christo – Teil 2: Heimkehr und Rache (1954) Als er dann von einem korrupten Unterleutnant, der selbst scharf auf Mercédès ist, verraten und verkauft wird, wandelt sich der einst freundliche Mann zu einem dunklen Racheengel, den Marais mit kalten Augen und zusammengekniffenen Lippen spielt.

Der Film legt die Korruption im System der ständig wechselnden Regierung während der Herrschaft der Hundert Tage offen, als Napoleon erst Louis XVIII. verjagte und nach seiner Niederlage bei Waterloo von Louis XVIII. wieder abgelöst wurde. Schamlos wechseln Staatsdiener die Seiten und lassen das Volk im Stich. Daher ist Dantès' Rachefeldzug absolut nachvollziehbar, auch weil Vernay das Martyrium in langen Sequenzen beschreibt – der gleichgültige Kerkermeister, der sich mokiert über die Gefangenen, die den Tag auf ihrer Pritsche verbringen, während er selbst „den ganzen Tag schuften muss“; die graue Pampe, die sie als einzige Nahrung erhalten; der Zuschauer kann den Gestank nach Fäkalien in den dunklen Zellen förmlich riechen.

Aber die Rache funktioniert nicht so ganz. Das erwartete Hochgefühl scheitert am Wesen der Frau. Mercédès hat sich in den langen 20 Jahren in ihrer unglücklichen Ehe längst arrangiert, hat einen pubertierenden Sohn, um den sie sich kümmert, während ihr eitler Mann in der Pariser Gesellschaft aufsteigt. Sie ist Realistin und lehnt es ab, mit ihrem damaligen Geliebten, den sie lange für tot hielt, einfach durchzubrennen. Im Laufe des knapp dreistündigen Films werden ihre Kleider immer dunkler, korrespondieren mit ihrer schmerzhafter werdenden Verfassungen, mit der sie sich gegen Dantès auflehnt, der ja nicht einfach Rache nehmen würde am Grafen de Morcerf, sondern damit automatisch auch das Mutter-Sohn-Glück von Mercédès vernichten – und damit auch seine Liebe zu ihr verraten –  würde.

Schritt für Schritt zeichnet Vernay den Racheplan des Zornigen nach. Dantès arbeitet sich von einem Verräter zum nächsten vor. Erst knöpft er sich Caderousse vor, den versoffenen ehemaligen Zahlmeister, der Dantès sein Glück neidete und falsches Zeugnis ablegte. Ihm hätte man einen schnellen, verzweifelten Tod zugebilligt, aber Dantès schenkt ihm einen wertvollen Diamanten und schaut dann aus der Ferne zu, wie sich der Mann in seiner Gier selber vernichtet. In Paris mischt sich der selbst ernannte Graf von Monte Christo unter die Gesellschaft, sucht den Kontakt zu dem korrupten Staatsanwalt Gérard de Villefort und zu Fernand Mondego, seinen verräterischen Cousin. Er spioniert deren Leben aus, findet die Leichen im Keller, stellt sie bloß; juristisch sauber – im Gegensatz zum Verhalten seiner Peiniger, die ihn einst ohne Verfahren in dieses Loch warfen. Was fehlt, ist der Reichtum. Vom „reichsten Mann der Welt“ ist wenig zu erkennen außer schimmernder Kleidung. Die Häuser, in denen er verkehrt, wirken glanzlos.

Die Geschichte breitet sich auf der ganz breiten Bühne aus, zwischen Menschen im Palast des Königs und Trunkenbolden in der verregneten Gosse, zwischen aufrechten Geschäftsleuten mit ihren ständigen Existenzängsten und verschwörerischen Halsabschneidern in den Amtsstuben des Königs. Dabei verzichtet Vernay bis auf ein Säbelduell im Finale ganz auf sich bei so einer Rachestory anbietende Actionszenen. Der Regisseur vertraut der inneren Stärke seiner Vorlage und seziert das Drama auf der gesellschaftlichen Ebene, auf der man brutaler vernichtet werden kann, als im einfachen Schwertkampf.

Vernays "Le comte de Monte-Cristo“ ist unter den zahlreichen Abenteuerfilmen aus Frankreich einer der großen Klassiker und unter den zahlreichen Verfilmungen des Stoffs die nachhaltigste.

Wertung: 6 von 6 D-Mark
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