Marseille im Jahr 1815: Der junge Edmond Dantès wähnt sich glücklich, da er zum Lohn für einen Heldentat zum Kapitän befördert wurde und endlich seine Liebste Mercedes heiratet.
Doch noch am Altar wird er verhaftet und im berüchtigten Insel-Gefängnis Château d’If eingekerkert. Er ist das Opfer einer grausamen Intrige dreier Männer, die von seinem Sturz profitieren. Nach jahrzehntelanger Haft gelingt Edmond die Flucht.
Ein verborgener Schatz, von dem ihm ein Mitgefangener berichtete, verhilft ihm zu unermesslichem Reichtum. Der Tag der Rache ist nahe und nun ist es an Edmond, seine nichtsahnenden Widersacher zu Fall zu bringen …
Es kann der Beste nicht in Frieden Leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Wie das ausgehen kann, zeigt das Drama um den Grafen von Monte Christo anschaulich. Deshalb kommt nach 28 Verfilmungen des Stoffes von Alexandre Dumas als Stummfilm, Farbfilm und als Fernsehserie jetzt eine weitere hinzu – der in Frankreich auch noch eine weitere TV-Serie von Bille August folgt.
Die Geschichte spielt auf allen Ebenen der Gesellschaft, im Königspalast wie in der Gosse, behandelt die Frage von Gut und Böse, Moral und Verrat, Rache und Gerechtigkeit, von Auge um Auge gegen Verzeihen. Im Mittelpunkt steht ein eingangs glücklicher Mann, dem viele sein Glück neiden und ihm aus Habsucht das Leben zur Hölle machen.
Die Autorenfilmer Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte entfernen sich im Personal von der wuchtigen Vorlage Alexandre Dumas', ohne dabei dessen Anliegen zu verwässern. In knapp drei Stunden erleben wir den schmalen Grat zwischen Gut und Böse, auf dem Edmont Dantès wandelt: Die destruktiven Züge seiner Manipulationen rücken ins Zentrum. Die Zwickmühle des Grafen ist immer seine Liebe zu Mercédès, die, nachdem Edmont ohne ihr Wissen aus dem Weg geräumt worden ist, einen anderen heiratet und einen unschuldigen Sohn hat; wenn Dantès seine Rache durchzieht, werden Mercédès und ihr Sohn im Elend landen. In Dumas' Roman gibt es weitere Liebespaare und weitere Intrigen, die im vorliegenden Film nicht auftauchen, der dafür ein neues Liebespaar einführt: Dantès Mündel Haydée und eben Mercédès' Sohn. Haydée spielt in Dantès' Racheplan eine wichtige Rolle, aber als die Lebe dazwischen kommt, stehen langjährige Beziehungen in Frage. Das ist pathetisch, das ist hochtrabend, das ist mitfühlbar. Und von den Schauspielern mit großer Geste vorgetragen.
Pierre Niney ist ein drahtiger, aber kein wuchtiger Racheengel. Sein Edmont schaut aus großen, verletzlichen Augen auf die Welt. Umso dunkler blitzen sie in der zweiten Hälfte der Geschichte, wenn er kühl durchdacht seine Manipulationen setzt. Dazu stehen ihm alle Türen offen, dieser Graf von Monte Christo ist nicht nur, er tritt auch auf wie der reichste Mann der Welt, der er durch das Vermögen des Abbé Faria geworden ist (der seinerseits in dieser Verfilmung der jüngste Spross aus dem Orden der Tempelritter ist, die das Vermögen einst angehäuft hatten). Edmont hält Hof in einem prachtvollen Palast mit orientalischen Ornamenten, glänzt bei Rotwildjagden in feinem Zwirn mit formvollendeten Manieren.
Die Kostümabteilung kleidet Edmont in schwarze Gewänder und Mäntel. Zusammen mit dem schwarzen Zylinderhut und seiner schmalen Statur wirkt dieser Graf von Monte Christo wie ein Teufel, gespenstisch eben noch hier, jetzt schon dort und seinen Feinden immer einen Schritt voraus. Bei allem Glanz, den die prachtvollen Kulissen und Digitalkunstwerke auf der Leinwand ausstrahlen, inszenieren Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte einen düsteren Film, der sich mit den ersten Tönen seines Scores ankündigt. Bass ohne Höhen und Tiefen kündet schon über den ersten Texttafeln von dunklem Geschehen; dies wird kein fröhlich klamaukiges Mantel-und-Degen-Abenteuer, hier herrschen die dunklen Triebe des Menschen.
"Der Graf von Monte Christo" 2024er-Version setzt die moderne, digitale Filmtechnik unauffällig ein, um einen im besten Sinne altmodischen Film zu inszenieren, der sein Drama mal in kaltem Grau, mal im prächtigen Gewand herrschaftlicher Landsitze ausbreitet.
Der Graf von Monte Christo im Kino
- "The Count of Monte Christo" – Francis Boggs + Thomas Persons, 1908
- "Das Rätsel von Monte Christo" – Rowland V. Lee, 1934
- "Flucht von der Teufelsinsel" – Henry Levin, 1946
- "Der Graf von Monte Christo" – Robert Vernay, 1954
- Monte Cristo – Kevin Reynolds, 2002
- Der Graf von Monte Christo – Alexandre de La Patellière + Matthieu Delaporte, 2024
