Braddock, North Carolina: Eine kleine Hafenstadt nahe den Sümpfen. Die Menschen leben friedlich mit- und nebeneinander. Aber die Rollen sind klar verteilt: Die reiche Elite der Plantagenbesitzer, Unternehmer und Zeitungsverleger bleibt unter sich, Kontakt mit den Domestiken, dem einfachen Volk, wird nur dosiert geduldet.
Hier lebt Ruby, die Tochter eines Fischers, aber Augenweide aller Männer im Ort. Ruby ist kess, schlagfertig, weiß sich der Männerblicke zu erwehren und liebt leidenschaftlich Boake Tackman, der nach fünf Jahren heimgekehrt ist und große Pläne für ein mehrere Morgen großes Feld vor der Stadt hat, das einst von einer Sturmflut vernichtet wurde. Um diese Pläne zu verwirklichen braucht Boake, selber Sproß aus alter, aber verarmter Familie, viel Geld. Er verlässt Ruby für die wohlhabende Tracy McAuliffe, weil er das Geld von Tracys Familie für seine Geschäftspläne benötigt.
Zutiefst verletzt zieht Ruby in das Haus des reichen Geschäftsmannes Jim Gentry, weil dessen Frau Letitia im Sterben liegt und Pflege benötigt. Die Gentrys sind mit Rubys Vater befreundet. Auch Ruby steht dem Ehepaar sehr nahe, da sie als Jugendliche mehrere Jahre bei den kinderlosen Gentrys gelebt und bei ihnen das Gespür für ein Leben unter wohlhabenderen Verhältnisse bekommen hatte. Schließlich hatten Rubys Eltern sie allerdings zurück zu sich geholt, da sie Hilfe im Haushalt benötigten, und so musste sich Ruby wieder an ein Leben unter ärmeren Umständen gewöhnen. Nachdem Letitia ihrer Krankheit erlegen ist, macht Jim trotz des Alters- und Statusunterschiedes Ruby einen Heiratsantrag, den sie unter pragmatischen Erwägungen annimmt.
Diese Ehe kommt in der Stadtgesellschaft gar nicht gut an. Rubys Herkunft und ihre vorherige Beziehung mit Boake machen sie aus Sicht der dünkelhaften Elite der Stadt gesellschaftlich unakzeptabel, und so wird sie ignoriert oder verspottet. Boake spottet nicht, er ist trotz seiner ehe weiterhin in Ruby verliebt und macht Jim Gentry eifersüchtig. Es kommt zu einem Handgemenge.
Am nächsten tag kommt Jim bei einem Segelunfall ums Leben, die verzweifelte Ruby kann das Boot nur mühsam unter ihre Kontrolle bringen und Jim nicht mehr retten. Die Stadtbevölkerung spekuliert, dass Ruby ihren Ehemann umgebracht habe, um an dessen Geld zu gelangen und bläst zur Hexenjagd – hat aber nicht mit der Rachsucht einer reichen Witwe gerechnet …
Vom ersten Bild des Films an ist Ruby Gentry das Opfer. Im Auto unterhalten sich zwei Männer über sie. Der eine träume dauernd von ihr, der andere nickt wissend – und sie reden da nicht über geistreiche Unterhaltungen mit ihr. Als wir dann dieses Objekt der Begierde zum ersten Mal sehen, sehen wir es im Gegenlicht. Deutlich sind ihre sehr weiblichen Formen zu erkennen, ihre Taille, die langen Beine. Nur ihr Gesicht bleibt im Schatten. Das Gesicht ist nicht wichtig in dieser Gesellschaft alter und junger Männer, in der alle nur scharf auf die junge, selbstbewusste Frau sind, die mit einem Gewehr umgehen kann.
"Ruby Gentry", der im Original so heißt, wie die weibliche Hauptfigur, ist ein knackiges Melodram, in dem keine Sünde ungesühnt bleiben wird. Die gesellschaftlich verstoßene Frau nimmt Rache an einer ganzen Stadt, blutet sie aus und am Ende sind mehrere Protagonisten tot. King Vidor ("Japanese War Bride" – 1952; Duell in der Sonne – 1946) inszeniert ohne Umschweife und konsequent das Drama vorantreibend, lässt aber kaum Mitgefühl für seine Hauptfigur zu.
Ist Jennifer Jones (Duell in der Sonne – 1946) zu Beginn des Films, nachdem wir auch ihr Gesicht sehen dürfen, eine lebhafte junge Frau mit Humor und Leidenschaft, ist sie am Ende ein schmallippiger, in Schwarz gekleideter Racheengel mit dunkler Sonnenbrille. Diese Bilder sagen, ihr Zorn mag nachvollziehbar sein, gar gerechtfertigt, aber nur, wenn sie als abscheuliche Hexe auftritt, die kein Mitleid mehr verdient. Charlton Heston, der ihren Liebhaber Boake spielt, darf sich hingegen benehmen, wie Männer sich Anfang der 50er Jahre halt benahmen, küsst sie ungefragt, betatscht sie ungefragt, heiratet eine andere, die er zwar nicht liebt, die aber über viel Geld verfügt und sagt unverblümt, er heirate zwar Tracy, werde sich aber weiter seinen Freiraum nehmen und dann könnten beide, Ruby und er, doch einfach so weitermachen wie bisher. Dieser Mann wird so inszeniert, dass die Zuschauer Mitleid mit ihm empfinden. Ähnlich gilt das für Karl Malden als Jim Gentry (Die Hölle von Okinawa – 1951; Der Scharfschütze – 1950), der Rubys Vater sein könnte, ihr aber trotzdem heimlich hinterher hechelt. Seine Frau liegt todkrank zu Bett, er benimmt sich nicht so übergriffig, wie Boake, und als er sie schließlich heiratet, ist seine Frau tot, er einsam – und Ruby, glaubt er, könnte eine väterliche Hand an ihrer Seite brauchen.
Ich sehe den Film rund 40 Jahre nach seinem Entstehen, da ist die Welt eine andere, Frauen und Männer pflegen einen anderen Umgang miteinander, dennoch ist die Grundhaltung, die King Vidor in seinem Film skizziert, immer noch ähnlich. Die gesellschaftlichen Schranken bestehen immer noch, aber Männer pfeifen heute eher in Gedanken Frauen hinterher, und Frauen umgekehrt zeigen Männern deutlicher ihre Grenzen. Das nimmt aber dem kühlen Schwarz-Weiß-Melodram aus der Nachkriegszeit wenig von seinem düsteren Reiz. Bemerkenswert, wie offen die Stadtgesellschaft mit ihren Klassenschranken hantiert. Ruby bekommt als die Tochter eines fleißigen Fischers, der als Fischer überall geachtet wird, keine Chance auf Aufstieg in die Gesellschaft. Boake hingegen, dessen Familie irgendwann mal wohlhabend war, nach und nach aber durch schlechte Geschäfte und Alkohol alles Geld verlor, ist weiterhin angesehen – egal, wie schlecht Du wirtschaftest, Du bist immer einer von uns; in dieser Gesellschaft könnte Ruby aus dem kleinen Familienbetrieb eine große Fischfabrik bauen. sie bliebe trotzdem draußen, weil: kein altes Geld.
Als Frau ist Ruby damit doppelt benachteiligt, neben ihrer gesellschaftlich nicht vorhandenen Stellung ist sie auch noch allgemein anerkanntes Objekt der Begierde, das zu gefallen hat. "Ruby Gentry" ist aus heutiger Sicht auch ein Horrorfilm.
