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Plakatmotiv: Duell in der Sonne (1946)

Ein Liebesdreieck als Metapher
für die Geburt einer Nation

Titel Duell in der Sonne
(Duel in the Sun)
Drehbuch David O. Selznick & Oliver H.P. Garrett & Ben Hecht
nach einem Roman von Niven Busch
Regie King Vidor, USA 1946
Darsteller

Jennifer Jones, Joseph Cotten, Gregory Peck, Lionel Barrymore, Herbert Marshall, Lillian Gish, Walter Huston, Charles Bickford, Harry Carey, Joan Tetzel, Tilly Losch, Butterfly McQueen, Scott McKay, Otto Kruger, Sidney Blackmer u.a.

Genre Western, Drama
Filmlänge 138 Minuten
Deutschlandstart
17. Oktober 1952
Inhalt

Scott Chavez ermordet seine indianische Ehefrau und ihren Geliebten. Tochter Pearl wird Zeugin dieses Mordes. Als Chavez zum Tode verurteilt wird, gibt er das Mädchen in die Obhut seiner früheren Geliebten Laura Belle McCanles, die inzwischen mit dem reichen Senator Jackson McCanles verheiratet ist.

Senator McCanles hegt wegen Pearls indianischer Abstammung Vorurteile gegen sie. Die McCanles haben zwei unterschiedliche Söhne: Lewt ist impulsiv, Jesse umgänglich. Als Pearl auf die Ranch kommt, entsteht um ihre Gunst ein Streit zwischen Lewt und Jesse. Jesse ist in Pearl verliebt, doch der draufgängerische und rücksichtslose Lewt gewinnt sie zur Geliebten.

Im Konflikt mit einer Eisenbahngesellschaft, die ihre Schienen über das Grundstück der McCanles verlegen will, kommt es zum Zerwürfnis mit Sohn Jesse. Als Pearl mit Lewt bricht, da der sie nicht heiraten will und Pearl eine Ehe mit dem alten Futterknecht Sam Pierce eingehen will, fühlt sich Lewt in seiner Mannesehre gekränkt und erschießt den alten Mann. Mit der Unterstützung seines Vaters flieht Lewt vor der Polizei. Im Gegenzug hilft er seinem Vater im Kampf gegen die Eisenbahngesellschaft, indem er Sabotageakte auf Züge verübt.

Plakatmotiv: Duell in der Sonne (1946)Bei einem letzten Wiedersehen in den Bergen erschießen sich die beiden Liebenden Pearl und Lewt gegenseitig, um ihrer Hassliebe ein Ende zu setzen. Sterbend liegen sich die beiden ein letztes Mal in den Armen.

Was zu sagen wäre

David O. Selznick versucht seit seinem Erfolg mit "Vom Winde verweht" (1939), wieder Vergleichbares auf die Leinwand zu bringen. Weil er das eine Erfolgsgeheimnis nicht findet, wirft er hier alles ins Drehbuch, was Drama garantiert: eine Kain-und-Abel-Konstruktion, eine Dreiecksgeschichte mit feuriger Frau, feurigem Mann und ehrlichem Mann, ein Rassismusdrama, Fremdenhass, Ehebruch, Fortschrittsglaube und Historiendrama.

King Vidor steht im Titelvorspann als Regisseur, aber erst, nachdem Selznick zuvor fünf andere Regisseure verschlissen hatte (Otto Brower, William Dieterle, Sidney Franklin, William Cameron Menzies und Josef von Sternberg). Ebenso gab es drei Directors of Photography. Daher ist es schwer, deren Arbeit zu beurteilen, weil unklar ist, wer was gedreht und gefilmt hat. Letzten Endes zeugt das Drama hinter der Kamera eher von der Egomanie des Produzenten selbst, zu der schwer etwas zu sagen ist, wenn man nicht selbst vor Ort war.

Selznicks Drama ist eine Farbexplosion. Er versteht Technicolor augenscheinlich so, dass es extrem bunt sein muss auf der Leinwand. Das schafft er. Für die eigentliche Story ist das alles ein bisschen zu viel von allem. Da gerät eine junge Frau mit komplizierten Familienverhältnissen zwischen zwei Männer, bei denen der eine intellektueller Jurist ist und der andere ein optisch attraktives Arschloch – Jin und Yang. Im Hintergrund wird die Geschichte der Eisenbahn in den USA erzählt und auch noch ein bisschen Ranch-Romantik. Und da finden die verschiedenen Regisseure und Kameraleute wirklich großartige Bilder.

Plakatmotiv: Duell in der Sonne (1946)Nicht nur wurde ein ganzes Herrenhaus gebaut für diesen Film, auch große Rinderherden und Reiterscharen füllen die Leinwand. In jedem Frame kann man den Aufwand erkennen, mit dem dieser Film inszeniert worden ist. Denn um das oben Aufgezählte geht es Selznick nicht. Sein Thema ist, wie aus diesem Wilden Westen die heutigen USA wurden.

Die ersten kontinuierlich sympathischen Figuren in diesem Film sind die Eisenbahner und Joseph Cotten ("Liebesbriefe" – 1945; "Das Haus der Lady Alquist" – 1944; Im Schatten des Zweifels – 1943; Citizen Kane – 1941), der den weniger geliebten Sohn auf der Ranch, Jesse, den Eisenbahnanwalt spielt. Bis er auftaucht haben wir unbequeme Szenen aus der amerikanischen Vergangenheit gesehen: Weißer zeugt mit Indianerin ein Kind. Die Indianerin verdingt sich als Tänzerin und, nun ja, Weiteres. Der Weiße setzt seinem Leben ein Ende am Galgen, nachdem er Frau und Stecher erschießt. Das ist alles dramatisch, aber noch nicht fesselnd. Gefesselt wird der Zuschauer erst, wenn das Opfermädchen auf die Farm kommt.

Ab hier feuert der Film allen Chauvinismus aus dem Köcher, den die Gesellschaft, die chauvinistische aus Hollywood zumal, ihm bereit hält. Die beiden Brüder Lewt und Jesse sind Gegensätze. An Lewt ist nichts liebenswert, außer seinem Äußeren; Gregory Peck ist eine treffende Besetzung ("Die Wildnis ruft" – 1946; Ich kämpfe um dich – 1945; "Die Entscheidung" – 1945; "Days of Glory" – 1944). Er ist ein Draufgänger. Und Frauen, so sagt der Film, stehen auf Draufgänger. Nicht auf Durchblicker mit Manieren. Also ist Pearl völlig begeistert von Lewt, obwohl der ihr dafür keinen Anlass bietet. Das ist die Schwachstelle im Film.

Lewt bietet so wirklich gar keinen Anlass, ihn zu mögen, ja zu lieben gar. Gut, er sieht aus wie Gregory Peck; aber welche Frau steht denn auf einen  Kerl, der sich rücksichtslos nimmt, was er will? Diese Behauptung von Liebe und/oder Leidenschaft ist zu plump und erzählt eher was über die Haltung des Produzenten.

Aber Pearl, die feurige, dunkelhaarige, braunhäutige Tänzerin, findet ja auch Jesse gut. Der ist optisch nicht so attraktiv wie Lewt, hat aber sowas Zukünftiges. Er guckt, fragt, analysiert, bevor er handelt. Wo Lewt ihr nach zwei Minuten einen Kuss aufzwingt, reicht Jesse ihr die Hand, um ihr auf den Kutschbock zu helfen. Jesse würde sie vermutlich erst heiraten und dann erklären, dass er sie liebt. Vorher gehört sich das für einen wie Jesse nicht. Das ist natürlich schwer für eine junge Frau aus nicht so gutem Hause.

Jesse wird dann von seinem Vater vertrieben, weil Jesse die Eisenbahn (=Zukunft) unterstützt, während sein Vater die nicht im Land, auf seinem Land, haben will. Mit der Eisenbahn kämen nur „mehr Menschen und mehr Gesetze“. Das Ende vom Lied: Jesse heiratet die blonde, blauäugige, offenbar recht smarte Tochter des Eisenbahnmagnaten, Pearl stirbt im sandigen Felsen an der Seite von Lewt, nachdem sich beide ihrer jeweiligen Liebe, ihrer Leidenschaft und ihrem Hass, mit dem sie Kugeln in den jeweils Anderen gejagt haben, versichert haben. Beider Vater, der giftige Großrancher, hat seine Lebenslügen eingestanden. Und die Eisenbahn befeuert den Aufbau der USA.

Oder anders gesagt: Der Wilde – manchmal auch leidenschaftliche – Westen verliert sein Leben im Nirgendwo der Felsenwüste und macht der Zukunft Platz, die von blonden Männern mit Gesetzbuch und blonden Frauen mit blauen Augen gestaltet werden wird.

Wertung: 3 von 6 D-Mark
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