1904 in Osteuropa: Nach dem Tod ihres Vaters beschließt die junge Jüdin Yentl nach Yeshiva an die jüdische Schule für Priester zu gehen. Problem: Seinerzeit sind dort nur Jungs erlaubt, den Talmund zu studieren.
Also schneidet sie sich kurzerhand die Haare ab und verkleidet sich als Mann, Anshel. Das geht solange gut, bis sie sich in einen Kommilitonen verliebt …
Barbra Streisand erzählt in ihrer ersten Regiearbeit aus einer monströsen Welt. Dass es mit der Gleichberechtigung von Frau und Mann in unserer Gesellschaft noch nicht weit her ist, dass bis vor wenigen Jahren zuhause die Ehemänner das Sagen über die Ehefrauen auch hier in Deutschland hatten, ist bekannt. 1904 aber, „irgendwo in Osteuropa“ – wahrscheinlich Polen – entfaltet Streisand eine Welt, in der Väter ihren Töchtern vorwerfen, zu viel zu denken, in der Frauen unentwegt über Tricks beim Flecken entfernen und die Qualität des angebotenen Fischs debattieren, während die Männer ausgiebig den Talmud diskutieren, in der Männer es als Liebeserklärung empfinden, wenn sie ihrer Frau sagen, „das Denken werde ich übernehmen und mich um alles kümmern“ und gar nicht verstehen, wenn sie nicht nur seine Socken stopfen und das Essen bereiten will.
Für 1904 in der Gesellschaft der Chassidischen Juden ist Yentl sehr emanzipiert, ein Fremdkörper in ihrer Gemeinde, in der die Rollenbilder festgezurrt sind. Als ihr Vater stirbt, sie das elterliche Haus verlassen muss, weil eine Frau nicht alleine wohnen darf und die Nachbarin ihr nach sieben Tagen Trauer verspricht, sie werde sie mit soviel Hausarbeit eindecken, dass sie keine Zeit mehr zum Grübeln haben werde, packt sie ihre Sachen, schneidet sich die langen Haare ab und verschwindet. Sie wird auf einer Yeshiva, einer Religionsschule, angenommen, wo man sehr beeindruckt ist von ihren Kenntnissen der heiligen Bücher, die sie durch ihren Vater, einen Lehrer, erworben hat.
Sie nennt sich Anshel, findet Freunde, die sich nicht wundern, dass sie/er nicht auch nackt in den erfrischenden Fluss springt, denen nicht auffällt, dass sie sehr weibliche Gesichtszüge hat – aber das ist ein Film, da will man sich nicht wundern – und sie heiratet schließlich sogar die Frau, die eigentlich ihr bester Freund von der Schule ehelichen wollte. Und da wird es dann konfus. Yentl/Anshel verliebt sich in Avigdor. Avigdor liebt Hadass, die ihm versprochen ist bis zu dem Tag, als Hadass' Eltern erfahren, dass Avigdors Bruder nicht einfach verstorben ist, sondern Suizid begangen hat, was eine große Sünde darstellt. Um Hadass aber nahe bleiben zu können, bittet also Avigdor seinen besten Freund Anshel, einzuspringen in der Hoffnung, dass sich ja vielleicht später einmal „die Dinge ändern“ und er, Avigdor, dann Hadass quasi von Anshel übernehmen könne. Die Vorlage zu diesem Film ist eine Kurzgeschichte. Da mag diese Konstruktion funktionieren. Im vorliegenden Film sitzt man im Sessel und fragt sich, warum nicht mal der Schneider des Hochzeitsanzugs die Wahrheit ahnt, vor dem Anshel/Yentl in Unterwäsche steht (die damals natürlich viel umfangreicher war, als heute).
Hinzu kommt, wovor schon das Plakat und der Filmtrailer gewarnt haben: „Ein Film mit Musik“. Das erleichtert zum einen die Dramaturgie: Anstatt, dass Barbra Streisand ein ums andere Mal Seelenheil spielen muss, singt sie einfach, was sie denkt und hofft und fühlt. Zum anderen verlässt der Film, wie beim Musical, einfach die Ebene der erzählten Realität, zeigt Yentl als Anshel durch Mauerwerk und feuchte Straßen wandelnd und versonnen guckend, wenn nicht gar singend – manchmal kommt ihr Gesang auch nur aus dem Off, während sie sich mit jemandem unterhält. Streisand hat eine großartige Singstimme. Aber singen sollte sie auf der Bühne. Im Film stört der Gesang, der dennoch für einen Oscar nominiert war (ebenso wie Amy Irving für die Nebenrolle der Hadass und die Ausstattung). Gewonnen hat den Oscar die Filmmusik von Michel Legrand. Durch diese märchenhafte Verquickung von europäischen Burgen und Landarbeitern im malerischen Nebel und der elegischen Musik kommt man im Kinosessel nicht auf die Idee, um die junge Titelheldin zu bangen; in Gefahr aufzufliegen, das hat man schnell verstanden, ist sie nie.
Man wartet noch auf das Ende des Film, der mit zweieinviertel Stunden Lauflänge arg lang ist, um zu erfahren, wie sich dieses nicht aufzulösende Liebesdreieck aus Yentl, Avigdor und Hadass auflösen wird. Bis dahin aber versprüht der konservative Avigdor mit seinen Steinzeitansichten über Frau und Mann keinen Charme und bleibt die singende Yentl nicht greifbar. Sie will lernen und sie lernt, aber mehr Vorstellung vom Leben in dieser für sie unerquicklichen Welt hat sie nicht – also wandert sie schließlich in die USA aus, dem gelobten Land von Freiheit und Abenteuer (auch für Frauen). In Ansätzen hat der Film bis dahin auch noch deutlich gemacht, dass gleichgeschlechtliche Liebe zu jener Zeit nicht einmal in Gedanken erlaubt war; denn Avigdor entwickelt fremdartige Gefühle für seinen besten Freund Anshel, aber ohne das je zu hinterfragen.
Yentl wirkt auch deswegen nicht greifbar, weil Barbra Streisand sie ohne Brüche spielt (Was, du willst nicht? – 1979; A Star Is Born – 1976; "Funny Lady" – 1975; So, wie wir waren – 1973; Is' was, Doc? – 1972). Nie liegt Yentl mal – im übertragenen Sinne – am Boden, und wenn, dann singt sie dazu. Mandy Patinkin spielt Avigdor als Mann des Buches, der mit feurigen Augen Verse zitiert und deren Inhalt als das reale Leben missversteht. Als Hadass, die die größte Lernkurve von der schweigend Duldsamen zur lustvoll Lernenden durchmacht, gibt Amy Irving (Teufelskreis Alpha – 1978; Carrie: Des Satans jüngste Tochter – 1976) noch die natürlichste Figur und eine bezaubernde Vorstellung.
Auf der Habenseite verbucht der Film schöne Bilder in historisch interessanter Kulisse aus einer weitgehend fremden Welt. Für einen Film von 133 Minuten ist das zu wenig. Verknüpft mit der delirierenden Geschichte um ein verstecktes Geschlecht und dessen Auswirkungen kommt ein respektabler Langeweiler dabei heraus.
