Kinoplakat (Fr.): THX 1138
George Lucas' Erstschlag ist ein weißer
zäher Strom in die Flower Power
Titel THX 1138
(THX 1138)
Drehbuch George Lucas + Walter Murch
Regie George Lucas, USA 1971
Darsteller Robert Duvall, Donald Pleasence, Don Pedro Colley, Maggie McOmie, Ian Wolfe, Marshall Efron, Sid Haig, John Pearce, Irene Cagen, Gary Alan Marsh, John Seaton, Eugene I. Stillman, Jack Walsh, Mark Lawhead, Robert Feero, Johnny Weissmuller Jr, Claudette Bessing, Susan Baldwin, James Wheaton u.a.
Genre Social Fiction
Filmlänge 86 Minuten
Deutschlandstart
30. Dezember 1978 (TV-Premiere)
Inhalt
Die Zukunft: Die Menschheit lebt in volltechnisierten und überwachten unterirdischen Anlagen. Die Welt an der Oberfläche ist unbewohnbar geworden. Die Namen der Menschen bestehen aus einem Präfix aus drei Buchstaben und einer Nummer. Alle gesellschaftlichen Vorgänge sind genormt und reguliert.

Die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz wird gesteigert durch die regelmäßige und verpflichtende Einnahme von Psychopharmaka. Gefühle, die die Effiziens des Systems unter Tage gefährden - Liebe etwa, der Geschlechtstrieb, Hass - werden durch die Drogen unterdrückt. Die Nichteinnahme der Medikamente stellt ein Verbrechen dar (Drug Violation), das in einem zügigen Gerichtsverfahren mit der Vernichtung des Individuums geahndet werden kann. Menschliche Regungen, wie Weinen oder Lachen, treten bei korrekter Medikation nicht auf.

Die Menschen leben in Wohneinheiten zu zweit zusammen: THX 1138 lebt mit LUH 3417. LUH wird auf den Überwachungsgeräten bereits als mögliche Medikamenten-Verbrecherin aufgeführt, sie wirkt nachdenklicher und emotionaler. Sie tauscht Medikamente aus der Ration von THX aus. In der Folge spürt dieser fremdartige Gefühle, verliebt sich in LUH ... und schläft mit ihr.

Damit sind beide der Drug Violation überführt und festgesetzt. THX wird für unheilbar erklärt, soll konditioniert und in Gewahrsam genommen werden. Aber er kann fliehen. Zusammen mit SEN 5241 und SRT wird er von der Staatsmacht in Form von Roboterpolizisten verfolgt. Die Umgebung wird zunehmend fremder, nicht alle schaffen es, das Fremde anzunehmen und kehren in die Gefangenschaft zurück. THX hat mittlerweile erfahren, dass LUH offenbar vernichtet wurde.

Ihm bleibt keine andere Wahl mehr: entweder Tod durch Rückkehr, oder Tod auf der unbewohnbaren Erdoberfläche. Auf seiner Flucht steigt THX in einen Schacht und klettert die Leiter aufwärts ...

Was zu sagen wäre

George Lucas wurde 1977 mit Star Wars berühmt. Diese Serie liegt wie ein Fluch auf seinem Filmschaffen. So reich und mächtig die Sternenkrieger Lucas gemacht haben mögen, von seinem Traum, als anerkannter Filmkünstler zu arbeiten, haben sie ihn fortgerissen für immer.

Videocover: THX 1138Aber das ist unter Umständen vielleicht gar nicht so tragisch. Sein Erstlingswerk, THX 1138, das er schon an der Filmakademie als Kurzfilm entwickelt hatte und später unter Mithilfe von Francis Ford Coppola (Der Pate - USA 1972, Apocalypse Now - USA 1979) in der gemeinsamen Filmfirma American Zoetrope als Langfassung ins Kino brachte, atmet sehr den Hauch seiner psychodelischen Entstehungszeit – 68er-Generation und aufkommende Flower-Power geben sich ein Stelldichein im klinisch weißen Überwachungsstaat. Der Film ist mehr Vision als Story: Manche Figuren handeln lediglich, um den Film voranzubringen. SEN 5241 etwa ist an THX in einer Weise interessiert, die es unter den Hirn-benebel-Drogen eigentlich nicht geben kann.

LUH wird aus dem Film rausgeschrieben, nachdem sie ihre einzige Funktion, den plakativ verbotenen Geschlechtsakt, erfüllt hat. Schon in dieser frühen Frauenfigur zeigt Lucas, dass er mit Menschen/Schauspielern wenig anfangen kann. Ihn, den „Auteur“, treibt die Vision eines anonymen Überwachungsstaats, nicht der Mensch, der darin lebt. Auch Star Wars - A New Hope von 1977 beginnt mit zwei Robotern, deren Schicksal in der Wüste Tatooines den Regisseur mehr interessiert, als das der Prinzessin in den Händen Darth Vaders, des Schurken hinter einer Vollmaske.

Und was ist das für eine Gesellschaft, der Lucas seine THX-1138-Vision widmet? Auch das bleibt im Dunkel. Wir sehen eine Menschheit, die geheimnisvollen Regeln folgt. Ein Teil ist unter Drogen gesetzt, um hochkomplexe technische Aufgaben zu bewältigen – sie bauen offenbar Maschinen, die später als Roboter-Polizei in den unterirdischen Gängen für perfide Ordnung sorgen („Wir wollen nur helfen! Wir wollen Euch nichts tun!“); ihr Gewissen erleichtern die Arbeiter in Telefonzellen, in denen sie mit einem Jesusbild sprechen, das offenbar sprachgesteuert ist und unzusammenhängende Kommentare abgibt.

Alle Arbeiten sind einem klaren Kostendekret unterworfen, das aber derart unvorteilhaft gemanagt wird, dass THX diesem Dekret am Ende seine geglückte Flucht verdankt - das Verfolgungsbudget von 14.000 Verrechnungseinheiten wurde überschritten, die Verfolgung also eingestellt. Solche albernen, als Pannen umschriebende Fehler kennen wir alle aus der Sachbearbeiterbürokratie, in der die linke Hand nicht weiß, was die rechte macht, aber in Lucas' Roboterpolizei-Staat sind erkennbar alle Behörden miteinander vernetzt.

Wer also steuert die Behörden? Wer sitzt an der Spitze der Gesellschaft und wo und warum? An einer Stelle heißt es, „nun gehe und konsumiere. Sei glücklich“. Haben also Handelskonzerne die Macht übernommen, die die Menschen zu Kohlenstoffeinheiten degradiert und in einen sinnlos gewordenen Konsum getrieben haben? Diese Frage bleibt offen. Auch die Frage, warum die Allmacht freiwillig unter der Erde bleibt. Als THX am Ende auf dem Erdboden steht und in einen glühendroten Sonnenuntergang blickt, fliegen Vögel am Himmel – offenbar ist die Atmosphäre an der Erdoberfläche also nicht verseucht. Lucas interessieren all diese Fragen nicht.

Plakatmotiv: THX 1138

Sein Film bleibt die ursprünglich dem Film offenbar zugrunde liegende Idee, die etwa lauten könnte: „Ich stelle mir eine Gesellschaft vor, die ins Erdinnere geflüchtet ist, in der die Menschen durch Drogen als konsumfreudige Zombies gehalten werden. Wer die Regeln verletzt, wird vernichtet!“ Und? Weiter ..? Gut, dass wir mal drüber gesprochen haben über die Folgen, die das ungebremste Diktat des konsum-industriellen Komplexes der 1960er Jahre haben kann.

Der Film „THX 1138“ ist als zeitgenössisches Werk und als Frühwerk des Star-Wars-Schöpfers George Lucas ein interessanter Film. Aber die Kulissen, die damals durchaus übliche, heute nahezu unbekannte starre Kamera und der sehr ruhige Schnitt, machen den Film für ein Erst-Publikum im 21. Jahrhundert eher anstrengend. Auch ins Leere laufende Dialoge und sinnlose Ansprachen, die nach intellektueller Erhabenheit klingen, entlarven sich mit zunehmender Dauer als albernes Geschwurbel.

Bevor Warner Bros. den Film schließlich am 11. März 1971 in die Kinos brachte, hatten sie Lucas rausgeschmissen. Die Vorstellungen des experimentellen Filmkünstlern war mit den Vorstellungen eines kommerziell orientierten Filmstudios nicht in Einklang zu bringen. Es war diese frühe Erfahrung des Künstlers George Lucas mit der als ultimativ erlebten Macht des Filmimperiums, die ihn später zu jenem kompromisslosen, halsstarrig erscheinenden Produzenten einer US-amerikanischen Filmlegende werden ließ.

Wertung: 4 von 9 D-Mark