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Kinoplakat: The Neon Demon
Der Reiz der Oberfläche.
Kino um seiner selbst willen.
Titel The Neon Demon
(The Neon Demon)
Drehbuch Nicolas Winding Refn + Mary Laws + Polly Stenham
Regie Nicolas Winding Refn, Frankreich, Dänemark, USA 2016
Darsteller
Elle Fanning, Jena Malone, Bella Heathcote, Abbey Lee, Karl Glusman, Desmond Harrington, Christina Hendricks, Keanu Reeves, Charles Baker, Jamie Clayton, Stacey Danger, Rebecca Dayan, Helen Wilson, Houda Shretah, Taylor Marie Hill u.a.
Genre Thriller, Horror
Filmlänge 118 Minuten
Deutschlandstart
23. Juni 2016
Website theneondemon.com
Inhalt

Teenagerin Jesse ist neu in Los Angeles, schwimmt aber von Anfang an auf der Erfolgs­welle im Modelbusiness: Wäh­rend für ihre Kon­kur­renz die Casting-Türen meist ver­schlos­sen blei­ben, wird das Nach­wuchs­mo­del über­all mit offe­nen Armen begrüßt. Das Mäd­chen hat das gewisse Etwas, jene unbe­darfte Natür­lich­keit, wonach sich die Bran­che ver­zehrt.

Sie zieht in ein heruntergekommenes Motel und findet schnell Anschluss in der fremden Stadt: Stylistin Ruby bemerkt, was für ein Talent in Jesse steckt und will ihr dabei helfen, den Traum von der Modelkarriere zu verwirklichen. Wenig später hat Jesse mit Jan dann auch schon eine Top-Agentin und wird von einem Fotografen zum nächsten geschickt – mit ihrer anmu­ti­gen Ele­ganz zieht sie alle in ihren Bann. Die junge Frau, naiv und betont keusch im Auftreten, taucht immer tiefer in die Glitzerwelt aus dekadenten Partys und schicken Shootings ein. 

Doch die ober­fläch­li­che Mode­welt funk­tio­niert getreu dem Motto: Für jedes neue Gesicht muss auch ein altes wei­chen. Konkurrentinnen wie den Models Sarah und Gigi bleibt nicht verborgen, wer da zum neuen Liebling der Szene aufsteigt. Bald wird es für Jesse sehr gefährlich …

Was zu sagen wäre
Die Welt der Mode und die Welt des Films feiern gleichermaßen die Oberfläche, die Wirkung des schönen Scheins. Ohne das perfekt passende Bild wirkt die schönste Geschichte im Kino angekratzt. Der Däne Nicolas Winding Refn demonstriert das hier in Perfektion. Viel Glanz, großartige Fotografie – ein Bild ist immer noch schöner als das vorhergehende – darunter aber die immer gleiche Geschichte: unter den schönen Kleidern stecken hagere Models, in Filmen darüber steckt der Zynismus derer, die mit dem Finger zeigen – und sich dann trotzdem am Glotzen ergötzen. Es ist kein zufäller Gimmick, dass im Vorspann dauernd das Kürzel „NWR“ auftaucht. Der Däne weiß seine Oberflächen ebenso geschickt zu vermarkten, wie seinen Namen; der erste Regisseur, der sich selbst zur Marke stilisiert.

Der doppelte Boden des Nicolas Winding Refn

Bei Refn freilich kommt eine zweite Ebene hinzu. Es wäre kein Film von „NWR“, der uns mit dem brutalen Ausbruch im Showdown von Drive (2011) überrascht und mit der artifiziellen Grausamkeit in Only God forgives (2013) geschockt hat, wenn da unter der schönen Mode-Fassade nicht ein Dämon lauerte. So einfach lässt der Däne seine zuschauer nicht von der Angel. In vielen Details wirkt er, wie ein Gegenentwurf zu Only God forgives. Der Film ist sehr bunt, er schwelgt in Tageslicht, die Menschen sind dem Schönen und Guten zugetan – und gnadenlos in der Auslese.

„Ich bin ein Geist. Unsichtbar!“, klagt Model Sarah angesichts der unschuldigen Schönheit Jesses, die einen nasskalten Raum im Winter betreten könne und sofort als wärmende Sonne gesehen werde. „Schönheit ist nicht alles“, schmeißt der Modedesigner dem Model Gigi vor die Füße, die stolz erzählt, ihr Schönheitschirurg nenne sie seine Bionic Woman. „Schonheit ist das Einzige!“, setzt der Modedesigner hinzu und verzehrt mit seinen Blicken de unschuldig dreinschauende Jesse.

Die wunderbare Elle Fanning

Wo soll das enden? Refn hat sich bisher nicht als Mann etabliert, der einfache Erfolgsstory mit schönen Bildern verpackt. Und er erzählt dann auch keine Erfolgsstory. Dass unter „Genre“ bei diesem Film „Horror“ steht, ist kein Schreibfehler. Damit ist nicht der Horror gemeint, den ein Zuschauer im Kino vielleicht bei der glatten Oberflächenwelt der Models und deren Party-Smalltalk empfindet. Refns Horror wird – wieder erst im letzten Akt – sehr real (und hier nicht verraten). Jesse betritt diese Welt als die unberührte Blume. „Ich habe kein Talent“, sagt sie, „Ich kann nicht schreiben, nicht malen, nicht singen. Ich bin einfach nur sehr schön!“ Andere Frauen, sagt sie später noch, würden morden, um eine Art zweite Besetzung ihrer Schönheit zu werden.

Elle Fanning ist die perfekte Wahl für die Rolle. Ihren Jungmädchen-Rollen ist die 18-Jährige auch hier noch nicht entschlüpft (Trumbo – 2015; Maleficent – 2014; Ginger & Rosa – 2012; Wir kaufen einen Zoo – 2011; Somewhere – 2010), muss aber erstmals die Hauptlast des Films stemmen, was sie mit derselben unschuldigen Eleganz tut, mit der ihre Jesse die anderen Bionic-Woman-Models aus dem Feld schubst. Ms. Fanning hat in den vergangenen Jahren eine interessante Aswahl an Rollen gespielt – unvergessen ihr spiel in J.J. Abrams Spielberg-Ode Super 8 (2011). In Refns „Neon Demon“ hat sie mutig ein Regal zu hoch gegriffen – diese 16-jährige Jesse, die stets behaupten soll, 19 zu sein, hat Fanning nicht durchgehend im Griff, es gibt kurze Momente, da übernimmt der brave Jungmädchen-Charme, den sie von früher beherrscht, wenn eigentlich etwas Herangewachsenes, Verschlagenes gefragt ist; aber die großen Momente ihrer rolle sitzen dann wieder.

Dem ambivalenten Film, der es weder dem Arthouse-, noch dem Thriller- und auch nicht dem Horrorpublikum einfach macht, war an der Kinokasse kein großer Erfolg beschieden. Den geschätzt sieben Millionen Dollar Produktionskosten liegt nur ein Einspiel von etwa 3,3 Millionen Dollar gegenüber.

Wertung: 7 von 8 €uro
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