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Kinoplakat: Herr Ober!
Der Meister der wohl gesetzten Pause
wirkt auf der Leinwand zäh und träge
Titel Herr Ober!
Drehbuch Gerhard Polt
Regie Gerhard Polt & Fred Unger, Deutschland 1992
Darsteller

Gerhard Polt, Christiane Hörbiger, Ulrike Kriener, Robert Meyer, Otto Grünmandl, Fritz Lichtenhahn, Martin Zauner, Ulrich Matthes, August Schmölzer, Natalya Lapina, Elisabeth Welz, Eisi Gulp, Lutz Herkenrath, Petra Zieser, Manon Straché u.a.

Genre Komödie
Filmlänge 93 Minuten
Deutschlandstart
31. Januar 1992
Inhalt

Nur ungern arbeitet Ernst Held im „Hotel zur Sonne“, das seiner vermögenden Gattin gehört. Denn für die Gastronomie interessiert er sich ebenso wenig wie für seine biestige Frau. Seine Liebe gehört allein der Poesie. Stolze 18.000 D-Mark kostet die Auflage seines ersten Gedichtbandes, den Ernst im Eigenverlag hat drucken lassen – auf Kosten der Gattin.

Als er seiner platonischen Geliebten Camilla eine Kostprobe dieser Dichtkunst darbietet, wird Ernst von seiner eifersüchtigen Ehefrau überrascht, die ihrem vermeintlich untreuen Mann auf der Stelle den Laufpass gibt. Die nette Wirtin Agnes entdeckt ihr Herz für den Arbeitsuchenden Ernst und stellt ihn als Kellner ein.

Kaum bedient Ernst mit unwiderstehlichem Charme die einfachen, bodenständigen Gäste der Münchener Wirtsstube, avanciert der "Goldene Löffel" in einem Zeitungswettbewerb zur Kneipe des Monats. Auch mit der Literatur geht es aufwärts. In einer Fernsehshow avanciert der Kellner-Poet mit seinen auf naive Art tiefgründigen Gedichten über „Gemütlichkeit“ auf Anhieb zum Publikumsliebling.

Die zynischen Herren vom Literaturbetrieb sehen in dem dichtenden Kellner eine Goldgrube und setzen alles daran, den urigen Kerl zu vermarkten. Doch da spielt Ernst nicht mehr mit …

Was zu sagen wäre

Gerhard Polt ist ein Meister der Pausen. Auf der Bühne macht er durch Pausen aus einfachen Geschichten große Filme,  durch sie wandelt er nett erzählte Histörchen über den Nachbarn zu sarkastischen Portraits über den Spießbürger, bei denen man nie so genau weiß, ob man lachen darf oder nicht lieber die Klappe hält und sich – weil man erkannt worden ist – unter den Sitz verkriecht. Das ist eine große Kunst und Polt beherrscht sie perfekt.

Im Kino funktioniert diese Kunst der Pause nicht, jedenfalls nicht die, die Polt beherrscht. Es gibt eine Szene, die das illustriert: Die bierdimpflige Ernst Held hat ein Gedicht über die Zeit geschrieben (s.u.), das immer, wenn es jemand liest, ausgelacht wird, weil es gar so naiv ist. Dann trägt Held/Polt selbst es vor und hängt die ganze Leidenschaft des Dichters hinein – und da lebt es plötzlich; für einen Moment nur, aber wenigstens lebt es. Das kann Polt: selbst aus mäßigen Texten im Vortrag noch Gold holen. Im Kino muss er aber nicht erzählen, am Set ist Kino vor allem Handwerk und das ist Polts Sache nicht.

Sein Film „Herr Ober!“ will ein Lobgesang auf die Langsamkeit sein, ein Aufschrei wider die Hektik, die der modernen Gesellschaft die Luft zum Denken nimmt. Aber dazu bräuchte der Film ein bisschen echtes Leben; statt dessen aber ist er bevölkert mit einem Sammelsurium von Klischees: bei Polt sind Fernsehredakteure arrogante Karrieristen, die ihr Publikum verachten, ist die Münchner Gesellschaft eine einzige, Schampus schlürfende Schickeria-Meute, sind Kellner hochnäsig, Gattinen schnippisch, suchen Frauen bei Männern nur den geldwerten Vorteil, ist die ganze Welt darauf aus, aus ihren versprochenen 15 Minuten Ruhm möglichst 30 oder 45 Minuten zu machen. Nicht, dass das in diesem geschlossenen Kosmos der erzählten Geschichte nicht stimmig wäre; es ist eben nur gar nicht lustig oder sonstwie unterhaltsam. Es ist langsam und zäh. Wie man diese Gesellschaft einfängt, hat bissiger, schärfer und vor allem unterhaltsamer Polts bajuwarischer Landsmann Helmut Dietl in „Kir Royal“ (1986) vorgemacht.

Man merkt Polts Figuren an, dass sie erdacht sind, aus der Feder aufs Papier geschrieben wurden, und dann von der Regie im Stich gelassen worden sind; es sind tote Platzhalter. Würde Polt seinen dichtenden Ober auf der Bühne erzählen, mit seinen Pausen und seinem eingestreuten „ned?“, das Publikum böge sich bald vor Lachen. Da oben auf der Leinwand aber trottet Polt behäbig durchs Bild und scheint selbst nicht so recht zu wissen, was er mit dem ganzen Apparat rund um die Kamera anfangen soll. Auf dem Regiestuhl werden Polt seine Pausen zum Verhängnis.

Wertung: 3 von 10 D-Mark
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