Kinoplakat: Brazil
Durchgenallte 1984-Variante
eines genialen Kino-Berserkers
Titel Brazil
(Brazil)
Drehbuch Terry Gilliam + Tom Stoppard + Charles McKeown
Regie Terry Gilliam, UK 1985
Darsteller Jonathan Pryce, Ian Holm, Bob Hoskins, Robert De Niro, Katherine Helmond, Michael Palin, Ian Richardson, Peter Vaughan, Kim Greist, Jim Broadbent, Barbara Hicks, Charles McKeown, Derrick O'Connor u.a.
Genre Drama, Fantasy
Filmlänge 132 Minuten
Deutschlandstart
26. April 1985
Inhalt

Sam Lowry ist ein kleiner Angestellter im Archiv des allmächtigen „Ministeriums für Information” (M.O.I.). In seinen Träumen trifft er als geflügelter Held in schimmernder Rüstung eine blonde Schönheit in wallendem Weiß. Im wirklichen Leben möchte er gerne unauffällig leben. Seine einflussreiche Mutter, die mit ihrer Freundin um den besseren Schönheitschirurgen konkurriert, arrangiert eine Beförderung, die Sam aber ablehnt.

Durch einen Druckfehler kommt es zu einer folgenschweren Verwechslung, indem anstatt eines als „Terrorist” gesuchten freischaffenden Heizungsinstallateurs namens Tuttle, der sich dem alles beherrschenden Bürokratieapparat dieser Gesellschaft entzieht, ein unbescholtener Familienvater namens Buttle verhaftet und zu Tode gefoltert wird. Sam wird die bürokratische Nachbearbeitung dieses Irrtums aufgetragen. Den Rückvergütungsscheck für die vorgesehene „Informationswiedergutmachungszahlung” überbringt er persönlich der Witwe. Dabei begegnet er der Frau aus seinen Träumen, der Lastwagenfahrerin Jill Layton, einer Nachbarin Buttles.

Um sie wiederzufinden, akzeptiert er die Beförderung und nutzt zugleich den Kontakt zu seinem ehrgeizigen Freund Jack, der in hoher Stellung einer geheimen Tätigkeit nachgeht. Von Jack erfährt Sam von der geplanten Verhaftung Jills. Er versucht Jill zu retten, indem er in die Datenbank des Ministeriums ihren Tod einträgt. Jedoch werden beide in der Wohnung von Sams Mutter überrumpelt, wobei Sam verhaftet und Jill offenbar getötet wird …

Was zu sagen wäre

„Ah, der neue Film von den Ritter-der-Kokosnuss-Machern, die auch Das Leben des Brian gemacht haben.” So dachte ich, als der Film in die Kinos kam, weil doch Terry Gilliam inszenierte und Michael Palin unter den Schauspielern war. Mit dieser Einschätzung lag ich, wie sich erweisen sollte, ziemlich falsch.

Kinoplakat (US): BrazilWenig erinnert an die beiden Husarenstreiche der Monty Python. Außer, dass auch diese bitterböse Satire ein Husarenstreich ist, das überbordende Kunstwerk eines optischen und inszenatorischen Genies. Terry Gilliams Film, der an George Orwells „1984” erinnert, gehört zu den Filmen, die man im Laufe der Zeit ruhig mehrmals sehen kann. Jedesmal bieten sie neue An- und Einsichten. Und das liegt nur zum Teil an dem steten Wechsel zwischen surrealistischen Traumvisionen und rasanten Action-Turbulenzen. Vor allem liegt das daran, dass es von dem Film unterschiedliche Schnittfassungen gibt. In Europa kam er in einer 142 Minuten langen Fassung ins Kino, in den USA in einer gekürzten 132-Minuten-Fassung. Für die amerikanische Laserdisc-Veröffentlichung in der Criterion Collection erstellte Gilliam 1993 auf Basis der europäischen Schnittfassung einen 143 Minuten langen Director's Cut. Zudem gibt es eine nur im amerikanischen Fernsehen gezeigte Fassung (die sogenannte „Love Conquers All”-Version), die nach der „Bearbeitung” nur noch 94 Minuten zählt. Herausgeschnitten wurden zahlreiche Szenen, die dem Verleih zu negativ erschienen, sowie der Schluss, der das „Happy End” als Traum-Flucht des gefolterten Sam Lowry enthüllt.

Der Filmtitel ist eine Anspielung auf die Samba „Brazil” („Aquarela do Brasil”) von Ary Barroso (1939), die in einer Version von Geoff Muldaur die Titelmelodie des Films bildet und in verschiedensten Abwandlungen im Film wiederkehrt. Gilliam selbst sagte in einem Featurette zum Thema: „Ursprünglich begann der Film in Port Talbot, Wales. In Port Talbot wird Stahl erzeugt. Der Strand ist vom Kohlenstaub total schwarz. Schiffe laufen auf den Inseln ein und riesige Förderbänder transportieren die Kohle, alles ist voll Staub, der Strand ist rabenschwarz. Da saß ich bei Sonnenuntergang. Ich sah nur das Bild eines Typen vor mir, der dort den Sonnenuntergang ansah, während sein Radio seltsame Musik empfing, wie Brazil, lateinamerikanische, romantische Musik. So fing alles an. Und darum geht es in dem Film nach wie vor. Es geht um jemanden, der all dem entfliehen will, der glaubt, es gebe eine Fluchtmöglichkeit.”

Für das deutsche Filmmagazin CINEMA zählt „der bildgewaltige Geniestreich von Terry Gilliam („Time Bandits”) zu den großen Kultwerken der Filmgeschichte – angesiedelt zwischen Franz Kafka, George Orwell und durchgeknallter Monty-Python-Anarchie. Fazit: Worte reichen nicht – man muss es sehen!”

Wertung: 9 von 9 D-Mark