IMDB

Plakatmotiv: Out of Rosenheim (1987)

Eine stille Betrachtung von
Menschen in Grenzsituationen

Titel Out of Rosenheim
Drehbuch Eleonore Adlon, Percy Adlon, Christopher Doherty
Regie Percy Adlon, BRD 1987
Darsteller

Marianne Sägebrecht, CCH Pounder, Jack Palance, Christine Kaufmann, Monica Calhoun, Darron Flagg, George Aguilar, G. Smokey Campbell, Hans Stadlbauer, Alan S. Craig, Apesanahkwat, Ronald Lee Jarvis, Mark Daneri, Ray Young, Gary Lee Davis u.a.

Genre Drama, Komödie
Filmlänge 108 Minuten
Deutschlandstart
12. November 1987
Inhalt

Nach einem handfesten Streit trennt sich Jasmin Münchgstettner aus Rosenheim während einer gemeinsamen Reise in den USA von ihrem Ehemann. Nun steht sie allein in einer Wüste, irgendwo im Südwesten der Vereinigten Staaten. Zu Fuß in ihrem Lodenkostüm, mit Handtasche und Koffer, gelangt sie an eine kleine Ansiedlung namens Bagdad, die nur aus dem heruntergekommenen Bagdad Cafe mit angeschlossenem Motel und Tankstelle besteht.

Das Haus wird von der resoluten, übellaunigen Brenda geleitet, die kurz zuvor ihren nichtsnutzigen Mann nach einem Streit hinausgeworfen hat. Brenda lebt im Café mit ihrer halbwüchsigen Tochter Phyllis, ihrem erwachsenen Sohn Salomo und dessen kleinem Sohn. Plakatmotiv (DDR): Out of Rosenheim (1987) Als Dauergäste leben dort außerdem die Tätowiererin Debby und der ehemalige Hollywood-Bühnenmaler Rudy Cox.

Jasmin nimmt sich ein Zimmer, obwohl Brenda der in ihren Augen fremdartigen und suspekten Frau mit offener Abneigung begegnet. Als sie den Laden wieder auf Vordermann bringt, freunden sich die beiden Frauen an. Und in Kulissenmaler Rudy findet Jasmin bald auch einen Verehrer …

Was zu sagen wäre

Pack' Deine sieben Sachen, verlasse die Einöde Deines Lebens und ziehe ins richtige Leben hinaus. Etwas besseres, als Deinen rauchenden und trinkenden Ehemann findest Du allemal. Das ist nicht exakt das, was Jasmin Münchgstettner sich denkt, als sie ihren Mann verlässt. Aber das ist ziemlich genau das, was sie in einer kalifornischen Einöde namens Bagdad, 150 Kilometer vor Las Vegas, lernt, in der bald, nicht zuletzt durch sie, das Leben brodelt.

Percy Adlon hat einen stillen, ruhigen Film über eine Aussteigerin gedreht, die nichts hippieeskes an sich an, im Gegenteil, auch in der heißen Wüstensonne marschiert sie im geknöpften Lodenkostüm samt Hut, Rollkoffer und Handtasche am Straßenrand. Marianne Sägebrecht stattet diese Frau mit einer unendlichen Geduld, großem Gleichmut und unerschütterlicher Freundlichkeit aus. Und trotzdem dauert es mehr als eine Stunde, bis sich die beiden Frauen freundschaftlich annähern. Brenda, in deren Welt die fremde Weiße eingedrungen ist, hat zuviel um die Ohren, um sich um so Dinge wie Freundlichkeit zu kümmern. Sie wäre die Fremde mit den Travellers Cheques in der Tasche am liebsten wieder los. Brenda hat sogar den Sheriff alarmiert, sagt, diese Frau mit den Männerklamotten (und einer riesigen Lederhose) im Koffer sei so anders, was zu der in deutschen Augen fremd wirkenden Situation führt, in der sich eine Afroamerikanerin und ein Indigener mit langen schwarzen Zöpfen – der Sheriff – über die Andersartigkeit einer Europäerin unterhalten, Plakatmotiv: Out of Rosenheim (1987) so wie sonst Weiße über die Andersartigkeit von Schwarzen oder Indianern zu urteilen pflegen.

Das Leben in diesem Bagdad Gas & Oil Café ist ein träger Fluss. Es kommen kaum Gäste, der Kaffee ist „kein Kaffee sondern braunes Wasser“, die Tische kleben vor Dreck, Brenda scheucht ihre Kinder lautstark in die Schule oder zur Arbeit und hinten in der Ecke legt Rudy Cox, der in einem Wohnanhänger auf der anderen Straßenseite wohnt, seine Cowboystiefel auf den Tisch. In einem der heruntergekommenen Zimmer wohnt die Tätowiererin Debby als Dauergast, die nie ein Wort sagt, dafür ein paar Lkw-Fahrer anzieht, die dann auch zum Essen bleiben.

Jetzt sitzt auch Jasmin immer da. Und sie macht sich nützlich. Räumt auch, kümmert sich um Brendas kleinen Enkelsohn, putzt. Und sie gibt Brendas beiden Kindern, der Teenager-Göre Phyllis mit den Kopfhörern und dem dauernd Klavier spielenden, erwachsenen Salomo die Aufmerksamkeit, zu der die allein erziehende Brenda nicht mehr kommt. Das bringt die so auf die Palme, dass sie Jasmin beinahe rausschmeißt, bevor sie erkennt, dass es Jasmin nur darum geht, sich nach den Demütigungen durch ihren Mann wieder wertvoll und nützlich zu fühlen – und das zu tun, was eine resolute Frau eben tun muss, weil es die Männer nicht machen: für Ordnung sorgen. Jasmin schafft das mit Magie.

Im Gepäck ihres Mannes hat Jasmin einen Karton mit Material und Anleitungen für Zaubertricks gefunden. Sie übt und führt den wenigen Gästen Tricks vor. Daraus wächst eine Zaubershow, die sich schnell unter den Truckern herumspricht. Und plötzlich ist die ranzige Bretterbude, die sich Café nennt, eine schillernder Laden, immer voll, und der Film holt all die Fröhlichkeit nach, die er sich vorher 90 Minuten zugunsten einer stillen Menschenbeobachtung verkniffen hat.

"Out of Rosenheim" ist ein Aussteigerfilm über die Selbstermächtigung der Frau. Die Männer erscheinen als unnötiges Beiwerk. Einer spielt den ganzen Tag mit seinem Bumerang, einer sitzt rum, einer faulpelzt sich durchs Leben, einer spielt dauernd Klavier. Das Leben in Schuss halten die beiden Frauen, die zunehmend verstehen, welche Fähigkeiten sie haben. Irgendwann lässt Jasmin sich von Rudy malen. Erst sehr angezogen, einige Zeit später auch sehr ausgezogen. Das zeigt Percy Adlon in einer schönen Zeitsprung-Sequenz, die auch Jasmins gesprengte bayerische Ketten symbolisiert.

Wertung: 9 von 10 D-Mark
IMDB