Uwe lebt in einer Hamburger Vorstadtsiedlung. Mit seiner Bande knackt er Automaten oder verprügelt Ausländer. Auch Dschingis wird Opfer ihrer Attacke.
Als die Bande Dschingis’ selbstgebautes Boot zerstört, setzt sich der Junge zur Wehr. Nach der Rivalität werden Uwe und Dschingis Freunde, gemeinsam bauen sie das Boot wieder auf und entfliehen der Tristesse ihres Alltags aus prügelnden Vätern und ängstliche Müttern Richtung Nordsee …
Die Musik zu dem Film steuert größtenteils Udo Lindenberg bei und tatsächlich ist "Nordsee ist Mordsee" auch ein verfilmtes Lindenberg-Lied. Hier wird klar: Lindenberg singt gar nicht über Leute jenseits der 20, die von der großen weiten Welt jenseits des Atlantiks träumen. In seinen Liedern geht es um Kinder, 14 Jahre alt, die sich aus der Tristesse ihrer Arbeiter-Hochhaussiedlungen träumen.
Mit einfachsten filmischen Mitteln erzählt Hark Bohm hier eine große Abenteuergeschichte über Freundschaft und Träume. Ich lebe in Köln und habe große Schwierigkeiten, die Sprache der Kinder in der ersten Hälfte des Films zu verstehen. Sie nuscheln teenagerrotzig Hamburger Dialekt miteinander. Letztlich ist es aber gar nicht wichtig, was sie sagen. Ich verstehe sie irgendwie auch so. Ich knacke zwar keine Spielautomaten und verprügele mit meiner Clique auch keine Ausländer, hänge aber zum Mittagessen, wenn meine beiden Eltern arbeiten, in ähnlichen Frittenbuden rum und tobe durch vergleichbare Abenteuerbrachen, wie die Jungs und Mädchen im Film. Ihre Umgebung ist mir – weit weg – sehr vertraut.
Als Abenteuer gilt die Nordsee, „die ist 100 Kilometer wech“; aber nicht die Ewigkeit. Die beiden so unterschiedlichen Jungs, die sich doch so ähnlich sind, wissen ganz genau, dass sie mit ihren gestohlenen Segelbooten nicht weit kommen werden, Uwe hat die nächste Tracht Prügel seines Vaters bereits fest einkalkuliert, Dschingis geht nicht mehr davon aus, dass seine Mutter ihn zurück will. Sie leben unausgesprochen das Leben der Stadtmusikanten aus der ewigen Hamburger Konkurrentin Bremen: Etwas Besseres als den Tod werden wir allemal finden. Sie sind sich sicher, dass sie geschnappt werden: „Vielleicht nächstes Mal. Aber lieber nächstes Mal ’n Arsch voll kriegen als jetzt gleich. Denk doch mal logisch!“ Kinder denken von Tag zu Tag, das ist gelebtes, reales Abenteuer.
Hark Bohm bedient sich des filmischen Mittels des Einfach die Kamera drauf halten und die Kinder machen lassen. Und die machen. Ihr alltägliches Miteinander ist in meinen Breitengraden sprachlich nicht einfach zu verstehen, aber anders als hier ist es nicht. Imponiergehabe, schüchterne Blicke auf die Mädchen und Erwachsene, die keine Ahnung haben, aber bestimmen können. Vater hängt den ganzen Tag besoffen auf dem Sofa, hat aber mittels härterer Fäuste das Sagen. Uwe träumt von dem Tag, an dem er es seinem „Alten“ endlich so richtig zeigen kann.
Und dann kommt dieser magische Moment, der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zweier Gegensätze, die sich ergänzen. Ab dem Moment, ab dem die beiden Jungs in Dschingis' selbstgebautem Floß auf die Elbe raus schippern, wandelt sich das Coming-of-Age-Drama zu einem Märchen. Nachdem sie ihre schwerfällige "Xanadu" gegen die Jolle "Polyp" getauscht haben, gleiten sie traumwandlerisch zwischen Schleppern, Frachtern und Hochseekähnen hindurch, wissen nicht genau, wohin, aber das mit großer Bestimmtheit. Und diese vage Zielkoordination bringt die beiden Jungen immer weiter, weder die Wasserschutzpolizei, noch Polizeistreifen zu Land noch Hunger können sie aufhalten. Als sie zwischenzeitlich ungeplant in direkter Nachbarschaft zum Jugendknast unter Bäumen pennen, malen sie sich in der Folge aus, wer den anderen wie vor dem Knast bewahren könnte: „Ich sach', war meine Idee. Ich hab' Dich gezwungen.“
Lieber nächstes Mal ’n Arsch voll kriegen als jetzt. Das Schlussbild zeigt die Jolle allein und klein im Bild. Die Jungs in ihr haben sich räumlich kaum weiter entfernt von ihrer tristen Alltagsrealität. Aber die Einstellung suggeriert, dass sie schon ganz weit weg, im Boot allein auf hoher See sind. Und Udo Lindenberg singt:
Ich träume oft davon ein Segelboot zu klau'n
Und einfach abzuhau'n
Ich weiß noch nicht wohin
Hauptsache, dass ich nicht mehr zuhause bin
Mit den Alten haut das nicht mehr hin.
Jetzt woll'n wir doch mal seh'n
Wie weit die Reise geht
Und wohin der Wind mich weht
Es muss doch irgendwo 'ne Gegend geben
Für so 'n richtig verschärftes Leben
Und da will ich jetzt hin.
Wenn der Vorhang sich schließt, wissen wir, ungefähr, wie die Reise von Uwe und Dschingis enden wird. Aber der Zauber des Kinos erlaubt uns, über den Abspann hinaus einfach weiter zu träumen.
Der Arbeitsausschuss der FSK versagte dem Film in seiner Sitzung vom 24. März 1976 die Freigabe ab 12 Jahren. Hans Günther Pflaum verglich dazu "Nordsee ist Mordsee" am 26. April 1976 in der Süddeutschen Zeitung mit Prügelfilmen und Militärklamotten, die von der FSK ab 12 bzw. ab 6 Jahren freigegeben wurden. Der Nordsee-Film werde dagegen den 14-Jährigen vorenthalten, weil er die Wirklichkeit zeige und „wie man sich gegen Bestehendes zur Wehr setzen kann“. Das sei „keine pädagogische Entscheidung mehr, sondern eine politische.“
Hans-Christoph Blumenberg schrieb am 30. April 1976, die FSK verschließe mit ihren Vorstellungen von Jugendschutz die Augen vor der Wirklichkeit und huldige Idealen von vorgestern. Seine Vorwürfe gipfelten in der Frage: „Wer schützt uns vor einer Organisation, die immer noch und immer wieder politische Zensur betreibt, jetzt unter dem Deckmantel des Jugendschutzes?“
Nach der Sitzung des Hauptausschusses am 13. Mai 1976 gab der Rechtsausschuss der FSK als dritte Instanz den Film schließlich ab 12 Jahren frei.
