Plakatmotiv: Ringo (aka Höllenfahrt nach Santa Fé) 1939
Ein Kammerspiel
im Wilden Westen
Titel Ringo (aka Höllenfahrt nach Santa Fé)
(Stagecoach)
Drehbuch Dudley Nichols + Ben Hecht
nach der Erzählung „Stage to Lordsburg“ (dt. Postkutsche nach Lordsburg) von Ernest Haycox
Regie John Ford, USA 1939
Darsteller Claire Trevor, John Wayne, Andy Devine, John Carradine, Thomas Mitchell, Louise Platt, George Bancroft, Donald Meek, Berton Churchill, Tim Holt, Tom Tyler u.a.
Genre Western
Filmlänge 96 Minuten
Deutschlandstart
13. Oktober 1950
Inhalt

Ein kurzer Vorspann bringt die Handlung des Films in einem historischen Hintergrund, der mit der Nennung des Namens Geronimo auf einen Nenner gebracht wird. Der Apachenanführer befand sich mit einer kleinen Anzahl von Gefolgsleuten auf dem Kriegspfad und verbreitete Angst und Schrecken im Grenzbereich von Arizona und New Mexico.

Dann wendet sich die Schilderung der Hauptstraße der Stadt Tonto in Arizona zu: Eine Postkutsche von Wells Fargo & Company hat Passagiere und 5.000 Dollar Lohngelder in die Stadt gebracht, während eine kleine, bunt zusammengewürfelte Resegesellschaft schon auf die Weiterfahrt nach Lordsburg in New Mexico wartet. Neben dem gutmütigen, aber wenig durchsetzungsfähigen Kutscher Buck nimmt der Sheriff Curly Wilcox auf dem Kutschbock Platz. Er verfolgt den entlaufenen Sträfling Ringo, den er in Lordsburg vermutet. In der Kutsche reist die schwangere Offiziersgattin Mrs. Mallory, die ihren Ehemann an der nächsten Station wähnt, in Apache Wells. Wie sie gehörte auch der ängstliche Schnapsvertreter Peacock bereits zu den vorherigen Passagieren. Spontan entscheidet sich der elegant auftretende Hatfield zur Mitreise. Er bietet sich als weiterer Beschützer für Mrs. Mallory an. In Tonto hatte er allerdings weniger einen Ruf als Gentleman, denn als notorischer Glücksspieler.

Eher unfreiwillig steigen zwei weitere Passagiere der Kutsche zu. Zunächst die Prostituierte Alice, die von einer Abteilung Damen der örtlichen Liga für Tugend und Sitte, unterstützt durch einen Gesetzeshüter, aus der Stadt vertrieben wird. „Unsere Männer werden uns dankbar sein“, behauptet eine der Anstandsdamen. Als zweiter Ausgestoßener schließt sich der Arzt Dr. Josiah Boone der Prostituierten an. Der raubeinige Heilkünstler, der als übler Trunkenbold verrufen ist, wird von seiner Hauswirtin wegen Mietrückstandes vor die Tür gesetzt. Die Hauswirtin schließt sich prompt den Anstandsdamen an, deren Wortführerin die Gattin des Bankiers Gatewood ist. Deren Ehemann hat unterdessen die übergebenen Lohngelder unterschlagen und steigt, mit seiner Beute als einzigem Gepäckstück, am Stadtrand heimlich der Kutsche zu. Angeblich hat er telegrafisch eine Nachricht aus Lordsburg erhalten, dass man ihn dort erwarte; was aber nicht sein kann, da die Telegrafenleitung unterbrochen ist.

Plakatmotiv: Ringo 1939Außerhalb der Stadt, als sich die Postkutsche schon in der Steppe befindet, stößt als neunter Reisender der Outlaw Ringo zu der Gruppe. Er hat sein Pferd verloren, wird vom freudig überraschten Sheriff mit angelegter Schrotflinte empfangen und in Gewahrsam genommen. Die Mitreisenden erfahren, dass er aus dem Gefängnis entwichen ist, um die Plummer-Brüder zu verfolgen, die seinen Vater und Bruder ermordet und ihn selbst durch Falschaussagen erst ins Gefängnis gebracht hatten.

Währenddessen haben Ereignisse im äußeren Umfeld das Gefahrenpotenzial erhöht. Die bis dahin begleitende Militäreskorte wird zu anderen Aufgaben abberufen, die in Apache Wells vermutete Ablösung war bereits zuvor weitergezogen. Die Postkutsche muss ihre Reise nun auf sich selbst gestellt weiterführen. An der nächsten Zwischenstation Dry Fork herrscht eine düstere, bedrohliche Stimmung. Stationshalter Chris empfängt die Gruppe mit der schlechten Nachricht, dass die Militärpatrouille in einem Gefecht mit Apachen aufgerieben und der Ehemann von Mrs. Mallory schwer verwundet wurde. Erschüttert von dieser Nachricht, bricht die Hochschwangere zusammen und gebiert an diesem Ort eine Tochter. Als hilfreiche Unterstützer bewähren sich dabei vor allem die Prostituierte Alice und der Arzt Dr. Boone, nachdem „das besoffene Schwein“ (Hatfield über Boone) zwangsweise ausgenüchtert worden ist. Ringo macht am selben Abend Alice einen Heiratsantrag, doch diese zeigt sich zunächst zurückhaltend, da sie unsicher ist, ob er ihre „Vergangenheit“ akzeptieren würde.

Geburt, Säugling und geschwächte Wöchnerin halten die Gruppe länger als erwünscht am Ort. Neue Konflikte mit nunmehr veränderten Konstellationen brechen auf. Alice möchte Ringo zur Flucht überreden, doch dieser bricht den Fluchtversuch ab, als er Rauchwolken bemerkt, die von Aktivitäten der Apachen auf der beabsichtigten Wegstrecke künden. Nach fortgesetzter Fahrt finden die Reisenden die dritte Zwischenstation, Lee's Ferry, als niedergebrannten Trümmerhaufen vor. Die Bewohner sind getötet worden. Nach gefahrvoller Flussüberquerung versucht man, durch einen Umweg die Apachen zu meiden. Als man die Reise schon fast erfolgreich überstanden wähnt, kommt es doch noch zum dramatischen Überfall der Apachen auf die Postkutsche und damit zur größten Bewährungsprobe. Als (fast) alle Patronen verschossen sind und das sichere Ende gekommen scheint, bringt ein unerwarteter Kavallerieeinsatz die Rettung in letzter Sekunde.

Am Zielort Lordsburg angelangt, scheinen die Wege der Hauptfiguren in den ursprünglich beabsichtigten Bahnen auseinanderzulaufen. Alice zieht es ins Rotlichtviertel. Ringo verfolgt seine Rachegelüste gegen die vermeintliche Übermacht von drei gefährlichen Gegnern, nachdem der Sheriff ihn dafür „beurlaubt“ hat. Der eigentliche Showdown wird nur ansatzweise im Bild gezeigt. Nachdem der Anführer der Plummer-Brüder kurzzeitig als Sieger erschienen ist, dann aber tot zusammenbricht, ermöglichen der Sheriff und Dr. Boone dem nun doch vereinten Paar, Ringo und Alice, quasi durch den Hinterausgang die Stadt zu verlassen.

Plakatmotiv: Ringo 1939

Was zu sagen wäre

Eine Postkutsche fährt nach Lordsburg; an Bord verschiedene Typen, die Grund haben, dorthin zu kommen oder wegzukommen von dort, wo die Kutsche herkommt. Daraus macht John Ford ein Gesellschaftsportrait aus dem späten 19. Jahrhundert im Westen der USA – dem Wilden Westen. An Bord der Postkutsche: ein elitärer Bankier, der Gelder veruntreut, ein trunksüchtiger Arzt, eine Dirne, ein zwielichtiger Spieler (wie sich herausstellt, Sohn eines Richters Ashborn), ein ängstlicher Schnapsvertreter (Donald Meek spielt diesen Mr. Peacock, der für John Ford gerade erst den eifrig pathetischen Ankläger in Der junge Mr. Lincoln gespielt hat), die Frau eines Offiziers, ein Revolverheld.

Plakatmotiv: Stagecoach (1939)In der prachtvollen Weite des Monument Valley inszeniert John Ford ein packendes Kammerspiel, das seinen Schauplatz, die – im Original – titelgebende Postkutsche, nur selten verlässt. Dabei filmt er mit erstaunlich beweglicher Kamera an Originalschauplätzen und in Action; im großen Showdown greifen Indianer die Postkutsche an, es kommt zu heftigen Kämpfen im gestreckten Galopp, das sind intensive Bilder – sechs Pferde vor einer Kutsche, Ringo, der über diese Pferde drübersteigt, um die Kontrolle über sie nicht zu verlieren, Wells-Fargo-Kutscher Buck – Andy Devine in einer schönen Sidekick-Rolle – der alle Pferde beim Namen kennt und sie immer wieder in die Spur ruft; und währenddessen zeigt Bert Glennons Kamera die Situation aus allen möglichen und unmöglichen Perspektiven – es ist ein kleines technisches Meisterwerk, wie die Kamera-Crew ihr Arbeitsgerät einsetzt.

In der engen Kutsche zusammengepfercht, entladen sich Vorurteile und soziale Spannungen zwischen den Reisenden in teilweise hitzigen Wortgefechten. Die nach eigener Einschätzung „Anständigen“ distanzieren sich von den „Asozialen“. Ford verdeutlicht das visuell bei der ersten Zwischenstation Apache Wells, wo sich die Anständigen auch räumlich von den von ihnen Verachteten entfernen können. Als Wortführer des Establishments versucht sich vor allem der betrügerische Bankier Gatewood zu profilieren. Er glänzt mit Unternehmersprüchen, die von seinem eigenen Verhalten konterkariert und in ihrer Hohlheit offenbart werden. Auch die aus Virginia kommende Schwangere zeigt, unterstützt von dem kaum von ihrer Seite weichenden Südstaatler Hatfield, starkes Distanzbedürfnis. Der Sheriff auf dem Kutschbock will Ringo unbedingt wegsperren – aber nur, um ihn vor den tatsächlichen Banditen, den Plummers, zu schützen „Du hast ja ein schönes Bild von Recht und Ordnung. Ich will hier in erster Linie Ruhe!“ Und der Banker im Wagen schimpft über Bankprüfer. „Wir brauchen keinen Politiker als Präsidenten. Sondern einen Mann der Wirtschaft.“ Eine Gesellschaft männlicher Macher, in der die Frauen das Tempo vorgeben – die eine, weil sie schwanger ist und niederkommt, die andere, weil sie – brenzlige Situationen aus ihren Beruf gewöhnt – einen klaren Kopf behält. John Fords Männer sind Kerle, seine Frauen kluge Unterstützer.

Vor der großen Kneipenschießerei im Showdown baut Ford noch eine schöne kleine Formalie ein: Der Wirt hängt, weil er die Schlägerei heraufziehen sieht, noch rasch seine teuren Spiegel ab – Vorbild (in kommenden Jahrzehnten) für zahllose Szenen in Filmen und Serien.

Wertung: 4 von 6 D-Mark