Margaret Fairchild arbeitet als Wettermoderatorin bei einem Fernsehsender in Kansas City. Sie träumt davon, eines Tages auf dem Platz des Anchors zu sitzen, Moderatorin der Hauptnachrichten zu sein. Statt dessen verliert sie während einer ihrer Live-Moderationen plötzlich ihre Sprache; nur noch Klicklaute kommen aus ihrem Mund. Prompt gerät sie in den Fokus einer geheimen Organisation namens WARDEX, die die Jagd auf sie eröffnet. Für Margaret bricht eine Welt zusammen: Eben noch saß sie mit ihrem Freund zusammen und plante die Zukunft, als sie plötzlich fließend russisch parlierte. Wenig später spricht sie auch fließend koreanisch. Einen Reim darauf kann sie sich nicht machen – will sie auch nicht; sie fürchtet sich vor dem, was sie erfahren könnte.
Auch Dr. Daniel Keller ist auf der Flucht vor WARDEX. Er war Cybersicherheitsexperte bei WARDEX, bis er die dort gesammelten, geheimen Daten kopierte, um sie mit Gleichgesinnten an die Öffentlichkeit zu bringen. Es handelt sich dabei um sämtliche Information, die die US-Regierung in mehr als 70 Jahren über UFOs und außerirdisches Leben gesammelt hat, welches längst die Erde erreicht hat.
Noah Scanlon, der Chef von WARDEX, möchte diese gesammelten Information aus politisch motivierten Gründen mit allen Mitteln vor der Öffentlichkeit verbergen …
SpoilerAlarm
Steven Spielberg ist ein 79 Jahre alter Filmemacher, im Dezember 2026 wird er 80 und er weiß, dass seine meisten Filme hinter ihm, maximal wenige noch vor ihm liegen. Wenn man auf ein solch filmhistorisch bedeutendes Œvre zurückschaut, überlegt man sich als Regisseur wahrscheinlich sehr genau, was der nächste filmische Schritt sein soll, was er noch mitzuteilen hat.
Der beinahe 80-jährige Spielberg hat sich entschieden, seinem Klassiker Unheimliche Begegnung der Dritten Art von 1977 ein Update fürs fortgeschrittene 21. Jahrhundert zu gönnen. Wieder gibt es Besucher aus anderen Welten, die so freundlich sind wie E.T. und so aussehen, wie schon die Aliens im Paranoia Kino der 50er-Jahre ausgesehen haben, spindeldürr, dicker Kopf, große mandelförmige Augen. Kaprizierte man sich als Zuschauer nur auf das Aussehen der Aliens, ist der aktuelle Film natürlich eine Enttäuschung: Sie sehen aus, wie aus dem vergessenen Fundus eines alten Filmstudios. Genau diesen Effekt will der Regisseur erreichen.
Die Zuschauer sind groß geworden mit dieser Alien-Physiognomie in B-Pictures, in Comics, Memes und Plakaten rund um Roswell, New Mexico – mal als Menschenfresser, mal als Babyschunkler, immer als Inbegriff des Außerirdischen schlechthin. Hätte Spielberg eine neue Kreatur erfunden, würde deren Form nur vom Wesentlichen ablenken, davon, was er eigentlich erzählen will – wie Aliens aussehen, will er jedenfalls nicht erzählen.
Sein Film erzählt vordergründig von einer großen Verschwörung zu unklaren Zwecken, die mit dem dritten Akt beginnt, in dem der Protagonist mit gestohlenem Geheimmaterial schon gefasst ist, die Verschwörung also nicht wird aufdecken können. Die Jäger sind von einer NGO namens WARDEX, die über Terrabyte an Filmmaterial über auf der Erde gelandete Aliens verfügen, was sie unbedingt geheim halten wollen. Im Kinosessel erfahren wir nicht so genau, warum die Öffentlichkeit eigentlich nichts davon wissen soll, während wir aber subtil über Bauchbinden auf TV-Bildschirmen, Nachrichtenmoderationen aus dem Off darauf hingewiesen werden, dass die Weltgemeinschaft am Rad dreht – in Korea schraubt sich ein Konflikt in militärische Höhen, die EU führt wieder Kontrollen an den Binnengrenzen ein, an den Tankstellen im Land stehen Autofahrer Schlange, um Benzin und anderen Proviant zu hamstern. Bei WARDEX ist man überzeugt – warum auch immer – dass es der Menschheit den Rest geben würde, wenn sie nun auch noch erführe, dass es Außerirdische gibt. Die Whistleblower hingegen, abtrünnige Ex-WARDEX-Leute, glauben das Gegenteil, dass es die Menschen einen würde. Deswegen wollen sie das WARDEX-Material unbedingt der Weltgemeinschaft präsentieren – warum sie dafür indes unbedingt einen TV-Sender in Kansas City brauchen, anstatt die Sachen auf einer Online-Plattform irgendwo für die Welt hoch zu laden, bleibt unklar, liegt vielleicht am Alter des Drehbuchautors/Regisseurs, der es mit Internet womöglich nicht so hat. Zwischen diese Pole – WARDEX und Whistleblower – gesellt sich die Freundin des abtrünnigen Dr. Keller, eine ehemalige Novizin, die im Außerirdischen den Gottesbeweis sucht.
Das Brimborium um diese Frage, was die Außerirdischen der Menschheit wohl bedeuten, ist ein geschickt gesetzter MacGuffin in Übergröße. Tatsächlich dominiert er viele Momente dieses zweieinhalb Stunden langen Films, bleibt am Ende aber offen. Spielberg interessiert sich viel mehr für das persönliche Schicksal seiner beiden Protagonisten und den Drive, den das entwickelt; beide sind entfernte Verwandte von Roy Neary, dem von Richard Dreyfuss gespielten Elektriker aus Close Encounter of the Third Kind, mit dem die Aliens über Visionen eines Tafelberges Kontakt aufnahmen. Die Visionen des abtrünnigen WARDEX-Mannes Daniel Keller und der Wettermoderatorin Margaret Fairchild sind etwas komplexer, aber auch von den Außerirdischen initiiert, damit sich beide zum richtigen Zeitpunkt in Bewegung setzen, um den First Contact vorzubereiten. Der richtige Zeitpunkt scheint jetzt, wo die Welt am Rad dreht, gekommen zu sein, als wir über die Aliens noch erfahren, dass Empathie im Universum als evolutionärer Vorteil gilt und sie die Botschaft schicken: „Habt keine Angst vor dem, was Ihr nicht kennt!“
In Real-Life-Korea draußen vor dem Kino droht gerade kein Krieg, dafür aber im südchinesischen Meer ein Konflikt zwischen China und Taiwan; die EU sichert ihre Grenzen, Russland führt Krieg in der Ukraine, Israel in Gaza, Libanon und Iran und die USA kündigen den Verbündeten die Freundschaft.
Die Real-Life-Welt dreht gerade auch am Rad. Dieses Close Encounter 2.0 des alten Kinomeisters Spielberg ist seine Mahnung an die Zuschauer im Kinosessel, noch mal in sich zu gehen, durchzuatmen, anstatt gleich Gift und Galle zu spucken und die Social-Media-Kanäle mit Hass gegen alles und jeden zu fluten. Das ist für einen Film von Steven Spielberg, dem einflussreichen Wegbereiter des modernen Erzählkinos (s.u.), zunächst überraschend dünn. Aber er hat auch für seine Verhältnisse lächerliche 115 Millionen US-Dollar dafür ausgegeben, dabei auf Effektorgien mit Monstern und anderen Kreaturen verzichtet. "Disclosure Day" ist die Spielbergversion eines kleinen Autorenfilms, dem seine Botschaft so wichtig ist, wie die ordentliche Umsetzung.
Und ordentlich umgesetzt ist die Botschaft. Visuell ist der Film eine große Freude – mit eleganter Kameraführung und pointierter Lichtdramaturgie durch Spielbergs Best Buddy Janusz Kamiński (Die Fabelmans – 2022; West Side Story – 2021; Ready Player One – 2018; Die Verlegerin – 2017; BFG – Big Friendly Giant – 2016; Bridge of Spies – 2015; Lincoln – 2012; Gefährten – 2011; Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels – 2008; München – 2005; Krieg der Welten – 2005; Jerry Maguire – Spiel des Lebens – 1996; Ein amerikanischer Quilt – 1995; Schindlers Liste – 1993), den Spielberg seine Charaktere in langen Einstellungen verfolgen lässt. Der Regisseur hat über die Jahre eine Kunst daraus entwickelt, unterschiedliche Inhalte nicht einfach Shot für Shot zu montieren, sondern sie in eine Einstellungen zu komponieren; sein Film bleibt dadurch in Bewegung, auch wenn er bei der den ganzen Film ausfüllenden Verfolgungsjagd das Tempo drosseln muss, um wichtige Informationen mit uns zu teilen.
Für Spielberg ist diese Art zu erzählen neu. Das erste Bild des Films ist ein Tritt in unser Gesicht, dreimal gleich. Wir sind mittendrin in einem dieser gefakten Wrestling-Kämpfe, ein Muskelmann wird übel von einem anderen Muskelmann vermöbelt, das Publikum johlt, es ist nicht gut bestellt um unsere Zivilisation, gleich ein kulturpessimistischer Kinnhaken. Aus dieser barbarischen Szenerie entwickelt sich die Verfolgungsjagd der WARDEX-Leute nach ihrem abtrünnigen Whistleblower. Und als nach zweieinhalb Stunden die Jagd zu Ende ist, die Aliens zu ihrer Botschaft ansetzen, ist der Film zu Ende. Abspann. Wieder hat es Spielberg, der gerne mit dem Image des naiven Märchenonkels spielt, geschafft, souverän alle Kitschklippen zu umsegeln und unter Verwendung manchen Klischees – grimmige Geheimorganisationsmänner hinter getönten Scheiben getunter schwarzer Dodges – doch keine Plattitüden abzusondern.
Oder braucht irgend jemand wirklich nochmal eine von Außerirdischen ausformulierte Seid-friedlich-miteinander-Erklärung, wie sie einst Klaatu formulierte am Tag, an dem die Erde still stand? Spielberg ahnt, dass jeder diese Botschaft kennt – aus dem ein oder anderen Film; und konzentriert sich auf eine emotionale Achterbahnfahrt, ohne allerdings den heute obligatorischen Fünffach-Looping.
Die Kino-Filme von Regisseur Steven Spielberg
- Duell – 1971
- Sugarland Express – 1974
- Der weiße Hai – 1975
- Unheimliche Begegnung der dritten Art – 1977
- 1941 – Wo bitte geht's nach Hollywood – 1979
- Jäger des verlorenen Schatzes – 1981
- E.T. – Der Außerirdische – 1982
- Indiana Jones und der Tempel des Todes – 1984
- Die Farbe Lila – 1985
- Das Reich der Sonne – 1987
- Indiana Jones und der letzte Kreuzzug – 1989
- Always – Der Feuerengel von Montana – 1989
- Hook – 1991
- Jurassic Park – 1993
- Schindlers Liste – 1993
- Vergessene Welt: Jurassic Park – 1997
- Amistad – Das Sklavenschiff – 1997
- Der Soldat James Ryan – 1998
- A.I.: Künstliche Intelligenz – 2001
- Minority Report – 2002
- Catch Me If You Can – 2002
- Terminal – 2004
- Krieg der Welten – 2005
- München – 2005
- Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels – 2008
- Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn – 2011
- Gefährten – 2011
- Lincoln – 2012
- Bridge of Spies – Der Unterhändler – 2015
- BFG – Big Friendly Giant – 2016
- Die Verlegerin – 2017
- Ready Player One – 2018
- West Side Story – 2021
- Die Fabelmans – 2022
- Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit – 2026
