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Plakatmotiv: The Verdict – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit (1982)

Großartige Schauspieler unter
großartiger Spielführung

Titel The Verdict – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit
(The Verdict)
Drehbuch David Mamet
nach dem gleichnamigen Roman von Barry Reed
Regie Sidney Lumet, USA 1982
Darsteller

Paul Newman, Charlotte Rampling, Jack Warden, James Mason, Milo O'Shea, Lindsay Crouse, Edward Binns, Julie Bovasso, Roxanne Hart, James Handy, Wesley Addy, Joe Seneca, Lewis J. Stadlen, Kent Broadhurst, Colin Stinton, Burtt Harris, Scott Rhyne, u.a.

Genre Drama
Filmlänge 129 Minuten
Deutschlandstart
31. März 1983
Inhalt

Frank Galvin war ein erfolgreicher Rechtsanwalt, seit einiger Zeit bekommt er jedoch keinen Fall mehr und ist nach und nach zu einem Trinker geworden. Sein alter Freund Mickey Morrissey verschafft ihm schließlich ein Mandat für eine Schadensersatzklage.

Der Fall dreht sich um eine junge Frau, die bei einer Entbindung in einem renommierten katholischen Krankenhaus ins Koma gefallen ist. Während der Operation traten Komplikationen auf. Man fand Erbrochenes in ihrem Mund. Die Sauerstoffzufuhr zu ihrem Gehirn wurde unterbrochen. Sie wachte nicht wieder auf. Der ärztliche Kunstfehler soll offenbar mit Unterstützung der katholischen Kirche vertuscht werden. Galvin wird mit Ed Concannon konfrontiert, dem Anwalt des Hospitals, der mit seinem großen Anwaltsstab strategisch vorgeht, in Galvins Privatleben und seinem Alkoholproblem herumschnüffeln lässt, wichtige Zeugen kauft und noch tiefer in die schmutzige Trickkiste greift. „Der Mann ist der Fürst der Finsternis“, warnt ihn sein Kollege und Mentor Mickey.

Trotz des Angebotes einer außergerichtlichen Einigung und der Voreingenommenheit des behandelnden Richters ihm gegenüber will Galvin eine gerichtliche Verurteilung der beiden verantwortlichen Ärzte. Während Galvin versucht, die Jury von der Schuld der Ärzte zu überzeugen, macht die skrupellose Verteidigung seine Anklagepunkte – auch durch direkte Einflussnahme – jedes Mal zunichte.

Doch trotz aller Tiefschläge gibt Galvin nicht auf …

Was zu sagen wäre

Dieser Film dreht sich nicht um einen bizarren Kunstfehler honoriger, über die Grenzen ihrer Klinik hinaus verehrter Ärzte. Dieser Film dreht sich um einen Mann, der so endgültig abgestürzt ist, dass seine Renaissance nicht möglich erscheint. Er trinkt. Er spielt. Flipper, die einzige Möglichkeit, noch etwas im Leben zu gewinnen. Er geht auf Trauerfeiern reicher Hinterbliebener, täuscht vor, ein Freund der Verstorbenen zu sein und hinterlässt seine Visitenkarte. Er ist nämlich Anwalt, er hofft, dass er Erbschaften regeln kann. Ohne Erfolg. Dann trinkt er wieder.

Dieser Mann, dieses Arschloch, Frank Galvin, wird gespielt von Paul Newman, für den das zu einer Paraderolle wird. Um dem Kinozuschauer eine solche Figur nahezubringen, braucht es mehr als die mimische Kunstfertigkeit eines Method Actors. Es braucht Newmans in zwei Jahrzehnten erworbenen Nimbus unbestechlicher Integrität (Die Sensationsreporterin – 1981; "Die Bronx" – 1981; Schlappschuss – 1977; Buffallo Bill und die Indianer – 1976; Unter Wasser stirbt man nicht – 1975; Flammendes Inferno – 1974; Der Clou – 1973; Der Mackintosh Mann – 1973; "Das war Roy Bean" – 1972; Sie möchten Giganten sein – 1971; Butch Cassidy und Sundance Kid – 1969; Indianapolis – 1969; Der Etappenheld – 1968; Der Unbeugsame – 1967; Man nannte ihn Hombre – 1967; Der zerrissene Vorhang – 1966; Ein Fall für Harper – 1966; Immer mit einem anderen – 1964; "Der Preis" – 1963; Der Wildeste unter Tausend – 1963; "Süßer Vogel Jugend" – 1962; Haie der Großstadt – 1961; Exodus – 1960; Die Katze auf dem heißen Blechdach – 1958; Der lange heiße Sommer – 1958). Im Kinosessel wissen wir instinktiv, dass der Schattenriss, der da am Flipper steht und mehr trinkt als flippert, im Innersten kein schlechter Mensch sein kann. Denn er ist Paul Newman. Der Rest ist Schauspielkunst auf hohem Niveau. Mit welligem, weißem Haar im eleganten Mantel präsentiert Newman einen Mann, der vor allem sich selbst täuscht, in Selbstmitleid und Zynismus ertrinkt. Das spielt Newman mit wenigen Gesten. Wir sehen seinem Gesicht jede Regung an, ohne, dass er es groß verziehen muss; und dann reicht ein stummer Blick, wenn er uns zeigt, dass er gerade aufwacht, dass er versteht, dass hier und jetzt am Krankenbett des komatösen, an Plastikschläuche angeschlossenen Opfers sein Leben an einem seidenen Faden hängt. Wenn er jetzt das Falsche tut, nämlich dem lukrativen 210.000-Dollar-Vergleich zustimmt, den die Gegenseite ihm schnell anbietet, verliert er seinen letzten Funken Selbstachtung. Plakatmotiv (US): The Verdict (1982) Dass er das dann auch nochmal wortreich dem Bischof erklärt, ist eigentlich überflüssig und wirkt, als habe das produzierende Studio auf eine Erklärung dessen, was wir gerade gesehen haben, gedrungen, damit es auch jeder versteht – filmtechnisch ist das Hosenträger und Gürtel. Es bleibt der einzige stolpere dieses eleganten Films.

Obwohl er ein Gerichtsthriller ist, der genregemäß viele Worte braucht, kommt "The Verdict" mit wenigen Worten aus, denn die versierten Charakterschauspieler Paul Newman, Jack Warden ("Der ausgeflippte Professor" – 1981; "Willkommen, Mr. Chance" – 1979; … und Gerechtigkeit für alle – 1979; Tod auf dem Nil – 1978; Der Himmel soll warten – 1978; Die Unbestechlichen – 1976; U 23 – Tödliche Tiefen – 1958; Die 12 Geschworenen – 1957; Verdammt in alle Ewigkeit – 1953; Boulevard der Dämmerung – 1950) und James Mason spielen unter der Regie von Sidney Lumet, der ein Gespür für das jeweils richtige Bild beweist. Anstatt seine (teuren) Stars von Großaufnahme zu Großaufnahme zu bitten, inszeniert er sie in ihrem Lebensraum. Galvin, der Anwalt, der sich verloren hat, sehen wir oft in der Totalen, am Bildrand, klein in einer großen Welt. Concannon, der „Fürst der Finsternis“, der das schwere Geschütz schon im Namen trägt, ist umgeben von gediegenen Holvertäfelungen, servilen Zuarbeitern, die ihren Urlaub streichen, wenn der Chef pfeift, der mit den ehrenwerten Richtern Kaffee trinkt. Als Galvin und Concannon erstmals aufeinander treffen, sitzen sie zu einem Vorgespräch bei Euer Ehren, der Galvin im Sinne der überlasteten Jurisprudenz zu einem Vergleich überreden will; als Galvin zur Tür herein kommt, findet er keinen Garderobenhaken für seinen Mantel. Als das Gespräch beendet ist, der Richter sein Büro schon verlassen hat, geht Concannon an den Kleiderschrank des Richters und holt dort seinen Mantel hervor. Sidney Lumet braucht nur die kleine Geste, um das große Machtgefälle der Kontrahenten deutlich zu machen.

Lumets Filme kreisen immer wieder um kleine Menschen in einem mächtigen, unbezwingbar scheinenden System ("Prince of the City" – 1981; Network – 1976; Hundstage – 1975; Mord im Orient-Express – 1974; Serpico – 1973; "Der Anderson Clan" – 1971; "Angriffsziel Moskau" – 1964; Die 12 Geschworenen – 1957). In "The Verdict" setzt er sich, ähnlich wie vor 25 Jahren in Die zwölf Geschworenen, mit dem Gegensatz von Recht und Gerechtigkeit auseinander. Frank Galvin ist nicht die einzige Person, die sich einem monströsen System gegenüber sieht. Seine Mandanten sind betont kleine Leute, die gerade aus Boston weg in den mittleren Westen umsiedeln wollen, wo ihnen ein besserer Job winkt; sie glauben nicht an Anwälte und das Rechtssystem, wollen lieber den schellen Vergleich und das daraus resultierende Geld für den Neustart im Mittelwesten. Für sie sind Anwälte und Ärzte nur „Leute, die sich einen Dreck um uns scheren“; eine verbitterte OP-Schwester bezeichnet sie als „Huren des Systems“, die für ihren Profit alles opfern.

Entsprechend unbezwingbar tritt Ed Concannon in seinen Dreiteilern aus erlesenem Tweet auf, der wohl argumentierend auch die tiefste moralische Kloake nicht scheut. Bei James Mason (Das Böse unter der Sonne – 1982; Sprengkommando Atlantik – 1980; Der Pass des Todes – 1979; Der Himmel soll warten – 1978; Steiner – Das Eiserne Kreuz – 1977; Der Mackintosh Mann – 1973; Kalter Schweiß – 1970; Der Untergang des Römischen Reiches – 1964; Lolita – 1962; Der unsichtbare Dritte – 1959; Ein neuer Stern am Himmel – 1954; 20.000 Meilen unter dem Meer – 1954; Prinz Eisenherz – 1954; Julius Caesar – 1953) gerinnt dieser Mann mit näselnder Stimme, gelupfter Augenbraue und beizeiten blitzendem äuge und grollender Sprache zu einer Kreatur, der im Beruf jegliche Menschlichkeit fremd ist. Als junger Anwalt sei er von seinem Vorgesetzten gefragt worden, wie sein erster Prozess gewesen sei, erzählt er. Er habe geantwortet, er habe sein Bestes gegeben. Der Vorgesetzte habe geantwortet: Er solle nicht sein Bestes geben, sondern unter allen Umständen gewinnen. Concannons Lehre fürs Leben: Der Gewinn eines Prozesses ist die Voraussetzung, um an Geld zu kommen, mit dem die Erzdiözese den Armen helfen kann – und nebenbei er den Lebensstandard halten können, den er sich erkämpft hat. Dieser gut vernetzte Anwalt schöpft vor Gericht jeden juristische Winkelzug aus, um zu gewinnen, wird dadurch zu jenem beschworenen Prototyp der Hure des Systems, der ihre Klienten/Patienten im Grunde gleichgültig sind.

Das übermächtige System drückt Frank Galvin immer tiefer zu Boden, Lumet lässt seinem Protagonisten nicht einmal die letzte, wie Kai aus der Kiste springende Super-Belastungszeugin als Gewinner durchgehen. Das führt im großen Finale schließlich zu einem Plädoyer des verzweifelten Anwalts, das mehr einem Leitartikel für eine bessere Welt ähnelt, als einer letzten Verteidigungsrede für seine stumme Klientin an den Plastikschläuchen. Aber manchmal ist da eben nicht mehr als die naive Hoffnung darauf, dass diese eine Zeugin durchdringt, die keine auswendig gelernten Anwalt-Antworten aufsagt, sondern einfach ihre Wahrheit ausspricht, und auf Menschen, in diesem Fall die Geschworenen, die nicht nach juristischen Präzedenzfällen entscheiden, sondern richtig.

Mit "The Verdict" präsentiert Sidney Lumet uns mit einem fein gearbeiteten Drehbuch von Davin Mamet einen zornigen Blick in die getäfelten Hallen des Justizsystems, das seine menschlichen Wurzeln ebenso verloren hat, wie schon 1976 die Fernsehbranche in Lumets Network.

Wertung: 9 von 9 D-Mark
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