Was wäre, wenn Deutschland und Japan den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten? Und die USA untereinander aufgeteilt hätten? Die Grenze durch die Rocky Mountains verliefe, wo es ein "Orakel vom Berge" gäbe?
Im Jahr 1962 begibt sich die junge Judolehrerin Juliana auf den gefährlichen Weg in die Rocky Mountains, um einen mysteriösen Autor, das "Orakel vom Berge" aufzuspüren, der den Widerstand entfachen könnte. Nur er scheint zu wissen, wie man dem Albtraum der falschen Geschichte entkommt …
aus dem Klappentext …
Einmal steht Mister Tagomi, einer der Protagonisten des Romans in einem alternativen San Francisco. Im Straßenbild fehlen auf einmal die Rikschas, er steht einem ihm bis dato unbekannten, riesigen Straßenkoloss, dem Embarcadero Freeway gegenüber, und, ganz furchtbar, er steht in einer Gesellschaft, in der Japaner den Amerikanern nicht übergeordnet sind. Der Moment dauert nicht lang und als Leser des Buches in dessen Erscheinungsjahr 1962 mag man gestutzt haben. Ich lese den Roman "The Man in the High Castle" erst im Jahr 2026, da haben die Marvel-Studios aus dem Prinzip der Parallelwelten längst ein eigenes Franchise gemacht.
Damals war das Prinzip, dass mehrere bis zigtausend Welten in parallelen Dimensionen nebeneinander mit jeweils minimalen Abweichungen voneinander existieren könnten, noch einigermaßen neu und entsprechend atemberaubend. Philip K. Dick hat hier eine solche Welt entworfen. Zunächst eine, die sich von der des Lesers seines Romans fundamental unterscheidet: Deutschland und Japan haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen und die Weltregionen unter sich aufgeteilt. Deutschland hat begonnen, Mond und Mars zu besiedeln. Die Japaner sind, was diese Entwicklung angeht, ein wenig hinterher. Während Deutschland in LUFTHANSA-Raketen binnen 20 Minuten von Europa nach Amerika fliegt, führen die Japaner in den Pazifischen Staaten von Amerika an der Westküste ein zwar strenges, aber wenig konsequentes absolutistisches Regime.
In Philip K. Dicks Erzählung bleiben eine Menge Leerstellen, die nicht so richtig erklärt werden. Wieso zum Beispiel gibt es im Gebiet der Rocky Mountains ein riesiges, die Staaten Montana, Wyoming, Dakota, Colorado, Texas u.a. umfassendes Gebiet, das von den Achsenmächten nicht kontrolliert wird? Die Leerstellen sind gewollt, sind nicht als Spannungsanker gedacht, die sich im Laufe des Buches erklären. In der Rückschau betrachtet: Augenscheinlich fließen in jener unkontrollierten Gegend zwei Dimensionen ineinander, berühren sich zumindest. Das weiß der Leser zunächst natürlich nicht und wundert sich über diese Konstruktionslöcher im Buch, in dem der Einfluss der Unwirklichkeit auf die Wirklichkeit eine Rolle spielt. Viel Raum nimmt die Frage ein, Was ist wahr, was unwahr.
Emblematisch für den Roman ist eine Szene, in der über den wahren Wert von antiken Sammlerstücken philosophiert wird. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Händler und Käufer/Sammler von Memorabilia aller Art, die Japaner beispielsweise sind ganz scharf auf Sachen, die US-Bürger in ihren zurückliegenden Kriegen – auch dem zuletzt verlorenen Weltkrieg II – benutzt haben. Wo es Sammler gibt, gibt es Fälscher solcher Antiquitäten. Eine der Hauptfiguren des Buches ist Frank Frink, der eingangs von seiner alten Firma entlassen wird. Dort war er an der Fälschung von ehemaligen amerikanischen Alltagsgegenständen beteiligt, Colt-Pistolen etwa, oder Armeefeuerzeugen. Philip K. Dick nutzt diese echt unechten Artefakte, um die Frage zu diskutieren, was "Geschichte" eigentlich ist: ob sie von Fakten getragen wird, oder doch nur von Erzählungen. Ein Fälscherboss zeigt einem Mädchen zwei Zippo-Feuerzeuge: „»Schau sie dir an. Sehen gleich aus, findest du nicht? Aber jetzt pass auf. Nur eins von beiden ist historisch.« Er grinste sie an. »Nimm sie in die Hand. Mach schon. Das eine ist auf dem Sammlermarkt vierzig- bis fünfzigtausend Dollar wert.«
Das Mädchen griff vorsichtig nach den Feuerzeugen und untersuchte sie.
»Spürst du’s?«, neckte er sie. »Die Historizität?«
»Was ist Historizität?«
»Das heißt, dass ein Gegenstand eine Geschichte hat. Eins der beiden Zippo-Feuerzeuge steckte in Franklin D. Roosevelts Hosentasche, als er ermordet wurde. Und das andere nicht. Das eine ist historisch, sogar verdammt historisch. Das andere ist ein Nichts. Spürst du es?« Er stupste sie an. »Du kannst das echte nicht vom gefälschten unterscheiden. Es besitzt weder eine ›mystische plasmatische Präsenz‹ noch eine ›Aura‹.« »O Mann«, sagte das Mädchen ehrfürchtig. »Stimmt das wirklich? Dass er an jenem Tag eines der Feuerzeuge in der Tasche hatte?«
»Klar. Ich weiß auch, welches. Du verstehst, was ich meine. Das ist ein einziger großer Schwindel.«“ Am Beispiel einer Waffe macht der Fälscherboss dann ganz nebenher auch die Struktur dieses Romans deutlich: „»Da nimmt eine Waffe an einer berühmten Schlacht teil, zum Beispiel an der Schlacht von Meuse-Argonne, aber solange man es nicht weiß, ist es das Gleiche, als sei sie nicht dabei gewesen. Das spielt sich alles hier drin ab.« Er tippte sich an den Kopf. »Das liegt in der Vorstellung begründet, nicht in der Waffe.«“
Historiker debattieren tatsächlich, ob die Geschichte da draußen ist, ein Bereich solider Fakten wie das in Rede stehende Feuerzeug, das der Fälscherboss diskutiert, oder ob es „im Kopf“ ist. Was ist wahr? Was ist unwahr?
Der Autor spielt mit einer alternativen Realität, die in seinem Roman über einen Roman im Roman eingeführt wird: "Die Plage der Heuschrecke" von Hawthorne Abendsen ist ein Roman über eine fiktive Welt, in der die Achsenmächte den Krieg verloren haben. In der Folge aber entwickelt sich diese Historie nicht im amerikanischen Sinne. Im Gegenteil: Unter lauter schwachen Präsidenten bleiben die USA in dem Heuschreckenroman ein unbedeutender Partner der Weltmacht Großbritannien. Für den Leser des Orakel-Buchs von Dick ergibt sich hier eine dritte mögliche Zeitlinie. Mit Auftauchen des Heuschrecken-Buches, dessen Autor in jener ominösen unbesetzten Zone, angeblich hinter Mauer, Stacheldraht und automatischen Waffen, lebt, rückt die potenzielle Unbestimmtheit der Dinge endgültig in den Vordergrund, nachdem Juliana, eine weitere Protagonistin, sich auf den Weg zu Hawthorne Abendsen macht, um herauszufinden, woher der seine Informationen für seinen Roman hat – an ein Produkt der reinen Fantasie glaubt Juliana beim Heuschrecken-Buch nicht.
Wenn die Geschichte im Kopf, nicht in der Waffe ist, dann ist es schwierig, den Vorrang einer Zeitleiste gegenüber einer anderen festzulegen. Mit "Die Plage der Heuschrecke" legt Dick einen Faden aus, der lautet, dass Hawthorne Abendsen irgendwie über "die wahre Geschichte" des zwanzigsten Jahrhunderts gestolpert sein könnte; aber in Bezug auf die fiktive Logik des Dickerchen Orakel-Buches ist der Achsenssieg die "echte Geschichte", und Abendsens Version nur "im Kopf". Da das Buch seine Gedankenspiele stets mit den Schwierigkeiten des eingangs entlassenen Frank Frink verbindet, sich als Hersteller authentischen amerikanischen Schmucks zu etablieren – als kreativer Künstler wie Abendsen – erforscht Dick die Art und Weise, wie die "im Kopf"-Realität der Geschichte tatsächlich kreativ ist.
Der Einfluss der Unwirklichkeit auf die Wirklichkeit ist Thema dieses Buches, es durchzieht alle Figuren und Geschichten. Antiquitätenhändler Robert Childan stellt fest, dass viele seiner Antiquitäten Fälschungen sind. Joe Cindella stellt sich Juliana Frink als dunkelhaariger Italiener vor. Nach einem Friseurbesuch hat er scheinbar gefärbte blonde Haare und gibt an, kein Italiener mehr sein zu wollen. Tatsächlich ist er Schweizer und dies seine tatsächliche Haarfarbe; die dunklen Haare waren bloß eine Perücke. Frank Frink hat sich, um nicht als Jude erkannt zu werden, umfassenden chirurgischen Eingriffen unterzogen, um charakteristische „jüdische Merkmale“ wie Schädel- und Nasenform anpassen zu lassen. Das Gleiche behauptet auch Rudolf Wegener unter seinem Tarnnamen Richard Baynes gegenüber einem deutschen Künstler und fügt hinzu, andere Juden mit ähnlichen Eingriffen hätten weiterhin Einfluss bis auf höchste Regierungsebenen. Das "Heuschreckenbuch" beschreibt die Geschichtsentwicklung genauer, als das eigentliche Buch es tut. Der Mann im hohen Schloss lebt entgegen der Ankündigung auf dem Klappentext von einer mit Waffen und Stacheldraht gesicherten Festung in einem normalen Haus. Am Ende der Geschichte finden Juliana und Abendsen unter Einbeziehung des I Ging heraus, dass ihre Welt die eigentliche Fiktion ist, Abendsens Roman offenbar durch die Realität einer parallelen Dimension beeinflusst wurde.
Die Auseinandersetzung mit diesem Buch ist spannend und reicht für mehrere philosophische Debatten in abendlicher Runde. Zu lesen indes ist es etwas schwerfällig. Der Text schweift immer wieder ab, will eine Welt erzählen, die er – im Nachhinein logischerweise – nicht erzählen kann, baut politische Ränkespiele auf, die einer Seifenblase gleich verpuffen. Das mag am Alter des Buches liegen, dessen Sprache und Formulierungskunst aus dem Jahr 1962 stammt und der finalen Auflösung der Handlung sprachlich kein besonderes Gewicht beimisst. Die schwammige Welt, in der wir uns als Orakel-Leser bewegen, in der niemandem je eine echte Gefahr droht – die einzige handfeste Gewaltszene ist eine kurze Schießerei in einem Büro – hält uns auf Distanz zu dieser Welt und ihren Figuren.
Der vorliegende Roman stammt aus dem Jahr 1962 und wurde 2015 Grundlage einer vier Staffeln lang laufenden Fernsehserie, in der aus dem Heuschreckenroman mehrere Videoschnipsel aus Paralleldimensionen wurden.
Ich habe das Buch vom 3. bis 5. Mai 2026 gelesen. #Urlaubslektüre2026 #LaGomera
Der Autor:
Philip K. Dick hat Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: Blade Runner, Minority Report, Total Recall, "Impostor", Paycheck, "Der dunkle Schirm" – all diese Filme basieren auf seinen Büchern.
1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von Blade Runner.
