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Plakatmotiv: Hostage – Entführt (2005)

Ein unterhaltsamer Zwitter, den
man besser nicht hinterfragt

Titel Hostage – Entführt
(Hostage)
Drehbuch Doug Richardson
nach dem gleichnamigen Roman von Robert Crais
Regie Florent-Emilio Siri, USA, Deutschland 2005
Darsteller

Bruce Willis, Kevin Pollak, Serena Scott Thomas, Jimmy Bennett, Michelle Horn, Ben Foster, Jonathan Tucker, Marshall Allman, Rumer Willis, Kim Coates, Robert Knepper, Tina Lifford, Ransford Doherty, Marjean Holden, Michael D. Roberts, Art LaFleur, Randy McPherson, Hector Luis Bustamante u.a.

Genre Action, Crime
Filmlänge 113 Minuten
Deutschlandstart
17. März 2005
Inhalt

Jeff Talley lebt mit Frau und Tochter in Los Angeles. Er arbeitet als Unterhändler für eine Polizei-Einheit, die sich auf Verhandlungen mit Geiselnehmern spezialisiert hat. Bei einer seiner Verhandlungen geht alles schief und die Geiseln, eine Mutter und ihr kleiner Junge müssen sterben. Talley gibt sich die Schuld daran. Um nicht komplett an der Tragödie zu zerbrechen zieht er mit Sack und Pack nach Bristo Camino, wo er Polizeichef einer kleinen Gemeinde wird. Am liebsten sind ihm hier die „No-Crime-Mondays“. Die „No-Crime-Tuesdays“ sind allerdings auch nicht zu verachten. 

Alles läuft gut, bis in die Villa von Buchhalter Smith eingebrochen wird. Drei jugendliche Straftäter halten die Familie fest, darunter Smiths Kinder, ein junges Mädchen und ein kleiner Junge. Ob Talley das nun schmeckt oder nicht: Er muss noch einmal als Unterhändler ran.

Erschwert wird ihm diese Aufgabe durch Gangster, die im Hintergrund weit größere Räder drehen. Im Haus des als Geisel gehaltenen Buchhalters Smith nämlich befindet sich eine DVD mit für diese Leute wertvollen Daten. Talley soll sie sichern. Andernfalls haben die Gangster im Hintergrund Talleys Familie in ihrer Gewalt. Ein Zwei-Fronten-Krieg entbrennt …

Was zu sagen wäre

Marshall ist ein klassisches Produkt unseres Sozialsystems. Mit drei Jahren wird Marshall Krupcheck Zeuge, wie Daddy Mommy tötet. Danach sieht er, wie Daddy sich selbst tötet, den Rest können Sie sich denken.“ Ein paar abgefuckte Teenager wollen mal ordentlich die Sau rauslassen. Die Eltern sind alle lange tot oder liegen besoffen hinterm Sofa. Hier passt der große Bruder auf den Kleinen auf und sorgt dafür, dass alle durchkommen. Sie wollen auch mal so eine geile Karre fahren, wie der reiche Typ sie da fährt. Mehr nicht. Aber zehn Minuten später ist eine Polizistin tot, erschossen von dem Kumpel, den der große Bruder erst drei Wochen kennt, von dem er dachte, der sei cool.

Die Verbrecher in diesem Bruce-Willis-Thriller sind keine europäischen intellektuellen mehr, die ein paar Milliarden Dollar abstauben wollen und dafür ein Hochhaus abfackeln. Man kann sie nicht einmal als arbeitsscheues Gesindel bezeichnen. Typen wie die würden nicht mal am örtlichen Diner einen Job als Spülkraft bekommen. Und der Mann, den sie überfallen, ist so unfassbar reich, der wohnt in einem schicken, weitläufigen Haus in den Bergen, sehr modernes Design mit neuester Überwachungstechnik, Kameras, Monitoren. DVD-Cover (US): Hostage (2005) Der Mann ist so selbstgefällig, dass niemand jemals auf die Monitore achtet und darauf, was da zu sehen ist. Und schon stehen die unbedarften Teenager mit der Waffe mitten im Wohnzimmer. Die Welt in diesem Film ist aus den Fugen. Auch Chief Talley, der vor dem Schatten des toten Geiselkindes in Los Angeles in die gemütliche Einöde der kalifornischen Kleinstadt geflüchtet ist, findet keinen Frieden. Seine Familie bricht auseinander. Seine Tochter hasst ihn für den Umzug, seine Frau pendelt von Los Angeles, „Möchtest du die Scheidung?“, fragt er.

Die einzigen, die die Segnungen dieser digitalisierten, überwachten Welt offenbar für sich nutzen können, sind Dunkelmänner ohne Gesicht, die ungerührt einen FBI-Einsatz faken können, auch wenn drumherum hundert sehr angespannte Polizisten stehen; Männer, für die Geld keine Rolle spielt und die gewohnt sind zu bekommen, was sie wollen. Die wollen eine DVD mit irgendwelchen Daten drauf. Als wir am Ende erfahren, worum es sich dabei handelt, klingt das nach irre viel Geld – nicht lächerliche vier Millionen Dollar in physischen Scheinen, die der Buchhalter in dem Haus in seinem Tresor für den Notfall bereit stehen hat, nein, eher unsichtbare Milliarden, blinkende Zahlen auf einem Monitor, digital transferiert von hier nach dort und wahrscheinlich für Yachten, Villen und kubanische Zigarren auf irgendeinem sonnigen Eiland vorgesehen. Oder für Geschäfte irgendwelcher Art, egal. Die DVD ist ein überraschender MacGuffin, der dieser Geiselnehmer-Story einen Twist schenkt. Mehr nicht. Der nach wie vor traumatisierte Chief jedenfalls kämpft nun gleichzeitig an zwei Fronten – hier gegen die ausgestoßenen Kids für die Familie eines anderen, da gegen den großen Anonymus für seine eigene Familie – und natürlich darf er niemandem verraten, dass die gesichtslosen Dunkelmänner seine Frau und seine Tochter entführt haben.

An dieser Stelle krankt das Script. Der so wohl organisierte Anonymus verlangt von Chief Talley Unmögliches. Nicht Unmöglich im Sinne von Aber-Bruce-Willis-wird's-schon-richten, sondern Un-mög-lich. Gerade ein Mann, der gekaufte oder falsche FBI-Leute aus dem Ärmel schütteln kann, sollte wissen, dass Chief Talley für die Beschaffung der DVD die dümmste Option ist. Da stehen zwischen lauter schießbereiten Cops und zornigen, bewaffneten Teenagern für einen einzelnen Mann, der noch dazu unter großem psychischem Druck steht, zu viele Variablen im Weg. Dass sich Talley trotzdem auf den Weg macht, hat damit zu tun, dass er das ohnehin vorhatte, schließlich ist da ein kleiner Junge im Haus, der über ein unentdecktes Handy ihn persönlich um Hilfe gebeten hat, und einen zweiten toten Jungen will er nicht auf dem Gewissen haben. Und er wird von Bruce Willis gespielt (Ocean's Twelve – 2004; Keine halben Sachen 2 - Jetzt erst recht! – 2004; Das Tribunal – 2002; Banditen! – 2001; Unbreakable – Unzerbrechlich – 2000; The Kid – 2000; Keine halben Sachen – 2000; An deiner Seite – 1999; The Sixth Sense – 1999; Breakfast of Champions – 1999; Ausnahmezustand – 1998; Armageddon – 1998; Das Mercury Puzzle – 1998; Der Schakal – 1997; Das fünfte Element – 1997; Last Man Standing – 1996; 12 Monkeys – 1995; Stirb langsam – Jetzt erst recht – 1995; Nobody's Fool – 1995; "Color of Night" – 1994; Pulp Fiction – 1994; Tödliche Nähe – 1993; Der Tod steht ihr gut – 1992; The Player – 1992; Last Boy Scout – 1991; Hudson Hawk – 1991; Fegefeuer der Eitelkeiten – 1990; Stirb Langsam 2 – 1990; Stirb langsam – 1988; Blind Date – 1987).

Im Haus ist die Lage unter den Figuren unübersichtlich. Der große Bruder ist überfordert, brüllt rum und sieht sich schon mit vier Millionen Dollar in die Freiheit fliegen, „Reiche Menschen haben Möglichkeiten, weißt Du!“ Der Dritte, Marshall, den alle Mars nennen, ist ein Irrer. Ben Foster spielt ihn mit fettigem Haar, stechenden Augen – Foster kultiviert diesen bedrohlichen Blick: gesenkter Kopf mit nach oben gedrehten Augen – und wenig Worten, was ihn umso unberechenbarer macht (The Punisher – 2004; 11:14 – 2003; Nicht auflegen! – 2002). Dann ist da der kleine Junge als Geisel, der ein ganzes Geflecht an Geheimgängen durch die Wände des familiären Anwesens gestaltet hat. Plakatmotiv: Hostage – Entführt (2005) Da stellen sich viele Fragen über dieses Haus, das eigentlich eine Hochsicherheitseinrichtung auf dem Gipfel eines Berges darstellt mit Außenscheinwerfern, Metallgittern, Panzerglasscheiben. Warum da Platz für die Geheimgänge eines achtjährigen Jungen sein sollen? Und warum benimmt sich seine pubertierende Schwester in jeder Szene so, wie sich ein pubertierendes Mädchen nur im Kino benimmt, nämlich kreischend und fluchend, allen Anderen die Schuld gebend und der prekären Lage nicht wenigstens einmal zuträglich? Fragen, die man sich im Kinosessel nicht stellen sollte, will man den Film nicht frühzeitig verlassen. Denn der Thrill steht. Für den sorgt tatsächlich die geprügelte Figur des ehemaligen Starverhandlers und heute traumatisierten Kleinstadt-Cops Talley.

Der Chief steht mehrmals vor der Entscheidung, gegen die Geiseln zu arbeiten und für seine Familie – also das Leben der Geiseln zu gefährden, um unauffällig an die DVD zu gelangen und damit seine Familie zu retten. Auch ihm dürfte klar sein, dass seine Familie – und er – ohnehin kaum eine Chance haben, aus der Sache lebend rauszukommen. Das wird zwar nicht thematisiert, liegt aber auf der Hand und macht seine jeweiligen Entscheidungen nachvollziehbar. „Wie weit würdest Du gehen, um Deine Familie zu retten?“ fragt das Filmplakat. Naja, im Finale gibt es Tränenströme sowie ordentlich Explosionen und Feuer und Schießereien, die dem zwischenzeitlichen Kammerspiel von Geiselnehmern aus dem Trailerpark und Geiseln aus dem Besserverdienerschloss einen unbefriedigenden, aber zünftigen Höhepunkt bereiten.

Der Film ist ein Zwitter – zwei nicht zueinander passende Geschichten, die ohne einander auf dem amerikanischen Markt nicht funktionieren. Das Kammerspiel der sozialen Gegensätze gibt dem Film Seele, die keinen traumatisierten Bruce Willis braucht. Differenzierter ausgearbeitet hätte ein vielversprechendes europäisches Drama draus werden können – Regie führt immerhin ein Franzose, Florent-Emilio Siri. Für geschätzt 52 Millionen US-Dollar Produktionskosten stellen sich aber die Produzenten da mehr Wumms vor. Dazu passt der Regisseur auch besser, als zum Feuilleton. Eingeweihte kennen ihn wegen seiner Mitarbeit an den Konsolen-Spielen der "Splinter Cell"-Serie und wegen dessen Actionfilms "Das tödliche Wespennest" (2002). Für den gewünschten Wumms also gibt es die zweite, die Verschwörungsgeschichte, die zwar von Anfang bis Ende mehr Fragen als Antworten liefert, aber die Bruce-Willis-Figur in den Film bringt und die Handlung antreibt.

So richtig funktioniert hat das Zusammenspiel des Zwitters nicht, zumindest wirtschaftlich. Beim weltweiten BoxOffice stehen unterm Strich 77,6 Millionen Dollar Einspiel. Das deckt gerade die Kosten und muss für einen Bruce-Willis-Film unter Enttäuschung verbucht werden.

Wertung: 4 von 7 €uro
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