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Plakatmotiv: Dead Men don't wear Plaid – Tote tragen keine Karos (1982)
Eine Verbeugung in Respekt
vor den Ahnen der Filmkunst
Titel Tote tragen keine Karos
(Dead Men Don't Wear Plaid)
Drehbuch Carl Reiner + George Gipe + Steve Martin
Regie Carl Reiner, USA 1982
Darsteller Steve Martin, Rachel Ward, Alan Ladd, Carl Reiner, Barbara Stanwyck, Ray Milland, Ava Gardner, Burt Lancaster, Humphrey Bogart, Cary Grant, Ingrid Bergman, Veronica Lake, Bette Davis, Lana Turner, Edward Arnold u.a.
Genre Komödie, Film Noir
Filmlänge 88 Minuten
Deutschlandstart
20. August 1982
Inhalt

Los Angeles in den 1940er Jahren: Orivatdetektiv Rigby Reardon wird von der schönen Juliet Forrest engagiert, herauszufinden, ob der Tod ihres Vaters wirklich ein Autounfall war, oder nicht doch Mord.

Forests Vater war Wissenschaftler, der mit Schimmelkäse experimentierte. Warum, ist unklar. Reardon stößt bald auf zwei Listen voll mit Namen. Die Namen auf der Liste „Feinde von Carlotta“ sind alle durchgestrichen; Rigbys Freund Marlowe findet heraus, dass die Besitzer der jeweiligen Namen ermordet wurden. Aber was hat es mit der anderen Liste, überschrieben mit „Freunde von Carlotta“ auf sich? Und welche Rolle spielt das Kreuzfahrtschiff „Immer essen“, das mit einem Mal seinen betrieb eingestellt hat.

Reardons Ermittlungen bringen ihm diverse Kugeln ein, die Juliet Harris ihm wieder aus dem Arm saugen muss. Wider besseren Wissens verliebt sich Rigby in seine Klientin – obwohl Marlowe ihm immer und immer wieder gesagt hat: „Guns don't kill Detectives. Women do!“ Der Lösung des Falls näher aber kommt er auch dadurch nicht. Bis ihm Marlowe den entscheidenden Hinweis liefert: Carlotta ist keineswegs eine Frau. Carlotta ist eine Insel vor Peru. Und hier kommt Reardon einer großen Nazi-Verschwörung auf die Spur …

Was zu sagen wäre

Carl Reiner widmet seine intelligente Komödie Edith Head, der vielfach mit dem Oscar ausgezeichneten Kostümbildnerin, die hier ihren letztn Film ausstattet (Der Clou – 1973; Barfuß im Park – 1967; Der zerrissene Vorhang – 1966; Die vier Söhne der Katie Elder – 1965; Marnie – 1964; Die Vögel – 1963; Hatari! – 1962; Frühstück bei Tiffany – 1961; Vertigo – Aus dem Reich der Toten – 1958; Zeugin der Anklage – 1954; Die zehn Gebote – 1956; Der Mann, der zuviel wusste – 1956; An einem Tag wie jeder andere – 1955; Das Fenster zum Hof – 1954; Ein Herz und eine Krone – 1953; Boulevard der Dämmerung – 1950; Berüchtigt – 1946). Das ist einerseits traurig: Mrs. Head starb bald nach ihrer Arbeit an diesem Film. Das ist andererseits aber sehr folgerichtig, denn Heads Arbeiten sind über den ganzen Film, der mit Material aus drei Jahrzehnten Kinogeschichte montiert worden ist, sehr präsent.

Die Story ist so albern, wie sie oben klingt. Steve Martin, in der Comedy-Show „Saturday Night Live“ gestählter Komiker, den wir im Kino 1979 in „Reichtum ist keine Schande“ erlebt haben, spielt als Privat Eye mit großer Lust an der Übertreibung die Manierismen aus, die die Detektivfilme der Schwarzen Serie auszeichneten. Seine Kommentare aus dem Off sind gehobene Albernheiten, sein Verhalten stoische Unaufgeretheit, jeden Mini-Hinweis auf ein großes Rätsel durchblickt er sofort und löst das jeweilige Rätsel dann mit seinem enzyklopädischem Wissen – zwischendurch rasiert er sich seine durch schlechten Whiskey pelzig gewordene Zunge. Aber vor allem steht er immer im Dienste seines Regisseurs Carl Reiner, der eine viel gewaltigere Aufgabe, als das schlichte Erzählen einer Detektivgeschichte bewältigen muss.

Der Film, der sich in eine groteske Verschwörungsgeschichte hinaufschraubt – wie sich das für einen ordentlichen Detektivfilm, der stets mit dem Auftrag einer schönen, geheimnisvollen Frau beginnt, gehört – ist durchsetzt mit lauter Filmszenen aus Klassikern der Filmgeschichte (s.u.). Auf diese Weise spielt Steve Martin, 1945 geboren, in diesem 1982 produzierten Film Szenen mit Humphrey Bogart (gestorben 1957), Veronica Lake (+1973), Alan Ladd (+1964), oder Joan Crawford (+1977). Bildtechnisch leiht sich Reiner eine Idee des britischen Komikers Marty Feldman, die der in seinem Film The Last Remake of Beau Geste (1977) durchspielte. In jener Komödie, die auf einem vielfach verfilmten Roman basiert, diskutiert Marty Feldman mit jenem Beau Geste, den Gary Cooper vor 38 Jahren in William A. Wellmans „Drei Fremdenlegionäre“ verkörperte; und Feldman reitet mit Ronald Colman in die Wüste, der 1926 eben jenen Beau Geste in Herbert Brenons Stummfilm „Blutsbrüderschasft“ verkörperte.

Carl Reiners liebevolle Hommage an die alten Detektivfilme ist technisch brillant umgesetzt. Natürlich sind die alten Filmszenen leicht zu erkennen, weil grobkörniger, mit mehr Schrammen, aber Reiner und sein Kameramann Michael Chapman haben die neu gedrehten Szenen so geschickt ausgeleuchtet und aufgenommen, das ein flüssiger Handlungsablauf entsteht. Das zeugt von großer Liebe zum Detail und Sujet – denn auch die passenden Szenen mit den passenden Sätzen, die Bogart und Co. ja tatsächlich in ihren damaligen Schwarz-Weiß-Filmen gesprochen haben, mussten gefunden und das „Dead Men don't wear Plaid“-Script darauf angepasst werden. Und weil Ava Gardner und Charles Laughton mit Aufnahmen aus ihrem Film „Geheimakte Carlotta“ auftauchen und den Namen Carlotta im Mund führen, haben sich Reiner und seine Co-Autoren George Gipe und Steve Martin eben darauf verständigt, dass Carlotta im Mittelpunkt ihrer Filmverschwörung stehen wird.

Noch eine Legende jener großen Filmzeit hat mit diesem Film seine letzte Arbeit abgegeben: Komponist Miklós Rózsa (Das Privatleben des Sherlock Holmes – 1970; El Cid – 1961; Ben Hur – 1959; Quo Vadis – 1951; Spellbound – 1945; Frau ohne Gewissen – 1944). Und es ist wirklich schwer zu sagen, ob er einen neuen Score komponiert, oder sehr genial Tonfolgen der alten Filme verknüpft und neu interpretiert hat – seine Musik muss schließlich auch in jenen Momenten passen, wenn die Schwarz-Weiß-Stars reden, während im Hintergrund ein Score dudelt, bläst oder streicht.

Dieser Film ist nicht großartig, weil er innovative Erzähltechniken klug verästelt in eine Geschichte, die sich erst nach und nach entblößt. Dieser Film ist großartig, weil er sich in tiefem Respekt vor den Klassikern der zunft verbeugt und seine zuschauer dann auch noch grandios unterhält.

Wertung: 9 von 9 D-Mark
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