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Kinoplakat: Ziemlich beste Freunde
Buddy-Movie statt Sozialkitsch

Titel Ziemlich beste Freunde
(Intouchables)
Drehbuch Olivier Nakache + Eric Toledano
Regie Olivier Nakache & Eric Toledano, Frankreich 2011
Darsteller François Cluzet, Omar Sy, Anne Le Ny, Audrey Fleurot, Clotilde Molle, Alba Gaïa Kraghede Bellug, Cyril Mend, Christian Amer, Grégoire Oesterman, Joséphine de Meaux u.a.
Genre Drama
Filmlänge 112 Minuten
Deutschlandstart
5. Januar 2012
Website Intouchables - Die deutsche Website
Inhalt

Paris. Nachts. Die Polizei verfolgt einen Raser. Am Steuer des verfolgten Maserati: Ein Schwarzer im Kapuzenshirt. Daneben ein Weißer mit graumeliertem Bart, lächelnd. Die Polizei stellt den Maserati und zieht die übliche Hände-über-dem-Kopf-Masche ab; schließlich: Ein Schwarzer in so einem Auto?

Es dauert ein paar Sekunden, bis der zeternde Schwarze auch gehört wird - inhaltlich gehört. Der Weiße ist querschnittsgelähmt, kann nicht aus dem Wagen, hat Schaum vor dem Mund. Er müsse sofort ins Krankenhaus, ruft der Schwarze, sein Chef habe einen Anfall, deshalb rase er ja mit 180 Sachen durch die Stadt. Die Polizisten eskortieren sie zum Krankenhaus und verabschieden sich höflich.

Der Schwarze, Driss, steckt dem Weißen, Philippe, eine Zigarette in den Mund. Beide grinsen. Sie hatten spaß und Driss 200 Euro gewonnen - er hatte gewettet, dass die Polizisten sie "am Ende" eskortieren würden. Driss startet den Maserati Quattroporte V. Beide fahren in die Nacht.

Rückblende.
Philippe Pozzo di Borgo, ein vermögender Aristokrat, ist seit einem Paragliding-Unfall ab dem vierten Halswirbel abwärts gelähmt und sucht einen neuen Pfleger. Driss, der kurz zuvor nach einer sechsmonatigen Haftstrafe entlassen wurde, will nur eine Unterschrift für das Arbeitsamt, jedoch gefällt Philippe an Driss, dass der kein Blatt vor den Mund nimmt - "Ganz schön beschissen, oder?", fragt er , als er sieht, wie sich Philippe nur mit dem Kinn über einen Gashebel fortbewegen kann. Also stellt er ihn ein.
Ist natürlich nicht einfach: Driss hat keine Ausbildung als Pflege. Und Lust, einem Mann Stützstrümpfe anzuziehen oder ihm gar auf dem Klo zur Hand zu gehen, hat er gleich gar nicht. Aber driss ist auch kein schlechter Mensch, nicht böse; auf den Straßen der Banlieus hat er sich eine gewisse Straßenschläue zugelegt und einen herben Charme. Er lernt schnell und bringt frischen Wind ins Leben von Philippe und dessen ANgestellten. Philippe blüht auf.

Philippe bringt Driss sein Weltbild näher (klassische Musik, Oper, Malerei …) und Driss umgekehrt (Rauchen, Frauen, moderne Musik …). Driss bringt Philippe auch dazu, seine Brieffreundin in Dünkirchen anzurufen und ihr sein Foto zu senden. Ein vereinbartes Treffen findet allerdings nicht statt. Philippe kneift im letzten Moment, ist überzeugt, die Dame aus Dünkirchen würde auf dem Absatz umdrehen und vor dem Rollstuhlmann flüchten. Driss ahnt davon nichts, hört nur, man habe "sich wohl verpasst". Der deprimierte Philippe verlässt Paris und geht mit Driss paragliden.

Irgendwann ist die Zeit vorbei: Driss hat Schwierigkeiten in seiner Familie, die seit langem schwelen. Nach ein paar Monaten muss er Philippe verlassen, hilft seinem kleinen Bruder aus der Klemme und bewirbt sich erfolgreich für einen Job als Kurierfahrer.

Philippe bekommt einen neuen Pfleger. Aber der ist, nachdem er sich mit Driss angfreundet hat, nachdem Driss ihm gezeigt hat, wie Leben auch gehen kann, wenn man im Rollstuhl nicht von einem sozial verbildeten Uni-Pfleger in Watte gepackt wird ..., mit allen Nachfolgern unglücklich. Philippe lässt sich nicht mehr rasieren. Eine Angestellte des Hauses, Yvonne, greift schließlich zum Telefon und ruft Driss ins Haus.

Kurz darauf sitzen ein Schwarzer in Kapuzenshirt und ein querschnittsgelähmter Weißer mit Bart in einem Maserati und rasen durch die Nacht. Driss muss noch etwas erledigen ...

Was zu sagen wäre

Es ist so einfach, bei so einem Sujet „Schöner Film” zu sagen. Das kann dann ebenso gut gelogen, aber wenigstens politisch korrekt sein. Das kann aber auch stimmen.

Im vorliegenden Fall stimmt es. Autoren/Regisseure Olivier Nakache + Eric Toledano haben die richtige Mischung aus Sentiment und pragmatischem Witz gefunde; dazu ein außergewöhnlich gutes Ensemble - sympathisch, aber nicht aufdringlich.
Der Film beginnt, wie viele französische Sozialdramen, mit blaustichigen Blidern aus der Banlieu. Aber da hat der Prolog - die Verfolgungsjagd und ein aus dem Rahmen gefallenes Vorstellungsgespräch („Geben Sie mir einfach nur eine Unterschrift, damit die beim Arbeitsamt sehen, dass ich mich beworben habe”) - den Ton des Films bereits gesetzt. Vieles bleibt in der Folge im angedeuteten, die Regisseure setzen schlicht voraus, dass ihre Zuschauer schon das ein oder andere Sozialdrama gesehen haben. Warum also nochmal umständlich erzählen, wie Menschen im Ghetto zwischen Drogengang und Arbeitsamt schwanken? Manchmal sind in den Hochhäusern auch ganz vernünftige Menschen einfach nur gestrandet, weil sie sonst nirgendwo eine Bleibe finden.
Anderes zeigt der Film im musikalisch wunderbar begleiteten Zeitraffer - manche Szene erkennt man in gleicher Montage aus den Trailern wieder. Das sind Momente purer Lebensfreude und Spaß. Die beiden Männer mögen sich - auch ohne den ganzen Sozialkitsch mit Rollstuhl und Problemen, die da dran hängen. Driss sieht das irgendwann gar nicht mehr. Der Zuschauer dann auch nicht. Und so wird aus dem befürchteten Zeigefingerfilm - „17 Millionen Franzosen können nicht irren, aber die mögen ja auch Filme, in denen dauernd geredt wird” - ein klassisches Buddymovie, in dem jeder dem anderen gibt, was der braucht. In manchen Momenten strahlt der Film eine souveräne Würde aus - da gibt es einen Music-Battle: Driss schaltet seinen iPod ein und zeigt Philippe, was Earth, Wind & Fire mit Beinen anstellen kann, Philippe kontert mit einem Streichquartett und den Vier Jahreszeiten - „Mann”, ruft Driss, „das kenne ich aus dieser Werbung!”

Und das Allerschönste kommt zum Schluss: Dieser Film ist kein hübsch zusammengeklebtes Märchen, das an kalten Wintertagen das Herz wärmen soll. „Ziemlich beste Freunde” basiert auf einer realen Geschichte, die von Philippe Pozzo di Borgo im Buch „Le Second Souffle” 2001 veröffentlicht wurde. Die beiden Regisseure haben drüber 2004 schon einen Dokumentarfilm gedreht.

Das Budget betrug 9,5 Mio. Euro, bislang wurden allein in Frankreich über 145 Millionen Euro eingenommen und wurde dort zur erfolgreichsten Komödie 2011 und zum zweiterfolgreichsten französischen Film mit rund 17 Millionen Kinobesuchern. Am 5. Januar 2012 war der Kinostart in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz
Auch in Deutschland startete der Film sehr erfolgreich: Am ersten Wochenende kamen knapp 300.000 Zuschauer, wodurch „Ziemlich beste Freunde” in den Media Control-Kinocharts auf Platz zwei einstieg.

Wertung: 7 von 7 €uro
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