Kinoplakat: Zero Dark Thirty
Fesselnd und verstörend
Jessica Chastain herausragend
Titel Zero Dark Thirty
(Zero Dark Thirty)
Drehbuch Mark Boal
Regie Kathryn Bigelow, USA 2012
Darsteller Jessica Chastain, Jason Clarke, Reda Kateb, James Gandolfini, Kyle Chandler, Jennifer Ehle, Harold Perrineau, Jeremy Strong, J.J. Kandel, Wahab Sheikh, Alexander Karim, Nabil Elouahabi, Aymen Hamdouchi, Simon Abkarian, Ali Marhyar u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 157 Minuten
Deutschlandstart
31. Januar 2013
Website zerodarkthirty-movie.com
Inhalt

Die CIA fahndet nach dem Al-Kaida-Anführer Osama bin Laden. 2003 wird die CIA-Analytikerin Maya nach Pakistan verlegt, wo sie gemeinsam mit dem CIA-Agenten Dan nach Hinweisen auf den Aufenthaltsort bin Ladens sucht. Maya begleitet Dan zu einer Black Site, wo der CIA-Agent den Gefangenen Ammar mittels Waterboarding und weiterer Maßnahmen foltert, um mehr über den vermeintlichen Al-Kaida-Kurier Abu Ahmed zu erfahren.

Zwei Jahre später erschüttern die Terroranschläge am 7. Juli 2005 in London das Vereinigte Königreich. Zur gleichen Zeit können Maya und Dan mittels einer List vom Gefangenen Ammar erste Informationen erhalten. Mit Hilfe der pakistanischen Polizei kann die CIA im Anschluss das mutmaßliche Al-Kaida-Mitglied Abu Faraj verhaften. Maya verhört ihn und lässt ihn foltern, nachdem Abu Faraj bestreitet, einen Abu Ahmed zu kennen. Maya ist überzeugt, dass sie bin Laden lokalisieren können, wenn sie Abu Ahmed finden. In den nächsten fünf Jahren sucht sie nach Hinweisen auf den Aufenthaltsort Abu Ahmeds.

Sie überlebt zwei Anschläge, setzt sich gegen Vorgesetzte durch, die ihren Spuren nicht vertrauen, macht sich mit ihrer ruhigen Beharrlichkeit aber Freunde im Dienst, die ihr unter der Hand Hilfestellung geben. Konzentriert setzt Maya ihreSuche fort und nähert sich mit ihren Recherchen einer befestigten Villa im pakistanischen Abbottabad ...

Was zu sagen wäre

Kinoplakat (US): Zero Dark ThirtySie wollten einen journalistischenen Spielfilm drehen, eine dramatisierte Dokumentation. So etwas geht nicht: Entweder, ich halte mich journalistisch an belegbare Dokumente, zeige nur, was nachweislich war – und laufe Gefahr, holprige Dialoge von vielleicht nicht so charismatischen Typen in meinem Film zu haben und den Rest mit Zeitzeugen-Statements vollzustopfen – Guido-Knopp-Kino.
Oder ich dramatisiere ein historisches Ereignis. Das heißt, ich baue Spannungsbögen in größere Spannungsbögen und schreibe Dialoge, die sitzen und den Charakter auf den Punkt bringen. Kathryn Bigelow („The Hurt Locker” – 2011; Strange Days – 1995; „Gefährliche Brandung” – 1991; „Blue Steel” – 1989) und ihr Autor/Co-Produzent Mark Boal haben sich glücklicherweise für Variante 2 entschieden.

„Und wer sind Sie denn?”, fragt CIA-Boss Leon Panetta (großartig: James Gandolfini in einer auf den Punkt gespielten Mini-Rolle). „Ich bin das Arschloch, dass das Haus gefunden hat, Sir!”, sagt die schmächtige kleine Rothaarige, die in dem Raum voller wichtiger Anzugträger die Größte und Beste ist.

Jessica Chastain: Bissig, Blass Rothaarig

Der Film beginnt mit einem langen Verhör nach der „advanced interrogation”-Methode, die Präsident George W. Bush während seiner Amtszeit genehmigte. Wir sehen einen jungen Amerikaner mit gemütlichem Vollbart, der einen Gefangenen verhört – Waterboarding, in eine winzige Kiste sperren, schlagen, kurz: Er foltert den Gefangen. Ohne freilich sonderliche Erkenntnisse dabei zu gewinnen. Aber wir lernen bei dieser Gelegenheit Maya kennen, den Frischling, den die Geheimdienstbosse direkt von Uni weg rekrutiert und nach Pakistan geschickt haben. Sie muss was drauf haben, sonst wäre sie nicht hier. Die Verhörmethoden gefallen ihr sichtlich nicht, sie nimmt sie als notweniges Übel. Sie hat ein Ziel und dem ordnet sie vieles unter. Das macht Bigelow in den ersten Minuten des Films klar. Und Jessica Chastain (The Help – 2011) steuert als Maya das hohlwangige, blassäugige Zielbewusstsein bei. Beide Frauen beherrschen ihr Metier.

Chastain spielt die Maya zurückhaltend, ganz auf ihren Job konzentriert. Ablenkung verboten. Dafür geht sie bald allen in der Firma gehörig auf den Wecker. Bigelow gelingt es, dieses komplizierte Umfeld mit für westliche Augen schwer unterscheidbaren Arabern auf grisseligen Bildern aus Überwachungskameras, vielen ähnlich klingenden Namen - und zusätzlichen Kriegsnamen der Vorgenannten - in immer gleichen „CIA-Geheimgefängnissen” übersichtlich zu halten. Das spricht für eine gute Besetzung: Alle wichtigen Gesichter sind sofort zuzuordnen, sind individuell unterscheidbar - wichtig in einem Film, in dem dauernd Agenten reden, lügen, tricksen, an äußerer Handlung aber wenig passiert.

Wenige Einstellungen – Klare Situation

Um die unbedingte Kameradschaft des Einsatzkommandos zu charakterisieren, das für die Story sehr wichtig, für den Film ein notwendiges Element ist, reichen Bigelow drei Einstellungen auf die Männer während der Einsatzpause und ein paar knackige Sätze, dann ist klar: Die verstehen ihren Job, ihre Kameradschaft – im Einsatz überlebenswichtig – lässt auch beim abendlichen herumalbern nicht zu, dass einer der ihren auch nur von einem verirrten Football getroffen wird (Schadenfreude könnte im Einsatz zu Fehlern führen) – längst hat da auch jede dieser Nebenfiguren ein klar unterscheidbares Gesicht hinter dem Nachtsichtgerät. Eine Kunst, die Bigelow hier perfekt beherrscht. Mir als Zuschauer hilft das, mich in dem oben beschriebenen Chaos fremder, bedrohlicher Szenerien zurechzufinden, anstatt mich mit lästigem „wer war jetzt das nochmal” herumzuplagen.

Dass ich anfangs trotzdem in der Flut an Informationen fast ertrinke, ist wurscht, denn auch Mark Boal, der Autor, beherrscht sein Handwerk. Immer enger wird der Korridor an Zielpersonen, denen Maya hinterher recherchieren muss, bis sich schließlich alles auf die eine Zielperson fokussiert, Osamas Kurier.

Kinoplakat (US): Zero Dark ThirtyDokumentarisch dicht erzählt

Wenn der Spielfilm dokumentarisch ist, dann in seinen Bildern. Es herrscht fahles, unglamouröses Licht, fahle Großräume mit kalten Computermonitoren, eingefangen von der wackligen Schulterkamera. Keine schicken Computergraphics leuchten auf den Computermonitoren, sondern Windows-XP-Kästchen - auf den Bildschirmen flackern graue, unscharfe Satellitenbilder. Weit und breit keine Martini-Lounge für James Bond.

Und als es einmal heimelig wird mit warmen Farben im Restaurant des Marriott-Hotels in Islamabad, detoniert vor der Tür eine Bombe, die einen riesigen Krater reißt. Nichts ist hier zu sehen von den Geheimdienst-Überwachungsexzessen, von denen Filme wie Der Staatsfeind Nr. 1 (1998) oder Die Stunde der Patrioten (1992) fabulieren. Dass in solcher Umgebung, besetzt mit gehobenen Beamten, die in politische Ränkespiele verstrickt sind, die Attentate des 11. September 2001 nicht haben verhindert werden können, wird plötzlich offensichtlich. Bigelows Film gibt sich mit seiner zurückhaltenden Hauptdarstellerin und den ebenso zurückhaltenden Bildern geradezu provozierend unspektakulär und explodiert dann in der letzten halben Stunde im grünen Glühen der Nachtsichtgeräte um und in der Villa in Abbottabad. Hier fällt auch zum ersten Mal deutlich Musik auf. Bigelow geht sehr sparsam mit diesem Mittel um. Viele Szenen kommen ohne Musik aus, manche andere werden von düsteren Bassrythmen begleitet, die immer im Hintergrund bleiben.

Der Film war im Februar 2013 für fünf Oscars nominiert: Bester Film, Beste Hauptdarstellerin, Bestes Originaldrehbuch, Bester Tonschnitt und Bester Schnitt. Warum Bigelow nicht nominiert wurde, ist mir unklar. Wurde da Regiekunst mit politischer Haltung verwechselt? Am Ende bekam er den Oscar für den Tonschnitt. Jessica Chastain musste für Jennifer Lawrence in Silver Linings beiseite treten.

„Zero Dark Thirty” ist im bestem Sinne eines Kunstwerkes ein ambitionierter, verstörender, fesselnder Thriller. Mit einer wunderschönen Schlussszene.

Wertung: 7 von 7 €uro