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Plakatmotiv: Weites Land (1958)

Großer Schwanengesang
auf eine sterbende Zeit

Titel Weites Land
(The Big Country)
Drehbuch James R. Webb + Sy Bartlett + Robert Wilder + Jessamyn West + Robert Wyler
nach dem Roman „The Big Country“ von Donald Hamilton
Regie William Wyler, USA 1958
Darsteller Gregory Peck, Jean Simmons, Carroll Baker, Charlton Heston, Burl Ives, Charles Bickford, Alfonso Bedoya, Chuck Connors, Chuck Hayward, Buff Brady, Jim Burk, Dorothy Adams, Chuck Roberson, Bob Morgan, John McKee u.a.
Genre Western
Filmlänge 146 Minuten
Deutschlandstart
26. März 1959
Inhalt

James McKay, Kapitän aus einer Reederfamilie an der amerikanischen Ostküste, reist in den Wilden Westen, um Patricia, die Tochter von Major Terrill, dem Besitzer der riesigen „Ladder Ranch“, zu heiraten.

Mit Argwohn betrachten die rauen Cowboys den Gentleman aus dem Osten, der in ihren Augen ein feiner Pinkel und hochnäsiger Feigling ist. Schon bald wird die Harmonie durch die hasserfüllte Dauerfehde von Major Terrill gegen Viehzüchter Rufus Hannassy getrübt. Beide versuchen seit Jahren, die wichtige Wasserstelle „Big Muddy“ unter ihre Kontrolle zu bekommen, die die Lehrerin Julie Maragon von ihrem Großvater geerbt hat. Julie lehnt es ab, ihre stillgelegte Ranch an Terrill oder Hannassy zu verkaufen, stattdessen setzt sie sich dafür ein, dass alle Nachbarn von dem Wasser abbekommen können und der Frieden so erhalten wird.

Schließlich wendet sich auch Patricia von McKay ab, nachdem er sich nicht in eine Schlägerei einlassen will, nur weil Steve, der Vormann der Ranch, ihn der Lüge bezichtigt. James McKay hält gar nichts von dem großsprecherischen und gewaltbereiten Auftreten der Kontrahenten und lässt sich nicht in den Konflikt einspannen. Er kauft stattdessen Julie die „Big Muddy“ ab und hofft so Frieden zu stiften, indem er gedenkt, das Streitobjekt gerecht und zum Nutzen aller zu verwalten …

Was zu sagen wäre

Eine Welt im Westen mit unermesslich Reichtum, genug Land für alle – und zwei Großgrundbesitzer, die sich spinnefeind sind. Sie streiten, prügeln, demütigen sich wo immer sie können. Dazwischen liegt ein Stück Land, ebenfalls weitläufig, vor allem aber durchzogen von großen Wasseradern – Flüssen – die beiden Streithähnen lieb und teuer sind. William Wylers Grundkonstellation ist angelehnt an aktuelle politische Lager – hier die NATO, also Washington, da die Sowjetunion, also Moskau. Dazwischen „Big Muddy“, also die Vereinten Nationen.

Ein Mann aus dem Osten kommt – jetzt nicht aus dem sowjetischen Osten, sondern aus dem Osten der USA. Die Dramen in Westernkulisse haben den Ost-West-Konflikt immer wieder auf die schon einigermaßen zivilisierte Ostküste gegen die wilde, raue Welt der Eroberer des Westens getauscht – wobei „schon einigermaßen zivilisiert“ gleichzusetzen ist mit Bürokratie und Arbeit in Büros (also ja fast schon Planwirtschaft), während der Westen die freien Werte des freien US-Bürgers symbolisiert. Der Mann aus dem Osten ist Kapitalist reinen Geblüts. Ein Seefahrer. Das Leben zur See ist in den Augen der Cowboys in ihrer weiten Prairie zwar ähnlich weit weg, wie für den Westerngucker die Welt der Sowjetunion, aber der Mann ist Erbe eines Schiffsunternehmens, für die reichen Rancher hier also standesgemäß, und er wird gespielt von Gregory Peck (Moby Dick – 1956; „Flammen über Fernost“ – 1954; Ein Herz und eine Krone – 1953; „Schnee am Kilimandscharo“ – 1952; Der Fall Paradin – 1947; „Duell in der Sonne“ – 1946; Ich kämpfe um dich – 1945).

Einem wie Gregory Peck kann man vertrauen, auch wenn er – typisch für einen Mann aus dem Osten – sich völlig albern kleidet und eine komische Ich-halte-Dir-die-andere-Wange-hin-Politik vertritt; das ist nun im Westen überhaupt nicht mehrheitsfähig. Aber die Zukunft. William Wyler (An einem Tag wie jeder andere – 1955; Ein Herz und eine Krone – 1953; „Carrie“ – 1952; „Die Erbin“ – 1949) zeigt die Welt des Wilden Westens an der Schwelle zur Industrialisierung, in der nicht mehr zählt, wer schneller schießt, sondern Gespräch und Verhandlung zum Ziel führen. James McKay, der Reeder aus dem Osten ist die fleischgewordene Friedensinitiative.

Während die wilden Westler sich tagelang mokieren, weil der Ostler sich geweigert hat, vor aller Augen Old Thunder zu reiten, einen Schimmel, der zuverlässig jeden Mann nach zehn Sekunden rüde in den Staub wirft, hat der Reederei-Erbe sich, ohne Publikum, mit Old Thunder auseinandergesetzt – „Old Thunder hat ihn abgeworfen. Fünf, zehn Mal. Ich weiß nicht, wie viele Male. Er hat nicht aufgegeben. Aber Old Thunder hat aufgegeben.“ Als McKay zwei Tage allein das riesige Weideland der „Ladder Ranch“ erkundet, gehen die Cowboys sofort davon aus, dass der mann sich nur verirrt haben kann. Aber McKay hat einen Kompass, weiß immer, wo er ist – und kauft mal rasch „Big Muddy“, die Zankapfel-Ranch. Um im Bild zu bleiben: Nun hat die fleischgewordene Friedensinitiative ein Faustpfand für Verhandlungen.

Das versteht die blonde Tochter des reichen Ranchers alles gar nicht, die doch den stolzen Erben von der Ostküste zu ihrem Mann machen will – aber eben zu einem Mann, wie sie das hier im Westen versteht. Dass sich ihr Jim heimlich mit Verwalter Steve Leech prügelt, der ihn mehrfach öffentlich beleidigt hat, ist dann des Guten zu viel: Die blonde Patricia will einen Mann, der allen zeigt, dass er der Stärkste ist; keinen, der das unter vier Fäusten und vier Augen ausmacht: „Pat, es gibt für einen Mann Dinge im Leben, die muss er nur sich selbst beweisen und keinem anderen.“ „Und noch nicht einmal der Frau, die er liebt?“ „Der am allerwenigsten. Wenn sie ihn wirklich liebt.“ Dabei stehen sich in Reeder James McKay und Vorarbeiter Steve Leech zwei grandiose Antagonisten gegenüber.

Gregory Peck mit durchgedrücktem Rücken, spitzer Augenbraue, nachsichtigem Lächeln und komischen Anzügen auf der einen Seite. Auf der anderen der wuchtige Charlton Heston mit gemeißeltem Kinn, stahlblauen Augen und breitem Oberkörper („Im Zeichen des Bösen“ – 1958; Die zehn Gebote – 1956; Am fernen Horizont – 1955). Den ganzen Film über ist klar, dass der eher handfeste Vorarbeiter Leech kein Monstrum sein kann – schließlich hat Charlton Heston einst die zehn Gebote aus den Flammes Jahwes erhalten. Gleichzeitig aber ist nach fünf Filmminuten klar, dass es zwei Männer und eine Frau gibt. Und eine zweite Frau. Jean Simmons spielt die Lehrerin Julie; dem geübten Zuschauer macht allein die Besetzung klar, dass sie keine Randfigur in diesem überlangen Filmdrama ist; dass sie aber die Erbin der Ranch „Big Muddy“ und damit eine der Big Player in diesem Film ist, wird erst zu einem späteren Zeitpunkt deutlich, als die Familie von Viehzüchter Rufus Hannassy, dem dritten Big Player in der Runde, deutlicher gezeichnet wird.

Geschickt versteht es Wyler, sein oberflächlich betrachtet simples Drama so zu bauen, dass dem Zuschauer im Kinosessel nicht langweilig wird. Was es mit der Ranch „Big Muddy“ auf sich hat, wurde in Dialogen schon bedeutet, aber wie es da eigentlich aussieht, zeigt Wyler erst in der zweiten Filmhälfte; auch definiert er da erst die Rolle der Lehrerin Julie genauer, die bis dahin Opfer, Spielball, liebreizende Tänzerin auf einem großen Ball war. Als würde er eine Zwiebel häuten, dringt Wyler immer tiefer in das Drama um Land, Wasserstellen und Einfluss ein. Und in der rückt der Zank zweier Alter in den Mittelpunkt.

James McKenna, die fleischgewordene Friedensinitiative, deckt auf, dass der Kalte Krieg im Wilden Westen sich auf zwei Männer reduziert: Charles Bickford, ein versierter TV-Spieler, als Major Henry Terrill, Pecks Schwiegervater in Spe, und Burl Ives („Die Katze auf dem heißen Blechdach“ – 1958; „Jenseits von Eden“ – 1955) als Rufus Hannassey; Ives spielt hier so eine Art Big Daddy 2.0.

Es gibt einen weiteren hauptdarsteller. Der, der das Weite Land, das die Protagonisten mehrfach beschwören, in Bilder fasst. Franz Planer, Director of Photography, malt für William Wyler Bilder, die mich aus dem Kinosessel erheben in die Wirklichkeit des Westens – in die Wirklichkeit des Weiten Land.

Wertung: 7 von 7 D-Mark
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