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Plakatmotiv: Ben Hur (1959)

Der Monumentalfilm schlechthin.
Eines der großen Melodramen.

Titel Ben Hur
(Ben Hur)
Drehbuch Karl Tunberg
nach dem gleichnamigen Roman von Lew Wallace
Regie William Wyler, USA 1959
Darsteller Charlton Heston, Jack Hawkins, Haya Harareet, Stephen Boyd, Hugh Griffith, Martha Scott, Cathy O'Donnell, Sam Jaffe, Finlay Currie, Frank Thring, Terence Longdon, George Relph, André Morell, Fortunato Arena, Bruno Ariè, Les Ballets Africains, Emma Baron, Ady Berber, Marina Berti, Hugh Billingsley, Jerry Brown, Robert Brown, Lando Buzzanca, Joe Canutt, Otello Capanna, Emile Carrer, Richard Coleman, Antonio Corevi, Michael Cosmo, Alfredo Danesi, David Davies, Carmen de Hohenlohe, Victor De La Fosse, Liana Del Balzo, Mino Doro, Michael Dugan, Franco Fantasia, Dino Fazio, Enzo Fiermonte, Bob Folkerson, Giuliano Gemma u.a.
Genre Abenteuer, Drama
Filmlänge 212 Minuten
Deutschlandstart
14. Oktober 1960
Inhalt

ls der roemische Gouverneur durch ein Unglueck verletzt wird, verurteilt Messala wider besseres Wissen seinen Freund Judah Ben Hur als angeblichen Verschwoerer zu lebenslanger Galeerenhaft.

Nach drei Jahren als Sklave kann Ben Hur bei einer Seeschlacht dem Kommandanten das Leben retten. Aus Dankbarkeit nimmt dieser ihn als Ziehsohn zu sich nach Rom und ebnet ihm den Weg. Doch Ben Hur will sich an Messala raechen. Ein grosses Wagenrennen wird zum mörderischen Zweikampf zwischen den ehemaligen Freunden …

Plakatmotiv: Ben Hur (1959)

Was zu sagen wäre

Der größte Monumentalfilm aller Zeten, Teil II. Bestachen Die Zehn Gebote durch epochale Spezialeffekte, besticht „Ben Hur“ von William Wyler (Weites Land – 1958; An einem Tag wie jeder andere – 1955; Ein Herz und eine Krone – 1953) durch großes Melodrama. Der Film erzählt eine ähnlich breite Lebensspanne, nicht aber die einer historischen Legende, sondern einer erfundenen – die er einbaut in das Geheimnis des Glaubens.

Und auch dieser Sandalenfilm ist eine Metapher auf aktuelle politische Verhältnisse – der Kampf der freien Welt gegen Unterdrückung; und die Wehrhaftigkeit der freuen Welt, welche einer harten Hand bedarf, um diese Freiheit zu schützen. Das Drehbuch enthält eine Anspielung auf die Kommunistenjagd der McCarthy-Ära und den damaligen Zwang zu Denunziation. Messala fordert von Ben Hur die Herausgabe der Namen jener, die sich Rom, das hier mit Washington gleichzusetzen wäre, widersetzen: „Ja, Judah – wie heißen sie? … der Kaiser beobachtet uns (in diesem Augenblick blickt er nach Osten) … der Kaiser beobachtet uns, er sieht, was wir tun, ich brauche ihm nur zu dienen (Blick nach Westen) … Judah, sei vernünftig, Judah, blicke nach Rom.

Wyler erzählt in großen Bildern die Geschichte einer Freundschaft, die zu Feindschaft wird, die Geschichte des Kampfes der Besetzten gegen die Besatzer – und er begleitet Jesus Christus. Judah Ben Hur ist ein Zeitgenosse, der dem Propheten auf seinem qualvollen Weg immer wieder begegnet, ohne dass wir je sein Gesicht sehen. Das wirkt zunächst wie eine etwas seltsame Anbiederung an „Du sollst dir kein Gottesbildnis machen, das irgendetwas darstellt am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde“, entfaltet aber im Laufe des Dramas eine eigene Kraft. Je stärker Judah Ben Hur hasst, desto integrativer agiert der gesichtslose Christus (in einer Szene des ontius-Pilatus-Prozesses, in der wir Christus frontal sehen, weil es die Regie nicht anders erlaubt lässt Wyler sogar über das Antlitz des Sohn Gottes einen Schatten legen), der so einen großen Einfluss auf die Geschehnisse in diesem Film nehmen soll.

Und der Ereignisse sind viele. Wir begleiten Sklaven auf der Galeere und lernen, wie ihr Schicksal tatsächlich war – abseits gänsehau-gruseliger Geschichten vom Galeerensträfling. Es gibt ein Wagenrennen über neun Runden, das gleich mit der Leinwandpremiere des Films in die Annalen der Kinogeschichte eingeht – zehn Minuten Szenenaufbau, zehn Minuten Rennen, zehn Minuten Abklang = 30 Minuten für die Ewigkeit. Die man aber nicht an der historischen Realität messen darf: William Wylers Erster Regieassisten Sergio Leone berichtet, dass der Regisseur nach Fertigstellung der Kostüme und Kulissen eine wissenschaftliche Beraterin einlud, alles nach authentischen Gesichtspunkten zu überprüfen. Am Ende des Rundganges fragte Wyler sie: „Was soll ich machen, damit das noch echter wird?“ Die Expertin schüttelte den Kopf und meinte: „Man müsste alles verbrennen!“ Auch die Galeerenstrafe, in der Judah Ben Hur sich wiederfindet, ist als solche historisch falsch – aus militärischen Gründen.

In der Antike war die Galeerenstrafe unbekannt, römische Kriegsschiffe wurden von gut ausgebildeten und bezahlten Seesoldaten gerudert. Es erfordert viel Geschick und hartes Training, eine große Galeere gleichmäßig zu rudern, und bei der Professionalität der römischen Armee wollte man nichts dem Zufall überlassen. Ungeübte Ruderbesatzungen aus Sklaven, deren Kraft und Ausdauer durch körperliche Strafen und unzureichende Verpflegung eingeschränkt gewesen wären und die ob der Hoffnungslosigkeit ihrer Situation womöglich gemeutert hätten, wären nicht sinnvoll gewesen.

Letztlich unterstreichen diese historischen Fehler die Tatsache, dass wir hier im Kino sind und nicht in der Geschichtsstunde. Und das Kino feiert hier Party ohne Ende. Das Pferderennen, in dem Ben Hur seinen Tod-Freund Messala bezwingt, entfesselt eine Dynamik, die über den Film hinaus wirkt. Das liegt zum großen Teil an der fantastischen Arbeit der Second Unit unter Yakima Canutt, der seine Kameras zum Teil an Stellen postiert hat, die für die Kameraleute lebensgefährlich sein mussten. Kameras, die neun Vierspänner in voller Fahrt auf dem Rundkurs begleiten, beobachten … im Kinosessel ducke ich mich mehrfach weg, denn ich weiß, dass die rasenden Pferde, 36 an der zahl, je vier ziehen einen Streitwagen, nicht stehen bleiben, wenn der Regisseur „Cut!“ ruft. Dieses Pferderennen entfesselt kinetische Energie, die – Sie merken es am gestammel des Autors – unbeschreiblich ist. Das ist aber nicht alles.

William Wyler macht einen erzähltechnisch klugen Schachzug. Er gibt den vier weißen Pferden, die Ben Hur lenkt, Charakter und Seele; er gibt ihnen die Namen von Sternen – Antares, Aldebaran, Altair und Rigel – und lässt Judah sich in sie verlieben und sie sich in ihn. Und der in dieser Rolle großartige Hugh Griffith, der den Besitzer und zärtlichen „Vater“ der Pferde, Scheich Ilderim, spielt, gibt ihnen Abstammung, ein warmherziges Zuhause – die vier Pferde sind familienmitglieder, keine Tiere. Als Judah sie dann durch den Circus lenkt, sehen wir vier schneeweiße Charaktere, die für ihren geliebten Wagenlenker jede Anstrengung aufnehmen. Da kämpft nicht Judah Ben Hur gegen Messala, da kämpfen Judah und seine Pferde gegen Rom. Diese Personifizierung erdet die überirdische Dynamik des Spektakels und macht sie erst zu dem mitreißenden Kinomoment.

Und dann muss ich ein paar Worte zu Charlton Heston verlieren (Weites Land – 1958; „Im Zeichen des Bösen“ – 1958; Die zehn Gebote – 1956; Am fernen Horizont – 1955), der zum brillanten Gesamteindruck des Film viel beiträgt. Das war nach den Zehn Geboten nicht unbedingt zu erwarten; damals konnte er sich neben den monumentalen Spezialeffekten ausruhen und hinter einer grauen, später weißen Mähne verstecken, wenn ihm die kleine Geste mal wieder fehlte. Das kann er in „Ben Hur“ nicht. Vielleicht wollte er die Rolle deshalb zunächst nicht übernehmen. Heston wurde durch die Hauptrolle des Moses zwar bekannter, aber in die Reihe der führenden Hollywood-Stars brachte ihn dieser Film noch nicht, weshalb er die Rolle des Ben Hur nur zögerlich annahm – zumal er auch nicht erste Wahl des Studios war. Vor ihm waren Rock Hudson, Burt Lancaster, Paul Newman, Marlon Brando und Cesare Danova erwogen worden. Heston war dagegen ursprünglich für die Rolle des Messala vorgesehen.

Der Erfolg dieses Films hängt an seinem Hauptdarsteller. Und Charlton Heston lässt Regisseur und Produzenten nicht im Stich. Heston kommt entgegen, dass Wyler Wert aufs Drama legt und dafür die in diesem Genre verbreiteten Monumentalszenen eben auf einzelne Höhepunkte konzentriert – deshalb reden bei „Ben Hur“ alle von dem Film mit dem Pferderennen, von dem Film mit der Seeschlacht; und dass sich alle an den Film erinnern, ist der Kunst Charlton Hestons geschuldet, der für einen solchen Film einfach mit seinem kolossalen Körper die richtige Figur ist, die auch noch das dramatische talent mitbringt, den Zuschauer durch die dreieinhalb Filmstunden zu leiten. Er und Miklós Rózsa, der Komponist des Filmscores.

Rózsa, der seit Quo Vadis sowas wie der Monumentalfilmkomponist schlechthin ist, hat für Wylers Film einen Score komponiert, der immer präsent, aber nie aufdringlich ist – aber noch im Ohr lange nachdem der Vorhang geschlossen ist und wir in der Straßenbahn nach Hause sitzen.

Wertung: 7 von 7 D-Mark
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