Kinoplakat: Miles Teller
Rhythm ‘n Blut
Titel Whiplash
(Whiplash)
Drehbuch Damien Chazelle
Regie Damien Chazelle, USA 2014
Darsteller
Miles Teller, J.K. Simmons, Paul Reiser, Melissa Benoist, Austin Stowell, Nate Lang, Chris Mulkey, Damon Gupton, Suanne Spoke, Max Kasch, Charlie Ian, Jayson Blair, Kofi Siriboe, Kavita Patil, C.J. Vana u.a.
Genre Drama, Musik
Filmlänge 107 Minuten
Deutschlandstart
19. Februar 2015
Website sonyclassics.com/whiplash
Inhalt

Der 19-jährige Andrew Neiman ist ein begnadeter Schlagzeuger. In einer der renommiertesten Musikschulen des Landes wird er vom Dirigenten Terence Fletcher unter die Fittiche genommen.

Der bekannte Bandleader Fletcher fördert den jungen Drummer, aber er fordert ihn noch mehr: Mit rabiaten Unterrichtsmethoden, die immer mehr zu Gewaltexzessen ausarten, will er Andrew zu Höchstleistungen treiben und führt ihn an seine physischen und emotionalen Grenzen. Der Nachwuchsmusiker stellt sich der Tortur, denn es ist sein sehnlichster Wunsch, einer der größten Schlagzeuger der Welt zu werden.

Während sein besorgter Vater Jim immer mehr an den Methoden und den Absichten des Lehrers zweifelt, hält Andrew hartnäckig durch …

Was zu sagen wäre

Lehrer und Schüler. Schüler und Lehrer, eine Wechselbeziehung, die Kino und Literatur immer wieder neu deklinieren. Hier ist es die Geschichte eines Arschlochs und eines Jünglings in der Zeit der Entpuppung. J.K. Simmons, der die Arschloch-Rolle hat, hat für sein Spiel in diesem Film den Nebenrollen-Oscar bekommen – gegen Robert Duvall („The Judge“), Ethan Hawke („Boyhood“), Edward Norton (Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance)) und Mark Ruffalo („Foxcatcher“); Simmons ist unglaublich gut. Sein Bandleader ist ein ruheloser Tiger, ein Jäger musikalischer Perfektion und da ist seine Haltung schon nachvollziehbar – Was soll er mit Typen, die nicht mal ein Tempo ordentlich zuordnen können? Ich weiß die ganze Zeit nicht, ob ich diesem Fletcher eigentlich eine scheuern sollte. Survival of the Fittest, Fletcher inszeniert einen irren Konkurrenzkampf unter den drei Drummern, ich glaube, die blutenden Hände da auf der Leinwand, die auf dieses Schlagzeug eindreschen, zu spüren, als seien sie meine eigenen.

Miles Teller spielt den dankbaren Part des Schülers, der kämpft, der schwitzt, der blutet, der trommlt wie kein Zweiter und der am Ende als zweifelhafter Sieger von der Bühne geht – als eindeutiger Gewinner im Moment, wenn der Abspann beginnt, als der zweifelhafte Gewinner später, wenn man ihn fragt, was er denn da nun eigentlich gewonnen – oder besser: verloren – hat. Teller mit diesem Schulbuben-im-rosa-Poloshirt-Gesicht und seiner Art, enthemmt nicht zu spielen (The Spectacular Now: Perfekt ist jetzt – 2013; „Project X“ – 2012; „Footloose“ – 2011), passt in diesen Vulkan von einem Film perfekt; sein Babyface, das in Emotion erst verfällt, wenn er sich die Seele aus dem Leib trommelt, ist das austarierte Gegengewicht zu J.K. Simmons (Labor Day – 2013; Up in the Air – 2009; „Juno“ – 2007; „Thank You for Smoking“ – 2005; Spider-Man – 2002; The Gift – Die dunkle Gabe – 2000; Es begann im September – 2000; Gottes Werk & Teufels Beitrag – 1999). Simmons, der sich viel im Synchronstudio der Zeichentrickserien um die MARVEL- und DC-Superhelden aufhält, gehört als Schauspieler zur Stammbesetzung aller Filme, an denen Jason Reitman (#Zeitgeist – 2014; Young Adult – 2011; Up in the Air – 2009; „Juno“ – 2007; „Thank You for Smoking“ – 2005 ) beteiligt ist (hier als Executive Producer). Hier nun kann Simmons endlich mal zeigen, warum das so ist.

Kinoplakat: Miles TellerAuf dem Gipfel des Films, bei dem alles entscheidenden Auftritt vor einem Publikum voller Talentscouts schmeißt der Junge die Stöcke auf den Boden, steht auf, verlässt die Bühne und geht. Allen ist klar: Das wars mit dem Jungen; jetzt kann er nur noch Pappschachtelwegfeger bei Burger King werden. Aber: Dies ist kein europäisches, dieses ist US-Kino und im US-Kino geht einer nur wortlos ab, wenn ihm das den Hauptpreis bringt, andernfalls schießt er zurück. Also dreht der Junge sich, schon halb im Licht stehend, um, kehrt durch den dunklen Gang zurück auf die Bühne, an seinen Platz. Und dann explodiert der Film.

Zusammen mit seinem Cutter Tom Cross hält Damien Chazelle seinen Film aus dem Rythmus-Betrieb in fiebriger Wallung, während Sharone Meir nervöse Close Ups mit wechselndem Fokus sowie lange, elegant ausgeleuchtete Totalen mit wechselnden Protagonisten im Orchester liefert; einmal inszenieren Chazelle und Meir einen stummen Dialog zwischen Fletcher und Andrew während die Band live musiziert mit lauter Reißschwenks hin und her zwischen dem Bandleader und seinem Drummer.

In seiner ordinären Sprache während des Trainings, der Probe, erinnert der Film an den Brutalo-Drill aus Full Metal Jacket. Und wenn das, was ich so lese und sehe über die Ausbildung an den Akademien der Künste weltweit, dann ist der Drill dort in der Tat brutal. „Whiplash“ legt die dunklen Seiten des amerikanischen Traums frei und zeigt, dass eine bunte Casting Show im Fernsehen offenbar nicht ausreicht, um ein wirklicher Superstar zu werden. Gegen diesen Fletcher ist Dieter Bohlen ein süßes Küken; aber Fletcher macht auch Jazz statt synthie-Pop und Jazz ist immer auch Kampf auf offener Bühne. Das Leben im 1600-stel.

Der Schlusspunkt dieses Solos für Drummer ist der klassische Showdown in der Mitte der Straße; mit dem feinen Unterschied, dass im Western hinterher einer liegen bleibt. Musik belebt aber die Glieder und wo man singt, da lasse Dich ruhig nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder. Dieser Showdown ist der ultimative Hahnenkampf auf der Orchesterbühne, ein tastender Liebesakt zweier Querköpfe bei vollem Band-Einsatz.

Wertung: 8 von 8 €uro