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Kinoplakat: Unstoppable – Außer Kontrolle
Power, Speed, Thrill
Actionkino in Reinform
Titel Unstoppable – Außer Kontrolle
(Unstoppable)
Drehbuch Mark Bomback
Regie Tony Scott, USA 2010
Darsteller
Denzel Washington, Chris Pine, Rosario Dawson, Ethan Suplee, Kevin Dunn, Kevin Corrigan, Kevin Chapman, Lew Temple, T.J. Miller, Jessy Schram, David Warshofsky, Andy Umberger, Elizabeth Mathis, Meagan Tandy, Dylan Bruce u.a.
Genre Action
Filmlänge 98 Minuten
Deutschlandstart
11. November 2010
Inhalt

Der junge Will Colson hat es nicht leicht, als er seine Ausbildung zum Lokführer beginnt. Die neuen Kollegen verhalten sich ihm gegenüber abweisend, weil die Eisenbahngesellschaft Kosten sparen will und darum alte Haudegen durch billigeres frisches Blut ersetzt.

Als Will seinen ersten Dienst als Zugführer antritt, steht er unter der Anleitung des erfahrenen Bahner-Urgesteins Frank Barnes. Der fordert den Frischling gleich heraus und lässt Strenge walten. Das verbessert Colsons Laune nicht, denn seine Ehe mit Darcy geht gerade in die Brüche.

200 Meilen weiter setzt ein schusseliger Rangierarbeiter durch seine Dickfälligkeit eine beispiellose Kettenreaktion in Gang. Aus Bequemlichkeit verlässt er bei langsamer Fahrt kurz seinen umzurangierenden Zug, um eine Weiche per Hand umzusetzen. Doch dann gerät die Situation außer Kontrolle. Der Gashebel springt auf „volle Fahrt“ und das Gleis hat der Arbeiter auch nicht umgelegt bekommen. Führerlos nimmt die Lok mit 39 Waggons Tempo auf und droht, die Bahn von Will und Frank zu rammen …

Was zu sagen wäre

An diesem Film kann man studieren, wie Hollywood Actionkino baut. An diesem Genrefilm stimmt, innerhalb seines Genres, alles. Zwei mit grobem Strich charakterisierte Kerle, grundverschieden, grundsympathisch, mit den bei solchen Kinokerlen üblichen zu-viel-Arbeit-zu-wenig-Zeit-für-die-Familie-Problemen und eine einfach definierte, in einem Satz zu umreißende Storyline: Außer Kontrolle geratener Zug droht, eine Kleinstadt in Schutt und Asche zu legen.

Bei solchen Scripts machen viele Regisseure viel falsch. Tony Scott macht alles richtig; so richtig, dass man ihm seinen physikalisch unmöglichen Showdown mit schwankendem Tempozug in enger Kurve atemlos dann auch noch durchgehen lässt – schließlich ist das hier reinstes Kintopp, nichts, was Realität beansprucht. Hier springt ein Mann mit eben erst gebrochenem Fuß von einem rasenden Pick-Up auf einen rasenden Zug, klettert an der Außenseite hoch und ins Führerhaus … also wie gesagt: zurücklehnen und genießen – oder studieren, wie‘s gemacht wird.

Kinoplakat: Unstoppable – Außer Kontrolle (hier ohne Rosario Dawson)Eine wichtige Rolle bei Scotts Bahnspektakel spielt die Farbdramaturgie. Während der außer Kontrolle geratene Zug mit der markigen Nummer „777“ in alarmhaftem Rot und Gelb dahin rast, trägt die Lok der Helden angenehme blau- und Orange-Töne, die von nachmittäglich wärmender Sonne angelächelt werden. Das hilft, der Popcorn mampfenden Zuschauer, die Züge jederzeit auseinanderzuhalten. Dazu schwelgt in Eisenbahner-Romantik – Stellwerke, Rangierbahnhöfe, alls, was das Herz des Modelleisenbahners begehrt (und wollten nicht die meisten von uns irgendwie nicht auch mal Lokommotivführer werden?), wird ausschweifend vorgeführt und eingesetzt.

Die Charakterisierung der Hauptfiguren ist, wie gesagt, auf das Wesentliche beschränkt, immer der Prämisse folgend, dass das Publikum, das einen Film mit einem außer Kontrolle geratenen Zug sehen möchte, nicht an einem psychologisierenden Eisenbahner-Drama um Arbeitslosigkeit und schlechte Arbeitszeiten interessiert ist. Diese gesellschaftsrelevanten Punkte streift Scott mit seinem Film, erdet damit seine Protagonisten – Frauen- und Job-Probleme kennen gefühlt 90 Prozent seiner Zuschauer – und kehrt dann zur nächsten Hürde zurück.

Die Hürden sind der nächste, maximal gut gelöste Punkt in einem Spektakelfilm. Nach kurzer Einführung der Figuren nimmt der Film schnell Fahrt auf und gönnt sich dann bis zum Abspann keine Pause mehr – anfangs ist das nur der dickliche Rangierarbeiter, der es nicht mehr auf seine Lok zurück schafft. Später ist es das An- und Abkoppeln von Waggons, die, weil Chris Pines Chrakter Will Colson in seiner Unerfahrenheit zu viele angehängt hat, zu einer weiteren Hürde werden, wenn ihre Lok dem entgegenrasenden 777 auf letztem Meter über eine Weiche ausweichen soll und das Ausweichmanöver bei so vielen Waggons natürlich länger dauert. Und so geht es ununterbrochen weiter, immer noch gefährlicher – mal für die Protagonisten, mal wieder für die Kleinstadt, die durch Gift-Waggons und leicht entflammbare Tanks am Rand der Gleise ein Problem hat und zum Glück sind gleich die Medien vor Ort. Lustvoll schneidet Scott immer wieder Kommentare der Reporter und TV-Screens dazwischen, was dem Film zusätzlichen Drive verleiht durch knackige Kommentare in typischer NTSC-TV-Optik.

Scott zeigt hier ein Auge für Nebenfiguren: Lew Temple, häufig in Horrorfilmen zu sehen (Halloween– 2007), spielt hier den schnoddrigen Chefschweißer, der während des Films meist in seinem Pick-Up-Truck sitzt, durch die Gegend rast und und das Richtige tut – ist ein angenehmer Sidekick-Typ, die ausführende Hand der Krisenmanagerin, die die wunderbare Rosario Dawson („Eagle Eye“ – 2008; Death Proof – 2007; Sin City – 2005; Men in Black 2 – 2002) als patente Realistin anlegt, die immer das richtige tut, das richtige sagt, nie das falsche fragt, das Herz am rechten Fleck hat und auch noch gut aussieht – auch das natürlich ein Pflichtkriterium im kommerziellen Actionkino; Washington und Pine sind schließlich auch keine Scheußlichkeiten. Scotts Dauer-Hauptdarsteller Denzel Washington gefällt mir gut – was er selten tut („American Gangster“ – 2007; Der Manchurian Kandidat – 2004; Training Day – 2001; Hurricane – 1999; Ausnahmezustand – 1998; Dämon – Trau keiner Seele – 1998; „Philadelphia“ – 1993). meist ist er mir moralisch zu überhitzt bei unterdrückter Mimik. Den alten Eisenbahner-Hasen Frank Barnes gibt er angenehm einsilbig – mit Subjekt-Prädikat-Objekt-Punkt–Sätzen wirft er mit Eisenbahnersprech um sich, als hätte er niw was anderes getan. Und wie er lässig im Seitenfenster seines Fahrerhäuschens hängt, während er mit seiner Lok mit 100 Sachen rückwärts fährt, zeigt in wunderbarer Einfachheit die Grundregel jedes Eisenbahners: Es ist die Schiene, die die Richtung vorgibt, nicht der Fahrer. Chris Pine, seit seinem Ersteinsatz in als Captain Kirk in Star Trek (2009) Hollywoods neuer männlicher Hottie, spielt, was erwartet wird – sympathisch, nie ganz bei Sache, leidender Ehemann, liebender Vater, schmerzunempfindlicher Held.

„Unstoppable“ wurde der letzte Film von Tony Scott. Er starb am 19. August 2012 durch einen Sprung von der Vincent Thomas Bridge im Hafenviertel von Los Angeles, San Pedro.

Wertung: 5 von 7 €uro
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