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Kinoplakat: Trumbo
Einer dieser Filme, die man
hinterher gerne gesehen hat
Titel Trumbo
(Trumbo)
Drehbuch John McNamara
nach der Biografie „Dalton Trumbo“ von Bruce Alexander Cook
Regie Jay Roach, USA 2015
Darsteller
Bryan Cranston, Helen Mirren, Michael Stuhlbarg, Diane Lane, Louis C.K., Elle Fanning, John Goodman, Dean O'Gorman, Christian Berkel, David James Elliott, David Maldonado, John Getz, Laura Flannery, Toby Nichols, Joseph S. Martino, Madison Wolfe, Jason Baylem, James DuMont, Alan Tudyk, Dan Bakkedahl, Richard Portnow, Roger Bart, Johnny Sneed, Rio Hackford, Dane Rhodes, Peter Mackenzie, John Neisler, Sean Bridgers, John E. Moore, P.J. Marshall, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Meghan Wolfe, Mitchell Zakocs, Stephen Root, Jason Kirkpatrick, Wayne Pére, A.J. Allegra, Mattie Liptak, Becca Nicole Preston, Garrett Hines, Chris LeBlanc, Ron Fassler, Mark Harelik, Jim Gleason, Rick Kelly, Billy Slaughter, Griff Furst, John Mark Skinner u.a.
Genre Biografie, Drama
Filmlänge 124 Minuten
Deutschlandstart
10. März 2016
Website bleeckerstreetmedia.com/trumbo
Inhalt

Dalton Trumbo ist ein sehr begabter Drehbuchautor aus Hollywood. Als Mitglied der Kommunistischen Partei der USA verachten ihn jedoch während des Kalten Kriegs viele Größen der Entertainment-Branche, die eine anti-sowjetische Einstellung haben – John Wayne zum Beispiel, den ehrfürchtig alle nur „Duke“ nennen, oder die Kolumnistin Hedda Hopper.

Je länger der Krieg zurückliegt, desto mehr rücken die Kommunisten, Die Sowjetfreunde in den Fokus des amerikanischen Interesses. In Washington schürt Senator McCarthy mit seinem Komitee für unamerikanische Umtriebe („House Un-American Activities Committee – HUAC“) die Angst vor den Kommunisten. Trumbo soll sich vor dem Komitee zu Vorwürfen der kommunistischen Propaganda in Hollywood-Filmen äußern. Er weigert sich – sowie neun weitere Autoren auch, da sie zum einen der Auffassung sind, eine Straftat begangen zu haben und in einem Land zu leben, das die Freiheit feiert und zum anderen glauben, dass der Oberste Gerichtshof eine etwaige Verurteilung wegen Missachtung der Staatsgewalt durch den Kongress widerrufen wird; fortan gelten sie als die „Hollywood Ten“.

Als jedoch kurz hintereinander zwei der liberalen Richter am Obersten Gerichtshof sterben und durch deutlich konservativer eingestellte ausgetauscht werden, wird jeder der Hollywood Ten zu Gefängnisstrafen verurteilt. Zudem werden sie, zusammen mit vielen weiteren Filmschaffenden, denen kommunistische Neigungen nachgesagt werden, Teil der Hollywood Blacklist. Im US-Filmgeschäft bekommen sie keine Arbeit mehr.

Als Trumbo das Gefängnis nach Vollendung seiner Haftstrafe verlässt, gerät er schnell in eine finanzielle Notlage. Er gibt sein fertiggestelltes Drehbuch für „Ein Herz und eine Krone“ („Roman Holiday“) an seinen Freund Ian McLellan Hunter, sodass der es als seines verkaufen kann und einen Teil der Erlöse erhält. Später erhält Hunter sogar den Oscar für die Beste Original-Drehbuch.

Trumbo verkauft sein Haus am See und zieht in die Innenstadt, wo er unter einem Pseudonym für das Low-Budget Filmunternehmen King Brothers Productions arbeitet. Er stellt seine Frau Cleo und seine Kinder als seine Gehilfen ein, was schnell zu familiären Problemen führt. Der King Brothers Film „Roter Staub“ („The Brave One“), für welchen Trumbo unter einem Pseudonym das Drehbuch verfasst hatte, erhält einen Oscar, den Trumbo jedoch nicht entgegen nehmen kann.

Mit der Zeit wachsen Gerüchte um Trumbos Aktivitäten als Ghostwriter, er sagt aber nichts dazu aus. Im Jahr 1960 stellt Schauspieler Kirk Douglas Trumbo ein, um das Drehbuch für den Film Spartacus zu verfassen; Regisseur Otto Preminger gibt ihm zudem einen Auftrag für seinen neuen Film „Exodus“. Die Blacklist der Hollywood-Bosse gerät zunehmend zur Farce …

Was zu sagen wäre
Ein Film darüber, wie einfach es ist, eine Gesellschaft mit gezielten Nadelstichen unter Strom zu setzen und dadurch Existenzen von Nachbarn und Freunden aufs Spiel zu setzen. Und das – fast – ohne einen erhobenen Zeigefinger.

Zwei Szenen sind es, die diese Gesellschaft als Ansammlung bigotter Arschlöcher entlarven. Wir sind in Hollywood, im Studio von Louis B. Mayer.

Das Starlett wird zum Dämon

Mayer empfängt in seinem imposanten Büro die gefürchtete Klatschkolumnistin Hedda Hopper, die neben John Wayne und einigen weniger Prominenten die Vorkämpferin wider die kommunistische Unterwanderung Hollywoods durch Filmschaffende ist. Hopper erinnert sich in diesem Büro an ihre Zeit als aufstrebendes Starlet, als alle Bosse versuchten, sie auf die Besetzungscouch zu zerren – vergeblich; entsprechend kurz war ihre Filmkarriere. Mayer, der legendäre Gründer der MGM-Studios, schmiert der alten Dame höflich Honig um den Lippenstift und zieht dann den Kürzeren. Hopper sitzt heute mit ihrer Kolumne, die mehrere Hunderttausend Menschen lesen, am längeren Hebel. Sie hat die Bosse an den Eiern. Die knicken ein, setzen die Schwarze Liste auf und beschäftigen lieber keine potenziellen Kalten Krieger, als sich mit Hopper anzulegen.

Ich habe über Hedda Hopper viel Unangenehmes gelesen; in Filmen über das Hollywood der 1940er/1950er Jahre erscheint sie dann aber meist eher als Comic-Zicke oder, wie gerade bei den Coen-Brothers, als überzeichnete Dämonin. In „Trumbo“ spielt Helen Mirren diese Klatschkolumnistin mit diabolischer Lust an faschistischer Grandezza. Jetzt weiß auch ich, worin ihre wahre Bedrohung lag. Dame Helen war für ihre Performance für den Golden Globe nominiert – interessanterweise nicht für einen Oscar. Sie ist hier eine Klasse für sich (Hitchcock– 2012; R.E.D.: Älter. Härter. Besser. – 2010; Brighton Rock – 2010; State of Play – 2009: Die Queen – 2006).

Der Kommunist und der Senator … das Opfer und der Straftäter – im Knast

Die zweite Situation (wir entlarven ja immer noch die Ansammlung der Arschlöcher) beschreibt sehr launig, wie die beiden Tripple-A-lpha-Männchen Kirk Douglas und Otto Preminger darum pokern, wer als erstes „Dalton Trumbo“ offiziell auf seine Besetzungslliste schreibt – was dann gleichbedeutend mit dem Zerbröseln der Schwarzen Liste sein würde – also dem ultimativen Tritt in den Arsch Hollywoods. Da zeigt „Trumbo“ die ganze Bigotterie dieser Angstpolitik McCarthys. Die Politik im fernen Washington hat einen neuen Feind ausgemacht, baut den Kommunisten zur Lebensgefahr aus, und das Unterhaltungsbusiness auf der anderen Seite des Kontinents mit seinen feinen Antennen für den Geschmack der Masse, knickt mal lieber vorsorglich ein, während der erste Senator, der Dalton Trumbo vor das Komitee gegen unamerikanische Umtriebe (HUAC) gezerrt hatte, bald dessen Zellengenosse ist, weil er Steuern hinterzogen hat – „Nun sind wir gleich“, wimmert der. „Mit dem Unterschied“, sagt Trumbo, „dass Sie sich wirklich strafbar gemacht haben!“

Und in Hollywood braucht es einen Schauspieler und einen deutschen Regisseur, um die durchschaubare Kommunistenhatz zu Fall zu bringen, was auch sofort gelingt, als sich herausstellt, dass die vermeindlich staatszersetzenden Kommunisten einfach die gewinnbringenderen Bücher schreiben. Dass sie nebenbei im Alleingang den großen B-Movie-Markt am Laufen hielten und unter verschiedenen Pseudonymen für allerlei Filme verantwortlich zeichnen, die heute als Klassiker gelten, ist eine schöne Volte der Geschichte. Das Drehbuch zu diesem Film über einen der großen Autoren Hollywoods ist vielschichtig und voller schöner Dialoge.

„Schreiben Sie es. Dann wissen Sie es!“ formuliert einer der Hollywood Ten die zentrale Motivation eines jeden Autors – woraus ein Oscar-prämiertes Drehbuch werden wird. Edward G. Robinson, der große Star seiner Zeit, und Verräter seiner Freunde um Trumbo, rechtfertigt sich an anderer Stelle gegenüber dem Autoren: „Du kannst einfach schreiben, was Dir einfält. Aber ich? Ich bin Ich. Ich kann nichts Anderes!“ Das ist schon erfrischend aus dem Mund eines Schauspielers zu hören, dessen Profession es doch ist, in andere Charaktere zu schlüpfen; aber Robinson war der große Star seiner Zeit, weil er eigentlich immer dieselbe Rolle gespielt hat. Dieser Film ist ein wunderbares Porträt Hollywoods aus jenen Tagen – auch wenn man zur Ehrenrettung Robinsons erwähnen muss, dass er – anders als im Film dargstellt – zwar mehrmals vor dem Komitee ausgesagt hat, Trumbo aber kein Mal als Kommunisten bezeichnet hat.

Kinoplakat (US): Trumbo

Bei „Trumbo“ wird das Private politisch

„Trumbo“ ist kein politischer Film. Er diskutiert nicht groß die Hintergründe, das Falsch und Richtig – das erledigt der Film am Ende in einer ebenso angeklebten wie gerechtfertigten Szene, wenn Trumbo lange nach dem Blacklist-Albtraum von der Screen Writers Guild mit Standing Ovation gefeiert wird. „Trumbo“ bleibt bei den Betroffenen, schaut sich an, wie sich die Kommunistenhatz auf die Menschen in ihrem privaten Umfeld auswirkt. Da wird dieser Drehbuchautor sehr dreidimensional.

Trumbo wird verboten, als einer von Vielen. Er organisiert den Widerstand. Er ist überzeugt von der kommunistischen Idee, hält aber nichts davon, sein Anwesen mit großem See einer Allgemeinheit zu überlassen. Aber er zögert nicht, seinen finanziell klammen Autorenkollegen das Geld für die teuren Prozesse zu geben – zu geben, nicht zu leihen. „Du redest wie ein Radikaler“, sagt sein Freund Arlen Hird, „aber Du lebst wie ein Reicher“. Von solcher Art Widerspruch hält Trumbo offensichtlich wenig. Er ist ein unnachgiebiger Dickkopf, der seine Familie durchbringen muss und in der Hochphase der Kommunistenhatz sieben Tage die Woche 18 Stunden täglich Drehbücher unter Pseudonym schreibt – gerne auch in der Badewanne – und darüber fast seine Familie verliert

Ein Cast zum Niederknien

Bis es seiner Frau zu viel wird und sie ihm mit wohl gesetzten Worten klar macht, dass er natürlich unter den verschärften Bedingungen mehr arbeiten muss als früher – die Fallhöhe dieses Biopics ist früh gesetzt, als L.B. Mayer Trumbo den weltweit best dotierten Autorenvertrag anbietet und Trumbo eine Filmstunde später sein Können für 1.200 Dollar an einen Billigproduzenten unter Pseudonym verhökern muss – er darüber aber gefälligst seine Familie, speziell seine Tochter Niki, nicht zu vernachlässigen habe. Womit wir endlich einen Blick auf das Personal dieses Films werfen müssen. Es ist zum Niederknien.

Bryan Cranston hat sich als Walter White in der TV-Serie „Breaking Bad“ eine große Fangemeinde erspielt und arbeitet seither konsequent an seiner Leinwandperformance (Argo– 2012; Total Recall – 2012; John Carter: Zwischen zwei Welten – 2012; Red Tails – 2012; Contagion – 2011; Larry Crowne – 2011; Drive – 2011), tritt dafür auch gerne – wie in Godzilla (2014) – ins dritte Glied zurück. Als „Dalton Trumbo“ war er zurecht für den Hauptrollen-Oscar nominiert, blieb aber bei der Oscar-Show im März 2016 für Leonardo DiCaprio (in The Revenant) sitzen. Cranston leiht seiner Figur scharfe Ironie; seine Figur ist Autor, in der Kunst wohl überlegter Formulierungen also geübt – und das spielt er aus. Cranston ist vielschichtig.

Zwei wunderbare Frauen

Seine liebevolle, im richtigen Moment unnachgiebige Ehefrau spielt die wunderbare Diane Lane (Man of Steel – 2013; Das Lächeln der Sterne – 2008; Unter der Sonne der Toskana – 2003; Untreu – 2002; The Glass House – 2001; Mord im Weißen Haus – 1997; Jack – 1996; Judge Dredd – 1995; Straßen in Flammen – 1984; Rumble Fish – 1983; Die Outsider – 1983): Auch in diesem Film verstehe ich, dass sich jemand in sie verliebt und sie zwecks Familiengründung geheiratet hat. Lane ist in diesen unauffälligen, nicht die Schlagzeilen auf sich ziehenden Rollen großartig.

Beider älteste Tochter Niki spielt ab der zweiten Filmhälfte Elle Fanning. Ich verstehe nicht, dass sie auf der Liste der Nominierten für die weiblichen Nebenrollen beim Oscar gefehlt hat. Fanning modelliert bei ihren Kinoauftritten wunderbare Momente. Für mich gehört sie seit 2011, seit sie in Super 8 den smarten Dickkopf Alice spielte, zu einem Grund, ins Kino zu gehen (Maleficent – 2014; Ginger & Rosa – 2012; Wir kaufen einen Zoo – 2011; Somewhere – 2010; Déjà Vu – Wettlauf gegen die Zeit – 2006). In „Trumbo“ ist sie zunächst einfach da mit klarem, ensemble-orientierten Spiel; aber in den zwei Szenen, in denen der Film von ihr abhängt, spielt sie präzise und zieht mir die Tränen aus den Augen.

Der Denunziant in der Gesellschaft bleibt unscharf

Um dieses Trio herum tobt sich ein Ensemble Besessener aus. John Goodman (Monuments Men – 2014; Inside Llewyn Davis – 2013; Flight – 2012; Back in the Game – 2012; Argo – 2012; Extrem laut & unglaublich nah – 2011) gibt als B-Film-Produzent – „Es geht um einen Mann mit gigantischem Insektenkopf, der sich in eine Farmerstochter verliebt. Wieso redet der in Ihrem Script über die Arbeiterklasse?“ – eine seiner geliebten Knallcharge-Miniaturen und füllt sein schmieriges Büro derart gekonnt aus, dass Jay Roach mit seinem Fim auch ganz nebenbei der Spagat gelingt, das US-Filmgeschäft in seiner ganzen Bandbreite abzubilden. Hier das schlagzeilenträchtige Big-Budget-Glamour-Movie, dort der kleine, zielorientierte Hustler, der mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Geld machen will; Goodman hat Billigproduzent Roger Corman hier nach Matinée (1993) ein zweites Mal ein würdiges Denkmal gesetzt.

„Trumbo“, der Film über einen der großen Drehbuchautoren der Industry, hat Längen im Mittelbau, in dem er die politische Dimension umreißt und nun schaut, was so ein Boykott mit den Betroffenen anstellt. Die lange Zeit im Gefängnis ist für die Biografie des unschuldigen Autors wichtig, im Film allerdings hängen die Gefängnisszenen zusammenhangslos zwischen dem reichen Vorher und dem durchkämpften Nachher ohne rechten Anschluss. Im Gefängnis – uns später nochmal im politischen Engagement der Tochter Niki – entwickelt der Film eine Auswölbung auf den nächsten gesellschaftlichen Kampf, der in den 1950er Jahren begann – der Kampf der Schwarzen für ihre Anerkennung und Gleichberechtigung. Dieser Fingerzeig malt die US-Gesellschaft noch düsterer, hätte es im Film aber nicht gebraucht.

Der Einzelne in der Masse

„Trumbo“ ist beklemmend, wenn er die Auswirkungen der politischen Angsmache auf das Private zeigt, das direkte Umfeld der verbotenen Autoren kommt mir nahe. Die Mechanismen, die eine Gesellschaft in den Angst- und Denunziationsmodus drängt, bleiben unscharf. John Wayne hat was gegen Kommunisten. Deswegen wettert er gegen sie. Warum er – als Stellvertreter der bestimmenden Elite – so stur ist, wird nicht erklärt. Ob sich der Duke tatsächlich allein durch eine Hedda Hopper auf Linie bringen ließ?

Berührend. Gut gespielt. Mit einem Hoffnungsstrahl am Ende der Gewalt. Man sollte diesen Film im Doppelpack mit Hail, Caesar schauen, den die Coen-Brüder um dieselbe Zeit auf den Markt brachten. Aus der Coens Studio-Party der Salonkommunisten und der Kommunistenhatz hier kann man sich ein ganz gutes Bild des ausklingenden „Hollywood – Babylon“ machen.

Wertung: 7 von 8 €uro
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