Kinoplakat: The Virgin Suicides – Verlorene Jugend
Leidenschaftliches Debut
einer coolen Regisseurin
Titel The Virgin Suicides – Verlorene Jugend
(The Virgin Suicides)
Drehbuch Sofia Coppola
nach dem gleichnamigen Roman von Jeffrey Eugenides
Regie Sofia Coppola, USA 1999
Darsteller
Kirsten Dunst, Josh Hartnett, James Woods, Kathleen Turner, A.J. Cook, Hanna Hall, Leslie Hayman, Chelse Swain, Michael Paré, Scott Glenn, Danny DeVito, Anthony DeSimone, Lee Kagan, Robert Schwartzman, Noah Shebib, Jonathan Tucker, Joe Roncetti, Hayden Christensen, Chris Hale, Joe Dinicol, Suki Kaiser, Dawn Greenhalgh, Allen Stewart-Coates, Sherry Miller, Jonathan Whittaker, Michèle Duquet u.a.
Genre Drama
Filmlänge 97 Minuten
Deutschlandstart
16. November 2000
Inhalt

Die 13-jährige Cecilia Lisbon ist die jüngste von fünf bildhübschen Schwestern, die Mitte der 70er-Jahre in einem beschaulichen Städtchen im Bundesstaat Michigan aufwachsen. Ihr Vater, ein zerstreuter Mathematiklehrer, steht unter dem Pantoffel der rigiden, ultra-religiösen Mutter, die den pubertierenden Töchtern keine Freiheiten lässt.

Als Cecilia sich mit einem Jesusbild in der Hand die Pulsadern aufzuschneiden versucht, bemerken die bestürzten Eltern, dass sie es mit ihrer streng moralischen Erziehung offenbar übertrieben haben. Auf Rat des Psychiaters Dr. Horniker dürfen Cecilia und ihre Schwestern erstmals Jungs nach Hause einladen. Als die Party mit dem – jetzt erfolgreichen – Selbstmord Cecilias endet, riegelt die verstörte Mutter ihre Töchter noch entschiedener von der Umwelt ab.

Der Mädchenschwarm Trip Fontaine verliebt sich jedoch in Lux Lisbon und möchte sie zum Schulball ausführen. Ihre Eltern erlauben es sogar, unter der Bedingung, dass Mr. Lisbon die Aufsicht auf dem Ball führen wird und dass Trip männliche Begleitung auch für Lisbons andere Töchter organisiert und somit alle zu dem Ball fahren können. Abgesehen von Lux sind die Lisbon-Töchter am Anfang des Abends nicht allzu begeistert von ihren Begleitern, doch letztlich haben sie an diesem Abend alle viel Spaß. Trip und Lux werden zu Homecoming-Queen und -King gewählt und machen sich gegen Ende des Balls aus dem Staub. Die Schwestern fahren am Abend ohne Lux heim.

Lux und Trip unternehmen einen Spaziergang auf das Football-Feld der Schule, der darin endet, dass Lux ihre Jungfräulichkeit verliert. Sie schlafen zusammen ein, aber Trip verlässt den Ort frühmorgens und lässt Lux allein zurück. Als sie aufwacht und mit dem Taxi nach Hause kommt, werden die Regeln der Eltern für ihre Töchter erneut verschärft. Die Lisbon-Schwestern haben für die kommenden Wochen verschärften Hausarrest, auch der Schulbesuch ist gestrichen.

Von diesem Zeitpunkt an können die Mädchen kein normales Leben mehr wie andere Jugendliche führen, sie sind stattdessen in ihren Zimmern isoliert. Dort reift in den Mädchen ein endgültiger Entschluss …

Was zu sagen wäre

Die Flower-Power-Jahre in den 1970er Jahren – bunt? Ausgeflippt? Sofia Coppola will davon nichts wissen. Sie führt uns eine kleinbürgerliche, in Konventionen verstrickte Oberklasse-Gesellschaft, die in ihren mit Plüsch und Plunder vollgestellten Häusern jede Bewegungsfreiheit verloren hat, selbst zu Einrichtung versteinert ist. Dazwischen wachsen Kinder auf, die wir kennenlernen, als sie in die Pubertät kommen und ein Auge fürs andere Geschlechte bekommen. Was bei anderen Autoren als Sweet Bird of Youth besungen wird, beschreibt Coppola, die einen Roman von Jeffrey Euginides verfilmt, als die sonnige Hölle zwischen Frühlingswiese und Heiland am Kreuz.

Mit ruhiger Hand und zynischen Dialogzeilen

Coppola entfaltet ihr Drama mit ruhiger Hand, ruhiger Kamera, wenig Musik. Nach drei, vier Einstellungen sonnig idyllischer Straßenzüge im gehobenen Michigan sehen wir ein junges Mädchen mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne; sie ist 13 Jahre alt und kann knapp gerettet werden. Ein Arzt fragt sie ratlos, sie könne doch noch gar keine Erfahrung haben, wie beschissen das Leben sein könne. „Ach ja?“, antwortet das Mädchen kühl, „Waren Sie schon mal ein 13-jähriges Mädchen?“ Coppola, die Tochter Francis Fords, ist klug genug, im weiteren Verlauf auf jedes Regie-Gehabe zu verzichten. Ihre ruhigen Bildern erzählen das ganze Drama, selbst die Dialogspur ist nur spärlich belegt; meist spricht der (mittlerweile erwachsene) Junge aus dem Off. Die Sonne scheint, pubertäre Knospen sprühen, die Stimmung ist beklemmend, das Drama intensiv.

Abendessen, Partys, erste Verabredungen, alles müssen die Eltern der Mädchen nicht nur genehmigen, sie planen sie auch und sind selbst anwesend. Dass die Mädchen in so einer Welt untergehen müssen, überträgt sich auch ohne Dialog. Die 13-jährige Cecilia hat sich aus Lebens-Ekel aufgespießt, die 14-jährige Lux entwickelt einen unstillbaren Hunger auf Jungs, dem sie heimlich auf dem Dach des familiären Anwesens mit wechselnden Sexualpartnern nachgeht und die drei ältesten Töchter, 15, 16 und 17 Jahre alt, haben über Backfisch-Gegiggel hinaus erst gar keine Bedürfnisse entwickelt. Und währenddessen scheint unablässig die Sonne. Souverän und stilsicher malt Sofia Coppola das Bild einer Gemeinschaft, die den großen amerikanischen Traum mit Eigenheim, Gottesfurcht und festem Job lebt – aber dieser Traum ist längst hohle Fassade … sinnbefreit.

Hanna Hall, 15 Jahre, nach wenigen Minuten tot, aber nachhaltig beeindruckend

Die Schauspieler leisten Großes für ihre Regiedebutantin. James Woods (Ein wahres Verbrechen – 1999; John Carpenters Vampire – 1998; Contact – 1997; Das Attentat – 1996; Nixon – 1995; Casino – 1995; Auf die harte Tour – 1991; Es war einmal in Amerika – 1984) spielt zurückhaltend den Pantoffelheld und überforderter Lehrer-Vater, der unter der Knute seiner strengen Frau steht, die  bis zum Schluss erschreckend überzeugt ist, dass sie das alles gar nicht verstehen könne, wo doch ihr Haus überquelle vor Liebe und Geborgenheit. Kathleen Turner („Serial Mom“ – 1994; „V.I. Warshawski – Detektiv in Seidenstrümpfen“ – 1991; „Der Rosenkrieg“ – 1989; „Peggy Sue hat geheiratet“ – 1986; Auf der Jagd nach dem Juwel vom Nil – 1985; „China Blue bei Tag und Nacht“ – 1984; Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten – 1984; „Heißblütig – Kaltblütig“ – 1981) verleiht dieser Monstermutter mit harten Gesichtszügen furchtbares Leben – sie wirkt wie eine Cousine der wahnhaft religiösen Mütter aus den frühen Werken Stephen Kings (Carrie – 1974).

Unter den Töchtern stechen vor allem zwei heraus – die drei anderen sind reizend, bedauernswert, aber ihr part ist zu beschränkt, um glänzen zu können. Hanna Hall spielt die 13-jährige Cecilia, die zwar früh stirbt, aber als mahnendes Fanal immer wieder einer Vision gleich auftaucht. Dieses Mädchen wirkt, als trage sie die Weisheit und den damit verbundenen Weltschmerz einer 80-Jährigen auf den Schultern. Hall ist Spezialistin für beindruckende Kurzauftritte. Es ist ihr dritter Kinofilm, in ihrem ersten spielte sie die junge Jenny, die dem kindergelähmten Forrest Gump (1994) glaubhaft die Augen verdrehte. Die andere Schwester, die heraus sticht, Lux, wird gespielt von der sich langsam im Filmbusiness etablierenden Kirsten Dunst (Small Soldiers – 1998; Wag the Dog – 1997). Sie balanciert ihre Rolle sorgsam zwischen dem braven Elflein im Hause der gottesfürchtigen Mutter und der stillen Rebellin, die ausbricht, das andere Extrem sucht und daran zerbricht. Dabei scheint sie die einzige zu sein, die ihr Leben in den Griff bekommen könnte, dies aus Loyalität zu den Schwestern aber lässt.

Die Agonie des Niedergangs im Sonnenschein

„The Virgin Suicides“ ist ein Sittenbild im Sinne des Wortes. Mit dem 20 Minuten später erfolgreichen zweiten Suizid der 13-Jährigen gibt es ohnehin keinen dramaturgischen Bogen mehr nachzuzeichnen. Sofia Coppola und ihr Kameramann Edward Lachman zeigen einzelne Szenen einer sich abzeichnenden Katastrophe. Coppola sammelt Einstellung für Einstellung Motive für die Agonie, in der alle Betroffenen erstarrt sind. Die Familie der Mädchen ist sprachlos in ihren Konventionen erstarrt. Es braucht die Jungs aus der Nachbarschaft, die, dem Chor in der griechischen Tragödie gleich, das Geschehene kommentieren und einzuordnen versuchen. Aber die Jungs bleiben ratlos auch, nachdem sie das Tagebuch der toten Cecilia an sich gebracht haben. Die Stimme aus dem Off macht früh im Film deutlich, dass sich die Freunde auch „heute, 25 Jahre später“, keinen Reim machen können auf das Verhalten dieser somnambulen Gesellschaft.

Wertung: 11 von 11 D-Mark