Kinoplakat (US): The Spectacular Now
Der Film schnürt
Dir die Kehle zu
Titel The Spectacular Now: Perfekt ist jetzt
(The Spectacular Now)
Drehbuch Scott Neustadter + Michael H. Weber
nach dem gleichnamigen Roman von Tim Tharp
Regie James Ponsoldt, USA 2013
Darsteller

Miles Teller, Shailene Woodley, Brie Larson, Masam Holden, Bob Odenkirk, Mary Elizabeth Winstead, Dayo Okeniyi, Kyle Chandler, Jennifer Jason Leigh, Nicci Faires, Ava London, Whitney Goin, Andre Royo, Levi Miller, E. Roger Mitchell u.a.

Genre Drama
Filmlänge 95 Minuten
Deutschlandstart
3. Juli 2013 (Münchner Filmfest)
Website SpectacularNowMovie.com
Inhalt

Eines Morgens liegt er im Vorgarten am Straßenrand, der Restalkohol lässt ihn nur langsam zu sich kommen: Sutter Keely, 17 Jahre alt, Oberstufenschüler, eigentlich bei allen beliebt, auf jeder Party das Zentrum – nur gerade nicht. seine Freundin hat ihn abserviert, er hat sich vollaufen lassen und nun liegt er hier auf dem vertrockneten Gras im Vorgarten. Und über ihn gebeugt Aimee Finicky, die gerade Zeitungen austrägt; und eher das Gegenteil all dessen ist, was Sutter ist.

Aimee ist, was man im Jugensprech das „nette Mädchen“ nennt – sie ist introvertiert, interessiert sich für Bücher und hatte noch nie einen Freund. Gemeinsam haben die beiden das schwierige Verhältnis zu ihren allein erziehenden Müttern. Das ist aber auch alles. Aimee traut sich nicht, ihrer Mom klar zu machen, dass sie im Sommer aufs College nach Philadelphia wechseln wird. Sutter leidet darunter, das seine Mom Dad rausgeschmissen hat, da war Sutter noch ganz klein und nun will sie ihm nicht mal Dads Telefonnummer geben, damit er ihn mal anrufen kann. An College denkt Sutter nicht. Für ihn hat das Leben schon alles geliefert.

Aimee und Sutter verlieben sich. Das heißt: Vor allem verliebt Aimee sich, Sutter kann sich nicht so recht von seiner Ex trennen, versteht nicht, dass sie ihn verlassen hat, weil er keine Ziele habe. Er hat einen Job beim Herrenausstatter, ein Auto, ist beliebt, das Leben ist eine Party. Wieso soll er erwachsen werden, Ziele anstreben? Und dann bekommt Sutter die doch die Möglichkeit, seinen dad zu besuchen. Das ändert alles …

Was zu sagen wäre
Dieser Film zeigt, was uns im Kino verloren gegangen ist, seit das kommerzielle Kino vor allem auf Fantasy-Trilogien, Spektakelfilme, Superhelden und die Verfilmung vorgeblicher Jugendbuch-Bestsellerverfilmungen abfährt. Ein Teenie-Drama, das man respektvoll besser Teenager-Drama nennen sollte. Ein Film, der einem zwischenzeitlich die Kehle zusammenschnürt, weil man mit den Figuren mitfiebert. Ein Film über Heranwachsenden, die sprechen und handeln und (inklusive den Pickeln) aussehen, wie Heranwachsende, die nicht ironisch gebrochen werden, deren Sexualität nicht in Hochglanz und Bodydoubles beleidigt wird.

Echte Teenager mit echten Gefühlen

Die (500) Days of Summer-Autoren Scott Neustadter und Michael H. Weber beobachten die letzten Schulwochen zweier Heranwachsender. Und sie tun das ganz ohne Furzwitze, ohne Sperma-im-Bier, ohne krakeelende Prolls, unspektakulär und klischeelos. Sie benötigen nicht mal irgendein endspiel in irgendeinem schulsport, das Kinder zu verantwortungsbewusste Menschen reifen lässt. Sie brauchen nur zwei Teenager mit echten Gefühlen.

Das Lebensgefühl, das Sutter und Aimee fast zerreißt – zwischen Selbstzweifeln und Überschätzung – überträgt sich. Sutter, wunderbar gespielt von Miles Teller („Project X“ – 2012; „Footloose“ – 2011), gibt den coolen Trinkfesten, der erste Ahnungen bekommt, dass seine beste Zeit schon hinter ihm liegt, während alle anderen erst noch durchstarten. Dieser Sutter ist mal nicht einfach der Footballcrack, der in jedem Highschool-Film seit American Pie der Schwanzschwingende Dödel ist. Diese Figur geht ans Herz und Miles Teller findet die richtigen Nuancen. Ebenso wie Shailene Woodley (The Descendants – 2011).

Kinoplakat (US): The Spectacular Now

Shailene Woodley, das erstaunliche Mädchen

Woodley gibt anrührend das zielstrebige, aber schüchterne Mädchen, das seine Romantik entdeckt und unbeholfen-euphorisch dieses neue Gefühl umarmt, das sie bislang nur aus Science-Fiction-Büchern kannte, die sie so gerne liest. Aber sie ist eben nicht das Klischee des Mauerblümchens, das noch erweckt werden muss. Sie hat in ihrer noch kurzen Karriere schon Sachen drauf, Gesten, Blicke, die umwerfen. Und auch sie ist schon für das WannaBe-Blockbusterkino gebucht – zum Zeitpunkt, als dieser Film in die US-Kinos kam, stand sie schon auf der Besetzungsliste für die Jugendbuch-Verfilmung Die Bestimmung – Divergent (2014), in der auch Teenager erst ihren Weg in einer feindlichen Welt voller Missverständnisse finden müssen – dort die Plastikversion, hier die sehr realistische, die nicht in Kitsch, nicht in hämmernder Soundtrack-Betroffenheit, nicht in Sozialkitsch abgleitet. Auf dem Sundance-Filmfest wurden Woodley und Teller zurecht für ihre "ehrliche und natürliche Darstellung" ausgezeichnet.

Und Brie Larson (21 Jump Street – 2012; „Greenberg“ – 2010), die Sutters Ex spielt, sieht zwar so üppig aus, muss aber nicht die blonde Highschoolzicke spielen, wie sie Standard ist im amerikanischen Highschool-Film, sondern kann nuanciert ein blondes Mädchen spielen, das seine Vorstellungen vom Leben gerade mit der Wirklichkeit abgleichen muss. Am Rande bemerkenswert ist die Beobachtung, dass Mary Elizabeth Winstead, die eben noch Teenager (Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt – 2010; „Final Destination 3“ – 2006; „Sky High – Diese Highschool hebt ab!“ – 2005) und junge Heranwachsende gespielt hat (The Thing – 2011; Stirb langsam 4.0 – 2007), jetzt schon die gesettelte, Perlenkettenbehängte Vorstadt-Ehefrau spielen kann.

Entspannte Regie, aufregende Kameraführung

Man kann auch dem Regisseur James Ponsoldt („Smashed“ – 2012) und dem Kameramann Jess Hall (Umständlich verliebt – 2010; „Der Sohn von Rambow“ – 2007) Auszeichnungen umhängen.Ponsoldt dafür, dass er sich nicht in kommerziell angeblich erfolgreichen Schnickschnack hat treiben lassen, das Thema Alkohol, das er einfringlich schon in „Smashed“ beleuchtet hat, hier zeigt, aber auch hierbei nicht überzeichnet, sondern beobachtet. Und Hall für seine elegante Kameraführung, die auch lange Plansequenzen aushält, ohne in Effekthascherei abzugleiten.

Wertung: 8 von 8 €uro