Kinoplakat: The Bling Ring
Sofia Coppolas cooler Film über
arme Rich-Kids im Celebrity-Wahn
Titel The Bling Ring
(The Bling Ring)
Drehbuch Sofia Coppola + Nancy Jo Sales
basierend auf dem Vanity-Fair-Artikel "The Suspect Wore Louboutins" von Nancy Jo Sales
Regie Sofia Coppola, USA, UK, Frankreich, Deutschland, Japan 2013
Darsteller

Katie Chang, Israel Broussard, Emma Watson, Claire Julien, Taissa Farmiga, Georgia Rock, Leslie Mann, Carlos Miranda, Gavin Rossdale, Stacy Edwards, G. Mac Brown, Marc Coppola, Janet Song, Annie Fitzgerald, Lorenzo Hunt u.a.

Genre Drama
Filmlänge 90 Minuten
Deutschlandstart
15. August 2013
Inhalt

Marc ist neu an der Schule. Schüchtern noch, wenig angesagtes Outfit, aber er freundet sich schnell mit Rebecca an, die ihn in ihren Kreis von Freundinnen einlädt. Gemeinsam hängt man die Zeit ab, macht Fotos von sich, postet sie auf facebook, studiert angesagte Celebrity-Blogs und diskutiert aufgeregt die neuesten Fashionsünden der Schönen und Reichen. Bald werden sie Thema in Blogs werden – unter dem Namen „The Bling Ring“ werden sie sowas wie Celebrity-Krininelle. Aber das ahnen sie da noch nicht. Noch hängen sie ihre Tage am Strand ab und durchtanzen die Nächte in den angesagten Clubs der Stadt. Sie suchen den Kick. Dauernd.

Sie finden ihn … übers Internet. Rebecca hat mit Marc schon kleinere Diebestouren gemacht. Nachts Geld aus Autos geklaut, die unverschlossen am Straßenrand geparkt sind. Solche Sachen. Marc hat dazu nicht so recht Lust, aber er mag Rebecca, seinen „besten Kumpel“, wie er sie mal nennt. Als er erwähnt, dass einer seiner wohlhabenden Bekannten nicht in der Stadt ist, schlägt Rebecca vor, in dessen Haus einzusteigen. Marc fühlt sich unwohl dabei, während Rebecca Bargeld und eine Handtasche stiehlt mit dem Kommentar, dass ihr Idol Lindsay Lohan dasselbe Modell besitzt. Dann steigt sie ungeniert in den Porsche des Bekannten und fährt los. Mit dem Bargeld gehen sie auf eine Shoppingtour – Luxus-Lifestyle … das kennen sie aus den Magazinen und Blogs. Das muss das Leben sein. Endlich.

In einem dieser Blogs lesen sie, Paris Hilton sei in Las Vegas und schmeiße da eine Party. Das muss bedeuten, dass ihre Villa hier in L.A. leer steht. Also fahren sie hin. Und richtig: Die Villa ist nicht nur dunkel. Paris Hilton hat sogar einen Schlüssel unter der Fußmatte versteckt. Rebecca hat Blut geleckt, bittet Marc, zu schauen, welche Celebrities vorübergehend nicht in der Stadt sind und wo sie hier ihr Domizil haben und dann fahren sie dorthin.

Es beginnt eine ausgedehnte „Shopping Tour“ durch die Luxusvillen in Beverly Hills, zu der sich auch Nicki, ihre Schwester Sam und Freundin Chloe mitreißen lassen. Die Eltern – ahnungslos. Die Freunde – voller Bewunderung. Die Selfies auf facebook – immer bunter und schriller. Die Polizei – kommt ihnen auf die Spur …

Was zu sagen wäre

„Ich will was von Chanel!“ sagt Rebecca. Und also zieht die Clique los und holt sich was von Chanel aus Lindsay Lohans Haus. Sofia Coppola zeigt uns eine Welt, in der Teenager ohne Ziel gelangweilt um die Wette sind, die ihre Daseins-Bestätigung über Selfies finden, die sie bei facebook hochladen und die auch gar nichts dabei finden, mit zunehmendem Diebesgut immer stylischere Bilder hochzuladen – in Louboutins, mit einem Fächer aus 100-Dollar-Scheinen mit teuren Sonnenbrillen in angesagten Clubs. Das halten sie für das Leben, das sie führen wollen. Sie kennen kein anderes, als das, das Celebrity-Magazine, Klatsch-Blogs und Paparazzi-News ihnen über das vermeintlich unbekümmerte Leben der Stars mitteilen.

Think Big! Das haben die Kinder heute drauf

Wenn Nicki vor der Verhandlung, die mit einem Jahr Gefängnis für sie endet, vor den Kameras der L.A.-Presse steht – jetzt selbst eine Berühmtheit – sagt sie ganz ernst, sie werde aus den schlimmern Vorfällen und Erfahrungen lernen, sie wolle später eine große Charity-Veranstaltung leiten wollen, sie sehe in humanitären Hilfsprojekten ihre Bestimmung, um die Welt ein bisschen besser zu machen; und später wolle sie gerne einen Land führen wollen. Think big! Das hat ihr ihre Mutter beigebracht und muss nicht Lindsay Lohan auch dauernd wegen Trunkenheit am Steuer ins Gefängnis, taucht aber am nächsten Tag wieder in den Klatschblättern mit neuem Chanel-Kleid auf? Und Paris Hilton? Ein Exzess nach dem nächsten, aber gefeierte Charity-Events organisieren … so ist die Welt dieser Kids in Los Angeles. Sie kennen nichts anderes. Und Lindsay darf im Gefängnis sogar ihre Extensions behalten, staunt Nikki mit großen Augen in die Kamera.

Teaserplakat (US): The Bling RingDer Film beruht auf wahren Begebenheiten. Sie wurden durch den Vanity-Fair-Artikel „The suspects wore Louboutins“ von Nancy Jo Sales bekannt. Ihre Reportage „The Bling Ring: How a Gang of Fame-Obsessed Teens Ripped Off Hollywood and Shocked the World“ nutzte Sofia Coppola als Vorlage und Inspiration für ihren Film. Ganz unaufgeregt, nüchtern verfolgt sie die kriminelle Karriere dieser Teenager – die Kamera ruhig, der Score sehr zurückhaltend, punktuell nur eingesetzt, lange Einstellungen, fast eine Dokumentation. Sie verurteilt nicht – jedenfalls nicht die Teenager, die in eine Welt groß werden, die Schein mehr schätzt als Sein. Ihnen und ihren naiven ernsten Träumen folgt Coppola mit Sympathie. Kritische Töne hingegen schlägt sie an in manch bizarrer Beschreibung elterlicher Fürsorge mit leisem Spott über die Stars, die sich bis in den letzten Winkel ihres Lebens ausleuchten lassen, das auf diversen Internet-Plattformen als eine unablässige Abfolge von Roten Teppichen, Champagner und teuren Designerklamotten besteht – quasi eine Einladung zum Raub. An dieser Stelle sei erwähnt: Leslie Mann (Immer Ärger mit 40 – 2012; Cable Guy – Die Nervensäge – 1996) gibt das wunderbare Portrait einer spirituell durchdrungenen irgendwas-mit-Medien-Mutter.

Sofia Coppola – Chronistin einer sprachlosen Gesellschaft

Sofia Coppola („Marie Antoinette“ – 2006; „The Virgin Suicides“ – 1999) ist so etwas wie die Chronistin einer sprachlosen Gesellschaft geworden. Auch ihre Figuren in Somewhere (2010) oder Lost in Translation (2003) finden erst zu sich und dem Gegenüber, wenn das aufgeregte Dauergeschrei verstummt und die Stille des Nicht-verstehens eingekehrt ist. In der sprachlosen Villen-Gesellschaft der Schönen und Reichen, die sie hier portraitiert, ist sie zuhause – nicht bei den leeren Kindern freilich, sondern (offensichtlich) bei den kreativen in den mondänen Villen über L.A. Coppola erzählt aus dieser toten Welt der leeren Kinder mit sehr cooler Handschrift. 

Zwischendurch, fast wie Zwischenüberschriften, erklärt der einzige Junge der Gang, Marc, aus dem Off ein paar Zusammenhänge, oder lügen die anderen Mitglieder der Gang im On während eines Interviews über ihre – unschuldigen – Beweggründe. Diese kurzen Zeitsprünge geben dem Film Struktur, erlauben Coppola, die durchaus überflüssige (für diese Erzählung überflüssige) Ermittlungsarbeit der Polizei auf ein paar notwendige Zwischenschnitte zu reduzieren. Es ist ein schöner Einfall, dass die nach Ruhm gierenden Kinder ausgerechnet von Kameras und ihren eigenen, Celebrity-Blogs ähnelnden Fotos im Internet überführt werden. Coppola ist in ihrer Erzählung ganz klar, einfach. Ein Film wie beiläufig aus der Hüfte geschossen.

Eine bemerkenswerte Emma Watson

Der einzige Name auf dem Plakat, der neben Sofia Coppolas hervorgehoben ist, ist der von Emma Watson („Vielleicht lieber morgen“ – 2012; „My Week with Marilyn“ – 2011; Harry Potter – 2001-2010). Sie ist – zwangsläufig – der Star in diesem Ensemblefilm mit lauter frischen, guten, smarten Gesichtern. Watson, selbst längst eine Stil-Ikone für die Fans der Bling-Bling-Blogs, liefert eine bemerkenswerte Performance. Ihre „Nicki“ weiß, wo der Medienhase lang läuft, weiß, wie das Spiel funktioniert – die ehemalige Harry-Potter-Streberin ist bemüht, ihrem netten Image ein paar schicke Erfahrungs-Kratzer beizubringen.

Toller Film. Einer der großen in diesem Jahr!

Wertung: 7 von 7 €uro