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Kinoplakat: Havanna
Viele Oberflächenreize, aber
im Herzen bleibt der Film leer
Titel Havanna
(Havanna)
Drehbuch Judith Rascoe + David Rayfiel
Regie Sydney Pollack, USA 1990
Darsteller
Robert Redford, Lena Olin, Alan Arkin, Tomas Milian, Daniel Davis, Tony Plana, Betsy Brantley, Lise Cutter, Richard Farnsworth, Mark Rydell, Vasek Simek, Fred Asparagus, Richard Portnow, Dion Anderson, Carmine Caridi u.a.
Genre Drama
Filmlänge 144 Minuten
Deutschlandstart
7. März 1991
Inhalt

Kuba im Dezember 1958 – am Vorabend der Revolution. Der professionelle Pokerspieler Jack Weil reist zur revolutionserschütterten Karibikinsel, weil er dort ein großes Pokerturnier organisieren will. Während seiner Anfahrt lernt er auf dem Schiff die Revolutionärin Roberta kennen und erklärt sich für Geld bereit, für diese militärisches Gerät nach Kuba zu schmuggeln.

Weil könnte sich durchaus mehr vorstellen mit Roberta. Sie nicht. Sie ist mit Arturo Duran, einem der Anführer der Revolutionäre verheiratet. Jack bittet Joe Volpi, einen befreundeten Kasinomanager und Handlanger des Mafiabosses Meyer Lansky, eine Pokerrunde zu organisieren. Vor dem Spiel erfährt Jack, dass Roberta und Arturo festgenommen wurden. Zeitungen berichten über den Tod des Mannes. Jack lässt Beziehungen spielen, Roberta kommt tatsächlich frei.

Kinoplakat: HavannaRoberta, die gefoltert wurde, taucht unter. Am 29. Dezember 1958 überrennen die Revolutionäre Santa Clara. Jack fährt in das umkämpfte Gebiet, findet Roberta und versteckt sie in seiner Wohnung in Havanna. Dort beginnen beide eine Affäre. Als er erfährt, dass Arturo noch lebt, sieht er sich in einem moralischen Dilemma …

Was zu sagen wäre

Regisseur Sydney Pollack scheint eine heimliche Liebe zu Humphrey-Bogart-Filmen zu haben, die er bisweilen in seinen Filmen auslebt. Im Elektrischen Reiter (1979) inszenierte er mit Robert Redford und Jane Fonda ein Liebespaar, das an Bogart und Kathrine Hepburn in African Queen (1951) erinnert. In seinem neuen Film „Havanna“ nimmt Pollack Anleihen gleich am ganzen Aufbau von Casablanca (1942): Der Held, der sich eigentlich aus allem heraus hält („Das verstößt gegen meine Prinzipien. Wenn ich welche hätte.“). Die Liebe zu einem mit einem Revolutionär verheirateten Mann. Polizeistaat. Exotische Kulisse. Es gibt Szenen, in denen ich erwarte, dass Jack Weill jetzt sagt „Ich bin nicht gut darin, nobel zu sein. Aber es gehört nicht viel dazu, zu erkennen, dass die Probleme dreier Menschen nichts sind im Vergleich zu dieser verrückten Welt. Eines Tages wirst Du das verstehen“ („I’m no good at being noble, but it doesn’t take much to see that the problems of three little people don’t amount to a hill of beans in this crazy world. Someday you’ll understand that.“)

Dieser Film von Sydney Pollack (s.u.) funktioniert vor allem über seine Schauswerte. Ausstattung, Kameraführung, Kostüme – top. Drehbuch? Trotz der Länge nicht zu Ende gedacht. Nachdem er seit seinem Mega-Erfolg „Jenseits von Afrika“ keinen Film mehr gedreht hat, und der liegt fünf Jahre zurück, ist es nicht ausgeschlossen, dass die Studios ihm nichts anderes zubilligen wollten, als eine weitere Mega-Romanze, am besten wieder mit Robert Redford. Und so mag Pollack „Havanna“ in den Sinn gekommen sein, weil er da am ehesten seine Art (bitterer) Liebesgeschichte erzählen kann. In keinem seiner Filme findet das Paar am Ende zusammen, irgendwas kommt immer dazwischen. Diese Form der Romanze lässt sich vor dem Hintergrund revolutionärer Wirren natürlich besonders gut erklären. Pollack, erfolgreicher Vertreter der konservativen Hollywood-Ästhetik, der sich auch gegen das New Hollywood behaupten konnte, bleibt in diesem Film unter seinen Möglichkeiten. Der Film behauptet viel, überzeugt aber nicht in glaubwürdiger Emotion.

Robert Redford (s.u.) ist ein gut aussehender Sympathikus, auch in diesem Film, einer, der das Publikum schon mitnehmen kann. Allein: Weder glaube ich seinem Kartenspieler zu Beginn irgendeine zynische Ader, die er dauernd vorgibt zu haben, noch glaube ich ihm dann die großen Gefühle, die ihn alles über den Haufen werfen lassen, was er angeblich ausschließlich will. Obwohl der Film fast zweieinhalb Stunden für seine – immerhin schön anzuschauende – Geschichte braucht, bleibt die Motivation des Spielers immer im Dunkeln.

Lena Olin … sieht gut aus. Leidenschaft versprüht aber auch sie nicht. Die Herausforderung ihrer Rolle ist, dass sie, nur zwei Tage, nachdem ihr geliebter Mann im Foltergefängnis zu Tode kam, schon dem zwar charmanten und sehr attraktiven, letztlich aber doch windigen Spieler verfallen soll. Das ist so an den Haaren herbeigezogen, daran würden auch versiertere Schauspielerinnen scheitern. Dass Sydney Pollack eine Schwedin in der Rolle der Roberta besetzt hat, mag ein weiterer Casablanca-Hinweis (Stichwort: Ingrid Bergmann) sein.

Sehenswert ist der Film dennoch: Das große Melodram vor (realem) politischem Hintergrund führt uns in die damalige Zeit, die letzten Tages des Batista-Regimes (und zwischendurch flammt der Gedanke auf, dass Michael Corleone (1974) auf derselben Party gewesen sein muss, auf die uns der vorliegende Film am 31. Dezember 1958 gegen 22:30 Uhr bei Übernahme durch die Revolutionäre führt. Pollack gewährt uns einen plastischen einblick in die Wirren dieser letzten Batista-Tage, in die sozialen Verwerfungen und die Mafiaverstrickungen, denen Alan Arkin als Meyer Lanskys Handlanger Joe Volpi ein wunderbar melancholisches Gesicht gibt.

Wertung: 4 von 10 D-Mark
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