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Kinoplakat: Der elektrische Reiter
Pollacks Reiter als Entgegnung
auf Dennis Hoppers „Easy Rider“
Titel Der elektrische Reiter
(The Electric Horseman)
Drehbuch Robert Garland + Paul Gaer + Shelly Burton (sowie David Rayfiel + Alvin Sargent)
Regie Sydney Pollack, USA 1979
Darsteller
Robert Redford, Jane Fonda, Valerie Perrine, Willie Nelson, John Saxon, Nicolas Coster, Allan Arbus, Wilford Brimley, Will Hare, Basil Hoffman, Timothy Scott, James Sikking, James Kline, Frank Speiser, Quinn K. Redeker u.a.
Genre Drama, Komödie, Western
Filmlänge 121 Minuten
Deutschlandstart
3. April 1980
Inhalt

Norman Steele („Sonny“) war eine große Nummer beim Rodeo. Fünf Mal war er Weltmeister. Das ist lange her. Er ist so oft abgestoßen worden, hat sich so oft etwas gebrochen, dass Wettkämpfe schon lange nicht infrage kommen. Aber er hat sich finanziell gut in die Zeit danach gerettet. Heute ist er Werbeikone einer Marke für Frühstücksflocken. Dabei trägt er dann eine mit zahlreichen Glühlampen bedeckte Cowboy-Kluft.

Und er trinkt zu viel. Und geschieden. Sein Leben als Frühstücksflockenvorschmecker, wo er doch viel lieber Speck, Bohnen und eier frühstückt, ergibt für ihn schon lange keinen Sinn mehr. Seine Ex-Frau sagt, er laufe doch nur noch durch die Gegend, um sich die Begräbniskosten zu sparen.

Plakatmotiv (US): Der elektrische ReiterVor einem wichtigen Werbeauftritt in Las Vegas bemerkt er, dass dem wertvollen Hengst Rising Star Beruhigungsmittel verabreicht werden. Sonny schnappt sich das Pferd und galoppiert davon. Die Fernsehreporterin „Hallie“ Martin verfolgt seine Spur, um über die Geschichte zu berichten. Konzernchef Hunt Sears seinerseits, der gerade vor Abschluss eines Milliardendeals steht und es da überhaupt nicht gebrauchen kann, dass ihm jemand öffentlich Tierquälerei unterstellt, schickt seine Leute los, um den Millionen Dollar teuren Hengst zu finden – und Sonny möglichst zu diskreditieren.

Auf der Flucht vor den Verfolgern und der Polizei (auf dem Weg nach Utah, wo Sonny das Pferd freilassen möchte), entwickelt sich zwischen ihm und der Reporterin, die Sonny aufgespürt und ihm sich schließlich angeschlossen hat, eine Romanze …

Was zu sagen wäre

„Ein Mann suchte Amerika, doch er konnte es nirgends mehr finden“, hieß die pessimistische Prämisse zu Dennis Hoppers und Peter Fondas Easy Rider (1969). Zehn Jahre später – der Vietnamkrieg ist vorbei, der Watergate-Skandal nicht verarbeitet, aber gründlich analysiert – schickt Sydney Pollack den „Elektrischen Reiter“ als Angebot an die Amerika-Sucher. Auch dieser Reiter sucht seine Heimat und findet sie lange nur im Whisky. Dann findet er Amerika da, wohin die Sehnsucht vor 100 Jahren die Pioniere schickte: in der Weite und Schönheit des Kontinents. Anders als bei Fonda/Hopper obsiegen bei Pollack nicht mehr die ultrarechten Rednecks, aber der moderne Großstädter gewinnt auch bei ihm keinen Blumentopf. Die avantgardistische Frau macht am Ende Karriere in einem kühlen, engen TV-Studio, in dem sie vor der Live-Kamera gerade noch einen Dank an den Cowboy formulieren kann, während der konservative Verfechter der alten Werte nochmal die großartigen Weiten des amerikanischen Mittelwestens erobert. Der Film macht kein Geheimnis, wem seine Sympathien gelten.

Mit einem unglaublichen Kameraflug verabschiedet sich Pollack („Bobby Deerfield“ – 1977; Die 3 Tage des Condor – 1975; „Yakuza“ – 1974; Jeremiah Johnson – 1972; „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß“ – 1969) von diesem lonesome Cowboy, der hitchhikend die Landstraßen entlang wandert, während die Kamera sich entfernt, abhebt und in einem grandiosen Panorama des mittleren Westens endet. Auch diese letzte Sequenz ist ein Zitat der Schlusssequenz aus „Easy Rider“.

Dieses neue Amerika pendelt zwischen Konsumrausch und Naturverbundenheit, zwischen High Tech und Lagerfeuer, personifiziert in Jane Fonda („Das China-Syndrom“ – 1979; „Coming Home“ – 1978; „Klute“ – 1971; „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß“ – 1969; Barbarella – 1968; „Cat Ballou – 1965“) und Robert Redford, die ihre stimmige Chemie schon vor 12 Jahren in „Barfuß im Park“ ausspielen konnten. Die beiden bilden ein interessantes, modernes Paar, das einander findet, dann aber feststellt, dass ihre beider Leben, sozusagen die beiden Amerika-Entwürfe nicht zueinander passen.

Natürlich ist das Konsumrausch-Amerika das böse Amerika, da wimmelt es von tierquälenden, dunkelhaarigen, dunkeläugigen, dunkelanzugigen Männern, die nur an Geld denken und natürlich kann so eine Geschichte nur im potemkischen Neon-Dorf Las Vegas spielen. John Saxon (10.000 PS – Vollgasrausch im Grenzbereich – 1979; „Die Gewalt bin ich“ – 1977; „Cop Hunter“ – 1976) spielt mal wieder den aalglatten Kühlschrank. Pollack beweist auch in diesem Film seine große Klasse als filmischer Erzähler. In schnell geschnittene Sequenzen während des Titelvorspanns zeichnet er er das Leben des erfolgreichen Rodeo-Weltmeisters nach, der nach zahlreichen Stürzen heute eine Existenz als der kleinste Namen unten rechts auf den Plakaten irgendwelcher Showveranstaltungen fristet. Später, wenn Sonny das Pferd gestohlen und der Multikonzern die Diffamierungskampagne angeworfen hat, die das Land gegen den Pferdedieb aufbringt – für Pferdediebstahl wurde man vor 100 Jahren noch gehenkt – reichen Pollack ein paar Höreranrufe beim Radio auf der Tonspur seines Films („Der Mann hat das Pferd gerettet!“ „Kein Konzern hat das Recht, ein Tier mit Medikanenten vollzupumpen!“), um zu bebildern, dass sich die Stimmung im Land zugunsten des Cowboys gedreht hat.

Dieser Kniff mit den Anrufen ermöglichst es Pollack, bei seinem flüchtenden Paar zu bleiben, ohne komplizierte Storywendungen mit begeisterten Bürgern zu erfinden (in einem Diner zum Beispiel), die der Glaubwürdigkeit der Geschichte schaden, die Polizei auf ihre Fährte brächte und unnötig Zeit kosten würde. In Persona taucht der Stimmungsumschwung lediglich in Wilford Brimley auf („Das China-Syndrom“ – 1979), der einen Kurzauftritt als Farmer im Niemandsland mit großem Truck hat. Seine sympathische Brummeligkeit überspielt die Deus-ex-Machina-Funktion, die seine Rolle eigentlich ist

„The Electric Horseman“ ist bestes Americana, glänzend gespieltes, gut aufgelegtes Kino, das die großartigen Panoramen amerikanischer Landschaften feiert, ein Neo-Western, der – untermalt von romantischen Country-and-Western-Balladen – noch einmal vom Leben in unberührter Natur und einem Amerika ohne Kommerz träumt.

Wertung: 8 von 9 D-Mark
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