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Plakatmotiv: Widows – Tödliche Witwen (2018)

Frauen klauen
Dialog orientierter

Titel Widows – Tödliche Witwen
(Widows)
Drehbuch Gillian Flynn + Steve McQueen
nach dem Roman „Widows“ von Lynda La Plante
Regie Steve McQueen, UK, USA 2018
Darsteller
Viola Davis, Elizabeth Debicki, Cynthia Erivo, Michelle Rodriguez, Liam Neeson, Jon Bernthal, Molly Kunz, Robert Duvall, Colin Farrell, James Vincent Meredith, Daniel Kaluuya, Brian Tyree Henry, Kevin J. O’Connor, Michael Harney, Daniel Kaluuya, Brian Tyree Henry, Jacki Weaver u.a.
Genre Crime, Drama
Filmlänge 129 Minuten
Deutschlandstart
6. Dezember 2018
Inhalt

Veronica lebt ein Luxusleben, das sie und ihr Mann Harry sich nur leisten können, weil Harry mit kriminellen Machenschaften ordentlich Kohle macht. Als er aber bei einem seiner Raubzüge ums Leben kommt, steht Veronica vor einem Abgrund, denn ihr Mann hat ihr einen gigantischen Schuldenberg hinterlassen.

Zwei Millionen Dollar hat er dem brutalen Gangster Jamal Manning geschuldet und dieser verlangt nun von Veronica, dass sie das Geld für ihn auftreibt. Also beschließt sie kurzerhand, einen großen Coup, an dem Harry vor seinem Tod lange herumgetüftelt hatte, einfach selbst durchzuführen und sich mit der Beute endlich Jamal und den berüchtigten Geldeintreiber Jatemme vom Hals zu schaffen.

Helfen sollen ihr dabei die Frauen von Harrys Kollegen, die ebenfalls bei dem Unglück ums Leben kamen. Die Witwen Linda und Alice lassen sich auf den gefährlichen Plan ein und engagieren mit Friseurin Belle eine zuverlässige Fluchtwagenfahrerin.

Nun kann das Quartett loslegen …

Was zu sagen wäre

Frauen rauben anders als Männer. Es ist weniger Testosteron im Spiel, mehr Underdog-Cooperative. Der Reiz dieses Films besteht darin, dass die Seiten vertauscht sind - Mann, Frau, Frau, Mann. Der Trailer versprach ein klassisches Heist-Movie mit zupackenden Frauen. Das wäre wenig spektakulär, hatten wir gerade erst mit Oceans 8, jetzt halt angereichert, weil es Witwen sind, die da zur Tat schreiten. Der Trailer versprach auch, ganz am Ende „Regie: Steve McQueen“. Das lässt dann aufmerken, weil dieser Film sich nicht über seinen Inhalt, seine Story verkauft, sondern über den Regisseur, der eine bemerkenswerte Film-Vita hat: 12 Years a Slave (2013), „Shame“ (2011), „Hunger“ (2008). Da schaut man auch dann schon mal genauer hin, wenn der Trailer nichts Besonderes verspricht.

Auf den ersten Blick dann ist der Film erwähnenswert, weil Frauen die Männerrollen spielen, weil schwarze Frauen die weißen Männerrollen spielen. Das klingt sexistisch, aber denselben Film mit weißen Witwern hätte keiner gedreht, weil vier Gängsterinnen ahnungslose Gatten hinterlassen unglaubbwürdig wäre. Es sind halt die ahnungslosen afroamerikanischen, Latino-Witwen, die versuchen, dass Ding durchzuziehen. Aber dann verschiebt sich zunehmend spürbar wirklich die Perspektive.

Die Witwen tun sich zusammen, weil sie irgendwie über die Runden kommen müssen mit – nunja, Männer in vergleichbaren Situationen hatten nie zwei Kleinkinder oder einen niedlichen Hund, die versorgt sein wollen, an der Backe, während sie auf Raubzug gehen; oder Liebhaberinnen, die ein paar Hunderter auf den Glastisch des Penthouses werfen und sagen „Das ist unser Arrangement! Keine Ehe. Ich bezahle alles und dafür hast Du ein schönes Leben.

Plakatmotiv: Widows – Tödliche Witwen (2018)Und wenn dann die Pistolero-Witwen vor einer wichtigen Entscheidung stehen, ist es eben nicht eine John-Wayne-Type, die sagt, was zu tun ist, sondern eine blonde weiße Frau, die die afroamerikanische Chefin unterbricht, „Wir brauchen aber einen Fahrer“ anmahnt, und damit die unbestrittene Chefin mit dem Planer-Gehirn einfach mal zum Schweigen und zur Einsicht bringt. Hahnenkämpfe waren gestern. Frauen lösen Konflikte anders, gewaltlos. Aus dieser vermeintlichen Schwäche ziehen die Witwen ihre Stärke. Ihre Chefin, die nicht unbedingt als solche angesehen wird, spielt gewohnt kantig Viola Davis ungewohnt emotional („Fences“ – 2016; Suicide Squad – 2016; Blackhat – 2015; Das Verschwinden der Eleanor Rigby – 2014; Ender's Game – 2013; Extrem laut & unglaublich nah – 2011; The Help – 2011; „Trust – Blindes Vertrauen“ – 2010; Knight and Day – 2010; „Gesetz der Rache“ – 2009; State of Play – Stand der Dinge – 2009; Das Lächeln der Sterne – 2008; „Disturbia – Auch Killer haben Nachbarn“ – 2007; „World Trade Center“ – 2006).

Denn der Weiße Mann hat längst verstanden, dass er nicht in der Lage ist, irgendetwas zu verändern in seiner korrupten Welt. „Das einzig Wichtige ist, dass wir überleben, sonst nichts!“ sagt der alte weiße Patriarch zu seinem Bürgermeisterkandidaten-Sohn, den Colin Farrell großes Schmierlappencharisma leiht (Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind – 2016; Saving Mr. Banks – 2013; „7 Psychos“ – 2012; Total Recall – 2012; Kill the Boss – 2011; London Boulevard – 2010; Das Kabinett des Doktor Parnassus – 2009; Cassandras Traum – 2007; Miami Vice – 2006; Daredevil – 2003; Nicht auflegen! – 2002; Minority Report – 2002).

Den alten Patriarchen spielt der in Ehren gealterte Robert Duvall (Jack Reacher – 2012; „Open Range – Weites Land“ – 2003; The 6th Day – 2000; Nur noch 60 Sekunden – 2000; Zivilprozess – 1998; Deep Impact – 1998; Gingerbread Man – 1998; Phenomenon – 1996; „Schlagzeilen“ – 1994; Falling Down – Ein ganz normaler Tag – 1993; Tage des Donners – 1990; Der Unbeugsame – 1984; Apocalypse Now – 1979; Der Adler ist gelandet – 1976; Network – 1976; Der Pate II – 1974; Sinola – 1972; Der Pate – 1972; THX 1138 – 1971; M.A.S.H. – 1970; Bullitt – 1968). Mit großem Spaß an der Kolportage spielt Duvall diesen machtlos gewordenen Alten mit väterlichem Zorn und einer Sammlung von Kraftausdrücken – nicht die Rolle, für die ich ihn in Erinnerung halten möchte, aber er macht Spaß.

Diese Elemente erweitern den Blick im Kinosessel und machen aus einem klassischen Heist-Movie ein verfolgenswertes Drama, das dann in der zweiten Hälfte plötzlich auch noch manche Überraschung parat hält, die das Drama ordentlich steigern. Umrahmt wird die Female Avenger Tour von ein wenig Politverschwörungegedengel der 08/15-Art in der Kommunalpolitik Chicagos – wo es aber nie um politische Inhalte geht, sondern immer nur darum, wer wen schmieren muss, damit er dies oder jenes bekommt – oder, wer aus dem Weg geräumt gehört.

McQueen fasst das Dilemma seiner Frauen in Leben. Da trifft die Frisörin Belle auf die Ladenbesitzerin und fragt sie direkt, wer ihren Frisörladen finanziere. Und es stellt sich heraus, dass Jack Mulligan, der korrupte Bürgemeisterkandidat den nötigen Kredit gegeben hat. Die Ladenbesitzerin – Frau/Afroamerikanerin – antwortet ungerührt: „Er hat mich unterstützt. Ich konnte als Vertreterin einer Minderheit ein Geschäft aufmachen. Aber die Mächtigen kassieren ordentlich mit. Was sollte ich Deiner Meinung nach tun? Ich brauchte Geld fürs Geschäft und hab Schulden bei ihm gemacht. Keine Bank wollte mir Geld borgen. Er schon! Ich wollte einen eigenen Laden, und so konnte ich mir einreden, ich hätte einen.“ Solche kleinen Situationen geben dem zweidimensional gezeichneten Umfeld Dreidimensionalität, Tiefe.

Es ist bemerkenswert, das uns Elemente wie Frauen und Schwarze noch triggern, um im Kino etwas zu goutieren, das wir schon gefühlt hundertmal goutiert haben. Ich weiß auch nicht, ob ich da moralisch richtig liege. Aber der Film macht mich deshalb neugierig. Und der Film entwickelt daraus, dass er die Erwartungen erst kanalisiert und dann gegen uns ausspielt, großes Potenzial. Aber: Den entscheidenden Plan entworfen hat ein Mann. Ein weißer Mann. Ein weißer alter Mann – Liam Neeson in mehr sowas wie einer Gastrolle („The Commuter“ – 2018; The Secret Man – 2017; A Million Ways to Die in the West – 2014; Non-Stop – 2014; Battleship – 2012; Zorn der Titanen – 2012; „The Grey – Unter Wölfen“ – 2011; Unknown Identity – 2011; 72 Stunden – The Next Three Days – 2010; Das A-Team – Der Film – 2010; Kampf der Titanen – 2010; Batman Begins – 2005; Tatsächlich… Liebe – 2003; Gangs of New York – 2002; K-19 – Showdown in der Tiefe – 2002; Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung – 1999; Les Misérables – 1998; Nell – 1994; Schindlers Liste – 1993; Ehemänner und Ehefrauen – 1992; Darkman – 1990; Das Todesspiel – 1988; Mission – 1986; Krull – 1993). Heißt in diesem Film: Frauen sind erfolgreich vor allem dann, wenn sie sich in den Schablonen bewegen, die die Männer schon vorgegeben haben.

Ein Crime-Drama mit Tiefgang und Schmerz und einem sehr melancholischen Ende: „Wie ist es Dir ergangen?“

Wertung: 6 von 8 €uro
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