Kinoplakat: Rogue One – A Star Wars Story
Rostiges Gefühls-Konzert im
Angesicht der Apokalypse
Titel Rogue One – A Star Wars Story
(Rogue One: A Star Wars Story)
Drehbuch Chris Weitz + Tony Gilroy + John Knoll + Gary Whitta
mit Charakteren von George Lucas
Regie Gareth Edwards, USA 2016
Darsteller
Felicity Jones, Mads Mikkelsen, Alan Tudyk, Ben Mendelsohn, Diego Luna, Forest Whitaker, Riz Ahmed, James Earl Jones, Jimmy Smits, Warwick Davis, Donnie Yen, Genevieve O'Reilly, Valene Kane, Fares Fares, Ned Dennehy, Jonathan Aris, Wen Jiang, Alistair Petrie, Arthur L. Bernstein, Jorge Leon Martinez, Russell Balogh, Shina Shihoko Nagai, Paul Kasey, Tony Toste, Daniel Eghan, Steen Young, Emeson Nwolie, Sam Wilkinson u.a.
Genre Fantasy
Filmlänge 133 Minuten
Deutschlandstart
15. Dezember 2016
Website starwars.com/rogue-one/
Inhalt

Vor langer Zeit. In einer Galaxis weit weit entfernt. Der Imperator hat seine Macht ausgebaut, das Universum liegt ihm beinah zu Füßen. Für die anderen, diese Abtrünnigen hat er den Todesstern, jene ultimative Waffe, mittels derer er gedenkt, sobald die technischen Überprüfungen zufriedenstellend abgelaufen sind, ganze Planeten mit einem Knopfdruck zu vernichten.

Diese ultimative Waffe ersonnen hat Galen Erso, dem das alles irgendwann zuviel wurde und der sich folglich aus der Gleichung nahm, mit Frau und kleinem Kind in die weite Ödnis eines abgelegenen Planeten floh. Aber das Imperium lässt seine Baumeister nicht einfach ziehen. Und folglich landet ein imperialer Offizier namens Orson Krennic mit seinem Wachtrupp und versucht, den ehemaligen Waffenbauer wieder für das Imperium zu gewinnen. Das geht nur zum Teil gut aus, und …

… 13 Jahre später schmuggelt Bodhi Rook, ein übergelaufener imperialer Pilot, eine Nachricht von Galen Erso, in der er von einer Superwaffe des Imperiums berichtet. Die Nachricht erreicht über manche Umwege Jyn Erso, Galens Tochter, die sich als Kriminelle durchgeschlagen hat und nun gemeinsam mit Rebellen-Offizier Cassian Andor und dessen umprogrammiertem, imperialen Droiden K-2SO auf der Suche nach einer Nachricht sind, die Galen seiner Tochter angeblich zukommen lassen will. Mit der Hilfe des blinden Kriegers Chirrut Îmwe und dem Attentäter Baze Malbus finden sie diese Nachicht schließlich – es ist ein Hologramm, in dem Galen seine Tochter um Verzeihung bittet und versucht, seine unfreiwillige Hilfe zum Projekt des Imperiums zu erklären.

Das Hologramm zeigt außerdem, dass Galen im Reaktor der als Todesstern bezeichneten Waffe eine Schwachstelle eingebaut hat, die dazu führen kann, dass sämtliche Systeme auf einen Schlag versagen. Er sagt zudem, dass die Pläne des Todessterns in einer streng bewachten, imperialen Basis auf dem Planeten Scarif versteckt sind.

Den Rebellen sind diese Nachrichten nicht geheuer. sie trauen Galens Worten nicht, der immerhin für das Imperium arbeitet und sie trauen Jyn nicht über den Weg. Und etwas anzugreifen wie den Todesstern erscheint ihnen – mit oder ohne Pläne – als aussichtsloses Unterfangen.

Aber Jyn sieht darin die überhaupt einzige Möglichkeit zu überleben und muss nun in wenigen Tagen lernen, einen Haufen demoralisierter Rebellen gegen den Todesstern in Bewegung zu setzen …

Was zu sagen wäre

Dass es mit den Jedi, der Macht und all dem Hochgeistigen nicht so weit her ist, wie die Mönchskutten und das Laserschwert bisweilen glauben machen, hatte der Orden schon während der Prequel-Trilogie verdeutlicht. Die Macht hält zwar das Universum zusammen, umgibt uns, durchdringt uns, aber wenn einer der stärksten Jedi in Ausbildung verbotswidrig heiratet – noch dazu mit zu erwartendem Nachwuchs – dann merkt das niemand, nicht mal die Jedi in seiner engsten Umgebung.

Und so war das ja schon immer: Wenn die Jedi-unterstützte Rebellenallianz einen Todesstern (Ep. IV) zerstört, baut das Imperium flugs einen neuen (Ep. VI). Wenn die Jedi die Sith-Lords endgültig besiegen (Ep. VI), warten im Hintegrund schon die Nachwuchs-Siths (Ep. VII), die noch magischer und also noch böser sind und noch viel, viel größere Todessterne bauen.

Weit entfernte Galaxie mit vielen Wüstenplaneten

Man bekommt – jetzt, wo der achte Star-Wars-Film im Kino läuft – ein wenig den Eindruck, als drehe sich das Universum der Lucasfilm um einen kleinen Ausschnitt irgendwo hinten links in der Galaxie, in dem es unverhältnismäßig viele belebte Ödnisplaneten gibt (häufig: Wüste), auf denen jeweils ein elternloser Farmer ein Joch als Tagelöhner fristet, bis eines Tages ein komischer Roboter in seinen Besitz gelangt. So ist das halt in dieser weit entfernten Galaxis: Der epochale Kampf Gut gegen Böse dauert ewiglich und funktioniert, was die verwandtschaftlichen Verwicklungen betrifft, ähnlich wie eine Soap Opera aus den 1980er Jahren; und die Roboter dort sind die bestaunten Gimmicks, die in den Soaps damals sprechende Autos oder selbstfahrende Garagentore waren. Lustige Roboter und fantasievoll verödete Planeten sind so eine Art Markenkern von Star Wars. Das erwarte ich so wie das Laserschwert und Darth Vaders Röcheln. Das nun macht diesen – ersten – Ausreißer aus der bisher als lineare Serie verkauften Filmreihe interessant. Lucasfilm rubriziert diese Ausreißer-Filme künftig unter Anthologien.

Das heißt: Die Star-Wars-Erben erhalten die Chance, neue Wege durch ein eingefahrenes Franchise zu versuchen. Zum ersten Mal gibt es keinen Lauftext als Vorspann. Das klingt zunächst nach Kleinigkeit. Der Lauftext gilt aber bisher als optisches Erkennungszeichen der Star-Wars-Filme. Sozusagen mit dem Vorschlaghammer auf den Gong: „Rogue One“ ist NICHT Jedi-Ritter-Luke-Han-Leia-Star-Wars! Aber ein bisschen dann eben schon, behandelt wird schließlich eine Episode, die zwar bei dem, was noch folgen sollte, gerade zu einer Fußnote der Galaxie-Geschichte reicht, aber dennoch unerlässlich für den Erfolg der Rebellenallianz in Episode IV ist – genaugenommen sogar die Voraussetzung für deren gesamte Handlung; in Episode IV (dem Ur-Star-Wars-Film aus dem Jahr 1977) jagt Darth Vader jene Pläne, die Rogue One gerade eben erkämpft hat, welche schließlich zur Zerstörung des Todessterns in Episode IV führen werden.

Eindimensionale Krieger in Konsolendramaturgie

Wir wissen also im Grunde schon Bescheid, wenn sich der Vorhang zu „Rogue One“ öffnet – und weil der vorliegende Film eine in sich abgeschlossene Story erzählt, die nirgendwo fortgesetzt werden muss – a Star Wars Story – muss diese Episode auch keine Rücksicht nehmen auf Serienfiguren und deren Überleben. Es geht dramatisch zu in diesem Star Wars, der den War, den Krieg in seinem Titel mehr in den Fokus rückt. Der geht hier streng nach Spielekonsolen-Logik vor. Wichtige Hauptschalter befinden sich immer auf der anderen Seite einer umkämpften Fläche: Mehrfach müssen die Rebellen eine Schalttafel bedienen und jedes Mal muss einer von ihnen quer über unter Feuer stehendes offenes Terrain laufen, um dafür zunächst den Hauptschalter umzulegen. Die Pläne des Todessterns, die die Rebellen erbeuten wollen, befinden sich nicht auf dem Todesstern selbst – dann hätte man ja schon wieder eine Schlacht um den Todesstern, es wäre dann die vierte – sondern auf dem Planeten Scarif, schwer bewacht in einem Turm, der das „zentrale Archiv aller imperialen Konstruktionspläne“ darstellt. Um dorthin zu gelangen, müssen die Rebellen erst durch eine Schleuse in der Atmosphäre des Planeten, die das Imperium scharf bewacht. Bevor sie dann am Boden in das Archiv eindringen können, müssen sie von ihrem Landeplatz aus noch eine weite Ebene zu Fuß durchqueren, auf der es nochmal zu großen Schlachtengemälden kommt. Für Konsolenjockeys hat der Film eine Menge zu bieten, nur, dass sie halt nicht mitspielen können.

Entsprechend sind die Krieger. Alle etwas grob gezeichnet. Entweder Raubauz oder Türaufhalter ist der neue Kriegsmann. Charmante Han-Solo artige Figuren, die man über mehrere Filme sehen wollte, gibt es nicht. Die Figuren in „Rogue One“ sind nach diesem Film auserzählt, es sind in ihrer Mehrzahl dürre Funktionsträger, die Sätze aufsagen, die dem Zuschauer das nächste Hindernis erklären. Wie immer gipfelt der Krieg der Sterne dann in drei Showdowns: eine Schlacht im Weltraum mit – wieder – verblüffend großartigen Bildern, ein kleines Kommandounternehmen, das den Hauptfeind stellen muss und eine paramilitärische Einheit, die in offener Feldschlacht steht. Regisseur Garath Edwards (Monsters– 2010), der sich vor zwei Jahren mit einer bemerkenswerten Godzilla-Interpretation in Erinnerung rief, macht im Grunde alles richtig, weil er alles auf die Leinwand wirft, was die Fans kennen und lieben: Kampfläufer, Darth Vader und Raumschiffporno. 

Erinnerungen an eine Zeit, in der Müllpressen noch Thrill erzeugten

„Rogue One“ ist viel more of the same. Es ist – man könnte jetzt ins gefällige Wehklagen verfallen darüber, das Star Wars nun endgültig im Hort des merkantilen Allerlei angekommen sei. Aber es ist ja nicht so, dass Star Wars damals, 1977, etwas tatsächlich sakrales, etwas mit Tiefsinn aufgeblähtes Kunstwerk gewesen wäre. Damals war dieser heute vielerorts als Kultfilm gefeierte Film reine Unterhaltung. Was ihn innovativ aussehen ließ, war irritierendeweise sein Retrostyle – Ritter und Cowboys im All und die vorgebliche damsel in distress ist die wehrhafte Prinzessin mit modischen Schneckerllöckchen. George Lucas inszenierte, was er „selbst gerne als Kind im Kino gesehen“ hatte, also eben Ritter, Cowboys und Robin Hood – interessierte sich mehr für die Roboter und Maschinen in seinem Film als für seine Schauspieler. Warum also sollten wir das einem zeitgenössischen Star-Wars-Film vorwerfen? Das wir Star Wars so überhöhen, liegt an unserer Jugend, die stattfand, als dieser Film 1977 über uns kam. Mit 16 konnte mich ein Gummiwurm in einer imperialen Müllpresse nervös machen. Heute finden die Star-Wars-Helden ihr Schicksal in perfekt gerenderter Apokalypse und wir nehmen das leidenschaftslos eben so zur Kenntnis.

„Rogue One“ ist Überwältigungskino mit hohem Spaßfaktor, der sich auf sympathisch perfekte Weise in sein Zeitkontinuum zwischen Episode III und Episode IV einfügt. Die Geräte sind wieder ölig, sind verkratzt, schmuddelig, die Raumschiffe sehen wieder aus wie echte Revell-Bausätze, ganz so, als wolle man den Realismus dieses Krieges herausstellen, dessen Physis fassbar machen – etwas, dass dem Kinobild im CGI-Zeitalter nur noch selten gelingt. Es ist für den Star-Wars-Fan unterhaltsam, mal in die wirklich dunklen Kaschemmen der weit, weit entfernten Galaxie mitgenommen zu werden, dahin, wo keine Cantina-Band lustige Tralala-Musik spielt, dafür aber Humanoiden verrecken. Das macht „Rogue One“ auch nicht zu einem guten Film; aber zu bemerkenswerter Unterhaltungsware im Franchisekino-Betrieb, die manchmal an ein clever durchgerechnetes Fan-Movie erinnert, wie man es etwa bei Youtube findet. 

Bevor die Jedi kommen, muss jemand die Schmutzarbeit gemacht haben

Analog zu der ins Schaufenster gestellten Blindheit des Jedi-Ordens in den Episoden I-III wirft „Rogue One“ ein Schlaglicht auf die Rebellion abseits des Laserschwert-Glanzes – auf den dieser Film dankenswerterweise ganz verzichtet.
Da haben die Rebellen plötzlich so gar nichts John-Williams-haft Bombastisches mehr. Kaum sind die Jedi-Ritter anderswo, erweist sich der Rat der Rebellen als so entscheidungsfreudig wie die Europäische Union. Ohne die Jedi-Ritter schimmern die Rebellen nur mehr als jenes Häuflein hilflos Erschrockener, das sie eigentlich immer waren. Sie hatten wirklich überhaupt gar keine Chance. Und die haben sie schließlich genutzt. Erst in Abwesenheit der Ritter wird die Perversion der Verhältnisse deutlich, die das Unterfangen, gegen den imperialen Todesstern anzutreten, für die Schar der Rebellen bedeutet. Namenlos enden die meisten in der Dunkelheit des Alls. Die Jedi kommen erst, wenn die Schmutzarbeit gemacht ist. 

Jede Rebellion beginnt mit einem Traum. Im Film heißt das Rebellion entsteht aus Hoffnung (auf diesem Begriff Hoffnung reiten sie ein bisschen arg herum, um den Anschluss zur Episode-IV-Eine-neue-Hoffnung zementieren zu können). „Rogue One“ zeigt die verschrammten Typen, die den Jedi den schmutzigen Weg frei geräumt haben. Ganz ohne Macht. Das zu verstehen, überfordert jeden Neueinsteiger im Star-Wars-Universum. Aus dessen Perspektive ist „Rogue One“ ein Film knapp über dem Niveau von, naja, zum Beispiel Warcraft (2016): viel künstliche Bilder, übernatürlicher Hokuspokus und schicke Schlachten aus dem hochgetunten Bildcomputer. Aber für diesen Neueinsteiger ist dieser Film gar nicht gemacht, außerdem: Wer ist schon Neueinsteiger? Disney kann wahrscheinlich Neueinsteiger-ins-Star-Wars-Universum als zu vernachlässigende Minderheit einstufen, die man später am Gaming-Markt, auf Blu-ray oder beim Serien-Spin-off abfischt.

Ein Fan-Movie für die Nerds unter den Fans

„Rogue One“ ist für die Kenner. Die sich daran erfreuen können, dass in einem Film für wenige Sekunden ein Rebellenpilot-Gesicht auftaucht, das auch in der auf diesen Film folgenden (vor 40 Jahren gedrehten) Schlacht um den Todesstern wieder – kurz – zu sehen sein wird; die erkennen, dass die Aliens, die Jyn in den Straßen von Jedha-City fast in einen Streit verwickeln, dieselben sind, die Luke 1977 in der Cantina auf Mos Eisley angreifen („Tot bist Du gleich.“), woraufhin Ben Kenobi dem einen Alien den Arm abschlägt; die in Web-Foren eindringlich diskutieren, dass Grand Moff Tarkin sowie Prinzessin Leia full frontal auftreten – und Tarkin, dessen Darsteller Peter Cushing 1994 verstorben ist, sogar post mortem, während die wieder 40 Jahre jüngere Leia digital … entzerrt worden ist. Rettet die Rebellion. Rettet den Traum. Rettet 1977.

Der Film erzählt vor allem was über seine Macher, die in Interviews schwärmen, sie dürften etwas fortsetzen, mit dem sie als kleine Kinder aufwuchsen. So zitieren nun die jüngeren Star-Wars-Filme zunehmend alte Star-Wars-Szenen, und die Wesen darin, Menschen, Humanoide, Aliens, werden von Film zu Film mehr zum Klischee der Weltraum-Ritter und -Cowboys. In Hollywoods gegendertem Proporzkino imitiert die Kunst nicht mehr das Leben. Da imitiert die Kunst die Kunst. Aber was heißt das schon? Mir hat der Film großen Spaß gemacht, weil er so kunstvoll mit den Star-Wars-Elementen umgeht.

Wertung: 4 von 8 €uro