IMDB
Plakatmotiv: Lolita (1962)

Als Buch ein Skandal.
Als Film eher nicht.

Titel Lolita
(Lolita)
Drehbuch Vladimir Nabokov
nach seinem gleichnamigen Roman
Regie Stanley Kubrick, UK, USA 1962
Darsteller James Mason, Shelley Winters, Sue Lyon, Gary Cockrell, Jerry Stovin, Diana Decker, Lois Maxwell, Cec Linder, Bill Greene, Shirley Douglas, Marianne Stone, Marion Mathie, James Dyrenforth, Maxine Holden, John Harrison u.a.
Genre Drama
Filmlänge 153 Minuten
Deutschlandstart
21. Juni 1962
Inhalt

Der distinguierte Literaturwissenschaftler Humbert Humbert sucht den offenbar stark alkoholisierten Lebemann Quilty in dessen Landhaus auf und erschießt ihn.

Vier Jahre zuvor: Der gebürtige Franzose Humbert will den Sommer in Ramsdale, New Hampshire, verbringen, bevor er seine neue Stelle in Beardsley, Ohio, antritt. Die Suche nach einem geeigneten Zimmer führt ihn in das Haus der Witwe Charlotte Haze. Bei der Besichtigung der Räumlichkeiten ist er zunächst skeptisch; als er dann aber im Garten die 12-jährige Tochter Lolita beim Sonnenbaden erblickt, ist er von der nymphenhaften Erscheinung schlagartig verzaubert, dass er sich für das Angebot entscheidet. Charlotte ist auffällig um Humbert bemüht und will ihn verführen. Der Schriftsteller aber hat nur Augen für Lolita, ist von dem jungen Geschöpf vollkommen fasziniert. Als ihm die Witwe einen Heiratsantrag macht, während Lolita in den Ferien weilt, willigt er nur deshalb ein, um Lolita nahe sein zu können.

Plakatmotiv: Lolita (1962)Doch schon bald nach der Hochzeit spielt Humbert mit dem Gedanken, seine Frau zu erschießen. Als die neugierige Charlotte sein Studierzimmer durchsucht, findet sie sein Tagebuch, in dem er seine wahren Gefühle niedergeschrieben hat. Wütend rennt sie aus dem Haus auf die Straße, wo sie von einem Auto überfahren wird. Sie ist auf der Stelle tot.

Der aif diese Weise überraschend erlöste Humbert holt Lolita vorzeitig aus ihrem Ferienlager ab. Den Tod der Mutter verschweigt er zunächst. In einem Hotelzimmer kommen sich Humbert und Lolita näher. In der Hotelbar trifft er auf einen Mann, der sich ihm gegenüber als Polizist ausgibt und ihm eigenartige Fragen stellt – in Wirklichkeit ist er Autor und Filmproduzent, der einst im Hause der Witwe Charlotte Haze eine Lesung gehalten hatte. Humbert und Lolita ziehen nach Beardsley, wo er seine Professur ausübt und als Lolitas Stiefvater auftritt.

Bald kommt es bei dem ungleichen Paar zu Konflikten. Humbert ist eifersüchtig und befürchtet, dass durch eine Unachtsamkeit Lolitas ihr Verhältnis bekannt werden könnte. Er überwacht jeden ihrer Schritte und verbietet ihr auch, sich mit Schulkameraden zu treffen. Er erhält Besuch von einem Schulpsychologen, der ihn überzeugt, dem jungen Mädchen mehr Freiraum zu lassen – dass sich hinter den dicken Brillengläsern des Psychologen offenbar derselbe Mann verbirgt, der sich damals im Hotel als Polizist ausgegeben hatte. Humbert lässt sich erneut täuschen.

Auf Humberts Bitte hin verlassen sie Beardsley und beginnen eine scheinbar planlose Tour durch die Staaten nach New Mexico. Humbert fällt auf, dass ihnen die ganze Zeit ein Wagen folgt; an einer Tankstelle unterhält sich Lolita mit dem Fahrer des Wagens. Dann wird sie krank und Humbert bringt sie in ein Krankenhaus. Doch als er sie wieder abholen will, ist sie bereits entlassen; es heißt, Lolita sei von ihrem Onkel abgeholt worden …

Was zu sagen wäre

Wenn der seriöse Professor dem jungen Mädchen zum ersten Mal in die Augen schaut, zerfällt sein Gesicht in die Vorahnung des Schmerzes, der ihn ereilen wird. Dieser Blick birgt das ganze Drama: der alte Mann und das junge Mädchen. Egal, wie man das dreht und wendet, das schon gelebte und das noch zu lebende Leben gehören nicht zusammen. Kubricks Kamera verweilt dann im Gegenschnitt noch eine Weile auf dem jungen, lieblichen Gesicht der Dolores Haze, die alle Lolita nennen und schneidet dann hart auf die GHroßauzfnahme einer Fratze aus einem Horrorfilm, den sich die drei – Mutter, Tochter und Humbert – im Autokino ansehen. Die Frauen erschrecken sich abwechselnd und krallen ihre Hand in Humberts Knie. Die Hand der Mutter schiebt er sanft weg, die der lieblichen Lolita nimmt er sanft in seine Hände. Mit diesem Händeballett macht Kubrick die Fallhöhe klar: Die Mutter hätte gerne Humbert. Humbert hätte gerne das Mädchen. Dialog braucht Kubrick dazu nicht.

Vordergründig, das sagt schon der Titel, und, dass Vladimir Nabokov, der Autor der Vorlage, auch das Drehbuch geschrieben hat, das Kubrick dann nochmal komplett umschrieb, geht es um die Besessenheit eines alternden Mannes von einem jungen Mädchen. Es ist aber auch eine Geschichte darüber, wie unterschiedlich sich Europäer und US-Amerikander verhalten. Humbert scheitert nicht zuerst an seiner Libido. Zunächst schafft er es nicht, sich der offensichtlichen Bedrängung durch die liebestolle Charlotte Haze zu entziehen, der mit höflicher – europäischer – Zurückhaltung nicht beizukommen ist. Charlotte Haze glaubt, ohne Mann nicht leben zu dürfen, hält sich für unsicher und schwach und glaubt, dieses Manko nur über jemand anders wettmachen zu können, den sie heiraten – und dann beherrschen – möchte. Shelley Winters schmeißt sich mit großer Verve in diese anzügliche, aufdringliche und darin unsympathische Figur.

Lolita ist im Grunde nicht anders: aufdringlich oberflächlich, zugewandt und jugendlich naiv. Sowas kann einen Mann von Anfang 50, der nur die Körpersprache der distinguierten Zurückhaltung kennt, schon irre machen; zumal, wenn am anderen Ende des Bettes eine Frau wie Charlotte droht.

Im weiteren Verlauf dieser bizarren Geschichte, die die irgendwann lästig gewordene Mutter Charlotte vor ein Auto laufen lässt, macht Humbert dann alles falsch, was man da falsch machen kann: Er erkennt nicht, dass das junge Mädchen zu einer jungen Frau heranreift, die beginnt, ihren Wünschen, ja Träumen zu folgen, mit jungen Männern ausgeht – potenziellen Vätern gemeinsam zu zeugender Kinder, der normale Kreislauf des Lebens, während Humbert sie am liebsten einfrieren würde auf dem Stand der 13-Jährigen, die er herumfährt wie einen stolzen Besitz. Sie wiederum kennt ihre Reize, auf die er anspricht, und weiß mit ihnen zu spielen, jedoch nur aus Berechnung – so erhöht sie die materiellen Zuwendungen, mit denen er ihre sexuelle Verfügbarkeit belohnt.

Plakatmotiv: Lolita (1962)Musste das Buch verfilmt werden? Ja! Die Filmproduktion eines literarischen Skandals verspricht einen Kassenerfolg. Sie wäre nicht zu verhindern gewesen. Kubrick verschiebt dabei ein wenig die Gewichte. In der Romanvorlage noch wird Humberts Besessenheit für junge Mädchen mit einem Trauma aus der Jugend: seine erste Liebe im Sommer 1923 zu der gleichaltrigen Annabel Lee endete unerfüllt durch den frühen Tod der Geliebten; seither ist er fixiert auf Mädchen in diesem Alter. In Kubricks Film taucht das nicht auf, hier rückt die Figur des Clare Quilty mehr in den Mittelpunkt, die Kubrick mit dem wunderbaren Peter Sellers besetzt, der Spaß an der Maskerade und verkleidung hat und diesen Spaß brillant einbringt.

Moralisch Neues freilich liefert die Verfilmung nicht. Im gegenteil: Die augenscheinlich bloße Geilheit des Professors auf das junge Mädchen kann man – vor allem Mann – wohl nachvollziehen, aber damit ist es dann auch getan, der durchschnittlich erwachsene Mann wendet sich wieder den Erwachsenen zu.Humbert verliebt sich nicht in Lolita, sondern in das Bild, das er von dem hat, was er „Liebe“ nennt. Lolita selbst ist die Personifizierung eines naiven Traums, dieser kindlichen Phantasie eines Mannes, der ausschließlich zu einer Beziehung fähig ist zwischen devoter Hingabe hier, herrschsüchtiger Kontrolle dort. In einer Szene gegen Schluss des Films sitzt er neben Lolita und weint wie ein kleines Kind. Ohne das Kindheitstrauma, das ihn das Mädchen im Buch nicht loslassen lässt, ist das blass, bleibt im Film eine Leerstelle: Merkt der Professor nicht, wie falsch das ist? Die Frage bleibt unbeantwortet. James Mason tut was er kann, um seiner Figur Statur und Glaubwürdigkeit zu geben, aber die Leerstelle kann der große Mime allein natürlich nicht füllen (Der unsichtbare Dritte – 1959; Julius Caesar – 1953).

Hinzu kommt das Fehlen jeglicher Erotik – im Kino des Jahres 1964 nicht weiter verwunderlich; da können die Orgasmen, die Humbert im Buch erst an und dann mit dem Mädchen hat, natürlich nicht gezeigt werden. Aber irgendein Ausdruck von Erotik mässte schon sein. Aber da ist nichts außer dem schönen jungen Mädchen, das Sue Lyon mit einer Mischung aus natürlichen Reflexen und einstudierter Mimik spielt, ohne Erotik auszustrahlen. Da stehen sich Kino und der doch längst schon zur Unkenntlichkeit aufgeweichte Production Code immer noch im Wege.

Der Film lässt aber keinen Zweifel über die Geschichte und ihre Bausteine. Schon der Vorspann zeigt Sue Lyons Beine. Die linke Hand eines Mannes lackiert Lolita die Nägel, schiebt Wattebäuschchen zwischen ihre Zehen. Der Mann trägt einen Ehering. Er wirkt unterwürfig. Die sexuelle Freizügigkeit zeigt Kubrick als Teil eines sozialen Geflechts aus Abhängigkeiten, aus instrumentellen Beziehungen.

Die Erzählung überzeugt also nicht. Oder: nur in ihren filmischen Mitteln. Visuell ist Kubrick ein Kunstwerk in Schwarzweiß gelungen. Ruhige Plansequenzen prägen die Inszenierung, die den Schauspielern Zeit lassen ihr Spiel zu vertiefen. Die Montage ist fast visionär in der Kunst des Weglassens: In einer Szene zum beispiel sitzt Humbert auf Lolitas Kinderzimmerbett und liest Charlottes Liebesbrief an ihn. Er bricht in Lachen aus, Abblende, Aufblende, Charlotte wacht auf und vermisst ihren Darling Humbert neben sich im Bett und Humbert sagt im Off „Die Hochzeit verlief ruhig. Meine Beförderung vom Mieter zu Liebhaber …“. Damit ist alles gesagt. Es muss nicht gezeigt werden.

„Lolita“ ist ein auch Film über die Kunst des Weglassens. Visuell gesehen.

Wertung: 4 von 7 D-Mark
IMDB