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Plakatmotiv: Spider-Man – A New Universe
Zeichentrick steht dem Spider-Man
auf der Leinwand deutlich besser
Titel Spider-Man: A New Universe
(Spider-Man: Into the Spider-Verse)
Drehbuch Phil Lord + Rodney Rothman
nach den Comics von Stan Lee + Steve Ditko + Joe Simon + Jack Kirby
Regie Bob Persichetti & Peter Ramsey & Rodney Rothman, USA 2018
Stimmen

Shameik Moore, Marco Eßer, Brian Tyree Henry, Bernd Egger, Lauren Vélez, Carolina Vera-Squella, Mahershala Ali, Matti Klemm, Chris Pine, Roman Wolko, Hailee Steinfeld, Leonie Dubuc, Jake Johnson, Jaron Löwenberg, Nicolas Cage, Martin Keßler, Kimiko Glenn, Rubina Nath, John Mulaney, Daniel Zillmann, Lily Tomlin, Cornelia Meinhardt, Zoë Kravitz, Alice Bauer, Liev Schreiber, Erik „Gronkh“ Range, Lake Bell, Gundi Eberhard, Kathryn Hahn, Christin Marquitan, Grüner Kobold, Jorma Taccone, Marvin „Krondon“ Jones III, Uwe Jellinek, Joaquín Cosío, Oscar Isaac, Björn Schalla, Stan Lee, Thomas Kästner u.a.

aufgeführt sind Srecher der us-amerikanischen und der deutschen Version

Genre Comic-Verfilmung
Filmlänge 117 Minuten
Deutschlandstart
13. Dezember 2018
Website intothespiderverse.movie
Inhalt

Miles Morales, Sohn einer lateinamerikanischen Krankenschwester und eines afroamerikanischen Cops musste in Brooklyn gerade die Schule wechseln. Ein Stipendium, der Vater besteht auf den Schulwechsel, Miles findet es furchtbar unter all den Schnöselkindern und sich nur schwer zurecht. Er sucht Trost bei seinem Onkel Aaron, der ihn nicht so streng ran nimmt wie sein Vater. Aaron zeigt ihm einen stillgelegten U-Bahnschacht, in dem Miles seine Graffitikünste üben kann. Dort wird er von einer rätselhaft leuchtenden Spinnen gebissen.

Als Miles klar wird, dass er seltsame Kräfte entwickelt, an Wänden – oder auch in den Haaren seiner Mitschülerin Gwen – kleben bleibt, macht er sich auf die Suche nach der rätselhaften Spinne im Untergrund. Dort wird er Zeuge, wie Peter Parker alias Spider-Man bei einem Experiment vom Kingpin und seinen Handlangern, wie dem Grünen Kobold und Prowler, stirbt. Er verspricht Peter kurz vor seinem Tod die Killer aufzuhalten.

Kingpin alias Wilson Fisk versucht mittels eines Teilchenbeschleunigers zur Dimensionskopplung seine Familie, die er seiner Meinung nach durch Spider-Man verloren hat, zurückzuerlangen. Dabei werden Spider-Men aus fünf Universen in das Universum von Miles gezogen – darunter Spider-Gwen, seine vermeindliche Mitschülerin.

Nach und nach erfährt Miles, dass es ein Multiversum mit mehreren Spider-Man-Versionen gibt.

Miles verbündet sich mit den Spider-Versionen der anderen Dimensionen, um den Kingpin und Doc Ock aufzuhalten und seine alternativen Versionen nach Hause zu schicken …

Was zu sagen wäre

In Zeiten, in denen Supeerhelden in vermeindlichen Realverfilmungen alter Marvel-Comics in 3D über die Leinwände der Welt, durch keine physische Grenze mehr gebremst, in Richtung Überdruss toben, ist es eine tatsächlich innovative Idee, zum Markenkern der Comics zurückzukehren und die Filmabenteuer zu zeichnen. Es toben wieder gezeichnete – oder: Computergrafizierte – Figuren über die Leinwand. Und das funktioniert.

Spider-Man ist die beliebteste Figur im Marvel-Universum, mit jeder Faser darauf angelegt, als Teenager die Hölle der Pubertät, der ersten Liebe, böser Mitschüler und großer Verantwortung zu durchleben und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Seit August 1962. Nachdem Stan Lee und Jack Kirby bereits Figuren erschaffen hatten, die jeweils Astronauten (Die Fantastischen Vier, Debüt im November 1961) bzw. Wissenschaftler (Hulk, Mai 1962) gewesen waren, wollte Lee einen „ganz normalen Teenager“ nehmen. Da die Fantastischen Vier bereits über Elementarkräfte und der Hulk über Superstärke verfügten, entschied er, der neuen Figur Tierkräfte zu geben. Er wählte die Spinne aus, etablierte, dass der neue Held in seiner Zivilidentität unbeliebt sei, und nannte ihn „Spider-Man“.

Die Pubertätsprobleme eines Heranwachsenden kann man natürlich nicht ad ultimo erzählen. Nicht nur wächst der Held über kurz (im Leben) oder lang (in Comicserien) aus solchen Problemen heraus, auch die einst anvisierte Zielgruppe wird älter, verliert das Interesse an Problemen der Adoleszenz. Peter Parker wurde also Student, geriet in die Wirren der Studentenunruhen in den USA in den späten 60ern, aber da war es mit den Wirren der ersten Liebe lange her, er wurde bürgerlich, heiratete, war ein brillanter Wissenschaftler, der immer an die falschen Arbeitgeber geriet – Norman Osborne, Otto Octavius – und also durchlief der rotblaue Held immer neue Metamorphosen. Peter Parker wurde geklont, er wurde heimlich ausgetauscht, auch Tante May wurde geklont, Zeitachsen wurden verschoben, 2007 machte Satan personlich mit Peter Parker einen Zwickmühlen-Deal, der alle Ereignisse seit 1987 ungeschehen machte und 2015 drückte Marvel den ultimativen Reset-Button: „All New, all different“. Sowas geht nur in Comics. Muss gehen. Es muss ja weitergehen.

In den Nuller Jahren erfand Marvel das Multiversum. In der Serie „Ultimative Spider-Man“ übernahm Miles Morales die Heldenrolle, ein Schüler ethisch korrekt eine Mixtur der beiden größten Migrantengruppen der USA und endlich wieder pubertär. So übersichtlich, wie die Welt der Comic-Helden und der Comic-Leser in den 60er und 70er jahren war, ist sie halt nicht mehr, aber die Comic-Konzerne müssen ja irgendwie weitermachen – das gilt für die DC-Leute genauso, die mit allerlei Metamorphosen ihres Headliners Superman immer wieder versuchen, am Zeitgeist zu bleiben.

Peter Parker wurde als schüchterner Schüler ein Jahr nach meiner Geburt ins Comic-Leben geworfen, ich lernte ihn Mitte der 70er kennen, als ich so alt war wie Parker (weil Spider-Man in Deutschland erst mit mehr als zehn Jahren Verzögerung verlegt wurde), etwa zu der Zeit also, als in den US-Comics der Green Goblin Gwen Stacy umbrachte. Ich kann mich also als Zeitgenosse Peter Parkers beschreiben, der mit dem Nach-, Nach-, Nachfolger keine Berührungspunkte mehr hat. Gwendolyn Stacy ist noch (oder: wieder) da, Mary Jane Watson natürlich. Aber die eine ist zur coolen „Spider-Gwen“ mutiert, die andere zur Witwe oder – je nach Universum – zur geschiedenen Frau eines Verlierers.

Spider-Mans neues Kinopublikum ist so alt, wie ich Mitte der 70er Jahre war. Es geht ebenso unbefangen fasziniert mit der Figur um, wie ich damals – einige sitzen im Kino und fingern auf ihren Smartphones herum, wahrscheinlich, um sich Updates des Marvel-Universums zu holen, Infos zu googeln oder irgendwem zu whatsappen, dass er gerade in einem coolen Film sitzt. Die sozial psychologische Bindung, die der blaurote Abenteurer in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch hatte, ist verloren – oder besser: ersetzt durch den heute üblichen, schnodderig ironischen Tonfall.

„Spider-Man: A New Universe“ ist rasantes Unterhaltungskino (also: wenn man Superheldenfilme nicht per se krank findet) in adaptierter Comicbook-Ästhetik inklusive gelegentlicher Sprechblasen und Rasterpunkten illustriert – manchmal blättert tatsächlich die Seite von einer Szene zur nächsten um –, knallbunt coloriert und, der formatierten Zielgruppe gerecht, flott und locker erzählt, mit mancher Pause in der Dramaturgie, die Teenager in Hollywoods Augen brauchen, um nachzukommen, die Teenager aber tatsächlich nutzen, ihren Social-Media-Status zu checken.

Möglicherweise hat der Kino-Spider-Man nun endlich seine Heimat gefunden.

Wertung: 6 von 8 €uro
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