Kinoplakat: Soul Kitchen
Ein Heimatfilm, ein Familienfilm
mit den dabei üblichen Schwächen
Titel Soul Kitchen
Drehbuch Fatih Akin + Adam Bousdoukos
Regie Fatih Akin, Deutschland 2009
Darsteller Adam Bousdoukos, Moritz Bleibtreu, Birol Ünel, Anna Bederke, Pheline Roggan, Lukas Gregorowicz, Dorka Gryllus, Wotan Wilke Möhring, Demir Gökgöl, Monica Bleibtreu, Marc Hosemann, Cem Akin, Catrin Striebeck, Hendrik von Bültzingslöwen, Jan Fedder u.a.
Genre Drama
Filmlänge 99 Minuten
Deutschlandstart
25. Dezember 2009
Website soul-kitchen-film.com
Inhalt

Das „soul kitchen" - Ein Restaurant an den schmuddligen Outskirts Hamburgs gelegen. Hier siehts aus, wie's da immer aussah. Tische wie Stühle kleben an Deinem Hintern. Was die Karte bietet - „Wiener Schnitzel”, „Spaghetti in Sahnesauce” und derlei mehr - kommt aus der Tiefkühltruhe des Supermarkts frisch in die Fritteuse. Und Zinos Kazantsakis, der Besitzer, mag das so.

Irgendwie träumt Zinos von einem boomenden Laden, schon um seine Freundin Nadine zu beeindrucken, die im feinen Schnösel-Vorort wohnt, bei der Wochenzeitung DIE ZEIT arbeitet und morgen nach Shanghai zieht - als Korrespondentin. Zinos hat nie Zeit für sie. Der Laden bindet ihn. Der Laden sorgt schon dafür, dass sich nichts ändert.

Zinos' Bruder Illias sitzit m Gefängnis, hat seit Neuestem aber Freigang - am Wochenende. Wenn er aber eine Arbeit nachweisen könnte, könnte er jeden Tag raus. Also stellt Zinos ihn ein - Familie ist schließlich ein Wert für sich. Soll aber keiner erfahren, dass Illias abends ins Gefängnis zurück geht.

Über Umwege heuert Shayn Weiss bei Zinos an. Shayn ist Koch. Ein Koch der feinen Küche. Der vergrault die alten Gäste, die auf ihr Wiener warten, zieht aber - zusammen mit der Band von Kellner Lutz, die das „soul kitchen” als Proberaum nutzt - neue Kunden. Und plötzlich brummt der Laden. Die vom Gesundheitsamt geforderte Edelstahl-Küche kann bezahlt werden, das Finanzamt befriedigt werden, Illias will als Geschäftsführer einsteigen, alles ist gut und Zinos kann nun endlich nach Shanghai zu Nadine.

Aber die hat schon einen Chinesen gefunden. Und als sie auf Besuch in Hamburg ist, um die geliebte Oma zu beerdigen, kommt das auch raus und am offenen Grab der Oma zur Tragödie. Alles also zurück auf Anfang, Zinos zurück ins „soul kitchen”? Wenn das so einfach wäre.

Illias hat das „soul kitchen” gerade verspielt. Der leidet nämlich an Spielsucht …

Was zu sagen wäre

Fatih Akin ist nicht der Typ für das simple Happy End à la Hollywood. Wo die Amerikaner aufhören und ihr Publikum tränenverschmiert nach Hause schicken, dreht Akin noch mal einen oben drauf. Insofern ist es nicht überraschend, dass kaum 45 Minuten rum sind, als das „soul kitchen“ schon brummt, als wär's ein angesagter Laden in der City, und sich alle in den Armen liegen.

Kinoplakat (US): Soul Kitchen„Alles wird gut“ ist aber keine Geschichte. Also ist mit Wotan Wilke Möhring ein Schulfreund eingeführt, der „in Immobilien“ macht und einen Bonzen-Audi fährt; der Rest ist dann das Kleine-Leute-Kleine-Gangster-Einmaleins.

Akin (Gegen die Wand – 2004; „Solino“ – 2002; Im Juli – 2000; Kurz und schmerzlos – 1998) schickt seine Figuren, die zufrieden am Rand der deutschen Mittelstandgesellschaft siedeln, erst in die Hölle - also ins schimmelige Motel (zu deutsch: „Pension”) - bevor sie auf ihr kleines Glück hoffen dürfen, das Szeneviertel-Akin gerne als das eigentliche, das große Glück beschreibt. Da wird dann aus der ehemals süßen Freundin, die ein schlechtes Gewissen hat, weil sie jetzt einen anderen hat, der finanzstarke Rettungsengel-in-letzter-Sekunde, aus zwei Gangsterfreunden des Bruders die hilfreichen Plattenspielerbeschaffer, nachdem das böse Finanzamt die angestammte Musikanlage einkassiert hat.

Da fügt sich dann alles so, wie es das liebe Drehbuch braucht. Fatih Akin lässt sich im Presseheft zum Film so zitieren: „Die Geschichte könnte überall spielen. Gerade deshalb bezeichne ich Soul Kitchen als Heimatfilm - Heimat als Ort der Familie und Freunde, wo Vertrauen, Liebe und Loyalität selbstverständlich sind.”

Das kann man so stehen lassen und mit diesem Wissen dann einen schönen Nachmittag im Kino haben. Andernfalls würden einem Fragen kommen:

  • Wieso hat Zinos eigentlich dieses Restaurant, wenn es ihn einerseits gar nicht erfüllt (siehe Tiefkühlfraß), ihn andererseits auch von der netten Freundin fern hält, die ihn offenbar liebt und gerne auch in Shanghai um sich hätte?
  • Wie kommt eigentlich ein ständig nach Frittenfett stinkender Kneipenlappen wie Zinos an so eine Elbchaussee-Prinzessin wie Nadine? Wo ist da die Verbindung? Schule oder Uni fallen offensichtlich aus. Und die gemeinsame Lieblingskaschemme wird es auch nicht sein. Am Ende bleibt diese „Nadine” nur eine Funktionsfigut im Drehbuch: Ihr Part ist erfunden worden, um das Ende glaubhaft gestalten zu können.
  • Dieselbe Funktions-Rolle hat auch die Dame vom Finanzamt, die stets wie Kai aus der Kiste auftaucht, um dem Film einen Dreh zu geben.
  • Wie konnte das „soul kitchen” eigentlich ohne Genehmigung vom Gesundheitsamt eröffnet werden?
  • Wieso ist Zinos bloß so furchtbar tumb? Als nach einer der Skype-Verbindungen zwischen Nadine und Zinos selbst dem letzten Popcornknabbernden Zuschauer klar ist, dass da wohl ein anderer in Nadines Shanghai-Leben getreten ist, wird Zinos immer noch nicht stutzig und will weiter unbedingt nach Shanghai.
  • Was will Zinos eigentlich in Shanghai? - Klar: Nadine. Und dann weiter? Na gut, tumb, wie er offenbar ist, stellt sich ihm diese Frage vielleicht gar nicht.
  • Wie kommt eigentlich jemand, selbst wenn er so tumb ist wie Zinos, auf die Idee, seinem offensichtlich unzuverlässigen Knast-Bruder seinen letzten Anker in Deutschland, eben das „soul kitchen”, komplett zu überlassen? Mit Unterschrift, Notar und allem Drum-und-Dran?
  • Was will eigentlich der von Wotan Wilke Möhring gespielte „Neumann” mit dem am Arsch Hamburgs gelgene Areal?
  • Wieso hat die unglaublich hilfsbereite, süße, anbetungswürdige Krankengymnastin Anna eigentlich immer Zeit für Zinos? Sie hat offenbar weder einen Lover (was sehr unwahrscheinlich ist), noch eine nennenswerte Zahl anderer Patienten in ihrer schicken, großen Altbaupraxis, und also ausführlich Zeit für den zahlungsunfähigen Zinos samt Bandscheibenvorfall?

Das sind natürlich Fragen, die nur einem sauertöpfischer Mittelständler einfallen, der im spießigen Mainz gestrandet ist. Womöglich ist die Lebenswirklichkeit in Hamburg so, dass man sich nie wirklich Sorgen um sich, sein Leben und den ganzen Rest machen muss. Hauptsache man hat Leute, auf die man bauen kann.

Aber davon abgesehen habe ich mich gut unterhalten. Die Schauspieler waren nämlich durch die Bank bezaubernd. Da fiel das hinkonstruierte Drehbuch nicht als störend auf. Außerdem sehne auch ich mich nach einer Situation, wie der, die Fatih Akin in seinem Schlussbild zeigt.

Wertung: 5 von 7 €uro