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Kinoplakat: Die Verführten
Prachtvolle Bilder in einem
menschlichen Versuchslabor
Titel Die Verführten
(The Beguiled)
Drehbuch Sofia Coppola
nach dem Roman „A Painted Devil“ von Thomas P. Cullinan
Regie Sofia Coppola, USA 2017
Darsteller Colin Farrell, Nicole Kidman, Kirsten Dunst, Elle Fanning, Oona Laurence, Angourie Rice, Addison Riecke, Emma Howard, Wayne Pére, Matt Story, Joel Albin u.a
Genre Drama
Filmlänge 93 Minuten
Deutschlandstart
29. Juni 2017
Website upig.de
Inhalt

Virginia, 1864 – Bürgerkrieg: Die elfjährige Amy, Schülerin eines Mädchenpensionats, entdeckt beim Pilzesammeln im Wald den schwer am Bein verwundeten Soldaten John McBurney aus den verfeindeten Nordstaaten. Die Schulleiterin Martha Farnsworth und die Lehrerin Edwina Morrow nehmen sich daraufhin seiner Pflege an und verstecken ihn in der Schule vor den gegnerischen Soldaten.

Während er sich von seiner Verwundung erholt, buhlen die Frauen und Mädchen um seine Aufmerksamkeit. Sie machen ihm Geschenke, tragen Schmuck und bereiten ihm ein üppiges Festessen. McBurney zeigt sich allen gegenüber äußerst freundlich, insbesondere gegenüber Miss Morrow und Miss Farnsworth. Als er wieder auf den Beinen ist, macht er sich als Gärtner nützlich. Er hat offenbar Angst davor, in den Krieg zurückzukehren. Als Miss Farnsworth andeutet, er sei gesund genug, um die Schule wieder zu verlassen, versucht er sie zu überzeugen, ihn als Gärtner zu behalten. Außerdem gesteht er Miss Morrow, er habe sich in sie verliebt.

Eines Abends sagt er Miss Morrow, sie solle ihn in ihrem Zimmer erwarten. Als er jedoch nicht erscheint und sie seltsame Geräusche aus dem Zimmer gegenüber hört, findet sie ihn dort im Bett einer der Schülerinnen …

Was zu sagen wäre

Sofia Coppola führt uns in ein Versuchslabor. Das freilich nicht aussieht wie eines. Ihr Set liegt in den Wäldern Virginias im vorletzten Jahrhundert. Der amerikanische Bürgerkrieg tobt. Von der Tonspur donnern ferne Kanonenschläge. Kaum Licht dringt durch die üppigen Bäume, und da wo es durchdringt, strahlt es in schönsten Farben. Irgendwo in diesem Wald das Mädchenpensionat mit den sieben Ladies – zwei Lehrerinnen, fünf Schülerinnen – die streng hochgeschlossen in hellem, geplätteten Tuch durchs Haus rauschen, Lesen, Schreiben, Kochen, Haushalt und Französisch lehren und lernen; und dabei wirken, wie aus einer Nachbardimension – nebenan tobt der Krieg, hier lernen die Mädchen, deren Herkunft offen bleibt, ordentliche Nähte zu stechen. Es ist ein closed set, ein Versuchslabor. Was passiert, wenn wir einen Fremdkörper in diese Routine stecken?

Coppola umgarnt uns mit satten Bildern (Kamera: Philippe Le Sourd – Ein gutes Jahr, 2006) von Sonnenstrahlen, die sich im Frühnebel durch dichtes Blattwerk brechen, Wäscheleinen mit pastellfarbenen Decken und nur von Kerzen erhellte Innenräume. Einer Dramaturgie folgt sie zunächst nicht, da ähnelt der Film ihrem früheren Film Somewhere (2010), der ähnlich ruhig begann. Mit dem Fremdkörper im Haus – dem feindlichen Nordstaatler, dem anderen Geschlecht – kommt Bewegung in die Gesellschaft. Sie feilschen um seine Blicke und seine Aufmerksamkeit – Schmuck glitzert an Ohrläppchen, Mädchen giggeln, eine Jungfrau verfällt der großen Liebe, während der Fremde Komplimente verteilt, Andeutungen macht, der jüngsten den Großen-Bruder-Ersatz gibt. Eine Konstellation wie bei Schneewittchen, nur ist Schneewittchen hier der Kerl, den die sieben Frauen nun erst einmal waschen und pflegen.

Kleine Sticheleien werden ausgetauscht, weil einer jeden an den anderen auffällt, dass das Kleid schulterfrei ist, sie eine Brosche trägt, die kleinste der Schülerinnen sich die Perlenohrringe der Lehrerin ausgeliehen hat und damit ins Krankenzimmer stolziert. Herrlich komische Szenen macht Coppola daraus. Eingerahmt von zwei Dinnerszenen, die die dramaturgischen Höhepunkte bilden. Wunderbar, wie die jungen Frauen versuchen, sich gegenseitig aus dem Verfolgerfeld zu kegeln: Er lobt den Apfelkuchen, Alicia dankt für das Lob ihrer Backkunst, Edwina erwähnt, dass Alicia ihr Rezept genutzt habe und Amy, dass sie die Äpfel gesammelt hat. Am selben Abend laufen die Dinge – erwartungsgemäß – aus dem Ruder und als die Gesellschaft wenige Tage später wieder zusammen am Tisch sitzt, hat sich die Ausgangslage komplett gewandelt. Jetzt liegt Thrill in der Luft, hitchcock'sche Spannung, bei der vergiftete Pilze im Mittelpunkt stehen.

Auf Musik verzichtet Coppola bis zum Abspann – wer braucht schon Musik im Versuchslabor? Die Regisseurin spielt ihre Stärken aus, beobachtet, lässt den Schauspielern Raum, den die – vor allem die Mädchen – dankbar für kleine Neckereien, Seitenblicke und verstohlene Augen-Blicke nutzen; souverän hält Coppola ihren smoothen Drive gegen alle Konventionen jenes Kinos durch, das ihre Altersgenossen so lautstark auf die Leinwände drücken. Erst der vornehme Stillstand, dann das erotische Chaos und schließlich der emotionale Ausbruch. Das fordert ihren Zuschauern Geduld ab, sie müssen das Kino schon als visuelle Kunst begreifen, in der es um kleine Gesten, große Farben, prächtige Settings geht – jedenfalls bis zum ersten Dinner. Dann geht – im diesem Film angemessenen Tempo – die Post ab.

Es bleibt ein Versuchslabor in einer abgeschotteten Welt, die mit der richtigen Welt nicht in Einklang ist. So gerne ich mich von Coppoas Regie an die Hand nehmen lasse und dieser Bilderkunst folge, vermisse ich die nötige Betriebstemperatur eines echten Dramas. Der Mann bleibt zu blass als bloßer Störfaktor, das Damenkränzchen zu weiß; wir befinden uns immerhin in den Südstaaten der USA, die Krieg führten gegen den Norden, weil der ihnen die Sklaverei verbieten wollte – aber Sklaven, Farbige gar sind weit und breit nicht zu sehen.

Mal rein akademisch gedacht – abseits der prachtvollen Bilder und den guten Akteurinnen – drängt sich der Eindruck auf, dass Sofia Coppola (The Bling Ring – 2013; Lost in Translation – 2003; The Virgin Suicides – 1999), ähnlich wie einst in „Marie Antoinette“ (2006) einer modernen Mädchenclicque über die Schultern schauen wollte – und sie dafür mal in historische Gewänder gekleidet hat. Vielleicht wollte sie aber auch der Beguiled-Version des Macho-Gespanns Don Siegel und Clint Eastwood aus dem Jahr 1970 eine weibliche Version gegenüberstellen. Unter Siegels Regie besteigt der Schwerverletzte, anders als bei Coppola, mehrere Frauen, teilweise sogar zwei gleichzeitig, wobei nicht immer klar ist, was Wahn und was Wirklichkeit ist – aber dabei spielt die Regie brutal alte Falten (Geraldine Page) und verknöcherte Jungfräulichkeit (Elizabeth Hartman) gegen heißblütige Fleischlichkeit (Jo Ann Harris) aus. Siegel erzählt konsequent aus Eastwood Sicht. Da zwingt der Mann durch sein Verhalten aktiv die Frauen zu handeln. Bei Coppola – aus Perspektive der Frauen – entscheiden die Frauen, dass was passieren muss; bei Siegel drängt der Mann die – von der Liebe zu ihm – enttäuschten Frauen. Ich finde aber, dass Siegels Frauen mit mehr Recht ihren Gast töten.

Die Geschichte erzählt sich offenbar besser über die Männer-Perspektive. Bei Coppola ist der Mann von vornherein das Böse. Bei Siegel ist dieses Böse Clint Eastwood, und wir brauchen eine Zeit, um zu verstehen, dass Eastwood nicht gleich Eastwood ist. Das erhöht die Perfidie, die Spannung exponenziell. Colin Farrell hat dieses Potenzial nicht.

Wertung: 5 von 8 €uro
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