Kinoplakat: Snowpiercer
Ein kluger Film.
Eine smarte Welt.
Titel Snowpiercer
(Snowpiercer)
Drehbuch Bong Joon-ho + Kelly Masterson
basierend auf dem französischen Comic „Le Transperceneige“ von Jacques Lob + Benjamin Legrand + Jean-Marc Rochette
Regie Bong Joon-ho, Südkorea, Tschechien, USA, Frankreich 2013
Darsteller

Chris Evans, Kang-ho Song, John Hurt, Tilda Swinton, Jamie Bell, Octavia Spencer, Ewen Bremner, Ed Harris, Ah-sung Ko, Alison Pill, Luke Pasqualino, Vlad Ivanov, Adnan Haskovic, Emma Levie, Steve Park u.a.

Genre Science Fiction
Filmlänge 126 Minuten
Deutschlandstart
3. April 2014
Inhalt

Nach einem missglückten Versuch, die globale Erwärmung zu stoppen, versinkt die Erde in der nahen Zukunft in einer neuen Eiszeit. Die wenigen Überlebenden sammeln sich in einem 650 Meter langen Zug, der durch die Eiswüste rast ohne je anzuhalten.

Innerhalb des Zuges herrscht strikt Klassentrennung: Die große Masse lebt in elenden Verhältnissen im hinteren Zugteil, während eine kleine reiche Minderheit in den vorderen Waggons ihren Luxus genießt. Doch unter den Passagieren des Prekariats macht sich Revolutionsstimmung breit.

Der junge Anführer Curtis und sein Kumpel Edgar planen einen Aufstand und wollen Wilford, den Erfinder und Herrscher des Zuges, stürzen. Mit der Hilfe des koreanischen Sicherheitsspezialisten Namsoong, den sie aus dem Gefängnis befreien, versuchen sie sich bis in den vorderen Teil des Zuges durchkämpfen …

Was zu sagen wäre

Der Zug ist die Welt. Die Welt ist die Gesellschaft. Die Gesellschaft sind wir. Bong Joon-Ho reduziert seinen komplexen Film auf einfache Haupsatz-Wahrheiten und schaut dann zu, was passiert. Die Underdogs sind hinten im Zug, die Reichen und Schönen vorne. Tilda Swinton (Moonrise Kingdom – 2012; Der seltsame Fall des Benjamin Button – 2008; „Burn After Reading“ – 2008; Michael Clayton – 2007), die wunderbar eine sadistische ich-befolge-doch-auch-nur-Anordnungen-Beamtin spielt, wird eine schöne Allegorie auf Schuhe in die Rolle diktiert: „Ihr seid die Schuhe. Wir der Kopf. Akzeptiert Euer Schuh-sein.“

Und ein bisschen langweilig klingt das in den ersten zwanzig Minuten auch, wenn die Kamera sich unablässig im Dreck und in der Verwahrlosung der Slum-Area des Zuges suhlt, in denen die Vegetierenden mit glibbrigen Protein-Futter bei Kräften gehalten werden und regelmäßig die bewaffneten Soldaten kommen und kleine Kinder mit nach vorne nehmen. Weil am Anfang auch schon ein ehemaliger Violinist zur Erbauung der Menschen vorne aus dem Slum geholt wurde, scheint klar, die da vorne wollen gerne ab und an auch kleine Kinder zur Erbauung haben. Bald schleicht sich in diese Exposition ein ungutes JA-ICH-HABE-ES-KAPIERT-Gefühl ein.

Es kommt ziemlich alles ganz anders in diesem Film aus südkoreanischer Hand, der auf eine angenehme Art unperfekt wirkt. Die CGi-Pixel mit dem Giga-Zug zwischen Eisbergen, gingen im großen Hollywod wohl maximal als Konzept-Entwurf durch und dann noch mal 100 Stunden in den Rechner zurück. Dieses Geld hat Bong Joon-Ho nicht und es sieht so als, als wenn er es hätte, er es nicht in CGI stecken würden. Diese Geschichte des Marsches durch die Institutionen, der Revolution von hinten ist unendlich ausbaufähig in den immer edler, teurer, abstruser, überladener werdenden Welten, die die Kämpfer durchqueren, nicht jedoch in der Story, die sich als boshafter und hintergründiger erweist, als zu Beginn vermutet.

Die Weinstein-Brothers, die in den Vertrieb des Films finanziert hatten und dem Regisseur massiv in den Final Cut reinregierten (s.u.), könnten auf die Idee kommen, diesen „Snowpiercer“ zu einer dieser zurzeit so angesagten TV-Serien zu machen – jede Folge ein neuer Wagon mit neuen Abenteuern und über allen Folgen liegt als Backstory die Revolution und das geheimnis der Maschine. „Lost“-Erfinder J.J. Abrams (Star Wars, Episode VII – 2015; Star Trek – 2009) würde locker sieben Staffeln füllen.

Und die Auflösung, die etwas poetisches hat, wenn das Mastermind der ganzen Expedition in die Geschichte kommt und über Sinn und Ziel der Menschen in der Eiswelt zu fabulieren beginnt. „Wenn du ihn hast, lass ihn nicht zu Wort kommen“, hatte John Hurts (Dame, König, As, Spion – 2011; Brighton Rock – 2010; Harry Potter und der Stein der Weisen – 2001) Charakter vorher noch gesagt und wir uns vorgestellt, was für magische Kräfte da wohl walten; statt dessen ist es nur ein weiterer Twist in der Backstory, nachdem schon Chris Evans (Captain America – 2011) in – für seine eher begrenzten mimischen Ausdrucksmöglichkeiten – bewegenden Worten seinen Charakter von den Füßen auf den Kopf gestellt hatte. „Snowpiercer“ überzeugt nicht über die erzählte Handlung, der Film überzeugt über die klug durchdachte und smart in Szene gesetzte Welt, die die Autoren und der Regisseur erdacht und in gute Dialoge und schmerzhaft schöne Bilder der Apocalypse übersetzt haben.

Wertung: 8 von 8 €uro